Manfred Hammes: Durch den Süden Frankreichs

Manfred Hammes im nterview mit Pierre Radvanyi, Sohn von Anna Seghers. Foto: Manfred Hammes
Manfred Hammes im Interview mit Pierre Radvanyi, Sohn von Anna Seghers. Foto: Manfred Hammes

Südfrankreich ist auch nur Dänemark.

H.C. Andersen

Die Hitze! Die Hunde! Die Menschen! Sie machte dem dänischen Märchendichter nicht nur in Nîmes zu schaffen. Auch in Perpignan sehnte sich der Däne in die Kühle und Ruhe seiner Heimat zurück wünsche. Tucholsky,Camus oder Juliette Greco: Wie die Künstler den Süden von Frankreich erlebt und interpretiert haben, erzählt der Dokumentarfilmer Manfred Hammes in 16 Postkarten. Sie ergeben ein Mammutwerk: 700 Seiten – ein kapitaler Reiseverführer zu Literatur, Kunst und Kulinarik.

„Natürlich kann man dieses Buch auch lesen, aber bitte nicht an einem Stück“, schreibt der Autor im Vorwort. Und empfiehlt: „Springen Sie von den Orten, die Sie kennen oder wo Sie gerade sind, zu denen, wo das noch nicht der Fall ist!“

Manfred Hamburg mit seinem Nachbarn Laurent bei der Lese von Chardonnay. Foto: Manfred Hammes.

Der Autor: Manfred Hammes

Ob er den Tag herbei gesehnt hatte? Vor zwei Jahren, im Februar 2017, verabschiedete die Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau (WRO) ihren Geschäftsführer in den Ruhestand. Elf Jahre lang hatte der damals 67-jährige Jurist und Journalist die Öffentlichkeitsarbeit und das Standortmarketing für den Ortenaukreis und weitere 50 Städte und Gemeinden koordiniert. Reiff-Verlag und Medien-Union waren ebenfalls Arbeitgeber nach Jurastudium in Köln und Volontariat bei einem juristischen Fachverlag gewesen.

Doch schaue ich mir die Vita genauer an, schlug das Herz von Anfang an schon für Frankreich ob. Ob es daran lag, dass er am 19. März 1950 in Trier geboren wurde, nur eine kurze Autofahrt vom Hexagon entfernt?

Sieben Jahre paukte er die Sprache in der Schule, erlebte auf der Abireise Arles und in die Camargue. Als Schriesheim bei Heidelberg eine Partnerstadt mit Uzès einging, zog es ihn endgültig in die Region. Und wuchs mit Mitte 40 der Wunsch, für seine Frau Petra und seine drei, heute erwachsenen, Kinder ein Domizil im Süden einzurichten.

Er fand es in der südfranzösische Gemeinde Saint-Césaire-de-Gauzignan ganz in der Nähe des Pont du Gard. 17 Menschen lebten dort, als die Hammes ankamen– viel zu wenig für einen Bäcker oder eine Épicerie. Das Haus ist bis heute Baustelle. „Seit 20 Jahren mache ich den Umbau einer Ruine. Unser marokkanischer Nachbar sagt: wenn das Haus fertig ist stirbt man. Deshalb lasse ich mir, sehr zum Leidwesen meiner Frau, Zeit mit dem Umbau“, sagt Manfred Hammes.

„Vor einigen Jahren habe ich angefangen, Wein zu machen. Mein höchstes Lob bisher: Für selbstgemacht ist er sogar trinkbar“, erzählt Hammes. Und es scheint, dass alles, was er anpackt, wofür er sich  Zeit nimmt, richtig gut wird.

Ab 1977 veröffentlichte Hammes zahlreiche Titel zu Themen der Kultur- und Literaturgeschichte, etwa über Hexenprozesse, Amazonen und Matriarchat sowie literarische Spaziergänge durch die Provence und das Languedoc. Obgleich nur auf Deutsch erschienen, weckten die Titel das Interesse einer französischen Filmproduktionfirma.

2012, noch mitten im Job als Geschäftsführer der WRO, hat er mit dem Drehbuchschreiben und Filmemachen fürs das französische Fernsehen begonnen. 45 Minuten über die Cevennen, die Camargue, Marseille, Les Milles und Sanary, ausgestrahlt als „Literarische und gastronomische Spurensuche“ (Les Mots à la Bouche). Heute stellt Hammes seine Film auf seinem eigenen Kanal auf Youtube ein – klickt mal hier!

Mittagspause beim Filmdreh in Marseille: das Team mit Ulrich Fuchs (Programmchef Kulturhauptstadt, hinten rechts). Foto: Manfred Hammes

Leseprobe: Durch den Süden Frankreichs

Ich freue mich, dass Mein Frankreich aus dem Buch exklusiv diese Leseprobe zur Tour de Constance in Aigues-Mortes veröffentlichen darf.  Ihr findet sie auf Seite 557/558. Merci, Manfred!

In Gertrud von Le Forts Roman heißt der Tour de Constance, im übertragenen Sinne sicher richtig, „Turm der Beständigkeit“. Nur den Namen hat er nicht von der Constancia als Tugend der Beständigkeit, sondern von Constance de France, der Frau des Grafen Raymund von Toulouse, der hier hundert Jahre vor Ludwig einen Wach- und Leuchtturm errichten ließ.

Marcel Pobé hält es für ein Zeugnis „der Macht des Bösen, daß Aigues-Mortes, das dem Heiligen Ludwig sein Dasein verdankt, nach dem Tode des Gründers mehr und mehr eine Stätte der Gewalttätigkeit und der Grausamkeit wurde. Aigues-Mortes lebt in der Geschichte fort als Gefängnis, wo rebellische Tempelritter und politische Gegner der königlichen Herrschaft in weltabgeschiedenem Verlies schmachten mußten.“

Wie Marie Durand achtunddreißig Jahre Kerkerhaft aushält

Wer dem protestantischen Glauben nicht abschwur, wurde als Mann auf die Galeeren und als Frau in den Kerker geschickt. Mit neunzehn Jahren wurde dort Marie Durand eingesperrt, aus dem einzigen Grund, dass ihr Bruder Pierre ein protestantischer Geistlicher war. Viele Jahre nach dem Ende der Kamisardenkriege hatte er sich in Lausanne zum Pastor ausbilden lassen. Im Laufe der Zeit war er zu einem der wichtigsten Prediger der Untergrundkirche geworden. Aber alle Versuche, über Repressalien gegen die Familie seinen Aufenthaltsort heraus zu bekommen, waren fehlgeschlagen.

Als er dann doch 1732 verhaftet wurde, ließ ihn König Ludwig XV. in Montpellier in einem kurzen Prozeß „wegen Häresie“ hinrichten. Pierre Durand hatte damit gerechnet: „Wenn mein Heiland mich ruft, sein heiliges Evangelium mit meinem Blut zu besiegeln, dann geschehe sein Wille“, hatte er in einem Brief geschrieben.

Achtunddreißig Jahre ihres Lebens hat seine Schwester Marie im Tour de Constance verbrachte und das berühmt gewordene „recister“ in den Stein geritzt. Das als Aufforderung für sich und ihre Mitgefangenen, dem Glauben treu zu bleiben, zu widerstehen. In den beiden Sälen des Turms lassen sich noch heute weitere Namen entziffern, die sich auch auf den Gefangenenlisten wiederfinden: André Channac und David Médart zum Beispiel. Von Charles de Beauvau, der damals erst kurze Zeit Gouverneur des Languedoc war, wurde Marie Durand begnadigt. Das war dem König zu menschlich und Beauvau wurde zur Verantwortung gezogen.

Wie Ysabelle Lacamp die Geschichte der Marie Durand ganz aktuell schreibt

Die Geschichte der Marie immer wieder literarisch aufbereitet. Ysabelle Lacamp hat für eine Buchreihe von Actes Sud, die sich an Jugendliche richtet, die Geschichte der Marie Durand unter einem ganz besonderen Aspekt neu aufgeschrieben: „Nein zur religiösen Intolerenz“. Ein Thema, von dem sie sagt, dass es von Frankreich ausgehend inzwischen in ganz Europa aktuell sei.

Die Cevenolin, deren Mutter aus Korea stammte und deren Vater Max Olivier-Lacamp Mitbegründer der „Agence France Presse“ war und lange als Reporter für den „Figaro“ arbeitete, ist vielen nicht nur als Bestseller-Autorin , etwa „Der Kuss des Drachen“, sondern vor allem auch als Schauspielerin bekannt – unter anderem aus der Serie der Fabio Montale Filme an der Seite von Alain Delon oder aus „Maigret und der Minister“.

In rund fünfzehn Filme hat sie mitgespielt und ebensoviele erfolgreiche Romane geschrieben. Daß sich für ihr Buch „L’homme sans fusil“ über einen deutschen Maler, der sich in den Cevennen der französischen Resistance anschließt, bisher kein deutscher Verlag interessiert hat, ist an sich ein Unding. Fast möchte man ironisch fragen: Warum auch? Schließlich hat ihr Vater für seinen Roman über die Kamisarden, für den er immerhin den renommierten Prix Renaudot erhielt, auch keinen deutschen Verlag gefunden.

In Paris und ihrem Elternhaus in Monoblet lebt sie sie heute. Die alte Seidenspinnerei, die Filature aus dem 17. Jahrhundert ist längst nicht mehr in Betrieb, aber noch heute hängt in der Küche ein Schlüsselbrett mit allen Schlüsseln zu den insgesamt fünfzig Räumen des Hauses, das man über die Türschwelle mit dem eingearbeiteten Mosaik „Salve“ betritt. Und der alte Küchenherd und die irdenen Schüsseln lassen jeden Augenblick erwarten, daß die junge Marie Durand mit ein paar Esskastanien aus dem Wald kommt, das Feuer schürt und die Kastanien röstet.

Das Buch: Durch den Süden Frankreichs

Für seine Bücher hat Hammes den Süden von Frankreich hin und her durchquert: 60.000 km kamen bei seinen Autotouren auf dem Tacho zusammen. Auf 6.000 Wanderungen entdeckte er zu Fuß durch Südfrankreich. Trotz der rund 1000 Restaurantbesuchen hat er bei seien Recherchen nur 5 Kilo zugenommen.

Seine Entdeckungen, Erlebnisse und Anekdoten veröffentlichte Hammes 2008 in Erzähl mir vom Süden…: Ein literarischer Reiseführer durch den französischen Midi (Provence, Côte d’Azur, Languedoc-Roussillon. Der Vorläufer ist nur halb so dick wie das Mammutwerk, das 2019 beim Schweizer Nimbus-Verlag erschienen ist. 

Für alle, die noch mehr entdecken wollen, hat Manfred Hammes einen Blog ins Leben gerufen, auf dem er weiter reist durch den Süden: Lust auf Provence.

Manfred Hammes: Erzähl mir vom Süden Eine literarische Reise durch Südfrankreich. Nimbus-Verlag, Wädenswill am Zürichsee. ISBN 9783038500551. Wer mag, kann das Buch hier* direkt bestellen.

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4 Kommentare

  1. Danke für Ihre tollen Tipps!! Geboren 1946 in Ravensburg in der französischen Besatzungszone, sind meine Bezüge zu Frankreich vielfältig und immer motivierend. Aliénor d‘Aquitaine ist meine Lieblingsfrau, Vornamensvetter Michel de Montaigne mein Lieblingsfranzose. Meine Brieffreundin seit 1962 stammt aus der Dauphiné und wohnt in Blankenese, meine Frau seit 1969 stammt aus der Champagne. VIVE LA FRANCE !!!

    • Lieber Herr Traub,
      das sind ja tolle Bezüge zur Frankreich! Blankenese ist ja ein Stadtteil meiner Heimat – melden Sie sich doch einmal, wenn Sie nach Hamburg kommen! Beste Grüße, Hilke Maunder

      • Merci chère Hambourgeoise! Das Wichtigste hab ich wieder vergessen… ich trage ein paar Tropfen französisches Blut in mir. Die Hugenotten-Verwandtschaft ist in Berlin, Pilsen und Budapest. Wobei die Namen Schacherl (soll eine Verballhornung von de Jacques sein) und Elias möglicherweise jüdischen Ursprungs sind. Viele Juden ließen sich in der Zeit der Religionskriege taufen, um geschützt zu sein. De Jacques könnte auch auf eine Abstammung von französischen Raubrittern hindeuten, meinte mein Opa, der Braumeister bei der Augustiner Brauerei in München war. Der wäre auch zufrieden mit dem heutigen Bier Ambre von Valmy…

      • Cher Michel, quelles nouvelles – was für tolle Neuigkeiten und Familiengeschichten! Ich habe auch hugenottisches Blut in mir, aber die Familiengeschichte lässt sich nicht mehr rekonstruieren…. schade, ich hätte ja schon gerne gewusst, aus welcher Ecke das Tröpfchen französischen Blutes in mir kommt…
        Herzliche Grüße! Hilke

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