In den Monts d'Ardèche. Foto: Hilke Maunder
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In den Monts d’Ardèche

Riesige Basaltströme, tiefe Maare, zerfurchte Krater und sucs genannte Vulkanberge: In den Monts d’Ardèche ist das Erbe feuriger Urzeiten allgegenwärtig. Zwar sind die dortigen Vulkane deutlich jünger als jene der Auvergne, aber nicht minder eindrucksvoll. Und noch einsame Naturjuwelen im Kastanienreich!

Das Natur- und Kulturerbe der Vulkanberge im Norden des Départements Ardèche schützt auf einer Fläche von 2.280 Quadratkilometern seit 2001 der regionale Naturpark der Monts d’Ardèche. Tiefe Schluchten, Wälder, Flüsse und traditionelle Dörfer prägen die Landschaft. Seltene und gefährdete Arten wie der Eurasische Luchs und die Kleine Hufeisenfledermaus sind hier daheim.

Wer auf den zahlreichen ausgeschilderten Wander-, Rad- und Reit-Routen folgt, erlebt auf engstem Raum ein faszinierendes Wechselspiel von rauen und lieblichen Landschaften, von sanft gewellten Hügelketten und Bergkegeln, die Zuckerhüten gleich aus dem Grün aufragen.

Das Wahrzeichen des Naturparks ist der 1..531 Meter hohe Kegel des erloschenen Vulkans Mont Gerbier-de-Jonc. Leuchtend gelb recken sich ­Königskerzen aus blumenübersäten Wiesen. In einer windschiefen Hütte, die aus dem schwarzen Basalt der Vivarais-Vulkane errichtet wurde, drängen sich Touristen.

Die Quellen der Loire

Die geografische Quelle der Loire. Foto: Hilke Maunder
Die geografische Quelle der Loire. Foto: Hilke Maunder

Hier entspringt die Loire, der längste Fluss Frankreichs. Das sorgt im benachbarten Souvenirshop für sprudelnden Umsatz. Doch nicht nur dort. Wenig weiter markiert ein Monument, das der Touring Club de France 1938 aufstellte, die source authentique, die echte Quelle.

Etwas weiter sprudelt auf einer Weide die source véritable empor – die wahre Quelle, festgehalten im Katasterauszug Nr. 87 und auf einem Gedenkstein mit der Inschrift „Ici commence ma longue course vers l´Océan.“ Doch schon nach drei Kilometern, bei der Ferme de Cagnard im Dörfchen Sainte-Eulalie, vereinigen sich die drei Quellen zur Loire, die vom Zentralmassiv an Nevers vorbei nach Norden fließt, bei Orléans scharf nach Westen abbiegt und nach 1.006 Kilometern bei Saint-Nazaire in den Atlantik mündet.

Feurige Zuckerhüte

Sucs heißen in den Monts d’Ardèche diese ungewöhnlichen Bergkegel. Es sind Vulkandome, die vor zwölf bis acht Millionen Jahren entstanden, als die heiße Lava nicht abfließen konnte und beim Abkühlen solche Dome und Kuppen bildete. In nächster Nachbarschaft des Mont Gerbier-de-Jonc steht ein solches Quintett: Montfol (1.594 m), Sépoux (1.530 m), Séponet (1.534 m), Taupernas (1.602 m) und Lauzière (1.582 m).

Auch der Suc de Montivernoux ist solch ein solcher vulkanischer „Zuckerhut“. Bei Lachamp-Raphaël, dem höchstgelegenen Ort des Départements Ardèche, ragt er 1.441 Meter hoch in den Himmel und eröffnet weite Blicke auf die Alpen und den Mont Ventoux.

Beim Abkühlen kristallisierte die heiße Lava der Sucs zu Phonolith. Was das grau-grüne Gestein so besonders macht, ist im Botanischen Garten Schellerhau von Altenberg in Sachsen zu hören. Dort wurde aus seinen Platten ein Lithophon gebaut, ein Xylofon aus klingendem Stein. In den Monts d’Ardèche wurden aus Phonolith einst Schindeln für die Dächer der Bauernhöfe geschnitten.

In den Monts d'Ardèche. Foto: Hilke Maunder
Wilde Natur am Mont Gerbier-de-Jonc. Foto: Hilke Maunder

Ströme aus Basalt

Die Sucs sind die ältesten Vulkane der Monts d’Ardèche. Eine zweite Phase der vulkanischen Tätigkeit begann vor sechs bis acht Millionen Jahren im Coiron-Massiv bei Privas. Davon zeugt die Roche de Gourdon, die sich als imposanter Überrest eines Basaltflusses 1.061 Meter hoch im Geopark der Monts d’Ardèche erhebt.

Am Fuße des markanten Berges taucht der Sentier géologique entre mer et montagne von Saint-Etienne-de-Boulogne tiefer in die Geologie ein und lässt 500 Millionen Jahre Erdgechichte hautnah auf beim Wandern über Wiesen, Weiden und durch uralte Kastanienhaine lebendig werden.

Im Reich der Kastanie

Die Kastanie hat Alltag und Leben im Département Ardèche geprägt – von der Küche über die Kultur bis zur Architektur.  Auf den faysses, den uralten Terrassen im Parc Naturel Régional des Monts d’Ardèche, wachsen noch immer die Kastanienbäume. Bis heute werden im Département Ardèche mit 6.000 Tonnen jährlich die meisten Esskastanien Frankreichs geerntet.

Zur Blütezeit um 1860 dehnte sich die Kastanienproduktion auf 60.000 Hektar aus. Heute bewirtschaften die rund 1000 Kastanienbauern noch rund 34.000 Hektar an solchen Hainen.

Der Brotbaum der Ardèche

Esskastanie. Foto: Hilke Maunder
Die Esskastanie war einst der Brotbaum des Départements Ardèche. Foto: Hilke Maunder

Vom 15. September bis 15. November ernten die châtaigniers alljährlich die stachelige Frucht. Die neue Ernte feiern die Dörfer der Monts d’Ardèche mit den Castagnades, großen Volksfesten rund um die Kastanie mit Gourmet-Markt und gemeinsamem Rösten der Herbstfrucht.

Die Châtaigne d’Ardèche erhielt 2006 die AOC-Anerkennung, 2014 das AOP-Siegel für frische und getrocknete Kastanien und Kastanienmehl. Mit Ausstellungen, Ateliers und Kursen und einem Kastanienshop bringt das Kastanienmuseum Castanea in Joyeuse die Herbstfrucht näher.

Dort erfahrt ihr auch, wie vielfältig die Nutzung des Brotbaums des Départements Ardèche ist. Ob als Suppe, Ragout, Püree, Gratin oder Pudding, ob geröstet oder gekocht – die Kastanie ist aus der lokalen Küche nicht fortzudenken.

Richtig salonfähig wurde sie aber erst als kandierte Marone. 1882, gründete Clément Faugier die erste Fabrik für marrons glacés in Privas.

Der junge Mann aus der Region industrialisierte damit die Erzeugung jener kandierten Maronen, an denen man sich bereits unter Ludwig XIV. ergötzte. Die Häuser Faugier in Privas, Sabaton in Labégude und Imbert in Aubenas bereiten bis heute die vornehme Nascherei zu.

Die Ess-Kastanie ( châtaigne) gehört im Herbst fest zu französischen Küche dazu. Foto: Hilke Maunder
Die Ess-Kastanie ( châtaigne ) gehört im Herbst fest zur französischen Küche dazu. Foto: Hilke Maunder

Orgeln, Krater und Maare

Die jüngsten Vulkane des Naturparks befinden sich im Süden, wo vor 120.000 bis 40.000 Jahren die Erde kochte und Vulkane hinterließ, die bis heute noch eindrucksvoll gezackte Krater wie Jaujac oder Aizac aufweisen. Ungeheuer eindrucksvoll sind auch die von den Vulkanen ausgestoßenen Basaltströme, die in Jaujac, Thueyts und Aizac majestätische Basaltorgeln hinterlassen haben.

Gerade mal 10.000 Jahre her ist es, als die die Erde zum bisher letzten Mal Feuer in der Ardèche spuckte – beim Souilhol-Vulkan von Meyras. Die Explosionskrater anderer Vulkane bilden malerische Maare wie die 150 Meter tiefe Vestide du Pal oder Kraterseen wie den kreisrunden Lac d’Issarlès auf 1.000 Metern Höhe.

Feuer und Wasser

In Péreyres hat es die Bourges geschafft, ihren Weg durch die Basaltströme zu zwängen und hat dabei den schönsten Wasserfall des Naturparks geschaffen: die Cascade du Ray-Pic mit ihren zwei 60 und 30 Meter langen Fällen. 20 Kilometer südlich treffen in Pont-de-Labeaume das Ardèche-Tal und das Fontolière-Tal zusammen.

Auch dort flossen vor Jahrmillionen zwei Lavaströme aus den Vulkanen Coupe de la Fialouse und Souilhol, füllten die Täler – und überlagerten sich durch den zeitlich versetzten Abfluss. Im Laufe der Jahrmillionen frästen sich die Fontaulière und die Ardèche immer tiefer in die Basaltströme – daher sind sie heute über dem Niveau der Flüsse zu sehen.

Kaum hat sie den Mont Gerbier-de-Jonc verlassen, durchfließt die Loire eine offene, kuppige Landschaft, die heute der PNR des Mont d'Ardèche schützt. Foto: Hilke Maunder
Kaum hat sie den Mont Gerbier-de-Jonc verlassen, durchfließt die Loire eine offene, kuppige Landschaft, die heute der PNR des Mont d’Ardèche schützt. Foto: Hilke Maunder

Alte ursprüngliche Dörfer

Eingebettet in die wilde, weite Landschaft sind charmante Dörfer wie Jaujac mit seinem Schloss und seiner berühmten Teufelsbrücke (Pont du Diable). In Antraigues-sur-Volane war der französische Sänger und Liedermacher Jean Ferrat von 1973 bis zu seinem Tod 2010 daheim.

Bereits die Lage dieses Dorfes ist äußerst malerisch: Mit engen, von Steinhäusern gesäumten Gassen ruht es auf einem Hügel über dem Volane-Fluss und eröffnet herrliche Panoramablicke auf die umliegende Landschaft. Und auch hier ist das Erbe der Vulkane allgegenwärtig. Am Ortseingang erhebt sich an der Route Départementale 578 der Rocher du fromage.

Bei dem “Käse-Felsen“ handelt sich um einen kleinen, etwa zwölf Meter hohen „Berg“ aus Basalt, der zeigt, wie hoch einst der Basaltstrom aus dem Coupe d’Aizac-Vulkan das Volane-Tal gefüllt hat. Auch dort plätschert heute ein Wasserfall über den Basalt: die Cascade de l’Espissard. Seit 1861 versorgt ihr Wasser die Stadt Aubenas.

In den Monts d'Ardèche. Foto: Hilke Maunder
Überall grünt und blüht es in den Monts d’Ardèche. Foto: Hilke Maunder

Info

Maison du Parc naturel régional des Monts d’Ardèche

Domaine de Rochemure, 07380 Jaujac, Tel. 04 75 36 38 60, www.parc-monts-ardeche.fr

Castanea

2018 wurde das Kastanienmuseum von Joyeuse als Erlebnisausstellung Castanea neu eröffnet.
• 2, parvis de l’église, 07260 Joyeuse, Tel. 04 75 39 90 66, www.castanea-ardeche.com

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In den Monts d'Ardèche. Foto: Hilke Maunder
Stille Wasser, umgeben von wilder Natur: der regionale Naturpark der Monts d’Ardèche. Foto: Hilke Maunder

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2 Kommentare

  1. Liebe Hilke,
    deine im Bericht beschriebenen Eindrücke über diese wunderschöne Landschaft mit ihrer beeindruckenden Ursprünglichkeit können wir nur ausdrücklich bestätigen.
    Im riesengroßen und sehr abwechslungsreichen Areal des ‚Parc Naturel Régional des Monts d’Ardèche‘ kann jeder Naturliebhaber seine individuellen Vorlieben genießen.
    In den typischen Ferienmonaten Juli und August muss man allerdings mit einem relativ großen Aufkommen an Touristen rechnen.
    Die Gegend rund um den Mont Gerbier-de-Jonc haben wir beispielsweise Ende September erkundet. Am Fuße des frei in der Landschaft thronenden Berges waren wir nahezu allein und konnten deshalb auch ausgiebig die Ruhe und Einsamkeit genießen.
    Das Département Ardèche ist uns sehr ans Herz gewachsen.
    Einige Erlebnisse und Eindrücke durften wir vor einiger Zeit in diesem sehr empfehlenswerten Blog erzählen.
    Siehe:
    https://meinfrankreich.com/kathrin-und-norbert/
    Herzlichen Dank für den hervorragenden Bericht.
    Kathrin und Norbert

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