Moustiers-Sainte-Marie: Hochburg der Fayencen

Moustiers-Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
Das Bilderbuchdorf hangelt sich an ausgemergelten Felsspitzen empor. Foto: Hilke Maunder

Kommt im Herbst, wenn die Autobusse nicht mehr morgens um zehn in das provenzalische Bergnest einfallen und ihre Massen an Touristen, die schnurstracks in die vielen Fayencen-Läden strömen.

Oder vor Ostern, wenn noch der letzte Hauch des Winters sich an den Kalksteinspitzen festkrallt, Moustiers-Sainte-Marie aber schon in der Sonne des Südens badet.

Foto: Hilke Maunder

An diesem Morgen ist der Himmel blau. So blau, als hätte ihn Cézanne soeben frisch gemalt. Monochrom, tief und klar. Seit Tagen bläst der Mistral, zerzaust die Platanen, rüttelt an den Fensterläden.

Beim Aufstieg zur Wallfahrtskapelle Notre-Dame-de-Beauvoir bieten sich herrliche Blicke auf die Dächer der Altstadt. Foto: Hilke Maunder

Dann steigt die Sonne auf, wärmt den blank gefegten Himmel. Auf dem Platz erscheinen die ersten Boulespieler. Madame schließt die Tische und Stühle vor dem Caféraum ihrer Auberge auf.

„Un petit noir?“ Eng an die Place du Couvert gedrängt, genieße ich ihn dort, wo schon Picasso dinierte und logierte.

Die Dächern der Altstadt… immer wieder wunderschön! Foto: Hilke Maunder

Hochburg des Fayencen-Handwerks

Langsam erwacht Moustiers-Sainte-Marie. Jetzt ist die richtige zeit, den Charme des malerischen Städtchens zu erkunden, das Picasso liebte.

Denn gegen elf Uhr treffen die Tagestouristen ein. Den ganzen Tag über halten die Ausflugsbusse vor den Ateliers von Aulagnet-Baratta, Bondil und Mufraggi.

Die Dächer der Altstadt. Foto: Hilke Maunder

Wasser, Erde, Holz: Mehr brauchen die Keramiker nicht, die in Moustiers-Sainte Marie seit dem 17. Jahrhundert Fayencen herstellen. Ein Mönch aus Italien – Pierre Clérissey – hatte ihnen 1668 das Geheimnis der Herstellung verraten.

Grünes Dorf am steilen Hang: Moustiers-Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder

Die damals mehr als 100 Werkstätten begründeten vor fast 400 Jahren Moustiers Ruf als Hauptstadt des provenzalischen Fayence-Handwerks.

Terrinen, Teller und Figuren aus der Provence schmückten die Tische gekrönter Häupter.

Sich einfach treiben lassen… wunderschön! Foto: Hilke Maunder

Heute halten ein Dutzend Ateliers die Tradition lebendig. In sieben Arbeitsschritten fertigen sie berühmten Fayencen. Sie dekorieren ihren Ton längst nicht mehr nur mit blauem Dekor auf weißem Grund, sondern vielen Farben und Motiven.

Einblicke in die Tradition der Fayencekunst vermitteln geführte Spaziergänge des Office de Tourisme und das örtliche Musée de la faïence. Ausgestellt sind nicht nur traditionell bemaltes Steingut, sondern auch moderne Dekors.

F/Provence/Gorges du Verdon/Moustiers-Ste-Marie: Brunnen sind in dem Bilderbuchdorf, das sich an ausgemergelten Felsspitzen emporhangelt, allgegenwärtig. Moustiers ist für seine Fayencen berühmt.

Fayencen aus Steingut gibt es jedoch nicht hier, sondern auch in Marseille. Das dortige Musée des Arts Décoratif besitzt eine wunderschöne Sammlung.

Brunnen sind in dem Bilderbuchdorf allgegenwärtig. Foto: Hilke Maunder

Ich flüchte vor dem Gedränge und steige auf einer Natursteintreppe die 262 Stufen zu der kleinen Chapelle Notre-Dame de Beauvoir empor, die sich vor einer Felswand hinter hohen Zypressen versteckt. Einzig das Zirpen der Zikaden unterbricht die Stille.

Die Wallfahrtskapelle Notre-Dame-de-Beauvoir. Foto: Hilke Maunder

Über der Kapelle hängt an einer 135 m langen Kette, die zwischen zwei Bergspitzen befestigt ist, ein vergoldeter fünfzackiger Stern – ihn soll der Kreuzritter Blacas einst der Muttergottes gewidmet haben.

Von ihrer Terrasse kann ich in der Ferne den Stausee Lac de Sainte-Croix erkennen.Für den Bau von Frankreichs zweitgrößtem Stausee wurde 1971 das alte Dorf Les Salles-sur-Verdon gesprengt und geflutet.

Einzig die Kirchturmuhr, die Dorfglocke und der Dorfbrunnen wurden abgebaut für das neue Dorf, das 400 Meter vom alten Standort neu entstand. Manchen Bewohnern missfiel das rigorose staatliche Durchgreifen.

Die Mündung des Verdon in den Lac de Sainte-Croix. Foto: Hilke Maunder

Sie leisteten Widerstand. Und blieben in ihren Häusern, bis das Wasser eindrang. Heute freuen sie sich, dass der Stausee Geld in die Kassen der Kommunen spült. Wie in Moustiers, so ist auch in Les Salles der Tourismus, und nicht mehr die Landwirtschaft, längst der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Gegen 17 Uhr verlassen die Ausflugsbusse den Bergort. Die Fayencen-Läden jedoch schließen erst um 19 Uhr – jetzt bleibt genug Zeit zum Stöbern. Und dem Wasserspiel der vielen Brunnen zu lauschen, die im Stimmengewirr des Tages nicht mehr zu hören waren…

Moustiers-Sainte-Marie: meine Reisetipps

Schlemmen

Ferme Sainte-Cécilie

Küchenchef Patrick Crespin ist ein wahrer Künstler, seine Frau Catherine eine charmante wie kenntnisreiche Gastgeberin, die Terrasse eine wahre Oase zum Abschalten und Genießen.
• Route des Gorges du Verdon, 04360 Moustiers-Sainte-Marie, Tel. 04 92 74 64 18,  www.ferme-ste-cecile.com

La Bastide de Moustiers

Die Terrasse ist traumhaft, die von Alain Ducasse kreierte Küche einfach köstlich. Wer sie genießen will, muss eine Reservierung vorweisen können – und wird dann mit 5-Sterne-Service verwöhnt.
• Chemin de Quinson, 04360 Moustiers-Sainte-Marie, Tel. 04 92 70 47 47, www.bastide-moustiers.com

Schlafen

Hôtel-Restaurant Le Relais*

Die Zimmer sind klein und verwinkelt, Parkplätze fehlen: Die traditionsreiche Auberge macht diese kleinen Manki mit herzlichem Ambiente, urfranzösischer Küche und einer charmanten Madame wett, die eine Fundgrube für Tipps und Entdeckungen ist Und dass ein Bach gleich neben unserem Zimmer plätscherte, gefiel besonders meiner Tochter ungemein.
• 04360 Moustiers-Sainte-Marie, Tel. 04 92 74 66 10, www.lerelais-moustiers.com

Noch mehr Unterkünfte*
Booking.com

Weiterlesen

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Provence: Das Licht des Südens*

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas ProvenceIn meinem DuMont Bildatlas Provence: Das Licht des Südens* stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten. Specials und

Themenseiten verraten euch, welche großen Probleme der Lavendel hat, wo ihr Slow Food genießen könnt – oder ihr ganz aktive das Sonnenreich im Süden erleben könnt: beim Mountainbiken, Malen, Paddeln, Wandern oder Wildbaden. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.

Einmal bitte träumen!

DuMont-Bildband Südfrankreich„Le Grand Süd“ nennen die Franzosen die weite Region ihrer Mittelmeerküste. Gemeinsam mit Klaus Simon und Rita Henß als Co-Autoren präsentiere ich im DuMont Südfrankreichdie vielen Facetten des Südens zwischen der Provence und den Pyrenäen in unterhaltsamen Stories und auf Infoseiten.

Großformatige Bildseiten machen diesen Band zu einem tollen Geschenk für Frankreich-Freunde. Oder euch selbst! Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

Das ganze Land

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hierdirekt bestellen.

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Steiler Fels, schmuckes Dorf: Moustiers-Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
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