Der Glockenmacher: Nicolas Daban. Foto: Hilke Maunder
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Nicolas Daban: der Glockenmacher

Seit 1660 fertigt Daban ganz handwerklich Glocken für Ziege, Schaf und Rind. Ein Werkstattbesuch bei jenem Unternehmen im Béarn, das seit 2006 als entreprise du patrimoine vivant ausgezeichnet ist, als Unternehmen des lebendigen Kulturerbes.

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Unscheinbar ist die 150 Quadratmeter große Werkstatt, ein schlichter Gewerbebau am Stadtrand von Nay im Béarn. Kein Schild weist darauf hin, dass ihr hier bei Führungen hautnah miterleben – und hören – könnt, wie das Unternehmen als letzter Hersteller in den Pyrenäen seine Glocken für die Weidetiere der Almen herstellt.

Nicolas ((l.) und Maurice Daban mit der größten und kleinsten Glocken derzeit im Bestand des Familienbetriebs. Foto: Hilke Maunder
Nicolas ((l.) und Maurice Daban mit der größten und kleinsten Glocke derzeit im Bestand des Familienbetriebs. Foto: Hilke Maunder

Die Geschichte des Familienunternehmens begann im Jahr 1660 in Orthez. 1795 verlagerte Jean-Bernard Daban den Betrieb nach Nay – denn dort umgaben die Firma einige Hügel, die alles lieferten, was das Unternehmen benötigte: Brennholz und Lehm.

Mit dem Umzug nach Nay näherte sich Daban auch den Minen von Ferrières, die 23 Kilometer entfernt den Rohstoff abbauten, den das Unternehmen für seinen Schellen brauchte: Eisen.

Schließlich waren sie in Nay auch ihren Kunden näher: den Viehzüchtern, die von dort aus mit ihren Tieren auf die Sommerweiden (estives) der Pyrenäen zogen. Heute führt Nicolas Daban (46) die Glockenschmiede in der zehnten Generation.

Ein Ausschnitt der Modell-Übersicht für die Glockenformen bei Daban in Nay. Foto: Hilke Maunder
Ein Ausschnitt der Modell-Übersicht für die Glockenformen bei Daban in Nay. Foto: Hilke Maunder

Nach seinem Diplôme d’études universitaires générales (DEUG) in Informatik arbeitete Nicolas  zwei Jahre lang bei der Caisse d’Epargne. Als dort sein Vertrag auslief, entschied er sich 2002, in das Unternehmen seines Vaters einzusteigen. „Ich wollte einfach nicht, dass ein so traditionsreicher Betrieb enden würde“, sagt er rückblickend.

So wurde Nicolas Daban 2002 Angestellter und 2006 Geschäftsführer des Familienbetriebs. Heute ist Nicolas stolz, Bewahrer eines so traditionsreichen Unternehmens zu sein.

Verwurzelt in der Transhumanz

Die Schellen von  Daban sind tief in der Hirten-Tradition des Béarn verwurzelt. Sie helfen, die Verluste von Tieren bei der Transhumanz, den langen Wanderungen zu den Sommerweiden, zu minimieren. Die Viehzüchter können ihre Herden anhand des Klangs erkennen.

Ziehen frei über die Almen: die Schafe in den Pyrenäen des Béarn. Foto: Hilke Maunder
Ziehen frei über die Almen: die Schafe in den Pyrenäen des Béarn. Foto: Hilke Maunder

Das Beweiden der Bergwiesen ist aktiver Landschaftsschutz und stoppt die Verbuschung. Zudem wirkt sich die Beweidung der Bergwiesen direkt auf den Geschmack und die Qualität der Käse aus. „Unsere Glocken sind Teil einer nachhaltigen Entwicklung“, sagt Nicolas. Dennoch gingen die Bestellungen zurück.

Das Handwerk bekannter zu machen und für Besucher zu öffnen, war daher eine der wichtigsten Überlebensstrategien für Daban. Und es ist enorm spannend, was eine Führung dort offenbart.

Die Glocken-Fertigung bei Daban

Maurice Daban führt eine Blechplatte für die nächste Glocke in die Presse ein Foto: Hilke Maunder
Maurice Daban führt eine Blechplatte für die nächste Glocke in die Presse ein Foto: Hilke Maunder

Die Schellen (sonnailles) heißen im Dialekt des Béarn esquires, und so ist Nicolas Daban (*1977) ein esquierer, ein gelernter Schellenbauer, der das Handwerk von seinem Vater, der bis heute in der Werkstatt anzutreffen ist, von der Pike auf gelernt hat.

Tag für Tag fertigen sie die Glocken  –  doch nicht nur für das Weidevieh, sondern auch für Jagdhunde. Anders als beispielsweise Kirchenglocken bestehen sie nicht aus Bronze, sondern werden aus heiß gelöteten Blechplatten hergestellt.

Der Façonnage

Frisch gepresste Glocken. Foto: Hilke Maunder
Frisch gepresste Glocken. Foto: Hilke Maunder

Dazu wird zunächst die Rohform der künftigen Glocke als Rechteck oder Quadrat mit einer Tafelschere ( cisaille guillotine ) aus dem Blech geschnitten. Eine große Presse drückt für jede Glocke zwei Hälften in eine Form. Diese werden dann miteinander verschweißt.

Große Glocken – wie beispielsweise für Rinder – werden mit einem zweiten Metallstück verstärkt. Alle Glocken erhalten dann einen Prägestempel – mit Nennung des Unternehmens, des Herkunftslandes, der Teilenummer und ggf. einer spezifischen Kennzeichnung.

Die Glocke nach dem Schweißen. Foto: Hilke Maunder
Die Glocke nach dem Schweißen. Foto: Hilke Maunder

„Hier hört die Maschinenarbeit auf“, sagt Nicolas, „alle späteren Arbeitsschritte erfolgen wie einst ausschließlich per Hand oder mit dem Hammer auf dem Amboss.“

Dazu gehört als Nächstes die Kaltformung des Werkstücks mit einem Hammer auf der bigorne.  Dieser Amboss aus Stahl besteht aus einem Grundkörper mit einer flachen Bahn, von der zwei spitz zulaufende Hörner ausgehen.

Die Bigorne. Foto: Hilke Maunder
Die bigorne. Foto: Hilke Maunder

Das eine Horn ist oben flach, das andere abgerundet. Solche Werkbankambosse zählen zu den ältesten Grundwerkzeugen der Schmiede und wurden schon in der Antike genutzt.

Für jede Tierart hat die Schelle eine eigene, seit Jahrhunderten überlieferte Form. Die Tiere tragen sie nicht nur am Lederband, sondern auch an Holzgürteln um den Hals.

Schelle und Halterung: Im Béarn wurden die Glocken einst mit Holz am Hals des Tieres befestigt. Foto: Hilke Maunder
Schelle und Halterung: Im Béarn wurden die Glocken einst mit Holz am Hals des Tieres befestigt. Foto: Hilke Maunder

Im Entree der Werkstatt hat Daban einige historische Glockenhalter für Rind, Schaf und Ziege ausgestellt. Liebevoll sind sie mit Schnitzereien und Farben verziert: Schaubilder des bäuerlichen Lebens.

Liebevoll verziert und farbig greschmückt ist diese hölzerne Glockenhalterung. Foto: Hilke Maunder
Liebevoll verziert und farbig geschmückt ist diese hölzerne Glockenhalterung. Foto: Hilke Maunder

Die Lehmform zum Löten

Daban ist das einzige Unternehmen in Frankreich, das statt Stahlformen die mehr als 2500 Jahre alte Lehmtechnik beim Löten einsetzt. Dazu wird der Ton oder Lehm mit Stroh vermischt.

Vor dem Brennen werden die Blechglocken innen und außen mit Messing umhüllt. Dann werden die Schellen zunächst in Papier gewickelt, um nicht in Kontakt mit dem Lehmmantel zu kommen, der sie umhüllt.

Hier wird das Lehm-Stoh-Gemisch für die Glocken-"Brote" hergestellt. Foto: Hilke Maunder
Hier wird das Lehm-Stroh-Gemisch für die Glocken-„Brote“ hergestellt. Foto: Hilke Maunder

Der Brasage

Nun kommt der wichtigste – und schwierigste – Schritt: Die Schellen kommen in den Ofen. Einmal im Monat wirft ihn Daban an – morgens um 3.20 Uhr.

Die ersten Glocken brennt Nicolas Daban bei 850 °C. Bei der zweiten Ladung ist der Ofen bereits auf 930 °C aufgeheizt. Im Laufe des Brenntages erhöht sich die Temperatur im Ofen bis auf 1500 °C. Gegen 17 Uhr endet der Brenntag bei Daban.

Rund zwei Stunden verbleiben die Glocken im Ofen. In der Hitze legt sich das Messing wie ein schützender Mantel über das Blech und dringt in das Innere ein. Dieses Löten verleiht der Glocke ihre Resonanz, indem es alle Nähte abdichtet und die gesamte Oberfläche des Blechs mit Messing imprägniert.

Der Démoulage

Die Chronologie eines Brenn-Tages bei Daban. Foto: Hilke Maunder
Die Chronologie eines Brenn-Tages bei Daban. Foto: Hilke Maunder

Der magische Moment: Ist das Löten gelungen – und die Glocke gelungen? Nach dem Löten werden die „Glockenbrote“ auf ein Gitterrost gelegt und geschüttelt, um überschüssiges Messing aufzufangen, das später wieder für die Herstellung anderer Schellen verwendet wird. Zu viel Messing schadet der Schelle – und beeinträchtigt den Klang.

Anschließend kühlen die ummantelten Glocken im Freien etwa 30 Minuten lang ab. Dann folgt ein thermischer Schock: Die Glocken“brote“ kommen ins kalte Wasser. Der Temperaturunterschied sorgt dafür, dass sich das Material zusammenzieht und das Messing einschließt. Anschließend wird der Mantel aufgebrochen. Mit einer Metallbürste poliert Nicolas Daban die Schellen blitzblank.

Die Mise au Son

Nicolas Daban verändert mit Hammerschlägen den Klang der frisch gebrannten Glocke. Foto: Hilke Maunder
Nicolas Daban verändert mit Hammerschlägen den Klang der frisch gebrannten Glocke. Foto: Hilke Maunder

Jede Glocke hat ihren einzigartigen Klang. Jeder Hammerschlag verändert ihn. Dieser einzigartige Klang ermöglicht es den Züchtern, seine Herde zu erkennen. Er hilft, die Tiere im Nebel zu finden, vertreibt Vipern und sorgt dafür, dass der Schäfer sich weniger einsam fühlt. „Es ist die Musik unserer Berge“, sagt Nicolas Daban.

Entscheidend für den Klang der Glocke ist der Messinganteil.  Je mehr Messing, desto höher ist der Ton. Der Klang einer Schelle wird mit der Zeit dumpfer, ein hoher Ton nach einem Jahr dunkler.  Auch die Wahl des Schlegels und der Glockenform entscheidet über den Klang. Wie, zeigt Nicolas im Vergleich.

Die Renaissance

18.000 bis 20.000 solcher Schellen fertigte Daban früher. Heute sind es nicht einmal mehr halb so viel. Industriell hergestellte Billigprodukte aus Asien machen dem Unternehmen zu schaffen – besonders bei den Schellen für Jagdhunde. Nicolas Daban reagierte mit Aufklärung: Im Internet versucht er, die Jäger zu sensibilisieren und auf die bessere Qualität und längere Lebensdauer seiner Produkte hinzuweisen.

Angesichts der gesunkenen Nachfrage straffte Daban auch sein Sortiment. Gab es 1988 noch 250 Modelle im Angebot, sind es heute 80. Eingespart wurde vor allem bei den sehr großen Modellen, die spezielle hydraulische Pressmaschinen erfordern, die sehr teuer sind.

Drei Glocken, drei Herstellungsetappen. Foto: Hilke Maunder
Drei Glocken, drei Herstellungsetappen, ein Klöppel. Foto: Hilke Maunder

Auch auf die traditionelle Holzklöppel aus dem Kernholz der Pyrenäen-Tannen muss Daban heute verzichten – es gibt keine Hersteller mehr. Zähneknirschend musste sich das Unternehmen der Entwicklung des Marktes beugen und baut jetzt Kunststoff-Klöppel sein. Diese heben die tieferen Töne stärker hervor – klingen aber ansonsten fast wie Holzklöppel.

Auch die Hersteller der traditionellen Trageringe der Glocken am Hals des Viehs sind heute verschwunden. Dabans Glocken bimmeln heute meist an Lederhalsbändern.

Die Werkstatt von Daban in Nay. Foto: Hilke Maunder
Die Werkstatt von Daban bei Nay. Foto: Hilke Maunder

Nicolas‘ Neuausrichtung zeigt Erfolg. Nach einigen sehr ruhigen Jahren steigen seit 2020 die Zahlen wieder. 2022 stellte Dabans Werkstatt rund 8.000 Schellen her. Je nach Modell variiert die Größe der Schellen von vier Zentimetern bis zu 50 Zentimetern für die derzeit größte Glocke im Sortiment.

24 Gramm bis zu sieben Kilogramm bringen die Glocken von Daban auf die Waage. Die Preise liegen zwischen 10 und 400 Euro. Eine individuelle Gestaltung der Schelle kostet extra.

Traditionsreiche, lokal- oder landestypische Unternehmen zu retten, ihr Know-how zu bewahren und in die Zukunft zu überführen, ist Ziel der staatlichen Auszeichnung als entreprise du patrimoine vivant (EVP). Heute gehört die Sonnerie Daban auch zum immateriellen Welterbe Frankreichs.

Les Sonnailles Daban

• ZA Samadet, 64800 Bourdettes, Tel. 05 59 32 04 68, https://daban.fr

Hintergrund

Die Entreprises du Patrimoine Vivant

Logo Entreprise du Patrimoine Vivant
Entreprise du Patrimoine Vivant: das Logo der Auszeichnung. Copyright: Ministère de l’Economie et des Finances

1448: So viele Betriebe hat Frankreich seit 2005 inzwischen als Entreprise du Patrimoine Vivant und damit als Unternehmen des lebendigen Kulturerbes in acht Marktsegmenten ausgezeichnet.

Dazu gehören neben Daban auch der  Schalhersteller La Fabrique d’Écharpe, der Wäschehersteller Lemahieu aus Nordfrankreich, der Bettwarenproduzent Drouault, die Distillerie Denoix mit ihrem berühmten Nusslikör aus Brive-la-Gaillarde, der Cognac-Hersteller Camus, aber auch der letzte Nähnadelhersteller des Landes, Bohin France. Alle fünf Jahre wird die Auszeichnung überprüft.
www.entreprises.gouv.fr

Das Patrimoine Culturel Immaterial Frankreichs

Mehr als 500 Praktiken und Kenntnisse gehören zum immateriellen Kulturerbe Frankreichs: Tänze und Musikformen, rituelle Feste, handwerkliche Techniken, aber auch Gesellschaftsspiele, ungewöhnliche Sportarten und einzigartige Kochtraditionen.

Sie als Bindeglied zwischen dem materiellen und natürlichen Erbe lebendig zu erhalten, lässt sich Frankreich alljährlich mehr als eine Million Euro kosten.  Auf einer Karte könnt ihr es hier entdecken.

Das immaterielle Kulturerbe Frankreichs könnt ihr auf dieser Karte entdecken. Copyright: Ministère de la Culture
Das immaterielle Kulturerbe Frankreichs könnt ihr auf dieser Karte entdecken. Copyright: Ministère de la Culture

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Im Blog

Nicht nur Frankreichs letzte handwerkliche Schellen-Schmiede, sondern auch das Béret ist im Béarn daheim. Ihm ist in Nay ein Museum gewidmet.

Le Béret: die Karriere der Hirtenkappe

 

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