Zwei Gläser Honig aus Paris mit Honigwabe in der Mitte
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Der Beton-Honig von Paris

Miel béton nennt Rémy Vanbremeersch seinen cremigen Brotaufstrich, den er aus seinen Pariser Bienenstöcken im 10., 12., 19. und 20. Arrondissement erntet, Beton-Honig. Der Name täuscht darüber hinweg, wie lecker die Bienensüße aus der Großstadt ist, die Rémy mit seinem Partner Bruno Petit seit 2011  herstellt. Ein Miel de Paris, der die Vielfalt der Hauptstadt einfängt.

Doch Vanbremeersch und Petit sind nicht allein. Die urbane Imkerei boomt in Paris seit den 2000er-Jahren. Was als ökologisches Experiment begann, ist heute Teil des grünen Stadtumbaus. Apiculture urbaine erobert Dächer, Rathäuser und sogar Ministerien. Das Projekt Ruches et pollinisateurs (Bienenstöcke und Bestäuber), seit 2017 von der Stadt gefördert, zeigt: Bienen finden mitten im Beton mehr Biodiversität als auf manchem Acker.

Honig im Geschmack der Jahreszeiten

Im Frühling schmeckt er nach den Blüten der Akazien und Kastanienbäume, im Sommer nach Linde und dem Bienenbaum Euodia, im Herbst nach Schnurbaum ( Sophora japonica ) und Sumach. Gemeinsam kümmern sich beide Männer seit 2013 auch um die ältesten Pariser Bienenstöcke, die seit mehr als 100 Jahren auf dem Dach der Pariser Oper im Palais Garnier stehen.

Neben Honig gehören auch Pollen und Bienenwachs zum Sortiment der beiden Imker, die insgesamt 40 Bienenstöcke in Paris und der Île-de-France stehen haben. Hinzu kommen weitere Stöcke, die ausschließlich der Zucht von neuen Königinnen dienen.

Honig aus Paris: die Pioniere

Die Geschichte der Pariser Stadthonig-Produktion reicht weit zurück. Bereits 1856 entstand der rucher-école im Jardin du Luxembourg als Imkerschule. Die ersten Bienenstöcke auf dem Dach der Opéra Garnier wurden 1982 aufgestellt. Doch der moderne Boom begann 2009, als Marc Perret Bienenstöcke auf der Mairie des 4. Arrondissements, der École Militaire und in Bercy platzierte.

Weitere Produzenten etablierten sich: Audric de Campeau mit seinem Le Miel de Paris auf der Monnaie de Paris, Nicolas Géant mit Bienenstöcken auf dem Grand Palais, Notre-Dame (bis zum Brand) und der Tour d’Argent.

Jean-Jacques Schakmundès arbeitete erst als Übersetzer, dann als Regisseur von Filmen wie An 01 und Model Couple, ehe er seine Passion zum Beruf machte. Von Kindheit an hatten ihn die Bienen fasziniert. Zwei Jahrzehnte lang wirkte er als Stadtimker im Kellermann-Park des 13. Arrondissements. Sein Lehrbienenstand besteht aus sechs Bienenstöcken.

Leidenschaftlich für die städtische Bienenzucht setzen sich auch die drei Vereine Abeille Francilienne, Rue des Abeilles und CityBzz ein. Sie sensibilisieren die Öffentlichkeit für die Rolle der Bienen mit Schulungen und Veranstaltungen – in Schulen, Vereinen, Gebietskörperschaften, unter Freunden, in Familien und bei Firmenevents. Gemeinsam feiern sie im Herbst ein Honigfest. Wo sie überall Bienenstöcke in der Stadt aufgestellt haben, ist hier nachzulesen.

Bienenkörbe auf Pariser Dächern

Auf den Dächern von Paris ist auch Nicolas Géant unterwegs. Der blonde Monsieur hat seine Bienenkörbe auf dem Turm der EDF in La Défense ebenso aufgestellt wie auf dem Dach des Grand Palais, der Tour Argent und bis zum Brand selbst auf der Kathedrale Notre-Dame de Paris.

Der Imker stellt nicht nur Honig her, sondern züchtet auch gezielt Honigbienen. Mehr als 2.000 Schwärme verkauft er jedes Jahr allein nur an Kunden in der Île-de-France über seine Website. Ebenfalls online gibt es dort das gesamte Zubehör für Imker. Und Bienenkörbe zum Leihen.

Im 96 Seiten dicken Bändchen Ma Ruche en Ville* gibt er seine Erfahrungen weiter. Um 20 Prozent sei allein die Nachfrage im letzten Jahr gestiegen, erzählt Nicolas. Inzwischen gehören auch Erlebnispakete rund um die Bienen zu seinem Angebot.

Paris wird grün – und bienenfreundlich

Paris wandelt sich. Die Zahlen sprechen für sich: Schätzungsweise 2.000 Bienenstöcke summen heute in der Stadt, bewohnt von mehr als zwei Millionen Bienen. Die genaue Zahl lässt sich nicht mehr feststellen, da seit 2012 das Aufstellen von Bienenkörben nicht mehr genehmigt werden muss – und daher nicht mehr erfasst wird.

Die Stadtbienen profitieren von einem ökologischen Wandel. Seit 2007 verzichtet Paris in seinen Parks auf Pestizide ( zéro phyto ). Der Plan Abeilles (Bienenplan), den Pénélope Komitès initiierte, hat zum Ziel, Paris zur „Hauptstadt der Bienen“ zu machen. Zu seinem Maßnahmenpaket für die Jahre 2016 bis 2020 gehörte die Installation von mehr als 700 Bienenstöcken in der Stadt sowie die Reduzierung von Pestiziden auf Grünflächen. Die Loi Labbé untersagt seit 2017 bereits die Pestizidnutzung in öffentlichen Bereichen.

2019 entstand im Rahmen des Budget participatif die Miellerie collective in der Rue des Vignoles – eine gemeinschaftliche Imkerei mit geteiltem Equipment. Das Ergebnis überzeugt: Die Île-de-France produzierte 2016 beeindruckende 342 Tonnen Honig – mehr als viele ländliche Regionen. Der Grund liegt in den 500.000 Bäumen von Paris, die ganzjährig blühende Vielfalt und das im Vergleich zum Umland mildere Stadtklima. Seit 2022 trägt der Honig dder Hauptstadt offiziell das Label Miel de Paris.

Die Stadtbienen ernten einen aromatischen, vielfältigen Honig. Ihre Sterblichkeitsrate liegt bei nur fünf bis zehn Prozent – auf dem Land, wo Monokulturen und Pestizide herrschen, sterben dreißig bis vierzig Prozent der Völker.

Immer mehr Bienen in und um Paris

Die Liebe zum Honig hat längst auch die Banlieue erobert. Wie in Saint-Denis nördlich von Paris. Dort hat Olivier Darné, Bildhauer und Imker, im Zuge seines Projektes Banque de Miel auch auf dem Dach der mairie Bienenkörbe aufgestellt. Jahr für Jahr heimste sein urbaner Honig beim Concours Régional Agricole Medaillen ein – ein Kaleidoskop aus mehr als 250 verschiedenen Pollen, gesammelt in Fensterkästen, Parks und zwischen Straßenbäumen der Banlieue. Sein Kollektiv Parti Poétique verwandelt seit 2003 die Stadt in ein ökologisches Labor.

Doch Wissenschaftler warnen auch: Paris nähert sich der Sättigung. Die Ökologin Léa Lugassy zeigte bereits 2016, dass zu viele Bienenstöcke den wilden Bestäubern Konkurrenz machen. Die Lösung? Mehr Blüten pflanzen. Keine neuen Stöcke in Paris intra muros, sondern in der ersten und zweiten Couronne. Auch dort werden immer mehr Balkone begrünt, Gärten angelegt – le Tout-Paris gibt seinen Bienen Futter.

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Im Blog

Was neben Honig aus Paris noch alles an Gourmetgenüssen – und anderen Erzeugnissen – urtypisch für die französische Kapitale ist, verrät dieser Beitrag.

Alle Beiträge zu Paris vereint diese Kategorie.

Im Buch

Hilke Maunder, Baedeker „Paris“

Baedeker Paris 2018

1975 kam ich dank Interrail zum ersten Mal nach Paris und übernachtete in einem einfachen Sleep-in in der Rue de Turenne. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Stadt mich ein Leben lang begleiten würde. In den Jahren danach verbrachte ich fast jedes Jahr viel Zeit in der Kapitale: als junge Frau, die im 18e Arrondissement als Kellnerin jobbte, später mit Partner, schließlich mit meiner Tochter. Und bis heute fehlt mir etwas, wenn ich Paris nicht immer wieder neu erlaufen, erradeln oder durch das Labyrinth der Métro durchstreifen kann.

Aus dieser langjährigen, sehr persönlichen Beziehung zur Stadt ist mein Baedeker Paris* entstanden. Er versteht Paris nicht nur als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als lebendige, vielschichtige Metropole, die sich mit jeder Reise neu erschließt. Natürlich findet ihr darin die großen Klassiker – vom Louvre über die Île de la Cité bis zum Eiffelturm –, doch ebenso wichtig sind mir die besonderen Orte, die leisen Viertel, die kleinen Entdeckungen abseits der Postkartenmotive.

Neben verlässlichen Fakten, übersichtlich aufbereiteten Karten und praxisnahen Tipps erzähle ich von ungewöhnlichen Details, kleinen Anekdoten und Momenten, die man nicht planen kann, die aber oft die schönsten Erinnerungen hinterlassen: ein Tanz unter freiem Himmel, ein unerwarteter Blick von oben, ein Abendessen, das länger dauert als gedacht. Genau diese Mischung aus Orientierung und Inspiration soll euch dabei helfen, Paris auf eure ganz eigene Weise zu erleben. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

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