Pont-Audemer: Fachwerk am Fluss
Die einstige Gerberstadt Pont-Audemer hat die Risle in ein kleines normannisches Venedig verwandelt. Kanäle mit malerischen Brücken verbinden die beiden Arme der Risle. Dort ist das Städtchen am schönsten. Und erinnert seit Juli 2025 an einen Krefelder, der dort lebte und arbeitete: Thierry Hermès.
Pont-Audemer war über Jahrhunderte ein bedeutendes Zentrum der Lederverarbeitung und prägte damit nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Stadtbild und die soziale Struktur der Stadt. Die Lage an der Risle, mit ihren vielen Kanälen und Wasserläufen, bot ideale Bedingungen für die Gerberei: Fließendes Wasser war essenziell für das Spülen und Bearbeiten der Tierhäute. Bereits im Mittelalter ist das Lederhandwerk in Pont-Audemer in Chroniken und anderen Zeugnissen belegt, und im 18. Jahrhundert gab es in der Stadt rund 80 Gerbereien – eine enorme Dichte für eine Kleinstadt dieser Größe.
Die Gerberhäuser – oft schmale, mehrstöckige Fachwerkbauten mit Trockenböden – säumen bis heute die Kanäle der Altstadt. Sie sind ein sichtbares Zeugnis dieser Zeit und prägen das Bild von Pont-Audemer als „Venedig der Normandie“.
Schieferfassaden spiegeln sich in den Fluten. Kleine Gassen enden an ebenso kleinen Brücken und eröffnen immer neue Ausblicke auf die Rückseite der Häuser, die häufig malerischer und schöner sind als die Vorderfront.

Die Gerber nutzten die oberen Etagen zum Trocknen der gegerbten Häute; die unteren Stockwerke dienten der Verarbeitung und Lagerung. Viele dieser Häuser sind erhalten und stehen unter Denkmalschutz. 1835 gab es 77 Gerbereien in der Stadt, 1950 waren es 17, heute ist das einst blühende Handwerk hier ausgestorben. Nur die Erinnerung lebt noch weiter in der Architektur – und in den Straßennamen.

Im Juli 2025 benannte Pont-Audemer einen Stadtplatz um, auf dem einst der Pferdemarkt abgehalten wurde. Als Place Thierry Hermès ehrt sie damit einen Krefelder Sattler, der mit seiner Frau Christine Petronille Piérart Paris verlassen und im Jahr 1829 nach der Geburt seines ersten Sohnes André Henri an die Ufer der Risle gezogen war: Thierry Hermes.
Die Familie Hermes wohnte in der Rue de la Brasserie im Viertel Saint-Aignan, wo der englische Unternehmer Elliot eine Sattlerei und Sporenmanufaktur betrieb. 1831 wurde dort Charles-Émile geboren, 1833 seine Tochter Elisabeth-Joséphine. Fast acht Jahre lebte die Familie in Pont-Audemer, ehe Thierry Hermès 1837 nach Paris ging, einen Akzent auf das zweite E im Namen setzte und als Hermès dort zum Luxus-Kürschner aufstieg. Mehr zur Karriere des Krefelders erfahrt ihr hier.
Neben der Gerberei gab es eine blühende Papierindustrie und einen regen Handel: Pont-Audemer war ein bedeutender Hafen an der Risle mit Verbindungen bis nach England. Noch im 19. Jahrhundert war das Lederhandwerk ein zentraler Arbeitgeber. Erst ab den 1960er-Jahren verdrängte die industrielle Entwicklung und der Strukturwandel die traditionellen Gerbereien zunehmend aus der Stadt.
Vom Reichtum, den das einst blühende Handwerk und später die Manufakturen und Fabriken in die normannische Kleinstadt brachten, zeugen bis heute elegante Bürgerhäuser aus dem 17. Jahrhundert. Viele von ihnen besitzen schmiedeeiserne Balkone und reizende Innenhöfe. Beispiele dafür findet ihr etwa in der Rue Sadi Carnot.
In der belebten Rue de la République ist der Architekturmix genauso bunt wie das Angebot der Geschäfte. Dort findet ihr das Musée Alfred Canel, seit 1876 ein Kuriositätenkabinett mit Käfern, Keramiken und Werken lokaler Künstler. Das Museum ergänzt eine beeindruckende Bibliothek mit mehr als 15.000 Werken,
Meisterwerk der Flammengotik

Die unvollendete Église Saint-Ouen aus dem 11. Jahrhundert mit gotischem Schiff und romanischem Chor gehört zu den Hauptwerken der Flammengotik in der Normandie.
Ihr Inneres birgt wunderschöne farbige Kirchenfenster aus dem 16. bis 20. Jahrhundert sowie eine eindrucksvolle Orgel, die auf die Renaissance zurückgeht und mit Holzvertäfelungen geschmückt ist.
Ihre 17 Register sind auf zwei Manualklaviaturen und ein Pedalwerk verteilt. Und fordern die Schüler der Orgelklasse der örtlichen Musikschule ebenso wie die Gastorganisten, die hier regelmäßig musizieren.

Berühmtes Supermodel
Im Mai 1978 wurde in Pont-Audemer, das mit kreativen Ideen den sichtbaren Verfall bekämpft, als zweites von drei Kindern ein Mädchen geboren, das zum Supermodel aufstieg und als Partnerin von Obelix (Gérard Depardieu) im Film „Asterix in Rom” im Kino die Zuschauer begeisterte: Laetitia Casta.

Nach so prominenten Französinnen wie Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und Inès de la Fressange wurde die junge Frau damals von einer Jury von 420 der insgesamt 36.000 Bürgermeistern des Landes zur Millenniums-Marianne gewählt.
Als Verkörperung der Französischen Revolution und ihrer Ziele Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stand die nach ihr geformte Nationalbüste vor fast jedem französischen Rathaus, bis im Herbst 2003 die Fernsehmoderatorin Evelyne Thomas ihre Nachfolgerin als Symbolfigur wurde.
Pont-Audemer: meine Reise-Tipps
Schlemmen und genießen
L’Endroit biscornu
Bistro und Weinbar vereint das beliebte Ecklokal.
• 18, rue de la République, 27500 Pont-Audemer, Tel. 02 27 36 98 83
Sara’Zin
Crêperie bistronomique nennt sich diese sympathische Crêperie. Alle Buchweizen- und Weizenmehle, die verwendet werden, stammen aus der familieneigenen Getreidemühle in Roncin. Die Karte überrascht mit ungewöhnlichen Kreationen. Kostet einmal eine Crêpe mit Yuzu-Zitrone oder als Kouign-amann.
• 1, rue Place de la ville, 27500 Pont-Audemer, Tel. 09 81 22 49 89, www.creperiesarazin.com
Nicht verpassen
Étape #2
Vor dem Rathaus stecken Gummistiefel in XXL im Grün. Sie gehören zu den vier Kunstwerken des Bildhauers Lilian Bourgeat, die in Pont-Audemer aufgestellt sind. Der Kunstparcours Étape #2 lädt ein, sie zu entdecken.
Die Kinder an der Risle
Auf den ersten Blick sehen sie aus wie stencils aus Papier. Doch es sind Metallplatten, die Yann Dehais von den Ateliers de Nantes am Ufer der Risle seit 2018 zeigt. Sie zeigen Porträts von Kindern aus Pont-Audemer und liegen zum Teil unter Wasser.
Insgesamt 22 Fotos sind dort zu bewundern. Und beweisen: Pont-Audemer ist offen für zeitgenössische Kunst – und inszeniert sie als Hingucker im Stadtzentrum.
Le Ciné Pont-Audemer
In der Rue des Temps Modernes eröffnete 2021 ein Kino, das dem Namen der Straßen mehr als gerecht wird. Jakob + MacFarlane setzen das Multiplexkino als pinkfarbenen, kantigen Bau mitten in die Zone de la Fonderie von Pont-Audemer. Für den Betreiber Noé Cinémas ist es „das schönste Kino der Normandie“.
Schnauferlzug
Im Sommer lädt der Verein PontAuRail am Wochenende 55 Minuten lang zu einer Bummelzugfahrt durch die Vallée de la Morelle von Honfleur nach Pont-Audemer.
Veranstaltungen
Les Mascarets
Jedes Jahr im Frühsommer verwandelt sich Pont-Audemer in eine bunte Bühne für das Festival Les Mascarets. Der Name Mascarets bezieht sich auf das spektakuläre Naturphänomen der Flutwelle, die in der Normandie an bestimmten Flussmündungen mit großer Wucht auftritt – ein Sinnbild für die lebendige Energie, die das Festival in die Stadt bringt. Von Ende Juni bis Mitte Juli erwartet euch ein vielfältiges Programm aus Straßentheater, Konzerten, Familienanimationen, Sportwettbewerben und anderen Mitmachaktionen sowie einem abendlichen Handwerksmarkt.
• www.ville-pont-audemer.fr/culture/festival-des-mascarets
Hier könnt ihr schlafen
Le Drakkar*
Ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet Le Drakkar mit 29 Zimmern im Zentrum.
• rue Georges Clemenceau, Tel. 02 32 41 28 00, auf allen gängigen Buchungsplattformen zu finden
Belle-Isle-sur-Risle
Auf einer Flussinsel inmitten eines englischen Landschaftsparks residiert das Hotel-Restaurant Belle Isle sur Risle in einer efeuberankten viktorianischen Villa mit 20 Zimmern.
• 112, route de Rouen, Tel. 02 32 56 96 33, www.bellile.com
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Im Blog
Alle Beiträge aus dem normannischen Département Eure vereint diese Kategorie. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.
Im Buch
Barbara Kettl-Römer, Hilke Maunder, Glücksorte in der Normandie*
Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.
Gemeinsam mit meiner Freundin Barbara Kettl-Römer stelle ich sie euch in diesem Taschenbuch vor. Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird.
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