Montpellier: aufregende Architektur am Lez

Montpellier: Das Haus der Region am Lez. Foto: Hilke Maunder
Das Haus der Region am Lez. Foto: Hilke Maunder

Neue Wahrzeichen machten Montpellier zum Hotspot aufregender Architektur. Und für die New York Times zu einer der Top 45-Städte, die man gesehen haben sollte. Der Aufbruch in der Architektur begann mit Antigone.

Antigone

Im Antigone-Viertel von Montpellier. Foto: Hilke Maunder

Auf einem aufgegebenen Kasernengeländer hinter dem Einkaufszentrum Polygone an die Place de la Comédie entwarf der Katalane Ricardo Bofill auf 400 000 Quadratmetern ein Stadtviertel der Zukunft. Trotz aller Gigantomanie hat der Katalane einen städtischen Lebensraum geschaffen, der mit seinen Grünanlagen und Fußgängerzonen nicht erdrückend wirkt, sondern den Menschen Raum zum Leben lässt. Bürgermeister Georges Frêche, der Bofill beauftragt hat, krempelte Montpellier von 1977 bis 2004 kräftig um. Antigone verlängert die Innenstadt zum Flussufer des Lez.

Brunne im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder

Selbst die Sozialwohnungen sind hier Monumentalbauten, das Schwimmbad hat olympische Maßen, und die zentrale Achse des Viertels mit Parkanlagen und Brunnen, die durch die Markthallen Halles Jacques Cœur, Cafés und Restaurants belebt wurde, ist mit 1800 m fast so lang wie die Champs-Elysées von Paris.

Flohmarkt im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder

Neben die Architekturzitate aus römischer und griechischer Antike stellt Ricardo Bofill einen kantigen Triumphbogen aus Glas und Beton für den Conseil Général des Departements. Viel Glas und Beton verbauten Paul Chemetov und Borja Huidobro auch in der zentralen Mediathek Émile Zola.

Das olympische Schwimmbad im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder

Trotz aller Gigantomanie hat der Katalane einen städtischen Lebensraum geschaffen, der nicht erdrückend wirkt, sondern den Menschen Raum zum Leben lässt. Gekonnt setzen Brunnen bestandene Plätze und Grünflächen seine Monumentalbauten.

Esplanade de l’Europe. Foto: Hilke Maunder

Säulen und Kapitelle lassen kaum ahnen, dass die opulenten Bauten Sozialwohnungen verbergen. Zu pompös, verurteilen Kritiker das Viertel. Prachtvoll, schwärmen die anderen.

Blick auf das Antigone-Viertel am Lez. Foto: Hilke Maunder

Port Marianne

Futuristisches Wahrzeichen der Kapitale des Hérault ist seit 2011 das Hôtel de Ville. Als leuchtend blauer Kubus erhebt es sich klotzig im neuen Stadtviertel Port Marianne, mit dem Montpellier weiter Richtung Mittelmeer wächst.

Das neue Rathaus. Foto: Hilke Maunder

Pierre Vives: organische Architektur

Ende 2012 folgte die lebenden Steine. Der Pierres-Vives-Komplex von Zaha Hadid präsentiert sich als langgestreckter Baum aus weißem Beton, Aluminiumprofilen und grün gefärbtem Glas.

Die 2016 verstorbene britische Architekturprofessorin packte mit ihrem organischen Entwurf auf fünf Ebenen mit 28.500 qm die unterschiedlichsten Nutzungen in eine einzige Hülle.

Der Stamm beherbergt das Archiv. Daran schließt sich die Staatsbibliothek an. Schließlich verzweigt sich das Gebäude am Ende immer mehr, wie eine Baumkrone. In diesen lichtdurchlässigen Ästen sind Büros angesiedelt.

La Panacée: Kunst statt Medizin

Mehr als 1,9 Millionen Euro wurden seit 2009 zudem in die Cité des Artistes investiert. Wo einst angehende Mediziner wie François Rabelais Anatomie paukten, arbeiten heute moderne Künstler und zeigen ihre Werke. 2001 eröffnete  in der ehemaligen medizinischen Fakultät von Montpellier La Panacée, ein ambitioniertes Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Es birgt neben modularen, flexiblen Ausstellungsräumen mit insgesamt 1.200 qm Fläche ein Auditorium für Vorträge zu allen Aspekten zeitgenössischer Kunst. Hinzu kommen neun Ateliers von 21 – 64 qm Größe. Zudem bietet La Panacée auch 59 Unterkünfte für Studenten der Schönen Künste.

Drei Wohnungen sind  „artists in residence“ vorbehalten, auswärtigen Künstlern, die in Montpellier für ein paar Wochen oder Monate arbeiten wollen. Zum Komplex, den der ortsansässige Architekt Jean-Luc Lauriol schuf, gehört ferner ein öffentlicher Park, der ebenfalls als Ausstellungsfläche dient.

Freiraum für Visionen

Wie kaum eine andere Stadt gibt Montpellier  Architekten einen Freiraum, ihre Visionen zu verwirklichen. Zum Beispiel auch am Parc Georges Charpak (früher: Park Marianne), einem zehn Hektar großen Stadtpark, der sukzessive nach Plänen von Michel Desvigne entsteht.

Auf den ersten vier Hektar ragen bereits 555 Bäume in den meist blauen Himmel. Angelegt wurde er an der Avenue de la Mer, wie die Avenue Raymond Dugrand von den Einheimischen genannt wird, führt sie doch schnurstracks zum Strand.

RBC: Design für alle

Auf Höhe der Hausnummer 600  errichtete auf ihrer Nordseite Jean Nouvel mit dem RBC  ein Designcenter, das Design für alle bieten will: vom Kind bis zum Greis, vom Profi bis zum passionierten Laien. Und rührt sich der kleine Hunger, könnt ihr im Restaurant MIA von Pascal Sanchez eine kreativ-frische Frankreichküche entdecken.

Die sportliche Wolke

Gegenüber, auf der Südseite der Straße, hat Philippe Starck mit Le Nuage bei einem Budget von zehn Millionen Euro ein etwas anderes Sportzentrum auf 3.000 Quadratmetern entworfen: mit Schwimmbad, Fitnesscenter, Boutiquen, Restaurant in einem Gebäude, das mit riesigen Kissen aus dreifachen, transparenten ETFE-Folien verkleidet ist. Das lässt den Betonbau, zumindest optisch, wattig weich und weiß wie eine Wolke aussehen.

Die Wolkenfenster aus recyceltem Kunststoff, die in das Betongerüst eingesetzt werden, reduzieren den Betonverbrauch um 30 Prozent. Sie wiegen ein Drittel weniger als Glas und senken so die Baukosten. Im Herbst 2014 wurde das Wolkenhaus eröffnet.

Der weiße Wohnbaum

Der Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder

Kaum eine andere Metropole lässt Architekten so viel Freiraum wie Montpellier, ihre ausgefallenen Kreationen zu verwirklichen. Das beweist auch die Entscheidung, Sou Fujimoto am Ufer des Lez einen Arbre Blanc zu bauen, einen Baum in Weiß zum Wohnen. Mit 120 Wohnungen, der riesigen Balkonen wie Äste aus dem Stamm heraus reichen, 17 Etagen hoch und ganz und gar weiß.

Für den Hingucker in Weiß kooperierte Sou Fujimoto mit Nicolas Laisné Associés und Manal Rachdi OXO Architectes. 2016 begannen die Bauarbeiten am Arbre Blanc. 2019 war Eröffnung.

Detail des Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder

Charles Fontès vom Sternerestaurant La Réserve Rimbaud in Montpellier und Éric Cellier, Co-Chefkoch der Maison de Lozère, betreiben dort seitdem das Restaurant im Erdgeschoss und die Panoramabar im 17. Stock des Arbre Blanc .

Im 18. Jahrhundert bauten sich die ersten Aristokraten von Montpellier mitten im Grünen ihre Folies, großzügige Landsitze als Ferienhaus und Sommerfrische. Im 21. Jahrhundert schenkt sich Montpellier am Ufer des Lez seine erste „Folie“. Elf weitere sollen folgen….

Designer-Bahnen

Bunt wie einst die Pril-Blumen: die Tram-Linie 2. Foto: Hilke Maunder

Als längster Catwalk der Stadt präsentiert sich die so fantasie- wie farbenfreudig gestaltete Straßenbahn mit ihren Visualisierungen der Elementen. Auf Linie eins (Luft, Design: Garouste) flattern weiße Schwalben am blauen Himmeln, Line 2 (Erde, Design: Bonetti) präsentiert sich bodenständig mit blühenden Blumen, Linie 3 (Wasser, Design: Christian Lacroix) feiert die Unterwasserwelt, Linie 4 (Feuer, Design: Christian Lacroix) huldigt dem Sonnenkönig.

Die Tram fährt bis Port Marianne. Foto: Hilke Maunder

Aufregende Architektur

In Montpellier

Belaroïa-Komplex

Belaroïa heißt„Juwel“ auf Okzitanisch. Und ein solcher erhebt sich seit 2020 )nmittelbar gegenüber des Bahnhofs von Saint-Roch. Der Komplex besteht aus mehreren Bereichen: Wohnungen, Businesscenter,  Büro, dem Golden Tulip-Hotel, dem bistronomische Restaurant Chez Delagare und einer Cocktailbar mit einer Terrasse, von die unvergleichliche Blicke auf Montpellier eröffnet.

Das Belaroïa entwarft die Architektin Emmanuelle Gautrant. Und damit die einzige Französin bisher, die mit einem europäischen Architekturpreis ausgezeichnet wurde.

In der App

Noch mehr Infos zur modernen Architektur von Montpellier bündelt eine App, die es im App Store und bei Google Play auf Englisch und Französisch gibt. Sie enthält drei Rundgänge: Am Fluss entlang zum Rathaus / Architektonische Komplexe am Rande der Stadt / Im Herzen von Écusson, dem historischen Zentrum von Montpellier.

Im Buch

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)*

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Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights.

Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

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Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

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Am Ufer des Lez. Foto: Hilke Maunder
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