Eine „folie“ mit Flair: Château de Flaugergues

Château Flaugergues von der Gartenseite. Foto: Hilke Maunder
Château Flaugergues von der Gartenseite. Fotos: Hilke Maunder

Château de Flaugergues sei eine „folie“, las ich in einer Zeitschrift. Dieser Satz machte mich neugierig. Eine „folie“ ist im Französischen eine Narretei, eine Verrücktheit, oder gar der Wahnsinn. Der Ursprung des Wortes indes verweist auf einen zweiten Bezug. „folia“ heißt im Lateinischen „Blätter“.

Beide Aspekte vereinen sich in dem, was die Aristokratie im 18. Jahrhundert am Rande der Städte ins Grün setzten: ländliche Anwesen mit stattlichem Herrenhaus und großen Gärten.

Die Reeder von Nantes errichteten ihre folies nantaises ans Ufer der Erdre. Étienne de Flaugergues erbaute sein Feriendomizil an den südöstlichen Stadtrand von Montpellier. 45 Jahre lang vergrößerte und verschönerte der Adlige im Rechnungshof von Montpellier sein Haus in den Feldern.

Seit 200 Jahren: Ferienhaus einer Familie

1811 kam Flaugergues als Lustschloss in den Besitz der Boussairolles, denen das benachbarte Schloss gehörte. Seitdem von  Generation zu Generation weitergegeben ist das Schloss seit mehr als 200 Jahren in der gleichen Familie.

Da es auch über die mütterliche Linie vererbt wurde, wechselten die Namen. Heutige Hausherren sind Brigitte de Colbert mit ihrem Mann Henri, ihrem Sohn Pierre und dessen Frau Marie.

Sammler-Schätze in der Bibliothek

Bienvenue au Château de Flaugergues!

Die Familie nutzt bis heute das Schloss privat. Auf Führungen könnt ihr anderthalb Stunden lang dort ein lebendiges Museum erleben. Auf eigene Faust könnt ihr die Gärten entdecken. Wer tiefer einsteigen möchte in die Geschichte des Château de Flaugergues kann sich einen Audioguide mieten.

Der Architekt, der das Gutsschloss entworfen hat, ist  unbekannt. Das stark ausgeprägte Relief des Grundstück nutzte der Architekt, um auf verschiedenen Ebenen umschlossene Orte zu schaffen, intime Räume, die Mauern, Hecken, Bäumen, Tore und Balustraden umgeben.

Der Speisesaal.

Klassische Architektur des Midi

Sandfarbener Putz und pastellfarbige Fenster verbreiten mediterranes Flair. Die Fassade gliedern sieben Fensterreihen auf drei Etagen. Dorische Pilaster schmücken rechts und links die Eingangstür und verleihen dem Bau klassische Ordnung und Klarheit.

Ganz in der Tradition des 17. Jahrhunderts verhaftet, unterstreichen nüchterne Bänder aus durchgehenden Böden mit flachen Leisten die Ebenen. Das flache Schrägdach ist traditionell mit römischen Ziegeln gedeckt.

Flämische Wandteppiche schmücken die Prunktreppe

Die Treppe

Das Prunkstück im Innern ist eine überdimensionale Treppe. Sie ist, wie in den meisten Privatvillen von Montpellier, ein echtes Prunkstück, und umfasst fast ein Viertel des Gesamtvolumens der Residenz!

Die Steintreppe entspricht der zentralen Spannweite des Gebäudes, dessen Tiefe sie alle Etagen einnimmt und bedient. Sehr schön ist das schmiedeeiserne Geländer mit Balustermotiven von Cartoi.

Und jetzt seht genau hin! Entdeckt ihr hier einen Delfin? Und ein Kamel? Der Figurenschmuck am oberen Absatz wurde ganz bewusst angebracht, um einen Baufehler zu verdecken: Die Treppen stoßen nicht akkurat aufeinander!

Auch in der Bibliothek hängt ein Wandteppich aus Antwerpen

Seltene flämische Wandteppiche

Vier riesige Wandbilder schmücken die Wände des geräumigen Treppenhauses. Ein fünftes findet ihr in der Bibliothek. Sie repräsentieren fünf Ereignisse im Leben des Mose und wurden um 1670 in Antwerpen in den Werkstätten von Philippe Wauters gewebt.

Zwischen 1975 und 1985 restauriert, sind sie heute erstaunlich gut erhalten. Sie stehen seit 1992 als nationales Kulturerbe unter Denkmalschutz.

Die Bel Étage

Städtisches Lebensart

Die Möbel, die ihr in Flaugergues seht, sind typisch für die Interieurs von Stadtpalais jener Jahre. Angepasst an das Leben auf dem Lande wurden sie nicht. Schließlich wollte man sich von den einfachen Bauern abheben.

Und zeigen, was man hat. Und dazu gehören im Château de Flaugergues prächtige Louis XV- und Louix XVI-Stilmöbel, wissenschaftliche Instrumente und Porzellan aus Limoges.

Das Schloss wird noch heute genutzt – daher findet ihr auch Literatur von heute hier.

Fünf Gärten

Die Gärten wurden im Laufe der Geschichte auf vier Hektar angelegt. Bereits in römischer Zeit gab es Rebgärten, wie die römische Villa auf der Rückseite des Parks zeigt. Die Gärten und Parks wurden 1986 unter Denkmalschutz gestellt und erhielten 2004 das Label „Remarkable Garden“.

Die Terrassen und der französische Garten legte um 1700 Étienne de Flaugergues eigenhändig an. 1850 ließ der neue Besitzer Charles Joseph de Boussairolles die Orangerie als Winterquartier für seine empfindlichen Kübelpflanzen erreichen. Ebenfalls zu dieser Zeit erhielt Flaugergues auf dem einstigen französischen Parterre einen Park im englischen Landschaftsstil.

1997 kam Studenten der Architekturschule von Versailles nach Flaugergues und studierten die Gartenanlage des Anwesens. Nach ihren Plänen haben die heutigen Besitzer die Gartenanlagen neu gestaltet. Hinzu kamen u.a. ein Spazierweg durch das Bambuswäldchen, die Allee der Olivenbäume und der Garten der Sinne.

Die Orangerie von Flaugergues

Die Terrasse

Fünf Grünanlagen gehören zum Schloss. Die Terrasse vor dem Schloss hat ein klassisches, schlichtes, kahles Aussehen und überlässt die Dekoration der Architektur und den Skulpturen, darunter zwei Steinstatuen von Guyon (1728), la Paix und l’Abondance auf beiden Seiten der Veranda.

Das Parterre

Das Parterre der Terrasse ist sehr symbolisch für diesen Ort. Es diente im 18. Jahrhundert als Vorbild für die Region. Im 19. Jahrhundert verwandelte es sich in einen englischen Garten. Im 20. Jahrhundert gereinigt, entwarft der Landschaftsarchitekt Emmanuel de Sauvebeuf einen anderen Plan als im 18. Jahrhundert. Die heutigen Besitzer bepflanzten daraufhin das neue „französische“ Parterre mit 10.000 Buchsbäumen.

Das Bambuswäldchen neben der Orangerie

Die Allee

Die 400 m lange große Allee begrenzen Buchsbäume und jungen Olivenbäume. Am südlichen Ende der Baumreihe bietet ein Aussichtspunkt schöne Blick auf das Schloss, am Nordende auf den Verkehr und die Neubauten von Montpellier…

Der Park

Der Park erstreckt sich südwestlich des Schlosses. Den botanische Garten, der 1850 auf drei Hektar angelegt wurde, dominieren eine Handvoll bewusst ausgewählter, großer Baumexoten. Mit dabei ist auch ein australischer Eukalyptus.

Der Weinberg

Die Rebgärten, die sich einst um das Schloss herum befanden, findet ihr heute hauptsächlich im Osten. Aus Grenache noir, Syrah, Mourvèdre, Cinsault, Merlot und Marselan entstehen körperreiche Rot- und Roséweine. Viognier, Clairette, Grenache blanc und Muscat à petit grain liefern den Rebsaft für die Weißweine.

Die Allee

Château de Flaugergues: meine Reiseinfos

Hinkommen

Am besten per Taxi (ab Stadtzentrum Montpellier rund 30 Euro). Zur Endhaltestelle der Tram-Linie 1 im Stadtteil Odysseum sind es rund 30 Minuten zu Fuß.
• 1744, avenue Albert Einstein, Quartier Millénaire, 34000 Montpellier, Tel. 04 99 52 66 37, www.flaugergues.com

Essen

Henri und Brigitte de Colbert, ihr Sohn Pierre und seine Frau Marie haben mit  Damien Fourvel einen jungen Küchenchef verpflichtet, der in ihrem Gutsrestaurant Folia frische saisonale Marktküche serviert.

Das Bistro.

Trinken

2006 hat Pierre de Colbert die Leitung sämtlicher Aktivitäten rund um den Wein übernommen. Seitdem hat die Rebgärten und den Keller auf Nachhaltigkeit umgestellt. Bio sei nicht sein Ziel, sagt  Pierre. Und erklärt: „Im Einklang mit der Umwelt möchte ich ganzheitlich leben und wirtschaften“.

Die Weingärten des Château de Flaugergues erstrecken sich auf 28 Hektar im Herzen der AOC Languedoc auf dem terroir von La Mejanelle, und damit in der Klimazone der Grés de Montpellier. Pierre vinifiziert aus den Trauben acht Cuvées, die ihr vor Ort verkosten könnt.

  • Mo. – Fr.  9.30 – 18 Uhr
  • Sa. 14.30 – 18  Uhr
  • Juni, Juli, September auch So.  13-19 Uhr
Die Weingärten umgeben Zäune, damit die Wildschweine die Trauben nicht fressen…

Weiterlesen

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2 Kommentare

  1. Wunderbarer und sehr ausführlicher Artikel ! 1988 durfte ich hier für einige Zeit wohnen, als ich ein 6-monatiges Praktikum auf dem Weingut gemacht habe. Das Schloß wurde damals gerade renoviert. Seitdem habe ich es ein paar Mal besucht und es wird immer schöner.

    • Wow, liebe Frau Fürst, das ist ja toll – dort einmal gelebt zu haben, muss wunderschön gewesen sein. Mich hat der Ort begeistert – vom Ambiente, von der Architektur und der Landschaftsgestaltung wie auch von den Menschen, die dort arbeiten und die ich dort kennenlernen durfte. Viele Grüße! Hilke

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