Unterwegs im Geopark Beaujolais: Die Landschaft am 762 Meter hohen Col du Fût d'Avenas bei Ciroubles. Foto: Hilke Maunder
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Geopark Beaujolais: Zeitreisen in XXL

Der 2018 gegründete Geopark Beaujolais, auf Französisch Géoparc du Beaujolais, bildet ein faszinierendes Puzzle an Landschaften. Anders als das Weinbaugebiet der AOP Beaujolais zieht er auch die Höhenzüge des Beaujolais und den Lauf der Saône mit ein.

Das 1.550 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet erstreckt sich über 240 Kommunen entlang einer rund fünfzig Kilometer langen Achse der Saône zwischen dem Lyonnais im Süden und dem Mâconnais und Charolais im Norden. Von Osten nach Westen reicht er über eine Breite von etwa zwanzig Kilometern vom Saône-Tal bis ins Roannais.

Der Crash: Wie das Beaujolais entstand

Der Hinter der friedlichen Kulisse aus sanften Rebhügeln und dichten Wäldern verbirgt sich eine dramatische Erdgeschichte, die fast 500 Millionen Jahre zurückreicht. Das Beaujolais liegt an der östlichen Bruchkante des Massif Central und verdankt ihre enorme Gesteinsvielfalt einem gigantischen Kontinental-Crash. Vor rund 350 bis 290 Millionen Jahren kollidierten hier die Ur-Superkontinente Gondwana und Laurussia, auch Euramerika genannt).

Diese unvorstellbare Naturgewalt faltete das herzynische Gebirge auf. Tief in den Wurzeln dieser urzeitlichen Bergkette schmolzen Gesteine unter extremem Druck und enormer Hitze zu dem harten Granit und den metamorphen Schiefern, die heute das Fundament des Haut-Beaujolais bilden. Jahrmillionen später, als sich die Erdkruste wieder dehnte und das Grabenbruchsystem der Saône einsank, spülten tropische Meere dicke Sedimentschichten an. Sie lagerten jene kalkreichen Böden ab, aus denen heute die berühmten weißen und goldgelben Steine leuchten.

Geopark Beaujolais: der Aussichtspunkt am Mont Brouilly. Foto: Hilke Maunder
Geopark Beaujolais: der Aussichtspunkt am Mont Brouilly. Foto: Hilke Maunder

Dieser geologische Knall bescherte dem Beaujolais im Jahr 2018 die Anerkennung des globaler Geopark. Heute gibt es 241 Geoparks in 51 Ländern davon zehn in Frankreich:

  • Haute-Provence, 2015
  • Luberon, 2015
  • Massif des Bauges, 2015
  • Chablais, 2015
  • Monts d’Ardèche, 2015
  • Causses du Quercy, 2017
  • Beaujolais, 2018
  • Armorique, 2024
  • Normandie-Maine, 2024
  • Terres d’Hérault, 2026

Die Landschaften des Geoparks Beaujolais

An den Ufern der Saône

An den Ufern das Saône wechseln Industrie- und Hafenanlagen mit Auwäldern voller Erlen, Eschen und Eichen mit Altarmen, in denen Döbel, Plötze und Wels ihren Nachwuchs aufziehen und das Sumpf-Kreuzkraut blüht. Jenseits der monotonen Logistik- und Gewerbeflächen am Stadtrand trefft ihr im Schwemmland der Saône auf Dörfer, in denen Bauern ihre Felder mit Getreide oder Gemüse bestellen und Baumschulen Rosen, Dahlien und Olivenbäume züchten.

Die Weinberge des Beaujolais

Der Blick vom südlichen Beaujolais aufs Saône-Tal. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom südlichen Beaujolais aufs Saône-Tal. Foto. Hilke Maunder

Dann erobern Rebhänge die Flanken der Berge des Beaujolais bis zu einer Höhe von etwa 500 Metern. Eingebettet in diese hügelige, weite und sehr offene Landschaft sind alte Dörfer, Weiler und Weingüter. Die Weinlagen sind stark parzelliert; wie ein geometrisches Puzzle überziehen die Weinberge die Hügel. Im Süden liegen die Weinberge inmitten von hügeligen Knicklandschaften. In dieser bocage sind Rehe und Füchse daheim – am frühen Morgen oder stillem Abend könnt ihr sie auf den Feldern sehen! Hier und da stützen Trockenmauern die Terrassen, und Echsen sonnen sich auf den Steinen.

Orchideen und Eidechsen auf kalkhaltigem Magerrasen

Wo die Rebhänge im Süden in die naturbelassenen Hügelkuppen übergehen, dehnen sich wertvolle Kalk-Magerrasen aus. Diese extrem nährstoffarmen, sonnenverwöhnten Böden bilden eine biologische Schatzkammer des Geoparks . Hier blühen von Frühjahr bis Sommer seltene, streng geschützte Orchideenarten wie die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris). Der Boden duftet intensiv nach wildem Thymian und Majoran.

Dieses Mikroklima zieht ein Heer von Insekten an: Farbenprächtige Schmetterlinge wie der Segelfalter (Iphiclides podalirius) flattern durch die Luft, während in den Steinhaufen die seltene Schlingnatter (Coronella austriaca) nach Smaragdeidechsen jagt.

Einfach laufen lassen: Die Belohnung für die schweißtreibenden Auffahrt zum Mont Brouilly. Foto: Hilke Maunder
Einfach laufen lassen: die Belohnung für die schweißtreibende Auffahrt zum Mont Brouilly. Foto: Hilke Maunder

Die Dörfer der Pierres Dorées

Im Süden des Weinbaugebietes – und Südosten des Geoparks – liegt die Heimat der Pierres Dorées mit ihren Hochflächen und Hügeln, in denen der Weinbau keine Monokultur ist, sondern mit Mais, Getreide und Feldfrüchten eine Polykultur bildet. Zum Namensgeber dieses Landstrichs wurde ein ockergelber Kalkstein, der hier in der traditionellen lokalen Architektur überall sichtbar ist und in den Carrières de Glay gewonnen wurde. Im Stein eingeschlossen sind Fossilien.

Ternand im Beaujoloais. Foto: Hilke Maunder.
Ternand im Geopark Beaujolais. Foto: Hilke Maunder.

Die schönsten Dörfer der Pierres Dorées

Der calcaire à entroques des Beaujolais

Der gelbliche bis goldbraune Kalkstein der pierres dorées trägt einen besonderen Namen: Calcaire à entroques nennen ihn die Geologen.dessen Seine Besonderheit liegt in den kleinen, sternförmigen oder ringförmigen Einschlüssen: Diese entroques sind Fossilien von Seelilien, jenen eleganten Meeresorganismen, die vor rund 170–180 Millionen Jahren im Jurameer lebten.

Im Beaujolais sehr ihr an Hängen, Brückenböschungen oder Weinberghängen oft farbige, parallel laufende Gesteinsbädeer. Jedes dieser Bänder ist ein eigenes Stratum, z. B. ein Kalkstein‑Band – wie beispielsweise der calcaire à entroques –, ein Band mit mehr Ton oder ein Schotter‑ oder Sand‑Horizont. Geologen lesen diese Schichten wie die Seiten eines Buches: Jede Schicht steht für eine bestimmte Ablagerungssituation im alten Meer oder Fluss – unterschiedliche Farben, Körner oder Fossilien zeigen, wie sich das Meer ausbreitete, zurückzog oder sich sein Grund änderte.

Die Pierres Blanches

Der weiße Kalkstein aus Charentay im Beaujolais. Foto: Hilke Maunder
Der weiße Kalkstein aus Charentay im Beaujolais. Foto: Hilke Maunder

In nächster Nachbarschaft zum Land der goldgelben Steine verläuft eine Kammlinie, deren Kalkstein 168 Millionen Jahre alt ist – und weiß. Von der Antike bis 1946 versorgten die Steinbrüche von Lucenay zahlreiche Baustellen in Lyon, Villefranche sur Saône und in den umliegenden Dörfern mit dem hellen, leicht zu behauenden Stein.

Die Pierre Blanche de Lucenay fand u. a. beim Bau der Kathedrale Saint-Jean in Lyon sowie der Kirchen von Chazay d’Azergues und Anse Verwendung. Im Norden des Beaujolais wurde der weiße Kalkstein in den Steinbrüchen von Charentay gewonnen.

Am Mont Brouilly gibt es zudem noch die pierre bleue, Blaustein. In Chessy stieß man zudem im 19. Jahrhundert beim Kupferabbau auf ein tiefblaues, glitzerndes Mineral, das weltweit so nur hier vorkommt und nach der Region benannt wurde: Chessylith, auch bekannt als Azurit von Chessy.

Die Berge des Haut-Beaujolais

Im Haut-Beaujolais werden Rinder gezüchtet. Foto: Hilke Maunder
Im Haut-Beaujolais werden Rinder gezüchtet. Foto: Hilke Maunder

Weiter westlich weichen die Weinberge einer Mittelgebirgslandschaft mit ausgedehnten Waldgebieten und Dauergrünland für die Rinderzucht.

Der Rückgang der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte zur Wiederaufforstung dieser Gebiete. Besonders Douglasien werden hier gepflanzt. Sie sind als Nutzholz sehr gefragt. Bis zu 50 Meter hoch ragen sie am Mont Saint-Rigaud in den Himmel.

Ein kommerzieller Forst am Mont Rigaud, dem höchsten Gipfel im Geopark Beaujolais. Foto: Hilke Maunder

50.000 Hektar, also ein Drittel des Beaujolais, nehmen heute wieder die Wälder ein. Neben den kommerziell genutzten Forsten mit der Douglasie und der Edeltanne wachsen in den Bergwäldern auch Fichten, Lärchen, Zedern und verschiedene Kiefernarten. Weiter östlich trefft ihr eher Kastanien, Eichen und Hainbuchen im Wald an. In den Wäldern wimmelt es von Leben. Allein 8000 Rehe und 800 Wildschweine sind dort daheim.

Wild und vielfältig: der Bergwald am Mont Rigaud. Foto: Hilke Maunder
Wild und vielfältig: der Bergwald am Mont Saint-Rigaud. Foto: Hilke Maunder

Auf den sauren Böden der Wälder wachsen Rainfarn, Adlerfarn oder Purpurroter Fingerhut in Hülle und Fülle.  Das Haut-Beaujolais ist auch der einzige Standort des Wolfs-Eisenhut (Aconit tue-loup) im Département, wo es auf dem Mont Saint-Rigaud neben dem Türkenbund (Lys martagon) und dem Holunder-Knabenkraut (Orchis sureau) einen Rückzugsraum gefunden hat.

Die vergessenen Moore der Höhenlagen

Eine völlig andere, mystische Welt offenbart sich in den versteckten Hochmooren und Feuchtgebieten des Haut-Beaujolais. Auf den sauren Granitböden haben sich über Jahrtausende hinweg intakte Torfmoore gebildet, die wie riesige Schwämme wirken und seltene eiszeitliche Relikte beherbergen.

In diesen sensiblen Ökosystemen wächst der fleischfressende Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia), der seinen Stickstoffbedarf durch den Fang von winzigen Insekten deckt. Zwischen seltenen Wollgräsern und dicken Moosteppichen nisten scheue Vogelarten wie der Waldwasserläufer (Tringa ochropus), während der Feuersalamander (Salamandra salamandra) in den feuchten, schattigen Waldbächen seine Larven ablegt.

Höchste Spitze des Beaujolais: der Mont Saint-Rigaud

Die Herausforderung für Rennradler im Beaujolais: der Col de la Crie. Foto: Hilke Maunder
Die Herausforderung für Rennradler im Geopark Beaujolais: der Col de la Crie. Foto: Hilke Maunder

Höher hinaus geht es nirgendwo im Département Rhône: Der Mont Saint-Rigaud bei Monsols im Bois d’Ajoux ist mit 1.009 Metern der höchste Punkt des Landstrichs und war im Mittelalter Sitz eines clunisischen Priorats.

Hinauf zur höchsten Spitze geht es nur zu Fuß, per Pferd oder Fahrrad – das eigene Gefährt muss am Parkplatz des Col de la Crie abgestellt werden. Unterwegs kommt ihr an der source Saint-Rigaud vorbei. Der Volksmund sagt, dass ihr Quellwasser heilig sei und heilende Eigenschaften habe.

Vorbei an Douglasien-Forsten und unberührtem, wilden Bergwald erreicht ihr schließlich einen Aussichtsturm, der aus dem Holz der Bäume ringsum erbaut wurde:  Douglasien-Holz. Von dort oben eröffnet sich ein 360°-Panorama auf die Monts du Beaujolais und die Monts du Lyonnais, das Azergues-Tal, das Clunisois, das Charolais und Mâconnais und die Alpen – wundervoll, dort den Sonnenuntergang über den Monts du Beaujolais einzufangen!

Sonnenaufgang im Haut-Beaujolais bei Thizy-les-Bourgs im Geopark Beaujolais. Foto: Hilke Maunder
Sonnenaufgang im Haut-Beaujolais bei Thizy-les-Bourgs im Geopark Beaujolais. Foto: Hilke Maunder

Geopark Beaujolais: meine Reise-Infos

Erleben

Micro aventures

Im Geopark Beaujolais könnt ihr 15 Mikro-Abenteuer erleben, Wanderungen unterschiedlicher Länge an einem besonderen geologischen Ort, die stets auch einen Besuch bei einem Künstler, Weinbauern und anderen Erzeuger einbinden. Eine Übersicht findet ihr hier.

Fossiléa

Das geologische und paläontologische Interpretationszentrum des Beaujolais präsentiert in Saint-Jean-des-Vignes die reiche geologische und fossile Vielfalt des Beaujolais. Mit dabei ist ein riesiger Ichthyosauriers, der in der Heimat der pierres dorées ausgegraben wurde.
• 116, chemin du Pinay, 69380 Saint-Jean-des-Vignes, Tel. 04 87 64 63 76, www.fossilea.fr

Die Glay-Steinbrüche. Foto: Hilke Maunder
Die Glay-Steinbrüche. Foto: Hilke Maunder

Carrières de Glay

924, chem. des Carrières, 69210 Saint-Germain-Nuelles, Tel. 07 49 67 46 95, www.carrieres-de-glay.fr

Die Terrasse de Chiroubles

Auf den Terrassen der AOP Chiroubles wurde auf einer Höhe von 740 Metern ein Panorama-Entdeckungspfad (Sentier panoramique) angelegt. Seine interaktive Stationen verraten, wie die Geologie den Charakter der berühmten Crus-Weine prägt. Von der hölzernen Aussichtsplattform blickt ihr an klaren Tagen über das gesamte Saône-Tal bis hin zum schneebedeckten Gipfel des Mont Blanc.

Hier könnt ihr schlafen*

 

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Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Secret Places Frankreich*

Secret Places FrankreichDer Pariser Eiffelturm, die Lavendelfelder der Provence und die Schlösser der Loire sind weltbekannte Ziele in Frankreich. 60 wunderschöne Orte abseits des Trubels stellen Klaus Simon und ich in unserem dritten Gemeinschaftswerk vor.

Die Schluchten von Galamus, die Gärten von Marqueyssac, die Pilgerperle Saint-Guilhelm-le-Désert, Mers-les-Bains mit seinen bunten Strandvillen, der Bugey oder die nahezu autofreie Île d’Yeu: Entdeckt unsere lieux insolites voller Frankreich-Flair!  Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.

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