Postkarte aus … Soissons

Die Türme der Abteikirche Saint-Jean-des-Vignes von Soissons. Foto: Hilke Maunder

Schon von weitem sah ich sie, die hohen Türme der Abteikirche Saint-Jean-des-Vignes von Soissons im Herzen der Picardie. Zwischen Wolkenbergen von Zinn bis Grau leuchteten ihre  filigranen gotischen Spitzen schlanke 75 m hoch im Sonnenlicht.  Meinen Parkplatz fand ich an einem kleinen Bach, dessen Namen ein Schmunzeln aufs Gesicht zauberte: „la crise“.

Der Boulevard Jeanne d’Arc mit gründerzeitlichen Alterssitzen. Foto: Hilke Maunder

Der Boulevard der Bauern-Villen

Ein breiter Boulevard, gesäumt von Gründerzeitvillen, schirmte wie ein schützender Ring den Sakralbau ab. Hier und da lugte er zwischen viktorianischen Wintergärten, Baumveteranen und alten Giebeln auf. „Am Boulevard Jeanne d’Arc hatten sie einst die reichen Getreidebauern der Region als Alterssitz errichtet. Die Jungen erbten die Höfe, aufs Altersteil ging’s, schick und stattlich, in die Stadt. Das ist bis heute so.“

Abriss und Neubau: Immer mehr Gründerzeitvillen fallen der Abrissbirne zum Opfer. Auch solche wunderschönen Häuser… Foto: Hilke Maunder

Doch in die alten Villen, die weniger Komfort, aber mehr Stil haben, will heute niemand mehr. Und so werden Villa um Villa dem Erdboden gleich gemacht; muss der verspielte Backstein kantigem Beton weichen. „Nur wenige der Privatbauten stehen unter Denkmalschutz. Dann muss wenigstens die Fassade erhalten bleiben“, erklärt mir ergänzend eine dynamische Fünfzigjährige, die rechts vom Eingang der einstigen Abtei eine Ausstellung des städtischen Museums betreut.

Alterssitz einst und heute. Foto: Hilke Maunder

Die Schlacht um Soissons

Sie erzählt von einer noch größeren Zerstörung: dem ersten Ersten Weltkrieg (1914-18). Zwei Mal hatten deutsche Truppen die Stadt am Südufer der Aisne besetzt. Artelleriefeuer von beiden Seiten zerstörte Soissons zu 80 Prozent. Und kaum ein Monument führt  die Schrecken von Kriegen so vor Augen wie die leeren Fensteraugen der Westtürme der Abtei von Saint-Jean des Vignes. Und die Leere, die toten Steine ringsum.

Die Ausstellung erzählt von den Kämpfen der Westfront. Doch eine Ruine ist die Abteikirche Saint-Jean-des-Vignes bereits seit der Französischen Revolution. Bereits damals wurde das Kloster aufgelöst, als Steinbruch genutzt. Und als Kaserne. Eine Explosion im Munitionslager zerstörte die Klosterkirche.

Die Westtürme der Abteikirche in Soissons. Foto: Hilke Maunder
Von der Abteianlage sind neben der Ruine der Abteikirche auch Teile des Kreuzgangs sowie des Refektoriums erhalten. Foto: Hilke Maunder

Architektonischer Kontrapunkt

Spannend zu sehen ist, wie Soissons sich seit 1918 wieder definiert und entwickelt hat. Und das könnt ihr bereits  gegenüber der Abteikirche sehen. Nur wenige Schritte entfernt, setzt die Cité de la Musique et de la Danse seit 2015 architektonisch einen Kontrapunkt. Das Ausbildungszentrum samt Bühne ist das letzte Werk des Architekten Henri Gaudin.

Der gebürtige Pariser, der in La Rochelle aufwuchs, hat  eine Vielzahl von öffentlichen Kultureinrichten entworfen, darunter die Cité de la Musique et de Danse in Straßburg, die Konservatoriums- und Medienbibliothek in Vincennes, das Grand Théâtre in Lorient, Universitätsgebäude in Douai, Amiens und Lyon sowie das Charlety-Stadion in Paris. Heute arbeitet auch sein Sohn Bruno als Architekt in seinem Atelier Gaudin in Soissons.

Die Cité de la Musique et de la Danse setzt architektonischen den Kontrapunkt zur Ruine der Abteikirche. Foto: Hilke Maunder von Soissons
Beliebte Bar am Boulevard Jeanne d’Arc: La Boîte à Mousse. Foto: Hilke Maunder

 

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