Picardie: Wiege der Gotik

Die Westfassade der Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder
Die Westfassade der Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder

Amiens, Beauvais, Laon, Noyon, Senlis: Diese prachtvollen Kathedralen machen die Picardie zur Wiege der Gotik. Fünf Jahrhunderte lang hatte hier im Norden Frankreichs die Christianisierung gedauert. 801 wurde der heilige Ansgar in der Picardie geboren.

Der „Apostel des Nordens“ war Erzbischof des Bistums Hamburg-Bremen und starb am 3. Februar 865  an der Weser. Im Mittelalter führte der Prediger Peter von Amiens den Ersten Kreuzzug im Jahr 1096 an. Gut 100 Jahre später – 1198 rief Papst Innozenz III. in einer Bulle zum vierten Kreuzzug auf und versuchte darin, vor allem Adlige aus dem Norden Frankreichs für die Rückeroberung der Levante anzuwerben.

Die Picardie, heute aufgeteilt auf die Départements Aisne, Oise und Somme, war im Mittelalter dank ihrer fruchtbaren Böden und florierenden Handelsrouten eine wohlhabende Region mit einer starken Wirtschaft. Dieser wirtschaftliche Wohlstand ermöglichte den Bau großer und kunstvoller Kathedralen, und wohlhabende Gönner und religiöse Institutionen investierten – und verewigten sich – in ehrgeizige Bauprojekten.

Die schönsten Kathedralen der Gotik in der Picardie

Amiens

Gotik in Vollendung: die Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder
Gotik in Vollendung: die Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder

Sie ist mit 200.000 Kubikmeter doppelt so groß wie Notre-Dame de Paris, birgt das höchste Mittelschiff aller Kathedralen Frankreichs und hat die Bautechnik des Mittelalters revolutioniert: die Kathedrale von Amiens

Die Kathedrale von Amiens, seit 1981 Welterbe sowie seit 1998 Teil des Weltkulturerbes Jakobsweg in Frankreich, ist eine Ekstase in Stein, ein riesiger Tempel des Lichts, für die Gotik Symbol der Gegenwart Gottes auf Erden.

Höher!

Jahrhunderte, bevor Galileo die Grundlagen der Mechanik entwickelte, haben in Frankreich die Dombauhütten während der Gotik filigran den Stein in schwindelnde Höhen aufgetürmt.

In der frühgotischen Kathedrale Notre-Dame de Paris brachten es die Maurer auf stolze 35 Meter, in Chartres 36 Meter, in Amiens exakt auf bis zu 42,30 Meter.

Als Beauvais eifersüchtig mit 48 Metern noch höher hinaus wollte, brach das Gewölbe zusammen, ehe danach der Vierungsturm einstürzte. Die Kathedrale von Beauvais blieb unvollendet. So rühmt sich Amiens bis heute des höchsten Mittelschiffs aller französischen Kathedralen.

Innovatives Bauprojekt

Die Gotik der Picardie: Fassadenschmuck an der Maison du Pélérin gegenüber von der Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder
Amiens: Fassadenschmuck an der Maison du Pélérin gegenüber von der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Errichtet wurde sie 1220 ganz anders als die anderen Kirchen des Mittelalters. Begonnen wurde nicht mit dem Chor, sondern mit Langhaus. Denn für den Chor im Osten gab es noch keinen Platz – da stand zum Baubeginn im Jahr 1220 noch die Stadtmauer.

Als Baumeister wählte der Bischof Evrard de Fouilloy einen Mann, der sein Handwerk beim Bau der Kathedrale von Paris gelernt hatte: Robert de Luzarches. Obgleich der Bau wegen Geldmangel ab 1240 für 18 Jahre ruhte, wurde er dennoch innerhalb von 68 Jahren vollendet. Die für die damalige Zeit enorme Geschwindigkeit der Baudurchführung ermöglichte eine Revolution in der Steinmetzkunst.

Standardisierte Bausteine

Erstmals wurden die Steine, die für den Bau benötigt wurden, typisiert, genormt und in einer wetterfesten Nebenbaustelle das ganze Jahr hindurch in Serie gefertigt. Und nicht, wie sonst üblich, jeder Stein vor Ort zurecht gemeißelt.

Die Serienfertigung der Steine beschert dem 145 Meter langen Juwel der Hochgotik auch eine größere Harmonie als bei den Kathedralen von Chartres und Reims – besonders deutlich zu sehen auf der Westfassade mit ihren drei imposanten Portalen.

Über ihren bogenförmigen Toren erzählen Skulpturen biblische Szenen. Es folgt eine fein durchwirkte Fenstergalerie, dann eine Parade mit Statuen von 22 französischen Königen.

Erst dann kommt die gotische Rosette – viel höher gesetzt als in anderen Kathedralen. Macht eine Turmführung mit – dann kommt ihr direkt an dem wundervollen Glasfenster vorbei. 307 Stufen führen hinauf zum Nordturm. Was für ein Blick auf die Stadt an der Somme aus 112 Meter Höhe!

La Maison du Prêtre am Kathedralplatz. Foto: Hilke Maunder
La Maison du Prêtre am Kathedralplatz. Foto: Hilke Maunder

Hell und einladend: das Innere

Auch das Innere begeistert. Ein himmlisches Bauwerk, dachte sich auch ein amerikanischer Architekt – und kopierte die Architektur für die New Yorker St. Patrick’s Cathedral.

Blickt auch einmal auf den Fußboden! Seine dunklen und hellen Steine sind nicht nur Schmuck. Sondern bilden ein Labyrinth für Gläubige. Wer nicht die Mittel besaß, um nach Jerusalem zu pilgern, konnte in der Kathedrale von Amiens eine symbolische Strecke pilgern – und so für sein Seelenheil sorgen.

Der farbige Fund

Monochrom in hellem Stein, so zeigt sich die Kathedrale von Amiens heute. Dass sie einst bunt bemalt war, haben seit 1992 fortlaufende Restaurierungsarbeiten verraten. Eingesetzt wurde dabei ein mobiler Laser, der Strahlen mit niedriger Intensität, aber hoher Leistung in sehr kurzen Impulsen ausstrahlte.

Bei dieser photonischen Skalierung, die Amiens perfektionierte, löst die Welle eine Mikroresonanz in der Schmutzschicht aus. Sie bröckelt ab – und lässt in Stein unbeschädigt. Was dadurch zutage kam, überraschte die Restauratoren. Auf dem Südportal, das der Muttergottes geweiht ist, stießen sie auf Fragmente der originalen Bemalung, die einst alle Statuen der Westfassade schmückte.

Die Gotik der Picardie: . Kontraste in Amiens: Wiederaufbau in Backstein und Jahrhunderte altes Erbe. Foto: Hilke Maunder
Kontraste in Amiens: Wiederaufbau in Backstein und Jahrhunderte altes Erbe. Foto: Hilke Maunder

Videomapping auf der Fassade

Grün, Rot, Blau und immer wieder Gold:  Die Kathedrale von Amiens bewies, dass einst die Fassaden der gotischen Kathedralen wirklich bunt bemalt waren. Sollten die Restauratoren also die Fassade wieder mit den Farbpigmenten von einst erneut bemalen?

Gemeinsam mit Wissenschaftlern und staatlichen Denkmalpflegern sagten sie: nein. Und setzten stattdessen auf Licht. Sie fotografierten Portale und Fassaden, korrigierten die Aufnahmen digital und versahen am Rechner die Skulpturen mit ihren mittelalterlichen Farbtönen. Digitale Radiergummi ließen die Schatten verschwunden, flache Bereiche abgeschwächt – und die Bilder dem Projektionswinkel angepasst.

Mit neun Projektoren werden die Bilder auf das Westwerk geworfen – ein Projektor allein für die Rosette, sechs für jedes der drei Portale sowie zwei für restliche Fassade.

40 Minuten lang inszeniert sie im Sommer und zu Weihnachten ihr Architekturerbe als Gesamtkunstwerk digital in 3D aus Licht, Pixeln und Musik. Allabendlich und kostenlos nach Einbruch der Dunkelheit. Solch ein Videomapping setzt längst auch andere berühmte Bauten in Frankreich in Szene. 1999 wurde diese audio-visuelle Kunst in Amiens erfunden.

Beauvais

Die Kathedrale von Beauvais wurde trotz Jahrhunderte der Bauzeit nie wirklich richtig fertiggestellt. Wegen ihrer mangelhaften Statik erlebte sie mehrfache Einstürze – und war doch die einzige, die dem deutschen Luftangriffen vom Juni 1940 trotzte. 80 Prozent der Stadt wurden damals zerstört.

Berühmt ist ihre astronomische Uhr, die Auguste-Lucien Vérité im Jahr 1868 fertigte. Sie besteht aus 90.000 Einzelteilen. Viel älter ist die zweite Uhr der Kathedrale gleich rechts nebenan. Sie stammt aus dem Jahr 1302 – und funktioniert seitdem fehlerfrei!

Laon

Die Gotik der Picardie: . Detail der Fassade der Kathedrale von Laon. Foto: Hilke Maunder
Detail der Westfassaden der Kathedrale von Laon. Foto: Hilke Maunder

Sie ist das Höchste, was die Picardie zu bieten hat. Kein anderes gotisches Gotteshaus ragt dort so hoch in den Himmel. 56 Meter messen die Tour Nord, die Tour Sud und die Tour Ouest, 67 Meter der Ostturm als Tour de l’Horloge.

Fünf Türme sind es insgesamt: vier an den Ecken des Querschiffs und ein zentraler Laternenturm, der sich 22 Meter hoch an der Kreuzung von Kirchenschiff und Querschiff erhebt.

Dieser Laternenturm wurde später als die anderen Türme errichtet. Er folgte im 13. Jahrhundert, um als achteckige Laterne Licht in die Vierung der Kathedrale zu lassen.

Die Kirche selbst ist ebenfalls recht hoch. Das Kirchenschiff ist 24 Meter hoch, das Querschiff erreicht sogar eine Höhe von rund 29 Metern. Insgesamt ist die Kathedrale von Laon rund 110 Meter lang.

Laon: Auch vor der Kathedrale musizieren bei der Fête Médiévale die Musikanten. Foto: Hilke Maunder
Auch vor der Kathedrale von Laon musizieren bei der Fête Médiévale die Musikanten. Foto: Hilke Maunder

Noyon

Die Kathedrale von Noyon wird oft als eines der frühesten Beispiele gotischer Architektur in Frankreich genannt, aber sie ist nicht unbedingt das erste gotische Gotteshaus.

Ursprünglich wurde die Kirche im 11. Jahrhundert im romanischen Stil erbaut, doch im 12. und 13. Jahrhundert wurde sie umfassend renoviert und im gotischen Stil erweitert.

Der Einfluss der Romanik ist noch am Chor zu erkennen. Foto: Hilke Maunder
Der Einfluss der Romanik ist noch am Chor zu erkennen. Foto: Hilke Maunder

Die heutige Kathedrale weist daher viele Merkmale der gotischen Architektur auf, darunter Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe und Strebebögen.

Noyon war keine Krönungskirche – wohl aber im frühen Mittelalter ein wichtiger Ort für königliche Taufen.

Das Portal der Kathedrale von Noyon Foto: Hilke Maunder
Das Portal der Kathedrale von Noyon Foto: Hilke Maunder

Karl der Kahle, der von 840 bis 877 König von Westfrankreich war und später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde, wurde in der Kathedrale von Noyon ebenso getauft wie sein Nachfolger Karl der Einfache, in den Jahren 898 bis 922 König von Westfrankreich.

Auch der spätere König Ludwig IX., der als Heiliger Ludwig bekannt werden sollte, wurde im Jahr 1214 in der Kathedrale von Noyon getauft.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Die Könige blieben aus, die Künstler kamen. 1632 wurde der berühmte Komponist Jean-Baptiste Lully in Noyon getauft. Warum gerade dort, ist bis heute ein Rätsel – denn Lully hat in Florenz das Licht der Welt erblickt.

Der Chor der Kathedrale von Noyon. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom Chor der Kathedrale von Noyon in den Kirchenraum. Foto: Hilke Maunder

Aus Lullys Taufbuch, das noch im Archiv der Kathedrale von Noyon aufbewahrt wird, geht hervor, dass er in der Kapelle Sainte-Croix der Kathedrale getauft wurde.

Trotz seiner Taufe in Noyon verbrachte Lully den größten Teil seines Lebens in Paris, wo er am Hof von Ludwig XIV. Opern und Ballette komponierte.

Senlis

Aus dem Häusermeer von Senlis ragt die Kathedrale auf. Foto: Hilke Maunder
Aus dem Häusermeer von Senlis ragt die Kathedrale auf. Foto: Hilke Maunder

Zehn Jahre älter als die Pariser Kathedrale Notre-Dame ist die gleichnamige Kathedrale von Senlis, die zu den kleinsten Kathedralen des Landes gehört. Ihr Bau begann 1153. Doch erst im 16. Jahrhundert wurde der Sakralbau fertiggestellt. Seine Architektur zeigt so die stilistischen Veränderungen von der Frühgotik bis zur Hochgotik.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Das Wahrzeichen der Kathedrale ist ihr 68 Meter hoher Turm. Fünf Glocken bilden sein Geläut. Mit dabei ist Jacqueline. Sie wurde im Jahr 1396 gegossen und gehört damit zu den ältesten Glocken Frankreichs.

Ihr Name erinnert an Jacqueline de la Grange, der Gattin von Jean de Montmirail, der zum Zeitpunkt des Gusses Bischof von Senlis war.

Der Chor der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Der Chor der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Vor dem Marmoraltar aus dem 16. Jahrhunderten wurde im Jahr 1108 Ludwig VI. getauft – und weitere Monarchen folgten seinem Beispiel:  Ludwig VII. (1131) und Philipp Augustus (1180 König).

Im Jahr 1225 heiratete Friedrich II. Isabella von Brienne, die Erbin des Königreichs Jerusalem. Die Heirat war Teil einer politischen Vereinbarung, die darauf abzielte, Friedrichs Anspruch auf das Königreich Jerusalem zu sichern.

Isabella von Brienne wurde in der Kathedrale von Senlis zur Königin von Jerusalem gekrönt, und die Hochzeit markierte einen entscheidenden Moment in den Ambitionen Friedrichs II. im Heiligen Land. Allerdings verhinderten die politischen und religiösen Komplexitäten der damaligen Zeit sowie die anhaltenden Konflikte, dass Friedrich II. seine Herrschaft über das Königreich Jerusalem vollständig etablieren konnte.

Auch wenn die Verbindung Friedrichs II. zu Senlis vielleicht nicht so prominent ist wie seine anderen historischen Taten, bleiben seine Hochzeit mit Isabella von Brienne und die anschließende Krönung in der Kathedrale von Senlis ein bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches und des Königreichs Jerusalem .

 

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