Lussan. Foto: Hilke Maunder

Lussan: Bilderbuchdorf der Kamisarden

Lussan gehört zu den schönsten befestigten Felsendörfern des Gard. Seit dem 16. Jahrhundert überragt ein Schloss seine alten Häuser, die sich auf einer 270 Meter hohen Felskuppe über dem Aiguillon drängen.

Weithin sichtbar dominiert das Wehrdorf 20 Kilometer nördlich von Uzès die Ebene, die dort dem Massif Central weicht. Zwischen Lavendelfeldern und Obsthainen hat die Garrigue mit immergrünen Eichen, Buchsbäumen und Wacholder nach dem Ende der Holzkohle-Herstellung und der Weidewirtschaft ab 1900 das Land erobert.

Hellblau wie der Himmel: die Fensterläden in Lussan. Foto: Hilke Maundder
Hellblau wie der Himmel: die Fensterläden in Lussan. Foto: Hilke Maundder

Wuchtig ist die Wehrmauer – und vollständig erhalten. Entlang der remparts könnt ihr einmal die gesamte kleine ville close umrunden. Das Panorama ist traumhaft: zu euren Füßen Lavendelfelder und Garrigue, Gehöfte und Gärten, in der Ferne die Cevennen, die Monts d’Ardèche und der Mont Ventoux.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von Lussan auf einen Lavendelhof. Foto: Hilke Maunder

Das Schloss der Familie Gide

In der Ebene liegt auch das Château de Fan, das Gaspard d’Audibert, Seigneur von Lussan, nach seiner Rückkehr aus Italien im Jahr 1550 errichtet hat. Inspiriert von der Renaissance-Architektur italienischer Villen, wählte er eine Lage am Ufer eines kleinen Quellbachs namens Fan – und ließ seine Residenz im ganz bewussten Gegensatz zu den alten, sonst stets hochgelegenen Wehrburgen errichtet.

Und genau dieses Schloss kaufte im Jahr 1795  der Historienmaler Théophile Gide, der Urgroßonkel des Dichters André Gide. Bis 1920 blieb das Anwesen aus dem 16. Jahrhundert der Sommersitz der Familie, die es aus Geldmangel schließlich an die Kommune verkaufte. Das Anwesen befindet sich heute in Privatbesitz und kann nicht betreten werde. Doch das äußere Erscheinungsbild könnt ihr beim Spazierengehen gut einsehen und auch einen Blick auf den Schlosspark werfen, der jahrhundertealte Bäume birgt.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Das Château de Lussan. Foto: Hilke Maunder

Im Osten der Stadtmauer erhebt sich das im 15. Jahrhunderts errichtete Schloss von Lussan, das heute als Rathaus dient. Historisch gehörte das Schloss den Herren von Lussan, die mit der Familie de Barjac verbunden waren, die damals Teil des Comté de Toulouse war. Das ursprüngliche Schloss wurde im späten Mittelalter mehrfach repariert, etwa nach Schäden bei der Revolte der Tuchins (1381–1384), blieb aber ab dem 15. Jahrhundert weitgehend erhalten. Auf Führungen könnt ihr einen Blick ins Rathaus werfen und dann auch die plafonds peints, die kunstvoll bemalten Decken des Amtssitzes, bewundern.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Überragt das Gewirr alter Dächer: der Turm der Dorfkirche von Lussan. Foto: Hilke Maunder

Hinter dem imposanten Schloss, das die Silhouette von Lussan auf dem Plateau dominiert, beginnt ein charmantes, kreisrundes Labyrinth malerischer Gassen, in dem schon zahlreiche französische Historienfilme gedreht wurden.

Besonders für Dramen, die die Zeit der Hugenottenkriege (Spät-16. bis 17. Jahrhundert) behandeln, wird Lussan gern genutzt. Ein Beispiel ist der Film Les Camisards*, der die Geschichte des protestantischen Aufstands der Kamisarden in den Cevennen im frühen 18. Jahrhundert erzählt.

Widerstand gegen die taille 

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Was Lussan (lat.: Haus des Lucius) erlebte, ist typisch für viele Dörfer im Osten des Languedoc. Folter, Mord und Vergewaltigung der Frauen durch Frankreichs königliche Truppen.

Die taille, die jeder Franzose bis zur Französischen Revolution an den König zahlen musste, quetschte den letzten sou aus der Bevölkerung heraus. Brot-Proteste und Bauernaufstände zeigten, wie sehr das Volk unter dem Luxus der Krone litt.

Der neue Glaube

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Um 1525 erreichte der Calvinismus die Cevennen und breitete sich dort rasch aus. War der Widerstand gegen die Krone zunächst aus Armut geboren, erhielt er nun eine politische wie religiöse Dimension. Er richtete sich gegen die staatstragende katholische Kirche. Und damit direkt gegen den Staat.

Mit dem Edikt von Nantes, das ab 1598 freie Glaubensausübung zusicherte, ruhten für kurze Zeit die Glaubenskonflikte.  Doch unter Ludwig XIII. nahm der religiöse Druck wieder zu. Sie verstärkten sich, als Ludwig XIV. im Jahr 1685 das Edikt aufhob. Der Katholizismus war erneut einziger Staatsglaube.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Mediterrane Vegetation, Naturstein und ein ein blauer Himmel: In Lussan finden Fotografen immer neue Motive. Foto: Hilke Maunder

Glauben im Untergrund

Andersgläubige wurden verfolgt, ihre Gotteshäuser zerstört. In jenen Jahren ging der Protestantismus in den Untergrund und überlebte in den wilden Bergen der Cevennen und ihren Schluchten. Le désert nannten die Hugenotten diese Wildnis. Dort versteckten sie sich, trafen sich in Höhlen und Grotten und hielten ihre evangelischen Gottesdienste im Gestrüpp der Garrigue ab.

Ludwig XV. bekämpfte die Hugenotten mit den Dragonaden, erzwungenen Bekehrungen. Er ließ Dragoner-Regimenter in die aufständischen Dörfer verlegen und quartierte die Soldaten bei den Bauern und Handwerkern ein, die sie mit Essen und anderen Diensten versorgen mussten.

Frauen und Mädchen wurden sexuelle Beute, Haus und Mobiliar demoliert, Handwerk oder Hof so lange zerstört, bis der Betroffene seinem Glauben abschwor und wieder zum Katholizismus zurückkehrte.

Den Hugenotten war es lange nicht gestattet, ihre Toten auf den offiziellen (=katholischen) Friedhöfen zu bestatten. So fanden sie ihre letzte Ruhestätte im eigenen Garten, wo die Angehörigen eine Zypresse auf das Grab pflanzten. Foto: Hilke Maunder
Den Hugenotten war es lange nicht gestattet, ihre Toten auf den offiziellen (=katholischen) Friedhöfen zu bestatten. So fanden sie ihre letzte Ruhestätte im eigenen Garten, wo die Angehörigen eine Zypresse auf das Grab pflanzten. Foto: Hilke Maunder

Die Kamisarden der Cevennen

Der Widerstand gegen die Dragonaden mündete im frühen 18. Jahrhundert im Kamisardenkrieg. Camisards nannten sich die Hugenotten in den Cevennen nach ihren Hemden, den chemises.

Unter den Kämpfern mit dabei waren auch viele Frauen, die mit Sensen und Mistgabeln sich den königlichen Truppen entgegenstellten.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Von Efeu erobert: eine Fassade in Lussan. Foto: Hilke Maunder

Im Oktober 1703 fand zu Füßen von Lussan eine Schlacht zwischen den Kamisarden, angeführt von Jean Cavalier, und den königlichen Truppen des Marquis de Vergetot statt. Die Aufständischen wurden geschlagen. Gefängnis, Galeere oder Exil hieß das Schicksal für viele Einheimische aus Lussan.

Das Erbe der Protestanten

Die Erinnerung an jene Zeit ist bis heute tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Besonders bei der Familie Chastanier, die neben dem protestantischen temple ihr Haus hat. Seit 1500 lebt die Familie in diesem Haus, seit 1530 ist sie protestantisch und hält im alten Bücherschrank mehrere alte Calvin-Bibeln in Ehren.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Naturstein prägt die Architektur von Lussan. Foto: Hilke Maunder

Und auch die Familie Gide, die drei Jahrhunderte lang in der Geschichte von Lussan ihre Spuren hinterlassen hat, war vom Wollhandel in die Politik eingetreten und hatte engagiert die neue Religion des Protestantismus verteidigt. Und dies so sehr, dass Théophile Gide sich vor der Guillotine in den Wäldern und Höhlen der Concluses versteckten musste.

Die Goldbäume der Cevennen

Nach der Französischen Revolution kehrte in Lussan Frieden zwischen den beiden christlichen Religionen ein, und jede erhielt ein eigenes neues Gotteshaus. Für Wohlstand und Auskommen sorgte nun die Seidenproduktion. Zu ihrer Blüte lebten mehr als 1600 Menschen in Lussan.

Roi René holte Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht nach Frankreich. Foto: Hilke Maunder
Seidenraupen lieben Maulbeerbaumblätter! Foto: Hilke Maunder

Maulbeerbäume wurden gepflanzt. Die Höfe wandelten sich zu Seidenraupenfarmen. Drei Spinnereien arbeiten im Dorf. Doch die Öffnung des Handels während des Zweiten Kaiserreiches und die Erfindung der Kunstseide bricht diesem Handwerk das Genick. Lussan leidet unter massiver Abwanderung.

Renaissance als Bilderbuchdorf

Häuser und Ländereien verfallen. Lussan wird „malerisch“. Der Tourismus entdeckt es. Als eines der schönsten Dörfer Frankreichs beginnt seine Renaissance. Heute leben wieder 500 Menschen in Lussan, bunt gemischt in Glaube und Herkunft.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Das Flair des Midi. Foto: Hilke Maunder

Lussan: meine Reisetipps

Schlemmen

Bistrot de Lussan

Von Ostern bis Oktober serviert das Bistrot de Lussan auf seiner von Mauern umgebenen Terrasse sowie im Speisesaal drinnen regionale Spezialitäten.
•  place Jules Ferry, 30580 Lussan, Tel. 04 66 72 85 01, www.lebistrotdelussan.fr

Auberge Gardoise

In einer alten Postkutschenstation aus dem 17. Jahrhundert verwöhnt euch Chefkoch Cédric Douchin mit regionaler Küche im schicken Speisesaal oder auf der großen Terrasse.
• La Coulorgue, 30580 Vallérargues, Tel. 04 66 72 72 72, www.auberge-gardoise.com

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Die Terrasse der Auberge Gardoise. Foto: Hilke Maunder

In der Nähe

Concluses de Lussan

In der Schlucht des Aiguillon rücken die Felswände bis auf wenige Meter zusammen. Im Sommer ist das Flusstal nahezu ausgetrocknet – perfekt zum Wandern!

Piere Plantée

Im Weiler La Léque, der zu Lussan gehört, erhebt sich der höchste Menhir im Département Gard: die Pierre Plantée. Dieser 5,6 Meter hohe, prähistorische Steinkoloss erhebt sich seit der Jungsteinzeit auf einer 227 Meter hohen Kuppe in einem Steineichenwald und diente vermutlich als Landmarke zur Orientierung im Gelände und zur Markierung alter Verbindungsrouten, hier insbesondere zwischen dem Rhônetal und dem Zentralmassiv. Die beiden Einkerbungen oder Ausbrüche am Sockel stammen von einem fehlgeschlagenen Versuch, den Menhir zu zertrümmern oder zu gestalten.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Hier könnt ihr schlafen*

 

Weiterlesen

Im Blog

Das Genuss-Reich der Cevennen habe ich hier vorgestellt.

Mehr über die Brotbäume und Goldbäume der Cevennen erfahrt ihr hier.

Ein schöner Ausflug führt von Lussan aus nach Uzès. Hier gibt es Infos und Impressionen.

Im Buch

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt. Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte.

Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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