Bergerac und sein Tabak: verraucht?

Bergerac an der Dordogne. Foto: Hilke Maunder
Bergerac an der Dordogne. Foto: Hilke Maunder

Tabak: Das war neben dem Weinhandel seit Jahrhunderten das wirtschaftliche Standbein von Bergerac. Zwar ist der Tabakanbau im Sarladais bekannter, doch auch in der Süd-Dordogne ist er fest verwurzelt. Davon erzählt das Tabakmuseum. Es residiert in der Maison Peyrarède, einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, in den Gassen der Altstadt von Bergerac.

Der erste Anbau von Tabak in Frankreich ist bei Clairac im Département Lot-et-Garonne belegt. Dort haben Mönche im Jahr 1636 zum ersten Mal Tabak angepflanzt. Doch erst am 26. Dezember 1857 wurde der Tabakanbau im Département Dordogne unter strenger staatlicher Aufsicht offiziell erlaubt.

1857: der Beginn

Sechs Jahre später, 1863, wurden in der Dordogne 2066 Pflanzer gezählt. Die ältesten noch erhaltenen Tabaktrockner wurden anfangs aus Stein erbaut. Solch ein séchoir ist noch bei Lalinde erhalten.

Um die hohe Nachfrage in der Nachkriegszeit decken, wichen diese soliden Bauten einfachen und schneller zu errichtenden Trockner aus Holz. Typisch ist ihre Verkleidung aus Brettern, die mit einer Teerschicht, dem sogenannten coaltar, gestrichen wurden.

Diese Trockner wurde im Rahmen eines Architektenwettbewerbs entwickelt, den 1952 die Fédération nationale des planteurs de tabac als nationaler Verband der Tabakpflanzer initiiert hatte. Das siegreiche Design wurde von der Firma Chaverou aus Bergerac entworfen. Es ist bis heute das Modell, das bis heute im Périgord zu sehen ist.

Der Tabakanbau konzentrierte sich auf das Tal der Dordogne im Bereich der Städte Sarlat und Bergerac. Hier fanden die Pflanzen die Feuchtigkeit, die sie zum Gedeihen brauchten. Im Bergeracois verteilen sich die Parzellen auf zwei Gebiete: Das erste läuft von Génis bis Montpon, das zweite von Saint-Vincent-de-Connezac bis Baneuil.

Das <em>Musée du Tabac</em> von Bergerac. Foto: Hilke Maunder
Das Musée du Tabac von Bergerac. Foto: Hilke Maunder

Boom im Nachkriegsfrankreich

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein Kern von Tabakaktivitäten zwischen Bergerac und Le Fleix. 1927 entschied sich die Société nationale d’exploitation industrielle des tabacs et allumettes (Seita) dafür, ihr Institut du tabac (ITB) in Bergerac anzusiedeln.

Den Zuschlag für Bergerac und gegen Sarlat, wo der Tabakanbau eine größere Rolle spielte, entschied die Infrastruktur. Der Grund: Der Stadt wollte das Citroën-Gebäude in Bergerac kaufen.

1961 folgte die Gründung des Centre de formation et de perfectionnement des planteurs de tabac (CFPPT) de la Dordogne als Kaderschmiede der Tabakpflanzer am linken Flussufer. Auch siedelte sich die Genossenschaft Périgord Tabac in Bergerac an.

Noch 2014 wurde in Frankreich mit Tabak ein Umsatz von fast 18 Milliarden Euro und fast 14 Milliarden Steuereinnahmen erzielt. Tabak war damals noch ertragreicher Konsummarkt.

Doch dann begann der Niedergang. 2015 schloss im Département Loire-Atlantique die Tabakfabrik von Carquefou. Seitdem werden die symbolträchtigen, dreifarbigen Gauloises und blonden Gitanes in Deutschland und Polen produziert.

Die Gauloises Caporal. Foto: Hanns
Die Gauloises Caporal. Foto: Hanns

Der Todesstoß

Als im Herbst 2019 in Sarlat die letzte französische Fabrik schloss, die Rohtabak für die Zigarettenhersteller verarbeitete, war dies der nächste Todesstoß für die Tabakindustrie. Von den anfangs 12.000 Tabakbauern im Périgord waren es 2020 nur noch 85, die auf 120 Hektar im Périgord Tabak anbauten.

Das ITB hatte seine Glanzzeit zwischen 1950 und 1970 erlebt. Bereits damals forschten dort Genetiker an gentechnisch veränderte Organismen. Später arbeiteten die Forscher daran, den Tabakgenuss weniger schädlich zu machen. Andere Studien beschäftigten sich auch neuen Nutzungsmöglichkeiten der Tabakpflanze.

Bereits 2015 war das ITB zerschlagen und das Labor für angewandte Genetik der Seita von der Imperial Tobacco Group übernommen. 2022 schloss auch diese Einrichtung.

Doch so ganz ist die Tabakgeschichte von Bergerac noch nicht beendet. Denn zeitgleich zur Schließung des Institut du Tabac in Bergerac (Dordogne) wurde France Tabac in Bergerac aktiv. Der Verband von Produzenten, die sich Züchtung und Produktion von Tabaksaatgut für die Landwirtschaft spezialisiert haben, gründete den Zuchtbetrieb Bergerac Seeds and Breeding (BSB).

Maßgescheiderte Züchtungen

BSB übernahm die Sammlung von Tabaksamen und anderen Nicotianeen des ITB und begann, auf einer vier Hektar großen Parzelle am Boulevard Charles-Garraud, auf der schon das ITB einst Plantagen hatte, Tabaksamen an Pflanzer auf der ganzen Welt zu züchten. Den Züchtern gelang es, je nach Verwendungszweck und Produktionsbedingungen maßgeschneiderte Samen zu entwickeln.

Als France Tabac verschwand, übernahm die Caisse de réassurance mutuelle agricole des planteurs de tabac français den Tabaksamenspezialisten.  Seitdem gehört er zur großen französischen Versicherungsgruppe Groupama.

Auf solchen <em>gabarre</em>-Lastkähnen wurde der Tabak früher verschifft. Foto: Hilke Maunder
Auf solchen gabarre-Lastkähnen wurde der Tabak früher verschifft. Foto: Hilke Maunder

Traditionelle Zigaretten aus französischem Tabak sind heute Rauch von gestern. So wie die berühmten braunen Tabakpakete aus orangefarbenem Packpapier mit der aufgedruckten Aufschrift Bergerac.

Sie war in den 1960er- und 1970er-Jahren die sehr beliebte Packung für Pfeifentabak oder selbst gedrehte Zigaretten.  Bergerac wurde zum Synonym für Tabak – und wanderte so tagtäglich über die Ladentheke.

Ein Fünkchen Hoffnung

Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer zeichnet sich am Horizont ab. Die wachsende Beliebtheit von E-Zigaretten sorgt für wachsende Nachfrage. Und neue Tabakarten. Rund um Bergerac, wo die Pflanzer in den 1970er-Jahren auf gelben Tabak umgestiegen waren, wird heute wieder brauner Tabak angebaut.

Während der helle Tabak einen Nikotingehalt von etwa vier Prozent hat, enthält brauner Tabak fast sieben Prozent. Brauner Tabak bedeutet mehr Ertrag bringt als der blonde Burley.

Immer mehr Tabakbauern satteln daher um und arbeiten für das Unternehmen VDLV Vincent dans les vapes aus Cestas. Es kauft inzwischen im großen Stil Tabak aus dem Périgord.

Für die elektrischen Zigaretten wird der Tabak zerkleinert und in Tanks gefüllt. Dort extrahieren sie die Flüssigkeit, die später als Dampf aus der E-Zigarette qualmt. Der Tabak und Bergerac: Nicht nur kalter Rauch!

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4 Kommentare

  1. Merci vielmals wieder für so umfassende Infos, cher Hilke!
    Bei meinen Frankreichreisen hatte ich Nichtraucher immer ne Packung Gauloises (filterlos natürlich) dabei: Damit ergaben sich besonders in sehr abgelegenen Regionen interessante Unterhaltungen. Die Packung hinterließ ich dann gerne…

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