Serralongue: der Conjurador. Foto: Hilke Maunder

Unikum: der Conjurador von Serralongue

Serralongue! Beim Tanken im Tal des Tech entdeckte ich am Kassentresen einen kleinen Werbezettel. Vielfarbig preist er ein kleines Dorf in den Ostpyrenäen an, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Serralongue.

Im zehnten Jahrhundert ließ dort, zu Füßen des Mont Nègre, Orial als Herr von Cortsavi, im 10. Jahrhundert seine Burg auf einem Felsvorsprung errichten.

Serralongue: Bergwiese im Januar. Foto: Hilke Maunder
Serralongue: Bergwiese im Januar. Foto: Hilke Maunder

Ein Berg wie eine Ziege

Er war so steil, dass er bald den Spitznamen Cabrenç (Ziege) erhielt und auch den letzten Überresten der Burg ihren Namen gab: den drei Cabrenç-Türmen.

Hinauf zum Bergnest windet sich eine schmale, steile Bergstraße. Nach dichtem Wald öffnet sie auf den letzten Metern herrliche Ausblicke auf das Massiv des Canigou und die spanischen Pyrenäen am Horizont.

Serralongue: Ausblicke auf den Canigou (r.) und die spanischen Pyrenäen. Foto: Hilke Maunder
Ausblicke auf den Canigou (r.) und die spanischen Pyrenäen. Foto: Hilke Maunder

Abgeschiedenes Idyll

Vom kleinen Parkplatz am Ortseingang führt euch die Rue de l’Église hinein ins Dorf. 1651, 1463, 1879: Häufiger als in anderen Pyrenäenorten verraten Inschriften, wann die wuchtigen Steinhäuser erbaut wurden.

Vorbei am Café de la Poste, das als Bistrot du Pays sich der lokalen Küche verpflichtet hat, kommt ihr zur Église Sainte-Marie. Ganz im Stil der Romanik entstand sie im 11. Jahrhundert aus rosa Granit.

Serralongue: Église Sainte-Marie Foto: Hilke Maunder
Im Stil der Romanik aus örtlichem rosa Granit erbaut: die Église Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder

Die Schmiedekunst von Sainte-Marie

Ihre schönste Zierde ist nicht ihr barockes Altarbild im Innern, sondern die Tür des Hauptportals. Kunstvolle Schmiedearbeiten, ein eindrucksvoller Riegel und ein wuchtiges Schloss schmücken sie.

Serralongue: Église Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
Das Hauptportal der Église Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
Serralongue: Église Sainte-Marie, Schloss des Hauptportals. Foto: Hilke Maunder
Wuchtige Schönheit: die Tür des Hauptportals der Église Saint-Marie. Foto: Hilke Maunder

Im Friedhof staune ich über das Alter, das die Bergler erreicht haben. Trotz aller Kriege und Grenzstreitigkeiten muss das Leben dort gesünder gewesen sein als anderenorts, denke ich.

83 Jahre, 92 Jahre, 97 Jahre. Was für ein langes Leben, und das vor bereits vor mehr als 200 Jahren!

Serralongue: Église Sainte-Marie, der Friedhof. Foto: Hilke Maunder
Der Friedhof der Église Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder

Der einzige Conjurador von Katalonien

Doch das wirklich Besondere findet ihr jenseits der Kirche auf dem höchsten Punkt des Dorfes. Vorbei an einer Madonna aus Stein und gestutztem Rosmarin führt eine Steintreppe hinauf zum Conjurador.

Dieser religiöse Baustil ist typisch für die katalanischen Pyrenäen auf beiden Seiten der Grenze. Pregadores, Orte, an denen gebetet wird, heißen sie auf der spanischen Seite. Doch ihre Aufgabe war identisch: Unheil abzuwehren. Kriege, Schlachten, Invasionen, Dürre und Hagel.

Serralongue: der Conjurador. Foto: Hilke Maunder
Heidnische Wurzeln, heiliger Beistand: Der Conjurador schützt vor Unglück. Foto: Hilke Maunder

Hilfe von vier Heiligen

In die vier Nischen über den Rundbogenfenstern des Schutzturmes stellte man dazu Heilige – für jede Himmelsrichtung einen Apostel.

Sankt Lukas stand im Süden, Sankt Matthäus im Norden, Sankt Johannes im Osten und Sankt Markus im Westen. Je nach Unbill, das drohte, betete man den Heiligen an und bat um Schutz. Und tat dies bis zur Mitte des 17. Jahrhundert.

Serralongue: die Madonna des Conjurador. Foto: Hilke Maunder
Auch die Madonna sorgt für himmlischen Beistand. Foto: Hilke Maunder

Ursprünglich bedeckte ein romanisches Ziegeldach den drei mal drei Meter großen Conjurador. 1792 ließen die Grafen bei der letzten Restaurierung die Tonschindeln durch Lauzen, flache Steine, ersetzen. Diese wiederum tauschte die Délégation régionale des affaires culturelles (DRAC) aus Kostengründen gegen Schiefertafeln aus.

Die Segnung der Esel

Serralongue: der Conjurador. Foto: Hilke Maunder
Der Conjurador von Serralongue. Foto: Hilke Maunder

Heute gibt es in ganz Frankreich nur noch rund 20 dieser bäuerlichen Bauten. In den beiden Katalonien, Nord und Süd, ist Serralongue das einzige Dorf mit einem Conjurador. Sein heidnischer Ursprung wurde von der katholischen Kirche gezielt umgenutzt.

Bis heute halten Priester oder Bischof in Serralongue am Tag nach Johanni eine Zeremonie für den heiligen Éloi als Schutzpatron der Goldschmiede und Schmiede ab und segnen Esel oder Maultier als tierische Symbole für Trittsicherheit in den Bergen. Welche ihr vor euch seht, verrät die Orientierungstafel am Conjurador!

Serralongue: Église Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
Die Église Sainte-Marie mit den Gipfeln des Vallespir. Foto: Hilke Maunder

Schon gewusst?

An der Esplanade von Serralongue erhebt sich, stolz und kraftvoll, ein Zürgelbaum ( micocoulier ). Sein hartes, aber elastisches Holz wurde früher für die Herstellung von Perpinyà-Peitschen verwendet, seine Früchte wanderten in Kekse und Kuchen.

Conjugar de Serralongue. Blick auf das Pyrenäendorf von der Kirche Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder
Blick auf das Pyrenäendorf von der Kirche Sainte-Marie. Foto: Hilke Maunder

Serralongue: meine Reisetipps

Schlemmen

Café de la Poste

Fleur Santoni betreibt im Herzen von Serralongue ein Bistrot de Pays. Als Mitglied der landesweiten Vereinigung von Landgasthöfen, die die lokale Küche fördern, serviert sie Kabeljau nach katalanischer Art, Ouillade, in Banyuls geschmorte Rindsbäckchen, Hähnchen mit Steinpilzen und andere typische Gerichte der Region – im Sommer auf der Terrasse mit Blick auf die Türme von Cabrenç.
• 16, rue Abdon Poggi, 66230 Serralongue, Tel. 04 68 39 60 00, www.facebook.com

Serralongue: das Bistrot du Pays des Pyrenäendorfes. Foto: Hilke Maunder
Das Bistrot du Pays des Pyrenäendorfes. Foto: Hilke Maunder

Erleben

Wandern

Die Stadtverwaltung von Serralongue hat Infoblätter für sieben schöne Wanderungen in der Umgebung zum kostenlosen Download ins Netz gestellt. Klickt hier!

Rallye du Vallespir

Seit 1989 organisiert der Verein Rallye 66 alljährlich Mitte Juni drei Tage lang eine Rallye, die für den französischen Rallye-Cup zählt. Auf der 270 km langen Strecke müssen die Teilnehmer auch 130 km gezeitete Sonderprüfungen meistern.
www.facebook.com/VallespirRallye

Serralongue. Das Dorf ist eine Etappe der Rallye durch den Vallespir.
Etappe der Vallespir-Rallye: Serralongue. Foto: Hilke Maunder

Nicht verpassen

Musée Médiéval

Das Heimatmuseum stellt mit animierten Modellen die traditionellen Aktivitäten des Haut-Vallespir dar: katalanische Schmieden, Mühlen für Olivenöl und Getreide sowie die Arbeit von Köhler und Förster. Ebenfalls ausgestellt ist eine katalanische Küche aus dem 18. Jahrhundert.
• 2, rue de l’Église, 66230 Serralongue, Tel. 04 68 39 62 14

Hier könnt ihr schlafen*

 

Serralongue: Ausblicke auf den Canigou. Foto: Hilke Maunder
Serralongue: Ausblicke auf den Canigou. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

Das Erbe der Frühzeit

Bereits um 700 v. Chr., zwischen dem Ende der Bronzezeit und dem Beginn der Eisenzeit, haben Archäologen Spuren der ersten Besiedlung gefunden. Am El Camp de los Olles entdeckten sie u. a. ein Feld von Graburnen. Ihr findet diese Zeugnisse im prähistorischen Museum von Tautavel. Hier habe ich es vorgestellt.

Saint-Laurent-de-Cerdans

Im größten Ort des südlichen Vallespir weben Les Toiles du Soleil die typisch katalanischen Streifenstoffe, aus denen kleine Werkstätten bis heute Espadrilles per Hand herstellen. Entdeckt den Ort und sein Handwerk hier.

In den katalanischen Farben Rot und Gelb: die espadrilles im Ausstellungsbereich von Créations Catalanes. Foto: Hilke Maunder
In den katalanischen Farben Rot und Gelb: die espadrilles im Ausstellungsbereich von Créations Catalanes. Foto: Hilke Maunder

Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!

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