Aki Kaurismäki: Le Havre (Filmtipp)

Aki Kaurismäki: Le Havre

Afrika drängt nach Europa: Auf welchen Wegen Flüchtlinge versuchen, der Armut in der Heimat zu entfliehen, zeigt Aki Kaurismäki in seinem 2011 erschienen Film Le Havre*. Er greift damit ein Thema auf, das auch Krimischreiber wie Henning Mankell fasziniert hat. Jener zeigt, wie brutal und kriminell dieser Menschenschmuggel erfolgt.

Mit dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki hat sich ein zweiter Skandinavier dieses Themas angenommen. Es ist Thema des zweiten großen Kinofilms von Aki Kaurismäki. Er spielt nicht in Finnland, sondern in Frankreichs Tor zum Ozean: Le Havre.

Flüchtlingsdrama an der Seine-Mündung

Marcel Marx (André Wilms)  ist Schuhputzer in der normannischen Hafenstadt und lebt mit seiner Frau Arletty (Kati Outinen) in einem kleinbürgerlichen Milieu, wo Nachbarschaft und Teilen nicht hohle Worte, sondern gelebter Alltag sind.

Und so nimmt er eines Tages auch einen sans-papiers, einen illegalen Flüchtling aus Afrika auf – den minderjährigen Idrissa (Blondin Miguel). An seine Fersen heftet sich Inspektor Claude (Jean-Pierre Darroussin).

Auf Recherche im jungle von Calais

Doch Aki Kaurismäki macht daraus keinen Krimi, sondern einen klassischen Autorenfilm, getragen von der Sehnsucht nach Solidarität und Gerechtigkeit. Sein Film ist fern von Betroffenheits-Pathos und Rührseligkeit, ein melancholisches Märchen, ein tragikomischen Tagtraum, eine Geschichte der Hoffnung.

Aki Kaurismäki integriert zahlreiche Fakten in seine Fiktion. Auf der Suche besucht Marcel auch ein Lager in Dünkirchen, wo er sich als white negro, als Albino unter seinen Verwandten ausgibt.

Wie es in tatsächlich in dem berühmten jungle von Calais aussah, verrät Aki Kaurismäki anhand von Fernsehberichten über dessen Räumung 2009: Sozialkritik, die für sich selbst spricht.

Migrationsdrama von Lioret

Solidarität und Verständnis für die Flüchtlinge zeigt auch der französische Regisseur Philippe Lioret.  2009 erzählte er in Welcome, wie ein französischer Bademeister einem Flüchtlingsjungen das Schwimmen beibrachte, um den Ärmelkanal zu durchqueren.

2009 wurde Lioret bei den Internationalen Berliner Filmfestspielen für sein Migrationsdrama ausgezeichnet, 2010 in Paris mit dem Prix Lumière geehrt.

Erste Ehren gab es bereits auch für Aki Kaurismäki: den FIPRESCI (Fédération Internationale de la Presse Cinématographique)-Preis 2011 in Cannes sowie den Münchner Filmpreis 2011.

Ein Kreuzfahrtschiff verlässt den Hafen von Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Ein Kreuzfahrtschiff verlässt den Hafen von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Drehort Le Havre

Nicht erst Aki Kaurismäki hat es erkannt: Mit ihren kontrastreichen Lebenswelten ist die normannische Hafenstadt Le Havre eine perfekte Kulisse für großes Kino. Mehr als 100 abendfüllende Spielfilme wurden in der Hafenstadt an der Seine bereits gedreht.

Regisseure wie Marcel Carné, Fabien Onteniente und Gérard Oury haben ihre Kameras in den Straßen der Stadt aufgestellt, berühmte Schauspieler wie Jean Gabin und Jean-Paul Belmondo hier gespielt.

Gefragter Mime: Jérôme Boyer

Und Jérôme Boyer. Der Schauspieler aus Le Havre besuchte mit 14 Jahren die dortige Schauspielschule. Seinen ersten Auftritt hatte er in Selon Charlie von Nicole Garcia.

In Disco* spielte er an der Seite von Franck Dubosc als Werftarbeiter mit. In der Serie Braquo von Olivier Marchal trat er unter den Regisseuren Pierre Schoendoerffer und Jean-Hugues Anglade auf.

Auch im L’ennemi public numéro 1 folgte eine Rolle. Dann stand Jérôme Boyer für Aki Kaurismäki vor der Kamera. Und wurde auch im Casting für Une Nuit von Lucas Belvaux für die Rolle eines Polizisten ausgesucht.

Le Havre gedrehten Filme: eine Auswahl

  • 2023: Jean-Pierre Améris, Marie-Line et son juge
  • 2017: Stéphane Kazandjian, Bad Buzz
  • 2012: Lucas Belvaux, 38 Témoins, Krimi
  • 2011: Aki Kaurismäki, Le Havre*
  •  2008: Fabien Onteniente, Disco* mit Franck Dubosc in der Rolle von Didier Travolta
  •  2007: Sophie Marceau, La disparue de Deauville* (Zimmer 401) mit Christophe Lambert. Gedreht wurde in den Straßen der Stadt wie der Rue Pasteur und im Einkaufszentrum Espace Coty
  • 1988: Agnieska Holland, Le Complot*, Christophe Lambert auf den Spuren von Pater Popieluzco, der in Polen als führendes Mitglied von Solidarnosc 1984 durch die Geheimpolizei ermordet worden war
  • 1969: Gérard Oury, Le Cerveau (Das Superhirn*) mit  Jean-Paul Belmondo, Bourvil und „Superhirn“ David Niven, die in der Krimikomödie einen Geldtransport der NATO ausrauben.
  • 1962: Henri Verneuil, Un singe en hiver mit Jean Gabin und Jean-Paul Belmondo – gedreht wurde in und um Deauville, in Le Havre und im Cabaret Normand von Villerville, bis heute Epizentrum des kleinen Ortes an der Côte Fleurie.
  • 1938: Marcel Carné, Quai de Brumes (Hafen im Nebel), mit Jean Gabin und Michèle Morgan verfilmt nach dem gleichnamigen Roman von Pierre Mac Orlan
Filmplakat auf einer Hauswand von Villerville bei Le Havre Foto: Hilke Maunder
Filmplakat auf einer Hauswand von Villerville bei Le Havre Foto: Hilke Maunder

© Pressephotos: Filmfestspiele Cannes, 2011

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Im Blog

Le Havre ist eine ungeheuer spannende, moderne Stadt, die es zu entdecken lohnt. Lasst euch hier inspirieren:

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Poesie in Beton: das Welterbe von Le Havre

Im Buch

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