Abtei Fontevraud. Foto: Hilke Maunder
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Fontevraud: Kloster, Knast & Kunst!

Sie gilt als größte Klosterstadt Europas, ist Grablege von Niedergang und die Inschriften von Gefangenen: die königlicheAbbaye de Fontevraud. Ihr findet sie im Anjou, nur wenige Kilometer südlich der Loire zwischen Saumur und Chinon.

Gesamtkunstwerk im Anjou

Auf 14 Hektar erstreckt sich hinter schützenden Mauern dies architektonische Gesamtkunstwerk, dessen Wurzeln im 12. Jahrhundert liegen. Von 1115 an regierten ausschließlich Äbtissinnen, obgleich im Saint Jean de l’Habit auch Männer, Brüder und Priester lebten. Eine gemischte Religionsgemeinschaft, geleitet von Äbtissinnen aus mächtigen Adelsfamilien. Damit war Fontevraud etwas ganz Besonderes. Und das sieben Jahrhunderte lang, bis zur Revolution 1789.

Die Gräber englischer Könige

Außergewöhnlich ist es auf den ersten Blick zunächst auch, hier die Gräber englischer Könige zu finden. Doch nur auf den ersten Blick: Die Grafen von Anjou gehörten zum englischen Herrscherhaus der Plantagenets. Fontevraud wurde ihre zentrale Grablege. So, wie sich die französischen Könige über Jahrhunderte in der Basilique de Saint-Denis nördlich von Paris begraben ließen.

Dort, wo das 90 Meter lange Kirchenschiff in den Chor übergeht, haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. Eleonore von Aquitanien. 1204 hier verstorben, liegt neben ihrem zweiten Mann Heinrich II. von England in der oberen Reihe. Ihr gemeinsamer Sohn Richard Löwenherz und die Witwe des jüngsten Sohnes Johann Ohneland, Isabelle von Angoulême, befinden sich darunter. Ebenso hier seht ihr das Grab von Raymond VI., Graf von Toulouse.

Der nun folgende Marien-Kreuzgang (um 1520 –1560) gilt als größter Frankreichs. Danach folgt der Kapitelsaal (1543). Die Bauten des St.-Benedikt-Kreuzgangs (um 1600) dienten als Krankenstation.

Besonders eindrucksvoll fand ich die romanische Küche mit ihren Feuerstellen in den Nischen, den hohen Kaminen und der Zahlensymbolik, die sogar bei einem reinen Zweckbau beachtet wurde.  Ihr findet sie an der Südwestecke des Marien-Kreuzgangs (ca. 1060).

Für Besucher gesperrt: der Abteigarten von Fontevraud. Foto: Hilke Maunder
Für Besucher gesperrt: der Abteigarten von Fontevraud. Foto: Hilke Maunder

Äbtissinnen mit königlichem Blut

Unter der Protektion der Plantagenets erlebte das Kloster mit seinem gemischten Orden seine Blütezeit. 15 seiner insgesamt 36 Äbtissinnen hatten königliches Blut.

Während der Revolution säkularisiert, das Land parzelliert und verkauft, fanden die großen Klostergebäude keine Käufer. Unter Napoleon wandelte sich so das Kloster zum Knast.

Der Knast von Jean Genet

Im 19. Jahrhundert war Fontevraud nicht nur das größte Gefängnis Frankreichs, sondern auch das härteste des Landes – mit Rauchverbot, Schweigepflicht und zwölfstündiger Zwangsarbeit. Zu den berühmtesten Insassen gehörte der wegen Passfälschung und Diebstahl inhaftierte Jean Genet. In Le Miracle de la rose schrieb der Schriftsteller:

„Von allen Zuchthäusern Frankreichs ist Fontevraud das furchtbarste. Nirgendwo sonst erfuhr ich Verzweiflung und Einsamkeit stärker, und ich weiß von den Gefangenen selbst, die zuvor andere Gefängnisse kennenlernten, dass sie eine der meinen vergleichbare Leidenserfahrung gemacht haben.“

Erst 1963 schloss die Zuchtanstalt endgültig ihre Pforten.

Konzerte und Kunst

1975 wurde Fontevraud ein Kulturzentrum des Centre culturel de l’Ouest, das im Kloster Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. 2020 wandelte sich Fontevraud erneut. Im Herbst eröffnet in der königlichen Abtei ein Museum für Moderne Kunst, das die Privatsammlung von Martine und Léon Cligman birgt.

50 Jahre lang hat das Paar grandiose Werke des 19. und 20. Jahrhunderts zusammengetragen: Arbeiten von Degas, Toulouse-Lautrec, Soutine und Delaunay sowie zwanzig Skulpturen von Auguste Rodin und Germaine Richier. 900 Werke – Skulpturen, Gemälde und Antiquitäten – hat das betagte Paar Fontevraud vermacht.

Thibaut Ruggerie. Pressebild Abtei Fontevraud
Thibaut Ruggerie. Pressebild Abtei Fontevraud

Glanzvoll sind nicht nur die Architektur und Kunst der Abtei, sondern ist auch ihre Küche. In Fontevraud hat Thibaut Ruggeri nach seinen eigenen Worten den idealen Ort gefunden, um seine kulinarische Vision zu erfüllen.

Ruggeri, am 5. September 1980 geboren, entschied sich mit 14 Jahren, Koch zu werden. Er ging zu Michel Guérard vom Près d’Eugénie, zum Dreisternekoch Georges Blanc, zu Michel Kayser und dann ins Pariser Taillevent zu Jean-Claude Vrinat und Alain Solivérès.

Welche Klasse er besitzt, zeigen die beiden hohen Auszeichnungen, die ihn zieren: ein Bocuse d’or und ein Stern von Michelin. Ruggeri setzt auf eine zeitgemäße, gesunde wie raffinierte Küche, in der Überflüssiges und Aufgeblasenes keinen Platz hat. Sein Motto: das Schöne mit dem Guten zu versöhnen.

Aufs Feinste schön schlicht wie die Kost ist auch die Einrichtung des Restaurants von Patrick Jouin und Sanjit Manku, die auch im L’Hôtel ihre Handschrift hinterließen. Mit rohen wie luxuriösen Materialien, nüchtern und reduziert bewahrten die beiden Designer die klösterliche Vergangenheit des Priorats Saint-Lazare und überführten sie stilvoll in die Moderne.

Elegante, massive Holzlampen leuchten über den Tischen, die auf alles Überflüssige verzichten. Nur das Unverzichtbare steht dort – wie die Keramikschalen von Charles Hair, einem Keramiker aus der Touraine.

Das ehemalige Küchengebäude der Abtei Fontevraud. Foto: Hilke Maunder
Das ehemalige Küchengebäude der Abtei Fontevraud. Foto: Hilke Maunder

Abbaye de Fontevraud: die Infos

49590 Fontevraud-l’Abbaye, Tel. 02 41 51 73 52, www.fontevraud.fr

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5 Kommentare

  1. Als wir Urlaub an der Loire machten, drängte uns unsere Tochter Nora unbedingt das Grab der Eleonore zu besuchen.
    Wir waren alle überwältigt von dieser Anlage, allerdings liegt dies nun schon 23 Jahre zurück.
    Gruß aus Erding, Ilona Hauber

    1. Wie schön, liebe Ilona! Und ja, Anlage ist überwältigend! Viele Grüße, Hilke

  2. Ich habe heute das ehemalige Kloster Fontevraud besucht und war sehr enttäuscht.
    Daß es schon lange kein Kloster mehr war spürt man. Daß es so lange ein Gefängnis war habe ich heute erst bei meiner Besichtigung erfahren. Die Räume sind totsaniert und haben keine Ausstrahlung mehr. Mein Anliegen war in erster Linie das Grab von Eleonore von Aquitanien zu besuchen. Ich bin ein großer Fan von Ihr und habe alles über Sie gelesen. Außerdem hätt mich noch sehr die Küche interssiert die leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Dafür 11 Euro zu bezahlen finde ich viel zu teuer. Der Garten ist auch nicht besonders sehenswert. Die lange Anreise die ich hierfür in Kauf genommen habe hat sich nicht gelohnt.

    1. Hallo Sabine, das ist ja schade! Die Bauten dienen heute als Kulturzentrum, aber die Anlage hat mir dennoch sehr gut gefallen – besonders auch die ungewöhnliche Küche! Ich hoffe, Du entdeckst noch viele schöne Ecken für Dich in Frankreich. Viele Grüße, Hilke

  3. Im Juni 2014 eröffnet mitten in der größten Klosteranlage Europas ein neues Hotel mit Gourmetrestaurant. Drinnen lassen innovative digitale Installationen die Geschichte der Abtei wieder auferstehen

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