EFAN in Nancy: Eine Stadt gestaltet Zukunft
Der Klimawandel stellt Städte weltweit vor enorme Herausforderungen. Wie können wir gemeinsam Lösungen entwickeln, die Lebensqualität, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit vereinen? In Nancy, der einstigen Hauptstadt Lothringens, werden diese Fragen nicht nur diskutiert, sondern aktiv angegangen. Die Stadt setzt auf Innovation, interdisziplinären Dialog und konkrete Projekte, um den ökologischen Wandel zu gestalten.
Ein zentraler Impulsgeber für diese Entwicklung sind die Entretiens Franco-Allemands (EFAN) – eine Plattform für den deutsch-französischen Austausch zu Zukunftsthemen. Hier treffen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsame Antworten auf globale Herausforderungen zu finden. Die EFAN stehen unter der Schirmherrschaft des französischen Staatspräsidenten und zeigen: Nachhaltige Stadtentwicklung gelingt am besten im Dialog.

Die EFAN verdeutlichen, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich ist, um den Klimawandel zu bewältigen. Initiiert wurden dieser Dialog von Jean Rottner, Präsident des Regionalrats Grand Est, und Mathieu Klein, Präsident der Métropole du Grand Nancy und Bürgermeister von Nancy: Immer mit dabei ist auch Esther Mikusziez als Leiterin des Goethe-Instituts Nancy/Strasbourg.
Andere wichtige Akteure wie Clément Beaune, Staatssekretär für europäische Angelegenheiten beim Minister für Europa und auswärtige Angelegenheiten sowie Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlandes, sind ebenfalls aktiv eingebunden. Unterstützt wird das jährliche EFAN-Treffen auch von Pierre Mutzenhardt, Präsident der Université de Lorraine sowie von Anne Tallineau und Tobias Bütow, Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW/OFAJ)
Welches Stellengewicht der Klimawandel für die deutsch-französischen Beziehungen hat, zeigt der Aachener Vertrag, der explizit darauf Bezug nimmt. Im Vertrag fest verankert ist das deutsch-französische Zukunftswerk. Als wissenschaftliche Leiterin der Geschäftsstelle untersucht Anne-Gaëlle Javelle seit Jahren, wie Frankreich und Deutschland gemeinsam nachhaltige Zukunftsvisionen für mehr Lebensqualität entwickeln können, die Umweltschutz sowie soziale und wirtschaftliche Aspekte ausbalancieren.
Dabei sind ihr Unterschiede aufgefallen. „In Deutschland entstehen grüne Projekte aus der Zivilgesellschaft heraus – und die Verwaltung adaptiert sie. In Frankreich ist der Staat der Motor der Veränderung, der es aber nicht immer schafft, die Menschen mitzunehmen.“ Diese Veränderungen habe ich mir in der Metropolregion Nancy vor Ort angeschaut.
Grand Nancy: eine Metropolregion im nachhaltigen Wandel
Grand Nancy ist die kleinste französische Metropolregion. In seinen 20 Kommunen leben rund 1,75 Millionen Menschen. Das gesamte Gebiet ist urban und verstädtert. Dadurch wird nur ein Prozent der Lebensmittel lokal erzeugt.
Plan Métropolitain des Mobilités (P2M)
Immer mit dem Auto: Das ist für viele Franzosen normal – und ist der Weg noch so kurz. Eine Million Fahrten erfolgen allein in der Metropolregion Grand Nancy – und die Hälfte von ihnen sind kürzer als drei Kilometer. Rein ins Auto: Für 52 Prozent der Bewohner ist dies Alltag in Nancy. Diese Quote soll bis 2030 auf 35 Prozent sinken.
Der Plan Métropolitain des Mobilités setzt daher auf Zufußgehen, Radfahren und umweltfreundlichere Verkehrsangebote. Kurz- und mittelfristige Maßnahmen sollen 2024 bis 2026 umgesetzt werden, größere Vorhaben bis 2035.
ÖPNV
Nancy will sein rund 20 Jahre altes Trambus-System umfassend sanieren. Ab 2024 soll das neue öffentliche Verkehrsnetz auf fünf Hauptlinien basieren: einer Linie 1 mit einem zu 100 Prozent elektrisch betriebenen Trolleybus und den Linien 2 bis 5 mit sogenannten BHNS (Bus à Haut Niveau de Service). Ergänzend zu diesen Linien sollen weitere ÖPNV-Angebote für ein enges Netz sorgen. Die Ausbauarbeiten sind bis 2026 vorgesehen.

Rad
Bis zum Jahr 2035 soll es möglich sein, jede Fahrt in der Metropole mit dem Fahrrad zurücklegen zu können. Dazu soll bis 2026 das bestehende, 135 Kilometer große Radwegenetz auf insgesamt 248 Kilometer wachsen.
Auto
Im Ballungsraum von Nancy wurden zudem neun Standorte identifiziert, an denen versuchsweise mit der Umgestaltung und Beruhigung der öffentlichen Räume begonnen werden soll. Wo heute das Auto dominiert, sollen sich morgen Fußgänger wieder wohlfühlen. Zu den Standorten gehören:
• in Nancy: Rue Mon Désert, Porte Sainte-Catherine, Place Painlevé, Place Saint-Epvre
• Nancy, Malzéville, Saint-Max: Viaduc Louis Marin
• Jarville-la-Malgrange: Rue de la République
• Malzéville: Stadtzentrum
• Saint-Max: Place Barrois
• Essey-lès-Nancy: das Gebiet am Rathaus

Tempo 30
In vielen Bereichen der Alt- und Innenstadt von Nancy gilt bereits Tempo 30. Poller verhindern bereits das Parken am Straßenrand. Künftig soll das oberirdische Parken in der Stadt noch weiter eingeschränkt werden.
Oberbürgermeister Mathieu Klein: „Das Ziel ist nicht, das Auto aus dem Stadtzentrum zu vertreiben, sondern den Stellenwert der einzelnen Fortbewegungsarten wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das Privatauto kann angesichts der Klimakrise nicht mehr das dominierende Verkehrsmittel sein.“
Im Großraum Nancy werden daher drei neue Park-and-Ride-Parkplätze geschaffen. Sie sind an den öffentlichen Nahverkehr und an Fahrradachsen angeschlossen und bieten 400 neue Plätze zusätzlich zu den 1000 bestehenden.
Revitalisierung
Industrialisierung und Militär haben in Nancy ihre Spuren hinterlassen. Ihre verlassenen Bauten wurden nicht abgerissen, sondern neu genutzt: nachhaltig und innovativ. Diese Revitalisierungsprojekte haben dabei besondere Strahlkraft.
Alstom
Das Alstom-Gelände soll zum ersten echten Öko-Viertel in Nancy werden. Es ist das wichtigste Projekt im Norden des Ballungsraums Nancy. Zwischen dem Rhein-Marne-Kanal und der Meurthe soll auf insgesamt 300 Hektar eine Mischung aus Wohnen, Wirtschaft und Kultur entstehen, die Industrieerbe und Natur harmonisch verbindet. Im Alstom-Viertel wird bis 2026 auch die neue Cité judiciaire angesiedelt. Neben dem quartier Alstom gehören auch die Viertel Grands Moulins, Lafayette und Sentier du Dimanche zum Sanierungsgebiet.
Artem
Das Musterbeispiel für die Umnutzung einer Militär-Brache heißt in Nancy Artem. Unter Leitung des Architekten Nicolas Michelin, der auch die École nationale supérieure des Mines de Nancy und das Institut Jean Lamour realisiert hat, wandelten sich die einstigen Kasernen in einen Campus, der heute zu den zwölf Exzellenzcampi in Frankreich zählt.
ARTEM vereint Manager, Kreative und Ingenieure unter einem Dach. Dazu haben drei renommierte Bildungsträger – die Hochschule für Kunst und Design Nancy (École nationale supérieure d’art et de design de Nancy), die ICN Business School und der Hochschule für Ingenieurwesen Nancy (Mines Nancy) eine Partnerschaft geschlossen. Als ARTEM Alliance bieten sie interdisziplinäre Studiengänge, die in Frankreich einzigartig sind.
L’Octroi
Die ehemaligen Schlachthöfe von Nancy bilden seit 2021 als L’Octroi ein Startup-Zentrum. Seine fünf Gebäude bergen Büros von Jungunternehmern und Beratungsfirmen. In der Halle ouverte gastiert freitags ein Biomarkt. Für Kultur und andere Events gibt es die große Veranstaltungshalle Grande Halle.
L’Octroi versteht sich als ein Ort des kreativen Schaffens. Als multidisziplinäres Labor verbindet es Leben, Arbeiten und Zeigen. Und bietet zudem Hilfe beim Aufbau des eigenen Unternehmens.
Direkt anL’Octroi grenzt seit 2007 mit L’Autre Canal (LAC) eine der spannendsten Bühnen der Stadt für aktuelle Musik. Seit 2019 hat das LAC mit Bon Moment auch sein eigenes Musik-, Wein- und Gastronomiefestival.
Sonnenkraft
Nancy setzt massiv auf die Nutzung von Sonnenenergie auf den Dächern der Metropole. Welche Lösungen für jedes Haus der Stadt möglich sind, verrät ein innovatives Online-Tool: das Sonnen-Kataster.
Einfach auf das Dach einer beliebigen Adresse der Stadt klicken. Und schon verrät die Webseite, wie groß die Dachfläche ist und wie gut sie für Fotovoltaik genutzt werden kann. Für das auf dem Foto abgebildete Dach sieht die Bilanz so aus.

Begrünung statt Beton
Versiegelte Flächen aufbrechen und Bäume mit Mehrwert anpflanzen: Auch das ist Motto in Nancy. So wurden Ende November 2021 50 Obstbäumen in Nancy neu gepflanzt. Dort findet ihr auch kleine urbane Gärten mit Pflanzen, die Früchte und andere grüne Genüsse zum Selbsternten bieten.
Nancy Thermes
2023 wurde schließlich auch der Traum von Louis Lanternier, der 1913 aus Nancy eine Thermalstadt machen wollte, Wirklichkeit. Mit der Eröffnung der einzigen Wasser- und Thermalanlage Frankreichs im Herzen einer Stadt hat Nancy an seine Vergangenheit als Badestadt angeknüpft. Die Anlage von Nancy Thermes grenzt an den Parc Sainte-Marie, einem Schmuckkästchen im Grünen, und ist nur wenige Schritte vom Museum der École de Nancy und dem Artem-Campus entfernt.
Für das 97,9 Millionen Euro teure Projekt wählten die Abgeordneten des Metropolrates die Architektin Anne Demians. Sie hat in Nancy bereits das Quai Ouest-Gebäude auf der Île de Corse entworfen. Ihr zur Seite stand bei diesem Projekt Nicolas Chabanne. Wie gefallen euch die Pläne von Nancy zum nachhaltigen Stadtumbau? Kennt ihr noch weitere Projekte? Ich freue mich auf eure Kommentare und Tipps per Mail an info at maunder punkt de. Merci !
Hintergrund: EFAN
Seit 2018 lädt die Metropolregion Nancy zu deutsch-französischen Gesprächen in die einstige Hauptstadt des Herzogtums Lothringen. Die Themen der entretiens franco-allemands (EFAN) wechseln jährlich. Die Gespräche sind Teil der internationalen Strategie von Grand Nancy. Bisherige Themen waren neben dem Klimawandel die digitalen Umwälzungen, die Revolution der künstlichen Intelligenz sowie neue (Bio-)Materialien.
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