Der Blick über den Étang de Thau bei Bouzigues. Foto: Hilke Maunder
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Étang de Thau: Wellness mit Austern

Wie still ist der Étang de Thau ! Am Horizont reckt sich der Mont Saint-Clair von Sète in den Himmel des Languedoc. Aus der spiegelglatten Wasseroberfläche des Lagunenensees ragen die Seile und Tische der Austernzüchter heraus. 13.000 Tonnen Austern, zu 90 Prozent die pazifische Auster, werden in dem 19 Kilometer langen und fünf Kilometer breiten Binnenmeer kultiviert und ganz frisch an seinen Ufern genossen.

Der Hafen von Bouzigues. Foto: Hilke Maunder
Im Hafen von Bouzigues. Foto: Hilke Maunder

Am besten schmeckt sie in den einfachen Straßenlokalen von Bouzigues. Dort öffnen junge Männer mit scharfen Austernmessern die huîtres von mittags bis spätnachts. Sie stapeln sie auf Papptellern oder Metallplatten, drapieren Algen und Eis drumherum, füllen Zitrone, Essig und Mayonnaise in kleine Schälchen, werfen frisches Baguette in einen Brotkorb und servieren dazu kühlen Picpoul de Pinet.

Ebenso gut passt er zu Rotbarbe, Dorade und Wolfsbarsch, die vor der Küste gefischt werden. Und so manch einer schlürft ihn bereits zum Aperitif – ob mit oder ohne Austern. Voilà. So leicht und unbeschwert ist südfranzösische Lebenslust!

Bouzigues hat bereits 1995 als erste Gemeinde des Départements Hérault die begehrte Auszeichnung Site Remarquable du Goût erhalten!

Was für Powerpakete Austern sind, könnt ihr  bei Führungen durch die Austernparks der Lagune entdecken, wie sie auch Stéphane Saez anbietet. Alles über die Austernzucht und den Fischfang in der Lagune erfahrt ihr im Musée de l’Étang de Thau von Bouzigues, zu dem auch ein kleines Aquarium gehört.

Am Charme von Mèze

Auf der Route de l’Huître, die den Étang de Thau umrundet, kommt ihr zur zweiten Hochburg für Austern an der Lagune: Mèze mit seinem kleinen Strand La Plagette am Étang de Thau und seinem malerischen Hafen. Auch hier locken mehrere Lokale mit frischen Austern zum Blick auf den Hafen.

Doch der Étang de Thau hat mehr zu bieten. Die Lagune ist die Kinderstube der Fische. Im Frühjahr kommen sie zum Laichen ins durchschnittlich vier Meter tiefe Gewässer, das stellenweise jedoch bis auf 30 Meter hinabsinkt, im Herbst kehren sie ins Mittelmeer zurück.

Dicht an dicht sind im Hafen von Mèze die Boote der Austernfischer vertäut. Foto: Hilke Maunder
Dicht an dicht sind im Hafen von Mèze die Boote der Austernfischer vertäut. Foto: Hilke Maunder

Meeräschen, Seewolf, Doraden und Aale werden des Sommers dort gefangen und ebenfalls fangfrisch serviert – am liebsten gegrillt, mit Knoblauch und Kräutern, einem Viertel Zitrone am Tellerrand.

Das Erbe der Antike

Schon die Griechen fühlten sich am Étang de Thau wohl, und auch Mèze hat griechische Wurzeln. Messe hieß es im 5. Jahrhundert v. Chr. und war ein wichtiger Handelsplatz. Die Römer bauten ihn weiter aus und führten daher auch ihre Via Domitia ganz in der Nähe vorbei. Das archäologische Museum von Mèze erzählt davon mit einer beeindruckenden Sammlung von antiken Artefakten aus der griechischen und römischen Zeit.

Rund zweieinhalb Kilometer nördlich wurde im  1. Jahrhundert n. Chr. der Landsitz Villa Loupian erbaut, der zur Römerzeit Wein und Olivenöl herstellte und dank der nahen Via Domitia  Handelsbeziehungen zu anderen Städten und Regionen im Römischen Reich unterhielt. Die Villa bewohnte eine wohlhabende römischen Familie, die sie mit luxuriösen Wohnräumen, Bädern, Gärten und einem Amphitheater ausstattete.

Über den Masten der vielen Segelbooten, die dort vertäut sind, erhebt sich der viereckige Turm der Église Saint-Hilaire. Foto: Hilke Maunder
Über den Masten der vielen Segelboote, die dort vertäut sind, erhebt sich der viereckige Turm der Église Saint-Hilaire. Foto: Hilke Maunder

Doch im  5. Jahrhundert n. Chr. plünderten Vandalen die Villa und zerstörten sie so sehr, dass sie später vor allem als Steinbruch für andere Gebäude genutzt wurde, ehe die Natur sie eroberte und überwucherte.  Seit dem 19. Jahrhundert laufen  archäologischen Ausgrabungen dort. Heute bilden die Überreste der Villa ein Museum, das mit Resten von Mosaiken und Wandmalereien ahnen lässt, wie prachtvoll die Villa einst gewesen sein muss.
• Musée villa gallo-romaine de Loupian, D158, 34140 Loupian, Tel. 04 67 18 68 18, https://patrimoine.agglopole.fr

Die Spuren der Saurier

Ein zweites Museum verrät, wer Jahrmillionen früher am Étang de Thau heimisch war: Dinosaurier.  In der späten Kreidezeit, vor etwa 70 Millionen Jahren, war der Étang de Thau Teil des Tethys-Ozeans, der sich vom heutigen Atlantik bis nach Asien erstreckte. Dass an seinen Ufern die riesigen Echsen gelebt haben, verraten Fußabdrücke im Fels und Dino-Knochen, die bei Ausgrabungen gefunden wurden.

Mehr als  60 Millionen alte Skelette, versteinerte Trittspuren und Eierschalen von Dinosauriern wurden 1996 westlich von Mèze gefunden. Auf dem Forschungsgelände ihr im Musée-Parc des Dinosaures das größte Saurierskelett der Welt bewundern – einen 25 Meter langen und 50 Tonnen schweren Brachiosaurus. Unvorstellbar, dass auch er einmal hier gelebt hat!
• Route de Pézenas, 34140 Mèze, Tel. 07 60 00 92 22, www.musee-parc-dinosaures.com

Welche Auster soll es sein?

Le Mourre Blanc: Muschelzucht. Foto: Hilke Maunder
Die Muschelzüchter und Austernfischer von Le Mourre Blanc. Foto: Hilke Maunder

Neben der pazifischen Felsenauster, die immer mehr die Flachauster verdrängt, lassen sich am Étang de Thau auch Tarbouriech-Austern kosten. Da sie größer und fester im Fleisch sind, sind sie auch deutlich teuer. „Erfunden“ hat sie Florent Tarbouriech.

Der Austernzüchter kam 2006 auf die Idee, die Austern regelmäßig aus dem Wasser der größten Salzwasserlagune Europas zu heben. Der Hebeakt imitiert den Wechsel von Ebbe und Flut. Die Austern reagieren auf den Wechsel, indem sie sich zum Schutz vor Sonne und Wind schließen.

Das trainiert ihren Muskel, macht das Fleisch fester und die Schale dicker. Sie zu öffnen, bedeutet noch mehr Kraft – und Übung! Kostet sie im Comptoir Le Saint-Barth, einem kleinen Paradies am Ende der Welt.

Wellness mit Austern

Screenshot von der Webseite der Domaine Tarbouriech. Copyright: Domaine Tarbouriech
Screenshot von der Webseite der Domaine Tarbouriech. Copyright: Domaine Tarbouriech

Oder bei Wellness-Anwendungen. Denn Florent Tarbouriech ist überzeugt: Austern sind gut für die Haut! Anfang 2017 stellte er sein Konzept für ein Austern-Spa vor. Spinnerei, dachten da einige. Doch Florent ist von seiner Ostéotherapie überzeugt und hat Produkte und Pflegeprotokolle entwickelt, die von den Tugenden der Auster inspiriert sind. Sein Vorbild ist die chinesische Medizin, die traditionell die Kräfte der Auster nutzt:  Aragonit, Meereskollagen und Meeresseide.

Bei einem Bad mit exklusiven Wirkstoffen aus dem Meer und der Austern oder bei einer Massage mit der Schale der polierten und erhitzten Tarbouriech-Austern lässt sich diese ungewöhnliche Thalasso-Variante entdecken.

Savoir-Vivre mit Aussicht

Das Spa befindet sich in den Tanks eines ehemaligen Weinguts, das Sabine und Florent Tarbouriech in ein edles Verwöhnhotel verwandelt hat – mit vier Zimmern und Suiten im Herrenhaus, neun „Lodges“ in der ehemaligen Scheune aus dem 13. Jahrhundert sowie zwei „Residenzen“. Lavendel rahmt den kleinen Pool ein. Weit schweift der Blick über das Land hin zur Lagune und weiter bis nach Sète.

Im Restaurant wird Œnologie und Ostrealogie vereint – und dekliniert im Einklang mit den Jahreszeiten die Austern und Fische des Étang de Thau bei kreativen Meeresmenüs.

Screenshot von der Webseite der Domaine Tarbouriech. Copyright: Domaine Tarbouriech
Screenshot von der Webseite der Domaine Tarbouriech. Copyright: Domaine Tarbouriech

Balaruc-les-Bains: das Kurbad

Klassischer serviert Balaruc-les-Bains seine Gesundheitsanwendungen. In den östlichsten Ort am Étang de Thau zieht es vor allem Kurgäste mit Rücken- und Gelenkschmerzen: Balaruc ist Frankreichs drittgrößter Rheuma-Kurort.

Die Therapie heißt hier: Thermalwasser. Aus rund 2.500 Metern Tiefe tritt es aus der Westfalte, einem wichtigen Grundwasserleiter im Karst der Region, empor, fließt dabei durch mehrere Verwerfungen und reichert sich mit Spurenelementen an. Sieben bis neun Meter pro Stunde legt es dabei zurück.

Mehrere Thermalbäder und Wellnesszentren nutzen das Thermalwasser für Hydrotherapie, Massagen und Schlammbäder mit dem Schlamm aus dem Étang de Thau. Doch die Einheimischen parken ihr Gefährt am Thermalbad O’Balia und laufen dann zur source sauvage, einem wilden Thermalbecken am Ufer des Étang the Thau.

Lauft danach zum Belvedere im Quartier des Usines hinauf. Von dort eröffnen sich wunderschöne Blicke auf den Étang de Thau und Sète mit dem Mont Saint-Clair.

Im Hafen von Marseillan präsentieren Infotafeln die Ortsgeschichte. Foto: Hilke Maunder
Im Hafen von Marseillan präsentieren Infotafeln die Ortsgeschichte. Foto: Hilke Maunder

Daheim bei Noilly-Prat

Im Süden säumt Marseillan die Ufer des Bassin de Thau. Sein alter Handelshafen für Wein und Salz ist längst zum Jachthafen mutiert. Doch trotz allen Trubels hat Marseillan seine südfranzösische „Fischerdorfatmosphäre“ bewahrt.

Ein traditionelles Fischerboot aus Marseillan. Foto: Hilke Maunder
Ein traditionelles Fischerboot aus Marseillan. Foto: Hilke Maunder

Wie im nahen Sète im Norden des Étang de Thau gibt es auch in Marseillan ein Fischerstechen. Die Boote dieser Joutes, die meist Anfang Juli stattfinden, sind am Hafenkai zu bewundern: Holzboote in Rot und Weiß und flach genug, um auch bei niedrigem Wasserstand manövrieren zu können.

Berühmter jedoch ist Marseillan für seinen Wermut, der außerhalb Frankreichs besonders in den Vereinigten Staaten seine Fans hat.

Noilly Prat am Hafen von Marseillan. Foto: Hilke Maunder
Noilly Prat am Hafen von Marseillan. Foto: Hilke Maunder

Der Aromaexperte Joseph Noilly erfand das Originalrezept – den ersten trockenen Wermut – 1813 in Lyon. Wenige Jahre später ging sein Sohn Louis eine Partnerschaft mit Claudius Prat ein, der ein Händchen für Geschäfte besaß. 1850 richteten sie ihre Weinkellerei in Marseillan ein. An Bord der Schiffe, die von  Marseille aus die Weltmeere kreuzten, begann der weltweite Siegeszug des Wermuts.

Im Glas paart er sich beim Apéro auf Eis mit etwas Zitrone oder als Longdrink gerne mit Gin. In der Küche verleiht er Saucen die richtige Würze und wird auch gerne zum Ablöschen von Fleisch verwendet. Bis heute wird er in Marseillan nach dem Originalrezept hergestellt. Der Weinmix mazeriert in einer geheimnisvollen Mischung aus zwanzig verschiedenen Kräutern und Aromapflanzen.

Die Einfahrt vom Canal du Midi in den Étang de Thau bei Marseillan. Foto: Hilke Maunder
Die Einfahrt vom Canal du Midi in den Étang de Thau bei Marseillan. Foto: Hilke Maunder

Étang de Thau: meine Reisetipps

In der Nähe

Über das Wasser blickt ihr nach Sète. Die Hafenstadt / das Seebad habe ich hier vorgestellt.

Bei Marseillan wird der französische Wermut Noilly Prat hergestelltund reift dort in der Seeluft. Infos zur Besichtigung und Verkostung findet ihr hier.

Bei Noilly-Prat in Marseillan. Foto: Hilke Maunder
Bei Noilly-Prat in Marseillan. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen

Chez la Tchèpe

Die beste Adresse für frische Austern in Bouzigues ist ein einfaches Straßenlokal: Chez la Tchèpe – du sitzt auf Plastikstühlen im Gewühl, aber Austern und Wein sind unschlagbar gut!
• 14, avenue Louis Tudesq, 34140 Bouzigues, Tel. 04 67 78 33 19

À la Voile Blanche

Trendy und stylisch gibt sich dieser beliebte Treff mit Tapas-Restaurant und Club samt Pool zum Abkühlen…
• 301, quai du Port, 34140 Bouzigues, Tel. 04 67 78 35 77, www.alavoileblanche.fr

Hier könnt ihr schlafen

Hôtel de la Pyramide*

Meerblick, Pool, komfortable Zimmer, kostenloses WLAN und sehr freundliche Wirtsleute – das Dreisternehaus am Ortsrand von Mèze ist eine Oase der Erholung. Hier* könnt ihr sie buchen.
• 8, promenade Sergent JL Navarro, 34140 Mèze, Tel. 04 67 46 61 50, www.hoteldelapyramide.fr

Domaine Tarbouriech

Das edle Hotel, Spa und Restaurant des Austernzüchterpaares Sabine und Florent Tarbouriech.
• chemin de Villemarin, 34340 Marseillan, Tel. 04 48 14 00 30, www.domaine-tarbouriech.fr

Noch mehr Betten*

 

Weiterlesen

Im Blog

Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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4 Kommentare

  1. Was für ein toller Bericht .. ich danke herzlich aus Schweden. Ich fühlte mich gleich in meine Jugend zurück versetzt als ich auf einer Sprachreise bei meiner Gastmutter zum ersten mal in meinem Leben frische Austern essen konnte 😀 . Das ist ja nun hier im hohen Norden schwer möglich 🙂 Toll! Schwedengruß

  2. Solch ein herrlicher Bericht über den Étang de Thau! Da wird die Sehnsucht nach der seidigen Luft des Südens leider nur noch größer! Wer sich die Zeit bis zum nächsten Besuch im Hérault verkürzen möchte, könnte in meinen Krimis „Der Gast auf La Lumière“ und „Im Wind verspielt“ stöbern. Ende Januar wird „Der Schwan von Sète“ erscheint. In dem neuen Roman habe ich (mit Genehmigung) Teile des spannenden und informativen Berichts von Frau Maunder über das „Fischerstechen“ verarbeitet.

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