Hausboot: Wellen tanzen auf der Vilaine

Nach dem Canal du Midi waren wir infiziert: Mit dem Hausboot gemütlich durch Frankreich zu gleiten, war herrlich entspannend. In der Variante Süd. Trotz der vielen Schleusen. Doch jetzt blies uns der Wind mit sechs Beaufort entgegen, und tiefschwarz ballten sich die Wolken am bretonischen Himmel.

Die Vilaine, sonst ein gemächlich dahinfließender Küstenfluss, der bei Juvigné im Départemente Mayenne auf einer Höhe von 173 Metern entspringt und nach 218 Kilometern  an der Südküste bei Arzal als Ästuar in den Atlantik mündet, zeigte sich voller Leben und eroberte immer weiter die Ufer, überflutete sie und ließ Autofahrer, die dort geparkt hatten, vom Café aufspringen, um ihr Fahrzeug zu retten. „Alles halb so wild“, sagt Loïc Bloulais, der Leiter der Basis von Le Boat in Messac-Guipry, zeigte uns kurz das Schiff und verschwand mit dem ersten Regentropfen von Bord.

Gemeinsam mit unserem Einweiser von Le Boat inspizierten unsere Hausboot. Diesmal war es nicht das Modell Tango, das uns so gut gefallen hatte, sondern eine 12 m lange Caprice von Le Boat mit V-Koje im Bug und zwei Einzelbetten in der mittigen Kabine. Bei einer Sechser-Belegung hätte auch der Salon im Heck noch zur Schlafstätte umgebaut werden können. Im Salon mit der Sitzecke befand sich der Steuerstand – zu weit weg vom Bug, um bei Regen gut sehen und genau navigieren zu können. Besser steuern lässt sich das Boot vom erhöhten zweiten Steuerstand auf dem Sonnendeck, wo wir kurzerhand den Sonnenschirm zum Regenschutz umfunktionierten – perfekt, solange der Wind sich in Grenzen hielt.

Unsere Tour begann in Messac, wo der Abt Vincent Catwiesel 1771 zum ersten Mal in Frankreich Kartoffeln angebaut haben soll – wir sahen am Treidelpfad überall nur blühenden Raps. Und eine Villa mit wunderschönem Blauregen direkt am Ufer. Nach rund fünf Kilometern erreichen wir unsere erste Schleuse: die Écluse de Mâlon. Ihre seitlichen Zufahrtsbegrenzungen waren fast völlig vom Wasser überspült.

Nur ahnen konnten wir, wo die Poller zum Warten waren. Denn die Schleuse war geschlossen: Mittagspause für das Déjeuner. Im strömenden Regen kletterte ich an Land. Und entdeckte am Schleusenwärterhäuschen eine Schiefertafel, auf denen die Öffnungszeiten der Schleuse standen. 9.30 -12.30, 13.30 – 18.45 Uhr. Gleich daneben waren lila-weiße Plaketten an der Schieferwand des Häuschen befestigt. Die Überschwemmungen der Vilaine. 2014, 2013, 2001, 1999, 1995, 1936, 1881… fast immer im Winter. Doch diesmal im Mai.

Das schlechte Wetter klebt an uns wie Pech. Doch als wir Brain erreichen, stoppen die Schauer. Wir gehen von Bord. Laufen durch den Ort, vorbei an Schieferhäusern, die durch die Feuchte tiefschwarz glänzen. Bunte Türen, gelb, rot, blau, setzen Akzenten. Kein Mensch ist zu sehen. In einem kleinen Wäldchen, dessen Grün im Unterholz fast surreal ist, gluckert es leise. Zwischen Farnen erhebt sich ein Kreuz, wenig später eine kleine Kapelle, moosbewachsen und still. Dann durchbricht der Schrei von Eseln die zeitentrückte Stille.

Wir fahren weiter, lassen uns treiben auf dem Fluss, folgen den sanften Mäandern, der Strömung nach Süden. Wo endet der Fluss, wo beginnt das Land. Das Wasser verwischt alle Konturen. Am nächsten Tag beschließen wir, unter Deck zu bleiben. Doch die Scheibenwischer schaffen es nicht, der Flut von oben Herr zu werden. Und stehe mit Claudine wieder unter dem Sonnenschirm, navigiere durch Dunst und Regenvorhänge, die mal wie feine Vorhänge, dann wie grobe Mosaike in Grau wirken. Stunden um Stunden vergeht, schalten Körper und Geist um auf Meditation.

„Pass auf, da kommt eine Brücke!“ Oder genauer: das 139 m lange Eisenbahnviadukt von Corbinières, das seit 1853 die Vilaine überspannt. In zwei seiner 30 Meter hohen Bögen nisten chauves-souris, Fledermäuse, informiert eine Emailleschild der SNCF. Vor dem Viadukt bringt ein kleines Steilufer Abwechslung in die sonst von flachen Wiesen dominierte Landschaft: der Rocher de Corbinières – typisch für die „Bretagne Sauvage“, die wilde Bretagne. Wälder säumen jetzt den Fluss. Birken, Kiefern und Kastanien wachsen im Bois de Boeuvre und Bois de Baron. 

Die Orte verstecken sich jetzt weiter landein, und auch die Häuser, die wir sehen können, werden weniger. Hinter Besle wandelt die Landschaft erneut ihr Gesicht, Felsen und Wälder weichen flachen, weiten Land. Und wieder: Landunter. Mitten im Fluss verläuft die Grenze der Departments: steuerbords bin ich noch in Ille-et-Vilaine,  zur Backbordseite hocken Lara und Claudine bereits in Loire-Atlantique. Brücken, Biegungen, noch mehr Regen, noch mehr Wind. Wer steuert?

In Redon schiebt die steife Brise unser Schiff nach ihrem Willen hin und her. Und das in einem engen Hafenbecken, das bis auf den letzten Platz belegt schien. Oder doch nicht? Da könnten wir noch hineinpassen. Als die Skipper erkennen, welche Lücke wir füllen wollten, werden sie hektisch, hängen Fender an Fender an ihre Breitseite. Und geben Tipps, die der Wind verschluckt. Unter Deck ist die Sicht am Steuerstand null. Vom oberen Leitstand kann ich besser sehen – wenn mir nicht gerade wieder eine nasse Haarsträhne ins Gesicht fliegt. Die Hose klebt am Bein, die Hände sind von der kalten Nässe fast steif.

Langsam schiebt sich die weiß-blaue Caprice in Lücke. „Werft die Leinen her“, rufen unsere Nachbarn uns zu. „Keine Fahrt mehr, wir ziehen euch rein.“Als wir festgemacht hatten, sagt der Hafenmeister, der das Manöver beobachtet hat: „Alle Kanäle für die Navigation gesperrt. Ihr müsst hier warten. Ein paar Tage nur, mit Glück.“ Claudia, Lara und ich sehen uns an. Ohne Fahrt würde die Batterie bald schlapp machen. Dann wäre es feucht und kalt. Ich rufe Loïc Bloulais an. Zwei Stunden später ist unser Balade Bretonne per Boot beendet. Und genau in dem Moment, als wir Schlüssel und Unterlagen abgeben, reißt der Himmel auf. War das ein Wink des Schicksals? Hätten wir nicht den Törn beenden sollen? Wer weiß. Aber nach warmer Dusche, köstlichen Crêpes und süffigem Cidre in Messac, wo wir unseren Wagen abgestellt hatten, steht fest: Bretagne, auch das war toll. Und bestimmt wagen wir uns wieder aufs Wasser!

Nachtrag

„Vilaine“ bedeutet auf Deutsch schlimm, übel, unartig, ungezogen, garstig oder gemein. Das hätte mich stutzig machen müssen. Denn so hat sich der Fluss auch früher gebärdet – wilde Hochwasser, die sogar Schleusen überspülten, waren an der Tagesordnung. Daher war die Vilaine auch der erste Fluss Frankreichs, der mit 14 Stauschleusen auf einer Strecke von 131 Kilometern Länge schiffbar gemacht wurde. Die Berufsschifffahrt spielt heute auf dem Fluss keine Rolle mehr. Die Schleusen wurden daher auch nicht auf das Standartmaß umgebaut.

Hausboot-Törn auf der Vilaine: meine Infos

Hausbootrevier Bretagne

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