Canal du Midi: Traumtörn im Hausboot

Er ist der Weg des Sommers unter der warmen Sonne des Südens, die Sehnsuchtsstrecke der Hausbootfahrer in Frankreich: der Canal du Midi. Auf 240 km verbindet er Toulouse mit dem Mittelmeer – als technisches Wunderwerk, das uns als Freizeitskipper staunen lässt. Und reichlich schwitzen…

Seine Schleusen, 63 an der Zahl, bringen immer wieder Abwechslung und Aufregung in die Ruhe des Dahingleitens, die Muße auf dem Wasser. Hochbetrieb herrscht auch auf der höchstgelegenen Schleuse der Strecke, der Écluse Océan auf der Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Atlantik westlich von Castelnaudary in Naurouze.

Vom Atlantik zum Mittelmeer

Wo sich heute hinter einem verschlossenen Mauerring ein Obelisk in Erinnerung an den Erbauer erhebt, hatte Pierre-Paul Riquet in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Lösung für eine Vision gefunden, die seit Römertagen die Gedanken der Könige und Kaufleute beflügelte: einen Verbindungskanal zwischen den beiden Meere auszuheben.

Auf diese Weise bräuchten die Schiffe nicht mehr den gefährlichen und kostspieligen Umweg über die Meerenge von Gibraltar zu machen. 1666 unterschrieb Ludwig XIV. das königliche Edikt zum Bau der damals „Canal Royal“ genannten Schifffahrtsstrasse, die heute Canal du Midi heißt.

Die Frage, wie der Kanal, der auf seinem Weg 194 Höhenmeter überwindet, ständig mit Wasser versorgt werden könne, meisterte der Baron aus Béziers mit einem Geniestreich.

Er ließ am höchsten Punkt der Strecke in der Montagne Noire ein riesiges Staubecken anlegen, in dem das Wasser der gesammelt werden konnte. Von dort aus sorgt ein genau berechnetes System aus unterirdischen Wasserrinnen und Zuflüssen dafür, dass der Kanal bis heute das ganze Jahr hindurch schiffbar ist.

15 Jahre lang, nur mit Schaufel und Schubkarren, wurde das Kanalbett ausgehoben. Mehr als sieben Millionen Kubiktonnen Erde und Gestein räumten 12.000 Arbeiter, darunter 600 Frauen, fort. 450.000 Platanen, Pappeln und Zypressen wurden entlang der Treidelpfade gepflanzt, 328 Brücken, Dämme, Aquädukte und Schleusen gebaut – auf der nur 35 km langen Strecke zwischen Castelnaudary und Carcassonne allein 18.

Eindrucksvolle Schleusen

Und nicht, wie in anderen Revieren, gerade, kurze Schleusen mit einer Kammer und gelb markierten Schleusenbereichen, sondern mehre hunderte Meter lange Schleusentreppen mit vier, fünf, sechs, sieben, acht, sogar neun ovalen Kammern, die mehr als 20 Höhenmeter überwinden.

„Pas de soucis“, keine Sorge, meint Pierre nur, der eine Stunde lang die Freizeitskipper in die Technik und das Handling der  MS Tango einführt, die im Grand Bassin von Castelnaudary in der Crown Blue Line-Marina vertäut liegt. Gut zwölf Meter misst das schwimmende Ferienheim für die nächsten Tage. Das Heck birgt zwei Doppelkabinen mit 80 cm breiten Betten, wenig Staufläche, aber Blick aufs Wasser.

Hallo, MS Tango!

Dusche, Waschbecken und WC sind im Gang zur Galley untergebracht, wo Innen-Steuerstand und Kombüse sich einen hellen, geräumigen Raum am Bug teilen. Der Kühlschrank nimmt die Einkäufe vom Markt auf, der jeden Montag Vormittag Castelnaudary in ein Schlemmerparadies verwandelt. Eine kleine, steile Treppe führt an Deck mit Außensteuerstand und Panoramasitzecke, die rasch zum Lieblingsplatz wird: beim Frühstück in der Kühle des Morgens wie beim abendlichen Aperitif.

Am sommerlichen Himmel ballen sich Gewitterwolken und lassen die Altstadt dramatisch im Licht leuchten, als das Dreimädelstrio ablegt. Zwei Frauen und ein Kind. Oh, là là! Mit sichtlicher Neugier schauen die Passanten zu. Bis zur ersten Schleuse sind es 170 m. „Kommt mal hoch in den Turm“, ruft Schleusenwärter Jacques aus der geöffneten Fensterklappe, „dann könnt ihr sehen, was ihr vor euch habt!“

Die Écluse St-Roch, vier Staustufen, zwölfeinhalb Höhenmeter, und zig Hausboote, die gleichzeitig auf und ab geschleust werden. Trotz Bootsführerschein hat Claudia kleine Sorgenfalten auf der Stirn, als sie die nasse, schmale Leiter hinauf klettert, die Taue über die Schulter gelegt. Lara springt sicherheitshalber an Land, nur der Skipper bleibt am Außenstand an Bord.

Mit ungeheurer Kraft schießt das Wasser durch die geöffneten Schleusentore, will das Boot von der Wand wegdrücken, das an beiden Pollern beschlagen ist, vorn und hinten mit Leinen gehalten wird. Minuten später ist der Spuk vorbei, liegt die Tango wieder träge im Wasser und wird mit den Leinen per Hand über alte, gusseiserne Schleusenräder und Armaturen zur nächsten Schleusenkammer gezogen. Nach 30 Minuten Anspannung die Erleichterung: Welch ein erhebendes Gefühl, die erste Schleuse gemeistert zu haben!

Schleuse um Schleuse

Ernüchterung bringt ein Blick auf das Emailleschild am Schleusenwärterhäuschen: 1.533 m sind es bis zur nächsten Herausforderung, der doppelten Écluse de Gay, 1.653 m bis zur dreistufigen Écluse de Vivier. Danach bleibt kaum noch Zeit, einmal den Schweiß von der Stirn zu wischen. 418 m weiter folgt die Écluse de Guillermin, nur 523 m sind es danach bis zur Écluse de Saint-Sernin, die den Beginn entspannteren Schleusens markiert. Die nächsten elf Schleusen haben nur eine einzige Schleusenkammer.

Mittlerweile längst ein eingespieltes Team, ist das Trio darauf bedacht, an jeder Schleuse eine gute Vorstellung abzuliefern für die Radfahrer, Wanderer und Neugierigen, die das Schauspiel beobachten: Perfekt in der Schleusenmitte einfahren, das große Boot gaaaanz sanft zum Halt bringen, dann die zwölf Meter Stahlschiff in voller Länge an den Kai ziehen, nicht den Bug beim Abschleusen an der Schleusenwand aufhängen lassen, nicht gegen die anderen Boote stoßen…

Das Interesse der Passanten ist stetig und ungebremst, an jeder Schleuse die gleichen Fragen. „Geht das wirklich ohne Führerschein?“ – „…ist es denn so einfach?“, „woher kommen Sie?“ – „und schaffen Sie das, so ohne Mann?“

Besonders die letzte Frage scheint auch die Schleusenwärter zu beschäftigen. So wirft Claudia dem Staatsdiener an der Écluse de Lalande mit einem charmanten Lächeln die beiden Taue entgegen und ruft: „Merci.“ Verdutzt und stolz zugleich zieht er den Flachkieler durch die Doppelschleuse, während Claudia in der Kombüse das Déjeuner vorbereitet: Salat, Oliven, Rosé und Käse – Mittag à la française.

Déjeuner an Deck

Vorn scheint unbarmherzig die Sonne auf das Deck, in der flimmernden Luft liegt der Duft von Kräutern. Weit schweift der Blick über das Land, über Sonnenblumen- und Weizenfelder, hin zu den schneebedeckten Bergspitzen der Pyrenäen.

Jetzt sind alle Schleusentore geschlossen. Auch die Schleusenwärter gönnen sich nun bis halb zwei eine Pause. Morgens wird von 9 bis 12.30 Uhr geschleust, nachmittags ist je nach Reisemonat zwischen 17 und 19 Uhr Schluss, Nachtfahrten auf dem Kanal sind verboten.

Nach fünf weiteren Schleusen und sieben Kilometern Fahrt tanzen die Strahlen der tief stehenden Sonne zwischen den Baumreihen, lassen die Fluten in immer neuen Formen funkeln. Wasserlilien leuchten gelb am Ufer, Frösche quaken, Stille. Die „Tango“ liegt ruhig an einem kleinen Steg vertäut.

Shopping beim Kanalwärter

Ein verwittertes Holzschild informiert: La Boutique de l’Écluse, 1 km, artisanat, vin, pain, 9 – 21 heures. An den aufgestellten Holztischen sitzen Jean Louis Aillaud  und seine Frau Fréderique.

Beide haben sich in ihrer Heimat Île de Réunion kennen gelernt, in vielen Orten der Welt gearbeitet und hier ihre Wurzeln geschlagen: an der Écluse de Peyruque.  Direkt am Canal du Midi verkauft Frédérique im Schleusenwärterhäuschen Selbstgetöpfertes, hausgemachte Marmelade, Honig der Region, Confit, Cassoulet und Croissants.

Abends genießen beide ein Glas Rotwein mit den Gästen, die mit den Pénichettes den Kanal entlang schippern. Einsamkeit oder Langeweile kennen sie nicht: „Zu uns kommt die Welt.“ Gestern zwei Japaner mit Mountain Bikes, heute morgen eine Familie aus Melbourne, die im Hausboot unterwegs war, und jetzt das deutsche Trio. Es wird gelacht und getrunken, das Kind spielt mit den Hunden, die Uhr hat Urlaub.

Tolle Ausflüge ganz nah

Immer neue Tipps für Ausflüge und Abstecher fallen Frédérique und Jean Louis ein. „Nach dem nächsten „bief“, so nennen die Franzosen die Strecke zwischen zwei Schleusen auf dem Canal du Midi, müsst ihr festmachen und nach Villepinte bummeln, im einstigen Keller der Wein-Kooperative Glaskunst angucken, danach in Bram angelegen, einer kleinen Stadt mit kreisrundem Grundriss.

Da gibt es mit Eburomagus ein tolles gallo-römisches Museum und eine Ölmühle, die 25 verschiedene Bio-Olivenöle produziert! Und wenn ihr zwischen Alzonne und Pezens seid, radelt doch einmal durch Weingärten der Cabardès an den Hängen der Montagne Noire. Und dann sind es nur noch vier Schleusen bis zur größten Festung Europas, der Cité von Carcassonne…“

Doch wieder sind es die Schleusen, die den geplanten Reiseverlauf überraschend ändern. „Die staatlichen Schleusenwärter streiken“, flüstert es von Bord zu Bord. Donnerstag, vielleicht auch Freitag. Da heißt es dann schon Mittwoch: zurück zur Basis. Die vielen Schleusen? Pas de problème.

Am ersten Streiktag fahren die Frauen per Bahn zur imposanten Burg. Als sie den Bahnhofsvorplatz überschreiten, treffen sie wieder auf den Canal du Midi. In der schmalen Schleuse drängen sich drei Boote. Lauter Männercrews, das Bier in der Hand, die Leine lässig auf der Schulter – bis sie plötzlich beim nächsten Schluck mit einem lauten Platsch ins Wasser fällt. Die drei Frauen blinzeln sich zu.

Hausboot-Törn auf dem Canal du Midi: Info

Anreise

Mit Germanwings, Lufthansa oder Air France nach Toulouse, Leihwagen oder SNCF bis Castelnaudary

Hausbootvermietung

Le Boat, c/o Crown Blue Line GmbH, Theodor-Heuss-Str. 53-63, Eingang D, 61118 Bad Vilbel, Tel. 06101/55 791 75, www.leboat.de; Preise: Die „Tango“ kostet je nach Reisezeit 1.400 – 2.700 Euro pro Woche zuzügl. Nebenkosten für Betriebskosten (Wasser, Diesel, Gas), Liegegebühren, Versicherung. Tipp: Leihräder gleich mit mieten!

Souvenir

Die Köstlichkeiten der Region gibt es auch als Gourmet-Konserve: Cassoulet, Confit de Canard und Rillettes.

Weiterlesen

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)*

Der Bildatlas "Frankreich Süden" von Hilke Maunder - die fünfte AuflageMein DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)fängt zwischen Rhône und Garonne, Cevennen und Pyrenäen in sieben Kapiteln die Faszination der alten Region Languedoc-Roussillon in Wort und Bild ein – auch als eBook!

Von Montpellier, der Boomtown am Mittelmeer, bis zum römisch-romantischen Nîmes, von den Étangs bei Narbonne bis zur katalanischen Kapitale Perpinyá. Und noch ein Schlenker nach Carcassonne und Toulouse: voilà meine Herzensheimat!

Wer mag, kann den Band hierdirekt bestellen.

MARCO POLO Languedoc-Roussillon: die Hommage von Hilke Maunder an ihre WahlheimatKompakt & inspirierend: MARCO POLO Languedoc-Roussillon*

Den MARCO POLO Languedoc-Roussillon/Cevennenhabe ich nach Axel Patitz und Peter Bausch inzwischen mehrfach umfangreich erweitert und aktualisiert.

Von den Cevennen über das Languedoc bis hin zum Roussillon findet ihr dort Highlights und Kleinode, Tipps für Entdecken und Sparfüchse – und Adressen, die ich in meinem Frankreichjahr neu entdeckt und getestet habe.  Beide MARCO POLO-Bände hält ein Online-Update-Service aktuell, der euch über Events, Neueröffnungen und Schließungen informiert. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights.

Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen. In Ergänzung empfehle ich den Band von Petit Futé.

Michael Müller Verlag, 8. Auflage 2018, ISBN 978-3-89953-997-4, www.michael-mueller-verlag.de

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende.

Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

 * Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und den Blog werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Merci für's Teilen!

3 Kommentare

  1. Sehr schöner Reisebericht und tolle Fotos! Die Schleusenwärterhäuschen gefallen mir gut. Macht richtig Lust auf eine Hausbootfahrt auf dem Canal – auch ohne Mann an Bord. Das Fischrestaurant ‚L’Ile aux Oiseaux‚ am Port de Bram ist übrigens sehr empfehlenswert im Sommer.

2 Trackbacks / Pingbacks

  1. Die wilde Vilaine: ein andere Hausboot-Törn - Mein Frankreich
  2. Sète: Das Venedig des Languedoc - Mein Frankreich

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.