Prats-de-Mollo: bäriges Bergnest des Vallespir


63 km südwestlich von Perpignan sind die Bären los. Besonders im Februar. Dann feiert Prats-de-Mollo-la-Preste im Haut-Vallespir die Fête de l’Ours, um den Winter zu vertreiben. Meist liegt noch Schnee auf dem lieblichen Tal des oberen Tech, das die  kahlen Hängen des Costabonne- und Canigou-Massivs überragt. Ausgehungert soll im Mittelalter einst ein Bär damals hinab ins Tal gestiegen sein und eine Schäferin geraubt haben. Holzfäller, die in der Nähe arbeiteten, hörten die Hilferufe des jungen Mädchens.

Nach intensivem Kampf mit dem Zotteltier konnte die junge Frau befreit werden. Beim ‚Drada de l’Os‘ (der Tag des Bären) lebt die Legende alljährlich wieder auf. Drei Männer, die Gesichter rußgeschwärzt, den Körper behängt mit Schafs(!)fellen, rennen sie durch die Gassen des befestigten Städtchens, die Schäferin in ihren Fängen, Besucher und Dörfler hinterher. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird mit Ruß beschmiert.

Doch da kommen schon die „Barbiers“, die „guten Retter“, allesamt Honoratioren der Gemeinde, mit mehlbestäubten Gesichtern und weißen Hemden und Hosen. Die Kessel die Bären ein, legen sie in Ketten und zerteilen ihr Fell mit Äxten. Das Gute hat gesiegt – Prats feiert den Trubel, ruß und mehlverschmiert, gleich mehrmals im Monat Februar ausgelassen bis spät nachts – mit Bärenbier aus der örtlichen Brasserie de l’Ours.

Die Altstadt: befestigt und wehrhaft

Hinein in die Altstadt von Prats-de-Mollo kommt ihr durch die Porte de France – und landet sogleich im touristischen Rummel, besonders im Sommer. Dann sind hier Touristen eindeutig in der Überzahl, schmücken Wimpel mit Wappen der Stadt und katalanische Sang et Or-Streifen in Gelb und Rot die Gassen und Plätze.

An der Place d’Armes führen die Stufen der Rue de la Croix de Mission hinauf zur spätgotischen Église Saint-Juste aus dem 13. Jahrhundert, die im 17. Jahrhundert ihr heutiges Aussehen erhielt, und staune beim Blick ins Innere: Dort hängt eine mehr als zwei Meter lange Rippe eines Wals als Votivbild!

Stolze zehn Meter reckt sich der barocke Retabel des Hochaltars auf. Dick mit Blattgold überzogen, berichtet er vom Leben und Leiden der Heiligen Justa und Rufina, den Schutzpatroninnen der Stadt. Draußen führt ein befestigter Wehrgang um das Chorhaupt herum.

Fort Lagarde: von Vauban ausgebaut

Jenseits der Stadtmauer, die beim Erdbeben 1428 in Teilen einstürzte, weist ein Schild den Weg hinauf zum Fort Lagarde – bei Regenwetter könnt ihr auch den gedeckten Weg hinaufsteigen oder zur Hochsaison die kostenlose „Navette“ vom Office de Tourisme nutzen.

Das Fort wurde ab 1692 auf einer Hügelkuppe oberhalb von Prats-de-Mollo errichtet – 33 Jahre nach der   Angliederung der Comté de Roussillon (Grafschaft Roussillon) an Frankreich 1659 im Zuge des Pyrenäenfriedens. Friedlich waren jedoch die nächsten Jahren nicht… Die Bevölkerung, plötzlich ungewollt französisch, rebellierte gegen die in Frankreich seit 1291 erhobene Salzsteuer  „Gabelle“, im Holländischen Krieg (1672–1678) holten sich die Spanier Stadt und Fort zurück. Allerdings nur für ein Jahr.

Sonnenkönig Ludwig XIV. beauftragte daher seinen Festungsbaumeister Vauban, das Fort auszubauen und auch benachbarte Anlage wie Mont-Louis zu verstärken. Dennoch gelang es 1793 erneut, das Vallespir und den Conflent einzunehmen. Und bis heute fremdeln beide einstigen „Comarcas“ mit Frankreich.

Im Herzen Katalanen

Nirgendwo in den Pyrénées-Orientales sieht man an Hauswänden, Gassen oder als Autoaufkleber so vielle Banner in den katalanischen Farben Rot und Gold, wird die Zugehörigkeit zum Pays Catalan so betont. Und auch selbst gemachte Straßenschilder mit dem Hinweis „Occitanie 73 km“ sind rund um Prats-de-Mollo nicht selten…

Ob gerade deshalb Frankreichs Straßen in Prats-de-Mollo endete, der Ort so lange eine Sackgasse blieb? Erst seit den 1960-er Jahren gibt es 16 km entfernt einen offiziellen Grenzübergang nach Spanien. So blühte Jahrhunderte lang der Schmuggel auf einsamen Gebirgspfaden über den 1513 m hohen Col d’Ares.

Prats-de-Mollo: meine Reisetipps

Schlafen & schlemmen

Hôtel Le Costabonne

Direkt an der „Foiral“, einer länglichen Esplanade, unter deren Platanen der Markt gastiert und Pétanque gespielt wirdl, liegt am Eingang zur Altstadt das kleine, sympathische Hotel von Leo und Familie. Die einfachen Zimmer sind farbenfroh, ruhig, sauber und grundsolide – wer nach hinten hinaus logiert, schläft ruhiger und kann sich über Ausblicke auf die Zitadelle freuen.

Bodenständig und in der Region verwurzelt ist die Küche, auf der ihr auch katalanische Spezialitäten wie Boles de Picoulat finden, große Hackbällchen in Tomaten-Paprikasoße, oder Kaninchen-Gratin mit Knoblauch.
• Place du Foiral, 66230 Prats-de-Mollo-la-Preste, Tel. 04 68 39 70 24www.hotel-le-costabonne.com

Hôtel Le Bellevue

Das benachbarte Zweisternhaus mit 14 Zimmern gehört zur Vereinigung „Logis Hotels“. Gault-Millau und Michelin empfehlen die französisch-katalanische Küche seines Restaurants „Bellevue“, die ihr auch auf der Terrasse zur Straßen genießen könnt.
• Place du Foiral., 66230 Prats-de-Mollo-la-Preste, Tel. 04 68 39 72 48, www.logishotels.com

Maison Mauro

Abseits vom Durchgangsverkehr, nahe zum Tech, findet ihr dieses moderne Gästehaus mit seinen drei geräumigen Komfortzimmern mit Vorhängen in typisch katalanischen Streifenmustern. Noch in Planung ist die Ferienwohnung unter dem Dach für zwei bis zehn Gäste. Musikzimmer und Bibliothek, eine Terrasse und ein schattiger Garten sind Plätze zum Wohlfühlen, wenn ihr hierher heimkommt. Und nicht mehr fort müsst zum Abendessen: Der gemeinsame table d’hôte ist immer richtig lecker – und eine gute Gelegenheit, mit den anderen Gästen ins Gespräch zu kommen.
• 1, Rue du Jardin d’Enfants, 66230 Prats-de-Mollo-la-Preste, Tel. 06 14 62 63 21www.maisonmauro.fr

Shopping

Le Refuge d’Arts

In ihrer Werkstatt verkauft Christine Petitpas nicht nur eigene gemalte Werke und Töpferarbeiten, sondern veranstaltet auch Kunstkurse – auf Wunsch mit Unterkunft.
• Rue de la porte d’Espagne, Tel. 06 75 08 86 00, http://christinepetitpas.com

Prats-de-Mollo: die Töpferei Refuge d'Art

Boucherie Nou

Die Katalanen sind stolz auf ihre Charcuterie. Cathy und Michel Nou gehören zu den besten Metzgern der Region. Ihr Kalbfleisch „Rosée des Pyrénées“, Lammfleisch und die hausgemachte katalanische Blutwurst  „Boutifare“ sind mehrfach prämierte Spezialitäten!
• 5, place d’Armes, 6620 Prats-de-Mollo-la-Preste, Tel. 04 68 39 76 39

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Languedoc – Roussillon)

„Dieser Bildatlas ist sehr sehenswert und ist wunderbar beschrieben“ schrieb Ingrid Beck im Januar 2017 als Kundenrezension auf Amazon über die vierte Auflage meines DuMont-Bildatlas „Frankreich Süd“, in den besonders viel Herzblut geflossen ist. Ihr Kompliment hat mich riesig gefreut, behandelt er doch auf 118 Seiten in sechs Kapiteln meine Herzensheimat im Süden.Den Band gibt es zudem nicht nur gedruckt, sondern auch als e-Book für Kindle!

DUMONT REISEVERLAG, 4. Auflage (11. März 2016), ISBN: 978-3770194100, Buch: 9,95 €, Kindle: 7,99 €

Der Reisebegleiter vor Ort:  Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Für alle anderen empfehle ich in Ergänzung die Band von Petit Futé. Wer mag, kann den Reiseführer von Ralf Nestmeyer gleich hier direkt bestellen.

Michael Müller Verlag, 7. Auflage 2015, ISBN 978-3-89953-997-4, 24,90 €, www.michael-mueller-verlag.de

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