Palast der Armen: das Hôtel-Dieu in Beaune

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Weltberühmt: das Hôtel-Dieu von Beaune. Foto: Hilke Maunder

Im Mittelalter mussten hier die Reichen zahlen, und die Armen wurden kostenlos behandelt: Das Hôtel-Dieu von Beaune in Burgund war in jenen Zeiten eines der modernsten Hospitäler der Welt.

Seine Schwestern waren nicht nur Krankenpflegerinnen, sondern auch Bäuerinnen. Denn die Kranken, ob arm oder reich, sollten nur die besten und gesundesten Produkte aus eigenem Anbau als Nahrung und Medizin erhalten.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Mehr als sechs Jahrhunderte lang diente das Hôtel-Dieu de Beaune als Krankenhaus. Erst 1971 wurde das 1443 eröffnete Hospital geschlossen und in ein faszinierendes Museum umgewandelt.

Seitdem gibt es hautnah Einblicke in die Krankenpflege. Und fasziniert mit seiner ungewöhnlichen Architektur.

Krankenbetten des Hôtel-Dieu in Beaune. Foto: Hilke Maunder
Krankenbetten des Hôtel-Dieu in Beaune. Foto: Hilke Maunder

Antwort auf den 100-jährigen Krieg

Der 100-jährige Krieg zwischen England und Frankreich bescherte der Côte-d’Or eine Massenarmut. In Beaune mussten fast drei Viertel der Menschen hungern.

Viele waren durch den Endloskrieg mittellos und obdachlos geworden. Nicolas Rolin, Kanzler des Burgunder-Herzogs Philipp des Guten, wollte mit dem Hospital das Leid eindämmen.

„Ich, Nicolas Rolin, Ritter, Bürger von Autun, Herr von Authume und Kanzler von Burgund, an diesem Sonntag, dem 4. Tag des Monates August, im Jahre des Herrn 1443, […] im Interesse meines Seelenheils, danach strebend irdische Gaben gegen Gottes Gaben zu tauschen, […] gründe ich, und vermache unwiderruflich der Stadt Beaune ein Hospital für die armen Kranken, mit einer Kapelle, zu Ehren Gottes und seiner glorreichen Mutter…“

Am 1. Januar nahm das Krankenhaus seinen ersten Patienten auf. Finanziert wurde sein Betrieb aus dem Profit der Großen Saline von Salins – 1000 Tourainer Pfund jährlich.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Wohlfahrts-Weinfest

Exakt 100 Tag nach der Weinblüte beginnt die Lese in der Côte de Beaune, die mit einem großen Weinfest endet: Les Trois Glorieuses am dritten Wochenende im November.

Nach dem Auftakt in Vougeot folgt am Sonntag die wohl berühmteste Weinauktion statt: die Versteigerung von Fasswein aus dem Stiftungsbesitz im Hospiz von Beaune. Jeder, der in Frankreich als Weinhändler Rang und Namen hat, versucht dann, mindestens ein Fass zu ersteigern.

Die Preise, obgleich mit Sozialaufschlag versehen, gelten als Indikator für die Qualität des Jahrgangs und legen den Preis für den Burgunderwein fest.

Erziehlt die Wohlfahrtsauktion in Beaune hohe Preise, wird der ganze Jahrgang teuer. Vorab werden die Tropfen bereits bewertet, was die Auktion anheizt.

Picknick: Bei Beaune in den Weinbergen von Bouchard. Foto: Hilke Maunder
Die Weinberge bei Beaune. Foto: Hilke Maunder

Unter den Hammer kommen Tropfen aus den besten Lagen der Côte-d’Or – auch premier cru und grand cru. Bis zu 40.000 Euro werden für la pièce, ein 228 Liter großes Holzfass, gezahlt. Das macht, umgerechnet, einen Flaschenpreis von 250 Euro aus. Diese Auktion – und die Eintrittsgelder der vielen Besucher – finanzieren heute das Hôtel-Dieu.

Vorbild Flandern

Bereits die Architektur des Hôtel-Dieu ist ungewöhnlich. Nicolas Rolin hat sich für die Vierflügelanlage bei seinen zahlreichen Reisen in Flandern inspirieren lassen – und errichtete die Anlage rund um einen rechteckigen Innenhof im Stil der flämischen Gotik. Sein Hospiz sollte schöner und größer werden als all jene, die er dort gesehen hatte.

Das große Portal war einst für Fuhrwerke, das kleine Portal für Fußgänger gedacht. Der Brunnen sicherte die Wasserversorgung. Heute ist er als Selfie-Spot beliebt. Das Wasser lieferte das Flüsschen Bouzaise, über dem das Krankenhaus errichtet wurde. Es diente auch als Abwasserkanal des Hôtel-Dieu.

Der große Armensaal

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Das Gebälk im Krankensaal. Foto: Hilke Maunder

Unter mittelalterlichen Drachen und anderem bunten Zierart der Holzbalken des großen Tonnengewölbes findet ihr den größten Saal zur Krankenpflege: den großen Armensaal mit Kapelle.

In zwei Reihen wurden hier 30 Betten für die Kranken aufgestellt. In ihnen lag der Patient nicht allein, sondern mit wildfremden anderen Kranken.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Das hatte ganz praktische Gründe: Die Patienten sollten sich gegenseitig wärmen. Denn sonst gab es nur Wandteppiche, zinnerne Wärmflaschen und rote Vorhänge zum Zuziehen um das Bett. Eine Zentralheizung wurde erst 1925 eingebaut.

Fenster gibt es nur wenige in diesem Saal. Und auch das hatte handfeste medizinische Gründe. Die Ärzte der damaligen Zeit waren überzeugt, Lüften sei ungesund – denn dann könnten Pest, Masern oder Grippe eindringen und sich über Miasmen in der unreinen Luft ausbreiten.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Am Ende des Armensaals findet ihr eine Kapelle. So konnten die Kranken vom Bett aus die Messe verfolgen. Schaut euch auch einmal den wunderschönen Fußboden an!

Später kam erst die sehr kleine salle Sainte Aine hinzu, die rechtwinklig angrenzt. Dort wurden, abgetrennt vom Volk, auch einige  wenige Adelige versorgt. 1645 wurde die salle Saint-Hugues für gut begüterte Patienten hinzu geführt. Möglich machte . Eine Spende hatte das Krankenlager mit seinen zwölf Betten möglich gemacht. Für ihre geistliche Erbauung sorgten der Maler Isaac Moillon. Er stellte auf seinen Gemälden Wunder aus dem Wirken Jesu dar  – als Hoffnung für die hier gepflegten Schwerkranken.

Wer akut in Lebensgefahr schwebte, kam in die salle Saint-Nicolas. Im Jahre 1658 hatte der damals noch junge Ludwig XIV. dazu die Gelder bereit gestellt. DasHôtel-Dieu konnt damals erstmals die Patienten nach dem Grad ihrer Erkrankung trennen. Ebenfalls ab 1658 wurden weibliche und männliche Patienten getrennt.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Danach führt der Rundgang in die große gotische Küche mit ihrem großen Kamin und viel Geschirr aus jener Zeit.

Eindrucksvoll ist auch die  Apotheke mit ihren Zinngefäßen sowie Flakons und Fayencen aus Nevers. Die Gläser und Steinguttöpfer bergen als Medikamente meist Naturheilmittel.

Dort findet ihr nicht nur aromatisierte Alkohole und heiligen Stein, sondern auch Drachenblut ( sang dragon )! Im angrenzenden Labor wurden die Arzneien einst hergestellt.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Sang dragon, Drachenblut! Foto: Hilke Maunder
Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Die Gemälde der Salle Saint-Louis

Die große Scheune, 1661 ebenfalls zum Krankensaal ausgebaut, dient heute als salle Saint-Louis als Ausstellungsraum. Durch Spenden und Zuwendungen wurde das herzogliche Krankenhaus rasch zu reich, dass der Volksmund es “Palast für die Armen” nannte.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Unter den Schenkungen waren auch Kunstwerke, die einst den Armensaal schmückten. Heute könnte ihr sie hier bewundern. Berühmt ist besonders das große Polyptychon des Jüngsten Gerichtes, das Rogier von der Weydern (1399 – 1464) schuf.

Früher gab es auch noch ein Backhaus. Backhaus. Dort wurde bis 1828 das Brot gebacken, das die Krankenschwestern unter die Armen  verteilte. Als die Bäckern von Beaune per Vertrag 1828 zusicherten, die Aufgabe des Brotbackens für die Armen zu übernehmen, wurden die alten Backöfen abgerissen und die salle Saint Louis entsprechend vergrößert.

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Die bunten Dächer des Hôtel-Dieu

Zum Wahrzeichen Burgunds – und auch des Hôtel-Dieu – wurden die farbigen Dächer aus glasierten Tonziegeln. Woher sie kommen?

Da gibt es zwei Deutungen. Eine besagt, dass der Handel auf der Seidenstraße chinesische Einflüsse in den Burgund gebracht hätten.

Eine zweite Erklärung meint, es seien Einflüsse aus dem habsburgischen Ungarn. Auf jeden Fall sind sie fast immer nur mit Blei, Kupfer und Eisen glasiert.

Denn ihre Farbtöne Grün, Gelb und Rot greifen die Farben des Weines, der in Burgund gedeiht, auf. Was für eine wundervolle Idee!

Beaune: Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Die Dächer des Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder

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Der Extra-Tipp

Le Musée des Instruments des Médicine

Jules Baretta war der Meister der moulages. Der „Meister der Keroplastik“ formte ab 1867 im Toulouser Krankenhaus Hôtel-Dieu Saint-Jacques Tausende Wachsmasken, die als anatomisches Lehrmaterial Hauterkrankungen darstellten. Kaum weniger viele formte er als Schutz für junge Menschen vor einer Krankheit, die im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitet war: Syphilis. Die Plage des 19. Jahrhunderts hieß Tuberkulose.

Wie auch sie einst behandelt wurde, verrät das Musée des Instruments des Médicine  im einstigen Hauptkrankenhaus von Toulouse. Eindrucksvoll sind dort auch dieGerätschaften zur Geburtshilfe: Löffel mit Schrauben, die den Geburtskanal offen hielten und Zangen mit kreuzenden Löffel, die einst viel zu starken Druck auf den Kopf des Kindes auslösten.

Schick, aber nicht sehr hygienisch war einst die Tasche des Zahnarztes: Das Leder rot, die Instrumente verziert Holz, Elfenbein, Leder oder Schildpatt – ungeeignet für die Sterilisation. Zähneziehen war zudem äußerst schmerzhaft. Erst 1846 gelang mit einer einfachen Atemmaske mit Äther und einem in Chloroform getränktem Wattebausch die erste Vollnarkose. Dessen Dosierung bestimmte die Erfahrung des Arztes…
2, Rue Charles Viguerie, 31000 Toulouse, Tel. 05 61 77 84 25, www.musee-medecine.com

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Im Blog

Euch interessiert Burgund? Dann stöbert doch einmal in der Rubrik Bourgogne-Franche-Comté für weitere Reisetipps!

Ebenfalls in Beaune findet ihr den ältesten Burgunderkeller des Burgunds. Klickt hier für Infos und Impressionen von der Kellerei Bouchard.

Das Thema „Wein“ hat ebenfalls eine eigenes Rubrik im Blog. Dort findet ihr auch Infos zu den Weinen der Côtes du Rhône, des Médoc oder kleinen, feinen Tropfen aus weniger bekannten Anbaugebieten wie Irouléguy. Klickt hier für die Übersicht der Rubrik.

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