Keimzelle von Paris: die Île de la Cité

Die Île de la Cité und die Seine, gesehen vom Nordufer. Foto: Hilke Maunder
Die Île de la Cité und die Seine, gesehen vom Nordufer. Foto: Hilke Maunder

Auf einer Insel fing alles an: Die Île de la Cité ist das geografische und historische Herz von Paris. Hier bauten keltische Parisii erste Hütten, wartete Marie-Antoinette auf ihre Hinrichtung und verliebte sich ein Professor unsterblich in seine Studentin. Bis heute ist Binneninsel ein magischer Ort, voller Geschichte, Charme und Lebensart.

„Lutetia“, so nannten die Römer 53. n. Chr. die kleine Siedlung auf der Flussinsel, deren älteste Spuren bis ins Jahr 4000 v. Chr. zurück reichen. Ihr antiken Mauern, hinter denen sich die Bewohner bei den wiederholten Angriffen der Normannen zurückzogen, standen bis zum Mittelalter. Sie schützten auch die Monarchen, die seit dem 6. Jahrhundert auf der Flussinsel residierten.

Damals war die Île de la Cité jedoch nur knapp acht Hektar groß. Viel zu klein, fand Heinrich III., und ließ im Jahr 1584 Sand aufschütten. So konnte er die drei Schwemminseln Île aux Juifs, Île des Passeurs und Îlot de la Gourdaine an die Île de la Cité anbinden. Sie wuchs dadurch von acht auf 22 Hektar an.

Die Pont Neuf erreicht die Île de la Cité an ihrer Westspitze. Foto: Hilke Maunder

Für gute Verbindungen an beide Flussufer sorgte ab 1607 die Pont Neuf. Christo hat sie verhüllt, Carax sie zur zentralen Kulisse für seinen Kultfilm „Die Liebenden von Pont-Neuf“ gewählt: Kaum eine andere Seine-Querung hat so viele Künstler in den Bann gezogen wie die Pont Neuf – damals eine „neue“ Brücke, heute die älteste von Paris.

Initiiert wurden die 238 m lange Bogenbrücke, die die Île de la Cité mit dem Nord- und Südufer verbindet, von Heinrich III.. Er wagte mit ihrer Architektur ein Novum. Erstmals sollte die Querung nicht, wie bis dahin üblich, mit Geschäften bebaut werden, sondern einen freien Blick auf den Fluss erlauben. Die Pariser Kaufmannschaft war entsetzt, ging ihr doch wichtiger Verkaufsraum flöten. An den Monarchen erinnert in der Brückenmitte seit 1818 eine Reiterstatue.

Die Pont Neuf ist die älteste Brücke von Paris. Foto: Hilke Maunder

Der Schürzenjäger der Île de la Cité

Fertig gestellt wurde die älteste Brücke von Paris nach fast 30jähriger Bauzeit unter Heinrich IV. Am Square du Vert Galant erinnert ein Bronzedenkmal an den Monarchen, der 1610 von François Ravaillac erdolcht wurde. Die Bezeichnung „Vert Galant“ spielt auf die zahllosen Liebschaften des Schürzenjägers an, der in zweiter Ehe mit Maria von Medici liiert war. Sie ließ das Reiterstandbild aufstellen und übernahm die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn Ludwig XIII.

Heinrich IV. war es auch, der in der Nähe die dreieckige Place Dauphine anlegen ließ. Ihr schönster Schmuck ist ihre einheitliche Fassadenfront: 65 Pavillons aus hellem Natur- und rotem Backstein. Errichtet wurde sie als Ausdruck der Freude. Am 27. September 1601 war endlich der „Dauphin“ geboren worden, der lang ersehnte Thronfolger Ludwig XIII.

Zwar mussten die Kastanien 2009 wegen einer Pilzinfektion gefällt werden, doch noch immer ist die königliche Place Dauphine eine Oase der Ruhe, ursprünglich und authentisch. Seine kleinen Cafés, Bars und Restaurants haben Kulturgeschichte geschrieben. Im Restaurant Paul (Nr. 15) waren Yves Montand und Simone Signoret Stammgäste und drehte Woody Allen 2011 Szenen für seinen Kinofilm „Midnight in Paris“.

Der älteste Palast von Paris

Erst im hohen Mittelalter konnte sich die Stadt auf beiden Seineufern ausbreiten. Vom 6. bis zum 14. Jahrhundert residierten die herrschenden Monarchen auf der Insel in der Conciergerie. Im Mittelalter war sie ein Königspalast, während der Revolution das Vorzimmer zur Guillotine. Erbaut wurde sie um 1300 von Philipp dem Schönen, der für seinen Kapetingerpalast drei hochgotische Hallen errichten ließ.

Sein Name „Conciergerie“ verweist auf den Mann, der als Schlossvogt und Hausmeister dem Palast bei Abwesenheit des Königs vorstand, den Concierge. Unter Louis IX. und Philip IV.  wurde der Palast erweitert und ausgebaut. Louis IX. ließ die Sainte Chapelle im Innenhof als Königskapelle errichten, ein Traum in Gold und Blau mit großen Glasmosaiken als Fenster.

1370 erhielt die Tour de l’Horloge die erste öffentliche Uhr von Paris. Doch zu diesem Zeitpunkt diente der Bau nur noch als königliche Verwaltung. Die Monarchen hatten bereits dem  Louvre und dem Schloss von Vincennes als Residenzen den Vorrang gegeben.

Andere Teile der Conciergerie wurden Staatsgefängnis. Von Januar 1793 bis Juli 1794 warteten dort rund 2600 Häftlinge, je nach sozialem Stand in einer Zelle mit Stroh oder Federbett eingesperrt, als Feinde der Französischen Revolution auf ihre Hinrichtung. Unter den Gefangenen befanden sich u. a. auch Marie-Antoinette, die Gemahlin Ludwig XVI., Madame du Barry, die langjährige Favoritin Ludwigs XV., sowie die Anführer der Revolution, Danton und Robespierre. Ihre Bewacher saßen n der Saal Salle-Louis. Es waren „gens d’armes“, Menschen mit Waffen.Daraus wurde im Laufe der Sprachentwicklung „gendarmes“ , staatlicher Polizist.  Ihr letzter Weg führte durch die Rue de Paris zum „Monsieur de Paris“: dem Henker.

Die Sainte-Chapelle auf der Île de la Cité von Paris. Foto: Hilke Maunder

Der Glanz der Gotik

Ein Kleinod unter den Pariser Kirchen, ein verstecktes Juwel, ist die Palastkapelle: Die Sainte-Chapelle zeigt Hochgotik in höchster Vollendung. Gebaut wurde das Gotteshaus als Privatkapelle des Königspalastesder Île de la Cité, wo sie sich heute hinter den Mauern des Palais de Justice versteckt. In nur 33 Monaten errichtet, entwarf ihr Erbauer – vermutlich Pierre de Montreuil – Sainte-Chapelle als Reliquienschrein der Dornenkrone Christi.

Während der Unruhen der Französischen Revolution wurden diese heiligen Überreste zur Sicherheit in die Kathedrale Notre-Dame gebracht, wo sie heute zu sehen sind. Den einzigen Schlüssel zum Reliquienschrein der Palastkapelle, die 1246-48 entstand, besaß der damalige Herrscher Ludwig der Heilige, der einmal im Jahr an Karfreitag dem im Hof knienden Volk die Reliquie zeigte.

Nachdenklicher Wasserspeier auf dem Dach der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Foto: Lara Maunder

Der Glöckner von Notre-Dame

Gegenüber dem Hort der weltlichen Macht erhebt sich ihr sakralen Gegenstück, die Kathedrale Notre-Dame de Paris. Auf ihrem Vorplatz markiert ein Bronzestern im Boden den Kilometer Null (le point zéro), der als Ausgangspunkt für die Messung der Entfernungen in Frankreich dient; von den Türmen bieten sich herrliche Ausblicke auf Paris und die Seine.

Die Streben und Stützen ihrer Fassade bevölkern bösartige Monster, Fantasiebiester und furchteinflößende Figuren aus Stein, die böse Geister vom Gotteshaus fernhalten sollten – und mitunter noch eine zweite, ganz profane Funktion haben: als  Abflussrohre, die das Regenwasser ableiten – und an Regentagen sich als Wasser speiende Ungeheuer präsentieren.

Mit dem Bau des Wahrzeichens, das Victor Hugo zu seinem Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ inspirierte, wurde 1163 begonnen, fertig gestellt wurde es 1345. Könige und Kaiser gingen ein und aus. Viele gaben sich in Notre-Dame das Ja-Wort oder fanden dort die letzte Ruhe, zwei krönten sich im Gotteshaus – der zehnjährige englische König Heinrich VI., der sich während des Hundertjährigen Krieges 1431 zum König von Frankreich erklärte, und Napoléon Bonaparte, der 1802 sich und seine Frau Joséphine in Anwesenheit von Papst Pius zum neuen Kaiserpaar erkor.

Die harmonische Schönheit des gotischen Baus begeistert bis heute die Menschen, die während der Saison in langen Schlangen mitunter mehrere Stunden auf Einlass warten. Berühmt ist die Gestaltung der Westportale – links das Marienportal, in der Mitte das Gerichtsportal, rechts das Annenportal. Im überraschend dunklen Innern faszinieren die Fensterrosetten. Fällt das Licht durch die Glasfenster, ist ihr Schein beklemmend und erhebend zugleich.

Die Spitzhacke des Barons

Als nach der Verlegung der königlichen Residenz weite Plätze und Straßen für Feste des Hofes nicht mehr benötigt wurden, entwickelte sich ein dichtes Gewirr von schmalen Gassen und engen Häuserzeilen. Im 19. Jahrhundert verschwanden Kneipen und Bordelle, Wohnungen und Geschäfte unter der Spitzhacke. In einem radikalen Stadtumbau machte Präfekt Haussmann die Cité zum administrativen Zentrum der Großstadt Paris.

In einer gewaltigen Sanierungsaktion, für die mehr als 25 000 Menschen umgesiedelt werden mussten, entstand Platz für die breiten Nord-Süd-Achsen der Stadt, die Polizeipräfektur, das Handelsgericht, den Neubau des Krankenhauses Hôpital Hôtel-Dieu und die Erweiterung des Justizpalastes.

Seit 2017 ist der Palais de Justice verlassen. Wie der  50.000 Quadratmeter-Bau künftig genutzt werden kann, untersucht die Agence publique pour l’immobilier de la Justice. Nahezu alle Pariser Gerichte vereint heute der Hochhaus-Neubau von Renzo Piano nahe der Porte de Clichy.

Von der Umgestaltung verschont blieb die Rue des Ursins. Bis zum 12. Jahrhundert lag hier der erste Hafen von Paris, Saint-Landry. In Haus Nr. 7 wohnte 1673-1676 der Dramatiker Jean Racine. Auf Höhe von Hausnummer 4 wurde 1993 ein 15 m langer und 7 m breites Minigärtchen samt Baum und Brunnen angelegt. Mit solchen „jardinets“ sorgt Paris für mehr Grün in den Gassen. Am Ende der Straße erheben sich die Überreste der romanischen Kapelle Saint-Aignan, neben Notre-Dame und Sainte-Chapelle die letzte der einst 23 Inselkirchen.

Das frühere Berufungsgericht (Cour d’Appel) auf der Île de la Cité. Foto: Hilke Maunder

Verbotene Liebe

Der Quai aux Fleurs erzählt von verbotener Liebe. In der Klosterschule Notre-Dame hatte ab 1114 der charismatische Pierre Abélard gearbeitet. Eine der Schülerinnen des Theologen war nicht nur wissensdurstig und begabt, sondern zugleich jung und attraktiv: die 17-jährige Heloïse. Sie wohnte bei ihrem Onkel – dem Kanonikus Fulbert – im Kloster Notre-Dame. Unter dem Deckmantel theologischer Studien gaben sich beide schon bald ihrer Leidenschaft hin.

Ihre Liebschaft indes blieb nicht verborgen. Und selbst, als der Onkel das Paar in flagranti erwischte und Abélard unehrenhaft aus den Diensten entließ, traf sich das Traumpaar des 12. Jahrhunderts weiter… Die Rache des gedemütigten Onkels beendete das unzüchtige Treiben mit einem Messerschnitt. Des Nachts wurde Abélard von Adjutanten des Kanonikus entmannt. Nun Eunuch, trat auch Abélard in ein Kloster ein…

Vergeben, aber nie vergessen

An der Ostspitze der Île de la Cité erinnert seit 1962 das Mémorial de la Déportation an die rund 200.000 Franzosen, die zwischen 1940 und 1945 in den deutschen Vernichtungslagern starben. „„Pardonne – n’oublie jamais“, verzeih, aber vergiss nie, mahnt das Denkmal, das Georges-Henri Pingusson als grauen Betonbunker mit Krypta errichtet hat. Seine Wände schmücken Poesien und Zitate von Jean-Paul Sartre, Paul Éluard, Antoine de Saint-Exupéry und anderen französischen Dichtern.

Pariser Café an der Métro der Île de la Cité. Foto: Hilke Maunder

Die Insel-Märkte

Für typisch Pariser Flair auf der Insel sorgen nicht nur die Bouquinisten, die an den Kais antiquarische Postkarten, Zeitschriften und Bücher verkaufen, sondern auch zwei Märkte. Sonntags zwischen 8.00 und 19.00 Uhr führen Kanarienvögel, Papageien und andere gefiederte Freunde am Vogelmarkt auf der kleinen Place Louis-Lépine einen Wettstreit auf. Unter der Woche bringt an gleicher Stelle ein Blumenmarkt mit Lilien und Orchideen, Hortensien, Rosen und anderem Grün Farbe an das Seineufer.

Der Blumenmarkt der Île de la Cité. Foto: Hilke Maunder

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Mein Reiseführer

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Am 2. Januar 2018 ist mein“ Baedeker „Paris“* ist der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente im enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Paris in Biographien*

Merian: Paris - eine Stadt in Biografien.

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen als so manch andere kompakte Faktenflut. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen!Und kann es hier* gleich bestellen.

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Auf der Île de la Cité findet ihr noch einen der traditionellen Jugendstil-Metroeingänge. Foto: Hilke Maunder
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