Jean-Paul Tisseyre: der Messer-Mann

La Bastide-sur-l’Hers, ein 700-Einwohner-Dörfchen im Departément Ariège von Okzitanien. Platanen säumen die Ufer des Hers, auf einer Place spielen ältere Männer Boule. Ein, zwei Seitenstraßen weiter liegt das Atelier Tisseyre. Jean-Paul Tisseyre erhielt die höchste handwerkliche Auszeichnung, die Frankreich zu vergeben hat: Der untersetzte, kräftige Mann, der seit 15 Jahren mit einer wahren Präzisionsbesessenheit kunsthandwerklich Messer fertigt, ist ein Meilleur Ouvrier de France, kurz MOF.

Monsieur Tisseyre, wie entstand Ihre Liebe zu Messern?

Als Kind waren Messer für mich absolut verboten. Umso stärker faszinierten sie mich. Ohne das Wissen meiner Eltern bastelte ich mir heimlich mein erstes eigenes Messer. Im Alter von zwölf Jahren jagte ich damit meine ersten Hasen und Wildschweine …Ich komme aus einer Familie, bei der schon immer Messer, Sensen und andere Geräte zum Schneiden und Teilen geschmiedet wurden. Rund um La Bastide-sur-l’Hers ist Landwirtschaft noch der größte Wirtschaftszweig, da werden solche Gerätschaften benötigt.Ich verließ die Schule sehr jung und machte eine Ausbildung als Dreher und Fräser. Doch dauerte es noch fast 20 Jahre, ehe ich mein Unternehmen gründen konnte und damit einen Weg fand, das zu machen, was ich am meisten liebe – Messer zu schmieden.

Kunsthandwerk bedeutet für Sie nicht nur handwerkliches Geschick …

Ich liebe die Präzision und versuche ständig,auch das noch so gelungene Messer weiter zu perfektionieren. Meine Messer sollen nicht nur schön sein, sondern auch technische Innovationen bieten. Den „Mécanisme Tisseyre“ beispielsweise, eine Sicherheitsverriegelung im Zapfen der Klinge – ein Fingerdruck genügt, um das Messer zu öffnen.

Als Schaufenster der Branche gilt der „Salon de Thiers“ in Laguiole, Heimat renommierter Messerschmiede. Fühlen Sie sich da nicht ein wenig wie David gegen Goliath?

Seitdem ich am Coutellia – Salon de Thiers teilnehme, wurden meine Arbeit und mein Streben nach Innovation anerkannt. 2003 schaffte ich es auf den zweiten Platz, 2004 wurde ich für mein Küchenmesser-Duo mit dem erstenPreis ausgezeichnet. Dieser Erfolg machte mir Mut, mich am 13. Wettbewerb „Un des Meilleurs Ouvriers de France“ zu beteiligen.

Seit 1935 müssen bei diesem Wettbewerb die besten Handwerker nach Vorgaben oder Themen ein Werkstück fertigen. Als Sie mitmachten, traten Sie gegen 2664 Kollegen an, 220 wurden ausgezeichnet. Hatten Sie sich überhaupt Chancen ausgerechnet?

Ich hoffte natürlich … aber während ich am Wettbewerbsmesser arbeitete, war für mich nur eines wichtig: Perfektion und Schönheit.Dass ich dann zu den Auserwählten gehörte,die vom Präsidenten der Republik Anfang 2008 in der Sorbonne die Auszeichnung erhielten und zum Empfang in den Elysée-Palast eingeladen wurden, macht mich bis heute stolz und glücklich. Und ist zugleich eine Verpflichtung für meine weitere Arbeit.

Monsieur Tisseyre, Sie leben und arbeiten heute noch dort, wo Sie 1962 geboren wurden – hat es Sie nie gereizt, in die Welt hinaus zu gehen?

Die Welt kommt zu mir (lacht). Doch, ganz im Ernst, meine Kunden aus Japan, Russland und anderen fernen Ländern schätzen es, dass ich in meiner Region verwurzelt bin. Und doch offen für ihre Ideen.

Selbst bei einem standardisierten Produktwie dem „Couteau Montségur“?

Dieses traditionelle Messer der Pyrenäenschäfer wurde mein Markenzeichen, ein Messer der Region, praktisch, zuverlässig,für alle möglichen Arbeiten geeignet. Früher gab es nur eine Ausfertigung – bei mir können Sie wählen: eine Klinge aus Karbon-, Damaskus- oder Inoxstahl, ein Griff ausHolz oder edel geflammten Horn oder …

Sind Ihre Unikate nicht unbezahlbar?

Die Handarbeit hat natürlich ihren Preis, aber nicht einmal 50 Euro können Sie schon ein individuell gefertigtes Montségur-Messer erhalten.

Monsieur Tisseyre, welches Messer ist Ihr Lieblingsstück?

Immer dasjenige, das ich als Nächstes entwerfen und erstellen werde. Die nächste Herausforderung …

Monsieur Tisseyre, merci für das Gespräch – und weiterhin viel Erfolg!

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