Matisse et Picasso, La comédie du modèle nannte sich eine Ausstellung im Musée Matisse von Nizza, die 2018 das Verhältnis der beiden Weltkünstler beleuchtete. Foto: Pressebild der Ausstellung, © Succession H. Matisse, © Succession Picasso
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Künstler-Freunde: Matisse und Picasso

Sie waren die ungewöhnlichsten Künstler-Freunde ihrer Zeit. Matisse war der einzige zeitgenössische Künstler, den Picasso als ebenbürtig ansah. Kein anderer zeitgenössischer Künstler hatte ihm, trotz ihrer gegensätzlichen künstlerischen Ausrichtung, so viel bedeutet wie Matisse. Während ihrer Treffen herrschte

Lebendiger Austausch

„Wir müssen uns soviel miteinander unterhalten, wie wir können“, sagte Matisse Ende der 1940er-Jahre zu Picasso und fügte hinzu: „Wenn einer von uns stirbt, wird es einige Dinge geben, über die der andere mit niemandem sonst sprechen kann.“

Picasso, der auch bisweilen grausame Beleidigungen vom Stapel ließ, gestattete niemals einem anderen, an Matisse Kritik zu üben. Gegenseitige Achtung bei allen Gegensätzen war Maxime der Künstler-Freunde.

Die Cahiers d’Art

Es gibt viele Beweise dafür. Einer der besten sind die Cahiers d’Art von Christian Zervos. Seine 1926 gegründete Zeitschrift widmete sich 30 Jahre lang der zeitgenössischen Kunst. Zervos übernahm jeden Schritt der Konzeption, von der Redaktion bis zur Herstellung.

Jede der 97 Ausgaben von Cahiers d’Art ist aufgrund der verwendeten Grafiken und des Layouts, das Text und Reproduktionen von Kunstwerken miteinander verbindet, einzigartig. Zervos verfasste Kritiken, Analysen und Reportagen über seine kubistischen und surrealistischen Freunde, aber auch über die Kunst der afrikanischen, sumerischen oder ozeanischen Welt.

Zervos hatte ein gutes Gespür für all jene Werke noch wenig bekannter Maler, die die Kunst von morgen prägen würden: Fernand Léger, Henri Matisse, Paul Klee, Vassily Kandinsky, Piet Mondrian, Marc Chagall und viele mehr. Er stellte ihre Arbeit nicht nur in seinen Kolumnen vor, sondern widmete ihnen auch umfassende und detaillierte Monografien, die noch heute noch als Referenzen verwendet werden.

Rendez-vous in der Pariser Coupole

Eines Tages verbrachten Matisse und Picasso mit mehreren anderen Künstlern einen Nachmittag im Pariser Café La Coupole. Matisse verließ für einen Augenblick die Runde. Legendär ist Picassos Antwort auf die Frage, wo jener denn abgeblieben sei. „Er sitzt sicher auf seinem Lorbeerkranz“, soll der Spanier gesagt haben.

Picasso erntete einen Lacher, und einige der Anwesenden nutzten die Abwesenheit von Matisse, über ihn herzufallen und sich bei Picasso einzuschmeicheln. Picasso sei daraufhin sehr wütend geworden und habe geschrien: „Ich dulde nicht, dass ihr etwas gegen Matisse sagt, er ist unser größter Maler.“

Gegenseitige Achtung

Kein anderer zeitgenössischer Künstler hatte Picasso, trotz ihrer gegensätzlichen künstlerischen Ausrichtung, so viel bedeutet wie Matisse.

Sie würdigten sich gegenseitig. Picasso äußerte: „Im Grunde gibt es nichts als Matisse.“ „Nur Picasso kann sich alles erlauben. Er kann alles verwirren. Entstellen, verstümmeln, zerstückeln. Er ist immer, er bleibt immer im Recht“, sagte Matisse. „Deshalb allein ist Matisse zum Beispiel Matisse: weil er die Sonne im Leib hat“, sagte Picasso.

Es gibt unzählige weitere Zitate, die die gegenseitige Bewunderung der Künstler-Freunde ausdrücken. Picasso sagte einmal über Matisse: „Ich habe das Gefühl, dass er mir immer einen Schritt voraus ist und dass ich ihn niemals einholen werde. Er ist der Meister der modernen Kunst.“ Matisse wiederum äußerte sich bewundernd über Picassos Genie und sagte: „Er ist der einzige, der jemals etwas wirklich Neues in der Kunst geschaffen hat.“

Ebenbürtige Künstler-Freunde

Voller Respekt – und voller schöpferischer Rivalität – war die Freundschaft der beiden Männer, die mit ihrem offenen künstlerischen Diskurs ein ganzes Jahrhundert prägten.

Wie, stellt Françoise Gilot in ihrem Buch Matisse und Picasso – Eine Künstlerfreundschaft* ausführlich hervor.

Matisse und Picasso versuchten zeitlebens, sich gegenseitig in ihrer künstlerischen Schöpfung zu übertreffen. Picasso soll einmal gesagt haben: „Mein einziger Rivale bin ich selbst. Aber Matisse hält mich auf Trab, ohne es zu wissen.“

Gegenseitige Inspiration

Obwohl sie unterschiedliche künstlerische Ansätze hatten, inspirierten sich Matisse und Picasso gegenseitig. Matisse, bekannt für seine lebendigen Farben und organischen Formen, beeinflusste Picasso in Bezug auf die Sinnlichkeit der Farben. Picasso wiederum regte Matisse dazu an, experimenteller und freier mit Formen umzugehen.

Nachdem Matisse aufgrund gesundheitlicher Probleme ans Bett gefesselt war, begann er mit Papiercollagen zu arbeiten. Als Picasso davon hörte, begann er ebenfalls mit dieser Technik zu experimentieren. Als Matisse davon erfuhr, sagte er: „Ich freue mich, dass meine Experimente für Picasso inspirierend sind. Ich sollte ihm mehr Papier schicken.“

Gegensätzliche Kunstauffassung

Ihre Gegensätzlichkeit zeigte sich in den grundlegenden Fragen nach dem Charakter des Bildes und nach dem Sinn der Kunst. Picasso wollte das dissonante, Matisse das harmonische Bild.

Die Gegensätze der beiden Künstler-Freunde treten in den folgenden Zitaten scharf hervor: „Die Malerei ist nicht dazu da, Wohnungen zu schmücken. Sie ist eine Angriffs- und Verteidigungswaffe“, sagte Picasso 1945 in einem Interview in Lettres Françaises.

„Ein Gemälde an der Wand sollte wie ein Blumenstrauß im Zimmer sein“, äußerte Matisse sich wenige Monate später in derselben Zeitschrift.

Legendär ist diese Anekdote der Künstler-Freunde. Als Matisse einmal Picasso in seinem Atelier besuchte und die Demoiselles d’Avignon sah, die heute als bahnbrechendes Gemälde des Kubismus, gelten, soll Matisse haben: „Das ist der Niedergang der Malerei.“ Picasso habe darauf scharfsinnig geantwortet: „Ja, vielleicht hast du recht. Aber es ist der Aufstieg von etwas anderem.“

Vorbild der Künstler-Freunde: Cézanne

Andererseits stellt das Werk Cézannes das beide verbindende Element dar. Picasso hatte wie Matisse dessen Gemälde studiert und äußerte später gegenüber dem Fotografen Brassaï: „Cézanne! Er war unser aller Vater!“

Denn auch Cézanne hat in seinen Werken die traditionellen Regeln und Konventionen infrage gestellt. Die Künstler-Freunde sahen in seiner Arbeit eine Befreiung von den Zwängen der akademischen Kunst und eine Hinwendung zur persönlichen Ausdruckskraft.

Obwohl Cézanne oft mit gedämpften Farben arbeitete, beeinflusste er dennoch Matisse und Picasso bei ihren Farbexperimenten.

Matisse hatte mit Cézanne, dessen Briefe er unter anderem studierte, den Forscherinstinkt gemein, der danach strebt, ein voll und ganz „realisiertes“ Bild hervorzubringen. Dieses Suchen und Forschen, das die Schriften von Matisse wie ein roter Faden durchzieht, findet sich ganz ausgeprägt bei Cézanne.

Matisse drückte seine Bewunderung für Cézanne deutlich aus und sagte einmal: „Wenn ich vor einem Cézanne stehe, habe ich das Gefühl, dass ich eine Symphonie höre, dass ich etwas sehe, was ich vorher noch nie gesehen habe.“

Im Atelier von Cézanne. Foto: Hilke Maunder
Im Atelier von Cézanne in Aix-en-Provence. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Henri Matisse: der Meister der Farbe

Pablo Picasso: das Werk

Paul Cézanne: das letzte Atelier

Im Buch

Das Musée Matisse von Nizza widmete sich bereits im Sommer 2018 mit einer Ausstellung der Beziehung zwischen den beiden Ausnahme-Künstlern. Der Ausstellungskatalog zu Matisse et Picasso, La comédie du modèle gewährt bis heute spannende Einblicke in Arbeit und Austausch der Künstler-Freunde. Er ist im Buchhandel und direkt beim Museum erhältlich.

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