Die Vorstadt Pissevin von Nîmes. Foto: Hilke Maunder
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La Banlieue: Frankreichs Vorstädte

La banlieue: Immer wieder beherrschen die Vororte der Großstädte die Schlagzeilen der Nachrichten zu Frankreich. Doch: Was genau ist die Banlieue? Wann entstand sie? Welche Probleme wirft sie auch? Und wie reagiert(e) der Gesetzgeber auf die Unruhen in den Vororten?

Voilà mein Versuch einer Bestandsaufnahme, komponiert aus Online- und Literaturrecherche und Besuchen vor Ort. Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, lebt vom Austausch in den Kommentaren und will die aktuelle Diskussion mit Schlaglichtern und verlässlichen Infos unterfüttern.

La Banlieue – was ist das?

Der Begriff Banlieue bezieht sich auf die Vororte oder Außenbezirke von Großstädten in Frankreich. In diesen Gebieten herrschen oft schlechtere sozioökonomische Bedingungen, und sie sind nicht selten mit sozialen Problemen und Spannungen verbunden. Der schlechte Ruf der Vorstädte verhindert häufig den Ausbruch aus diesen Vierteln.

Selbst dann, wenn der Kandidat oder die Kandidatin aus Viertel wie den quartiers nord von Marseille besser qualifiziert ist als die Bewerberin/der Bewerber aus „besseren“ Vierteln, haben die Bewerber und Bewerberinnen kaum Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Das habe ich dort immer wieder gehört – besonders von jungen Frauen, die heraus wollen aus einem Umfeld, das sie stigmatisiert.

Die Geschichte der Vorstädte

Die ersten Vorstädte entstanden in den großen französischen Metropolen während des Zweiten Kaiserreichs. In Paris kamen am 1. Januar 1860 zu den 3.402 Hektar der Hauptstadt weitere 5.100 Hektar hinzu.

Ein entsprechendes Gesetz war am 3. November 1859 im Sinne des Barons Haussmann und Napoleons III. verabschiedet worden. Der Landgewinn gab Paris seine endgültige Größe. Die Hauptstadt wuchs von 12 auf 20 Arrondissements.

Die Annexion der Vorstadtgemeinden ging einher mit der Vision neuer Vorstädte jenseits der Stadtmauern, des heutigen Boulevard Périphérique. Ab 1900 erhielt die Hauptstadt eine U-Bahn. Die Industrie zog aus dem Zentrum in die Vorstädte der Peripherie. Dort waren Löhne niedriger als in Paris, die Disziplin härter.

Während die Kernstadt Paris immer strahlender wuchs, blieben die Vorstädte sich selbst überlassen. Dort gab es Lagerhäuser und all jene Einrichtungen, die die Stadt in ihrem Herzen ablehnte: Friedhöfe, Krankenhäuser, Kläranlagen und Sozialwohnungen. Ähnlich wie Paris erlebten auch Marseille, Lyon und andere Großstädte diesen sozio-ökonomischen Wandel.

Stinkende Fabriken am Stadtrand

Während des Ersten Kaiserreichs entwickelten sich die Vororte zu Gebieten mit umweltbelastenden Industrien. In Aubervilliers konzentrierte sich die chemische Industrie, allen voran Saint-Gobain. Erst auf Druck von Umweltverbänden wurde in Saint-Denis das Unternehmen Saria, führend in der Verbrennung von Tierkadavern, geschlossen.

Neue Technologien – Autos, Flugzeuge, Elektrotechnik – ließen Vororte wie Boulogne-Billancourt, Puteaux, Suresnes bei Paris oder Vénissieux bei Lyon zu Technopolen werden. Der Erste Weltkrieg verstärkte die Industrialisierung der weit von der Front entfernten Metropolen Paris, Lyon und Toulouse.

In der Zwischenkriegszeit errichtete Frankreich in seinen Vorstädten eine wahre Flut mittelmäßiger Wohnsiedlungen. 450.000 Bewohner der Pariser Banlieue wandelten sich zu mal-lotis, Besitzern von pavillons, kleinen Einfamilienhäusern.

Die mal-lotis

Die mal-lotis der 1920er-Jahre kauften ihre Parzellen auf Kredit und ließen sich auf Grundstücken nieder, die über keinerlei Infrastruktur verfügten. Im Schlamm der Vorstädte campierten sie ohne Straßen und Licht.

Der mal-loti stieg zur Symbolfigur für die Ausgrenzung in den Vorstädten auf. 1928 griff der Staat ein und verabschiedete im Schnelldurchgang die Gesetze Sarraut und Loucheur, die die Sitatuation der mal-lotis verbesserten.

Mit dem Sarraut-Gesetz übernahm der Staat die Hälfte der Erschließungskosten, den Rest zahlten die mal-lotis, die sich in Anliegervereinigungen zusammenschlossen, die die Steuern erhoben, die Arbeiten überwachten und dann das Viertel verwalteten. Nicht das Individuum, sondern das Kollektiv entschied in diesen Vierteln.

Mit dem 1928 verabschiedeten Gesetz Loi Sarraut finanzierte die Stadt die notwendigen Einrichtungen für die neuen Viertel, in erster Linie das Straßennetz. Die lotissements  verkörperten damals den Traum der Bevölkerung vom Eigenheim.

Das Loucheur-Gesetz machte das Bauen mit langfristigen Krediten zu zwei Prozent für viele, die es sich sonst nicht hätten leisten können, möglich. Besonders Veteranen, Kriegsopfer und kinderreiche Familien profitieren von sehr günstigen Klauseln, die sie praktisch von jeglicher Eigenleistung befreien.

Die damals errichteten Loucheur-Pavillons sind noch heute an ihrer schmalen Form und den Verblendungen aus Stein erkennbar. Die Hüttenkolonien am Stadtrand verwandelten sich in Pavillonviertel.

Frankreichs cités jardin

Auch cités jardin, Gartenstädte, wie Suresnes, Châtenay-Malabry und Villeurbanne, die von visionären Bürgermeistern wie Henri Sellier oder André Morizet als Prototypen gedacht waren, entstanden in Frankreich. Sie wollten mit der der Lösung der Wohnungsfrage der Bevölkerung auch die soziale Probleme lösen.

Die ersten Siedlungen – Dugny, Stains, Les Lilas, – imitierten noch das englische Modell mit Cottages, die entlang einer malerischen, gewundenen Straße verteilt waren, und zitierten die regionalistische Architektur.

In Pré Saint-Gervais wurde der soziale Wohnungsbau aus Belgien und Deutschland zum Vorbild, mit niedrigen Mehrfamilienhäusern aus Backstein mit abgerundeten Formen, die dem Bauhaus nachempfunden sind.

Die ersten Wolkenkratzer

Zehn Jahre später zeigt der Bau der Cité de la Muette in Drancy den Triumph der architektonischen Moderne. Ihre beiden Architekten Marcel Lods und Eugène Beaudoin entwarfen sie mit Wolkenkratzern und niedrigen, kammförmigen Gebäuden aus Stahlbeton.

Zwischen 1935 und 1938 schnell hochgezogen, blieb die Siedlung dennoch unvollendet: Die Mieter verschmähen die Türme und Riegel. Im Herbst 1939 wandelt sich die Siedlung zum Internierungslager und später zu einem Sammellager für Juden, die von Drancy aus in die  Konzentrationslager geschickt werden.

Hochburgen der Kommunisten

Die junge kommunistische Partei Frankreichs nahm sich den Problemen der Pariser Vorstädte an und fasste bei den Kommunalwahlen von 1925 Fuß in diesen Kommunen. In den 80 Vorstadtgemeinden des Departements Seine wurden am Tag nach dem zweiten Wahlgang 26 Gemeinden von einem kommunistischen Bürgermeister geleitet. Nach den Kommunalwahlen von 1929 waren es nur elf gewesen. Die Vorstädte wurden zum roten Gürtel der Großstädte.

Der deutsch-sowjetische Pakt, der Krieg, der Kalte Krieg und schließlich der Gaullismus schwächten dieses sozio-politische Konstrukt nur vorübergebend. Bis in die 1980er-Jahre hatte es so Bestand. Mit ihm entstand ein klassenbasierter Lokalpatriotismus, eine Kultur der Armen, die das Stigma, das den Arbeitervorstädten anhaftete, umkehren konnte.

Die Folgen der Deindustralisierung

Um 1955 begann im Großraum Paris eine erneute Standortverlagerung. Mitte der 1950er-Jahre zog Simca von Nanterre nach Poissy um. 1973 wurde in Aulnay-sous-bois ein Citroën-Werk mit 6.500 Beschäftigten eröffnet.

Eine frühe und kontinuierliche Deindustrialisierungspolitik sorgte in den 1960er-Jahren für einen Rückgang der Industriearbeitsplätze. Ganze Sektoren verschwanden – Metallindustrie, Werkzeugmaschinen, Chemie –, deren Präsenz das Leben und Auskommen der ansässigen Arbeiterfamilien geprägt hatten.

Der Widerstand der Gewerkschaften half nicht. Die ab 1973 einsetzende Wirtschaftskrise, die weltweite Arbeitsteilung im Zuge der Globalisierung verstärkten die Deindustrialisierung. Nach fünfjährigem Arbeitskampf schloss die Chaix-Fabrik in Saint-Ouen.

Antwort auf die Wohnungskrise

Während der Trentes Glorieuses, den prosperierenden Nachkriegsjahren in Frankreich, verschärften der Babyboom, das einsetzende Wirtschaftswachstum und die Zuwanderung aus der Provinz und dem Ausland die Wohnungsnot in den Großstädten. Die alten Wohnungen in Frankreich waren damals meist überbelegt und schlecht ausgestattet, wie die Volkszählung von 1954 zeigte.

In den meisten Fällen gab es keine sanitären Anlagen oder Innen-Toiletten, und nur in knapp der Hälfte der Wohnungen gab es fließendes Wasser. Die Wohnungskrise wurde zur Staatsangelegenheit. Mithilfe der Medienpräsenz von Abbé Pierre, dem Gründer von Émmaüs, entstand aus dem städtischen Elend der 1950er-Jahre die Idee des Rechts auf eine menschenwürdige Wohnung für alle.

Mit dem Bau der großen Wohnsiedlungen wurden die alten Ziele der Sozialreformer zu einer nationalen öffentlichen Politik: die Unterschichten aus den Slums zu holen, alle Arbeitnehmer an den Vorteilen der Hygiene und der Modernität teilhaben zu lassen, vorausschauend die Nutzung des städtischen Bodens zu kontrollieren und allen Kindern Luft, Licht und Sonne zu geben. Auguste Perret schuf aus den Trümmern des kriegszerstörten Le Havre eine wegweisende Architektur, die heute zum Welterbe gehört: das quartier Perret.

Im quartier Perret von Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Im quartier Perret von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Die villes nouvelles

Nach den Versuchen des Plan Courant (1953) wurde zu Beginn der Fünften Republik die technische und finanzielle Kontrolle über die Massenproduktion im Immobiliensektor erlangt – mit dem Dekret vom 31. Dezember 1958 über die zone à urbaniser en priorité (ZUP).

Dieses Verwaltungsverfahren der operativen Stadtplanung erlaubte Frankreich in den Jahren 1959 bis 1967, ex nihilo neue Stadtviertel mit Wohnungen, aber auch Geschäften und Einrichtungen zu schaffen. Zwischen 1946 und 1975 stieg der französische Wohnungsbestand von 12,7 Millionen auf 21 Millionen Wohnungen.

Bei diesen 8,3 Millionen neuen Wohnungen – davon 8 Millionen zwischen 1953 und 1975 – war der Staat zu fast 80 Prozent der Bauträger. Die Zahl der Sozialwohnungen stieg von weniger als 500000 auf fast 3 Millionen. Ein Drittel davon waren Großwohnsiedlungen am Stadtrand: rund 350 im ganzen Land, davon 43 Prozent im Großraum Paris, wo die Nachfrage am größten war. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in Deutschland, wie u. a. Hamburg mit Steilshoop, Mümmelmannsberg oder Kirchdorf-Süd beweist.

Diese Villes Nouvelles („neuen Städte“) sollten die Bevölkerung und die wirtschaftlichen Aktivitäten aus Paris und anderen Großstädten dezentralisieren.

Der Begriff Banlieue wurde lange Zeit als Bezeichnung für die Vororte der französischen Städte verwendet. Im späten 20. Jahrhundert wurde er jedoch häufiger mit den sozioökonomischen Herausforderungen in Verbindung gebracht, mit denen diese Gebiete konfrontiert waren.

Bettenburgen ohne Infrastruktur

Die französischen Vorstädte erhielten schnell errichtete Siedlungen mit mindestens 1.000 Wohnungen. In Les Minguettes (Vénissieux) oder Sarcelles bargen die Plattenbauten sogar 10.000 Wohnungen. Die Industrialisierung des Bauwesens, der Vorsprung der französischen Stahlbetonindustrie, die Normen und Standardgrundrisse für Wohnungen führten zu einfachen Formen, Riegeln und Türmen auf großen Grundstücken.

Als Schlafstädte im Grünen wuchsen sie auf einstigen landwirtschaftlichen oder Gemüseanbauflächen am Stadtrand in den Himmel. Die Windeseile beim Bau und die komplizierten Finanzierungsmethoden sorgten dafür, dass Gemeinschaftseinrichtungen mit Ausnahme von Grundschulen fehlten. Jene folgten erst später – wie auch die öffentlichen Verkehrsmittel.

Waren es zunächst die ungeliebten Industrien, die an den Stadtrand verdrängt wurden, so waren es ab den 1960er-Jahren die Menschen. Die Banlieues wurden zum sozialen Brennpunkt. Französische Familien mit geburtenstarken Jahrgängen, oft aus der Provinz zugewandert, lebten Tür an Tür mit Rückkehrern aus den ehemaligen Kolonien. Ältere Menschen und Jugendliche gab es in den Banlieues anfangs kaum.

Die Auswahl der Familien erfolgte in erster Linie durch die Verwalter der Sozialbausiedlungen und nicht durch das freie Spiel des Immobilienmarktes. Die Ärmsten der Armen, kinderreiche Familien, Ausländer und Immigranten hatten keine Chance. Sie wurden anderswo untergebracht: in Mietskasernen in den Altstädten, in Elendsvierteln, in Wohnheimen für alleinstehende Einwanderer, in möblierten Hotels, in Durchgangs- oder Notunterkünften.

Diese speziellen Unterkünfte waren ausdrücklich für „sozial Unangepasste“ bestimmt, die erzogen werden mussten, bevor sie in den neuen Siedlungen untergebracht werden konnten.

Foto: Hilke Maunder
Für die Sanierung der Bausubstanz fehlen das Geld – und der Wille. Foto: Hilke Maunder

Wandel und Krise: von Giscard bis Mitterrand

Im Jahrzehnt 1970-1980 läutete eine Reihe wirtschaftlicher und sektoraler Entscheidungen die erste große Krise der Vorstädte ein. Bereits in den 1960er-Jahren waren die Großwohnsiedlungen in die Kritik geraten. Vor allem die Sarkellitis – das Leiden am Leben in den Großwohnsiedlungen – beherrschte die Diskussion. Sie führe zu Langeweile, Selbstmord und Kriminalität und betreffe vor allem Frauen und Jugendliche.

Im Mai 1968 verstärkte sich die Kritik. Schon damals stellten sich die Politiker die Frage, welche Art von Stadtgesellschaft in den Vorstädten entstehen sollte: Wie konnte man den neuen Siedlungen eine Seele geben und eine Gemeinschaft zwischen den Bewohnern, die von überall her kamen, wiederherstellen? Auch der Verfall der als Provisorium gedachten Bauten war ein Thema.

Die Antwort der Regierung: Olivier Guichard, Minister für Infrastruktur, stoppte mit Rundschreiben vom 21. März 1973 den Bau neuer Großsiedlungen auf der grünen Wiese und versuchte, die Neubauten besser in die bestehenden Städte einzufügen. Das Gesetz Habitat et Vie Sociale (1973-1977) ermöglichte die erste Sanierung der Großwohnsiedlungen.

Das Gesetz Barre (1977) änderte die Kreditpolitik und machte den privaten Wohnungsbau wieder attraktiver. Die Banken stiegen wieder in den Immobilienmarkt ein. Die Folge: Die Mittelschicht tauschte die Sozialwohnung gegen ein bescheidenes Eigenheim – und zog von Les Minguettes in Vénissieux nach Corbas, Solaize oder Saint-Laurent-de-Mure.

In ihre leeren Wohnungen zogen nun die ersten Sozialhilfeempfänger. Ihre Nachbarn waren sehr große Familien oder Haushalte mit geringem Einkommen. Eine Abwärtsspirale begann: Das Image der Großsiedlungen verschlechterte sich, wer es sich leisten konnte, wanderte ab. In die leeren Wohnungen zogen Menschen, denen vorher das Wohnen dort verwehrt gewesen war: Ausländer.

Migranten statt Mittelstand

Foto: Hilke Maunder
Ein muslimischer Gebetsraum in Pissevin/Nîmes. Foto: Hilke Maunder

Unter dem Einfluss der Ölpreisschocks und dem Eintritt in die Wirtschaftskrise setzte Frankreich auf eine neue Einwanderungspolitik.  Es gab Rückkehrhilfen für Franzosen aus  den ehemaligen Kolonien und erstmals auch eine genehmigte Familienzusammenführung.

Untergebracht werden die Migranten aus dem Maghreb in den Großsiedlungen am Stadtrand. Was zunächst als Übergangslösung angesichts der enormen Einwanderung begann, wurde Dauerzustand. Die einst kleinbürgerliche, durchmischte Banlieue wandelte sich zur Hochburg der Neubürger aus Nordafrika. 255 illegale Slums im Land, darunter 120 in Paris, wurden aufgelöst und ihre Bewohner ebenfalls in den Großsiedlungen untergebracht.

Ab 1975 mussten Arbeitgeber sogar eine Steuer auf die Löhne ihrer ausländischen Arbeitnehmer zahlen, um den Neubau von Wohnungen zu finanzieren. Die Gelder indes flossen in neue Eigenheime.

Auch das Ziel, die Einwandererfamilien nach Quoten von etwa 15 Prozent unter den französischen Haushalten zu verteilen, scheiterte. Im Gegenzug jedoch entstand eine territoriale Logik der gemeinschaftlichen Gruppierung, die weder gedacht noch antizipiert worden waren.

In Les Minguettes wurden maghrebinische Familien im Laufe der 1970er-Jahre so zur Mehrheit. In Seine-Saint-Denis waren 1992 74 Prozent der nordafrikanischen Haushalte Mieter einer Sozialwohnung (HLM). Bereits damals kam es zu ersten Gewalttaten von Jugendlichen in den Banlieues.

Die Harkis der Banlieue

In La Courneuve wurde bereits 1971 ein Jugendlicher im Café Le Nerval erschossen. Zwölf Jahre später starb in derselben Siedlung im Juli 1983 ein zehnjähriges algerisches Kind durch die Schüsse eines Bewohners. Das Viertel brannte.

In den Vororten von Lyon kam es 1971 in Vaulx-en-Velin in einer Siedlung, die für Harkis gebaut wurde, zu ersten Zwischenfällen. Die Harkis waren Algerier, die während des Algerienkrieges (1954-1962) aufseiten der französischen Armee oder der französischen Verwaltung gedient hatten.  Nach dem Ende des Algerienkrieges wurden viele Harkis von der algerischen Unabhängigkeitsregierung als Kollaborateure betrachtet und waren Repressalien ausgesetzt.

Tausende von Harkis flohen nach Frankreich und wurden dort erst in Internierungslagern untergebracht, dann in die Großsiedlungen der Banlieue abgeschoben. Doch auch dort erlebten die Harkis und ihre Familien häufig Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und wirtschaftliche Probleme .

Unruhen und Krisen in der Banlieue

1975 begannen die erste Plünderungen von Schulgebäuden in Vaulx-en-Velin. 1978 gab es die erstem Rodéos, die sich 1981 in Les Minguettes ausbreiteten. Vor 40 Jahren berichtete – aufgeschreckt über die Fernsehbilder  von brennenden Autos am Fuße der Hochhäuser –die nationale Presse zum ersten Mal über das Phänomen.

1981 kam es erneut  in den Banlieues von Lyon, insbesondere in den Stadtvierteln Vaulx-en-Velin und Saint-Fons, wieder zu Unruhen, ausgelöst durch die Frustration über Arbeitslosigkeit und schlechte Lebensbedingungen. 1990 stießen in Vaulx-en-Velin Jugendliche und die Polizei aufeinander. Arbeitslosigkeit und Rassenspannungen heizten die émeutes auf.

Für weltweite  Schlagzeilen sorgte 2005 Clichy-sous-Bois. Die Unruhen begannen, nachdem zwei Jugendliche bei dem Versuch, sich vor der Polizei zu verstecken, ums Leben gekommen waren.

Der Vorfall löste weit verbreitete Unruhen in ganz Frankreich aus, die mehrere Wochen andauerten und zu erheblichen Schäden führten. Ex-Präsident Sarkozy schickte Soldaten.

Der Tod von Nahel M.

Im Juni 2023 starb der 17-jährige Nahel, erschossen von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle in Nanterre. Er fuhr damals einen gelben Mercedes AMG mit polnischem Kennzeichen. Im Auto saßen zwei Freunde.

Die Tragödie ereignete sich am Dienstagmorgen in der Nähe der RER-Station Nanterre-Préfecture. Aus Polizeikreisen hieß es zunächst, ein Fahrzeug sei auf zwei Motorradpolizisten zugefahren.

Ein in den sozialen Netzwerken verbreitetes Video widerlegte diese Behauptung. Es zeigt, wie einer der beiden Polizisten auf den Fahrer zielt. Eine nicht identifizierte Stimme sagt: „Du bekommst eine Kugel in den Kopf“. Als sich das Auto in Bewegung setzte, schoss der Polizist aus nächster Nähe.

Angeblich, so die Aussage eines Mitfahrers, sei Nahel vor Schreck der Fuß von der Bremse gerutscht – der AMG hatte ein Automatikgetriebe.

Der Wagen kam einige Dutzend Meter weiter zum Stehen und prallte gegen einen Mast. Nahel M. starb kurze Zeit später. Spätere Alkohol- und Drogentests waren negativ.

Nahels Tod setzte Frankreich in Brand und führte fünf Nächte hintereinander zu Unruhen. Die Bilanz von Innenminister Gérald Darmanin, selbst ein Franzose mit Migrationshintergrund: 23.878 Brände auf öffentlichen Straßen, 12.031 brennende Fahrzeuge und 2.508 beschädigte Gebäude. Bei den 3.505 Festnahmen, davon 1.373 in Paris und den nahen Vororten, war der jüngste Festgenommene elf Jahre alt.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen & Anschauen

Krimis

Es gibt zahlreiche, sehr lesenswerte Krimis, die das Zusammenspiel zwischen Polizei, korrupter Stadtverwaltung und Islamisten zum Thema haben. Dazu gehören u.a.

Olivier Norek, Trilogie 93Olivier Norek, Code 93 – Territoires – Surtension*

Olivier Norek, 19 Jahre lang Hauptmann der Kriminalpolizei, hat mit seinen Romanen das Publikum ebenso wie die Kritik erobert, renommierte Literaturpreise gewonnen.

Die Sammelausgabe seiner ersten drei Kriminalromane Code 93, Territoires und Surtensions spielt in den Banlieue von Paris. Code 93 beleuchtet den Handel mit Kriminalitätszahlen zu Beginn des Grand-Paris-Projekts.

In Territoires geht die Banlieue von einem Aufstand zum nächsten über und Coste entdeckt die äußerst profitable Zusammenarbeit zwischen Kriminellen und Politikern. In Surtensions  bringt die Jagd nach fünf flüchtigen Kriminellen alle Figuren an den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, in einer Ermittlung mit tragischem Ausgang für die Mitglieder des Teams von Victor Coste. Am Ende dieser Tragödie wird der Hauptmann das Département 93 verlassen. Wer mag, kann die Trilogie hier* online bestellen.

Didier Daeninckx, ArtanaDidier Daeninckx, Artana! Artanai!*

Daeninckx hat sein ganzes Leben – 70 Jahre – in Aubervilliers verbracht. Wegen Artana war er gezwungen umzuzuziehen, weil er damit vielen auf die Füße getreten ist und nicht mehr sicher war. Die Handlung seinens Krimis:

Erik Ketezer ist Tierarzt in der Normandie, aber seine Jugend verbrachte er in Courvilliers. einer ehemaligen kommunistischen Hochburg in der Pariser Peripherie. Als er in seine Heimatstadt zurückkehrt, um den Tod des Bruders einer Freundin zu untersuchen, muss er feststellen, dass die Stadt in einem desolaten Zustand ist.

Die Wirtschaft wird vom Drogenhandel beherrscht, der sich sogar innerhalb der Stadtverwaltung organisiert: Im Technikzentrum der Stadtverwaltung, das von einem berüchtigten Kriminellen geleitet wird, wurden Hunderte Kilo Cannabis entdeckt. Es herrscht eine unerklärliche Straflosigkeit, die Vetternwirtschaft, Scheinbeschäftigungen, Bestechungen und Missbrauch von Gesellschaftsvermögen jeglicher Art deckt.

Währenddessen geht die Stadt vor die Hunde. Die städtischen Einrichtungen sind marode. Die Aufzüge funktionieren ebenso wenig wie die Müllabfuhr. Es wimmelt von Ratten. Der Bürgermeister wurde dank der effizienten Arbeit von Drogendealern und Islamisten gewählt, die das Land mit Drohungen und Belohnungen durchpflügen. Was überzeichnet erscheint, ist mitzunter viel zu nah an der Wirklichkeit. Wer mag, kann den Krimi hier* online bestellen.

Doku-Film

Chronique d’une banlieue ordinaire

Am 26. September 1992 wurden vier Türme des Viertels Val Fourré in Mantes-la-Jolie abgerissen. Im Früjahr 1991 hatte Dominique Cabrera einstige Bewohner gebeten, einmal dorthin zurückzukehren und ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu schildern.

Zu sehen sind sie in einem sehr einfühlsamen Portrait, das das Leben in den Sozialwohnungen einmal anders zeigt: nicht gewalttätig und miserabel, sondern als Ort eines kleinen privaten Glücks, wo eine „moderne“ Wohnung schon großes Glück für die Familie bedeutet.

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4 Kommentare

  1. Liebe Frau Maunder,
    vielen Dank für diesen sehr informativen Artikel. Ich lese Ihren Artikel und teilweise Ihre Bücher sehr gerne. Ich finde gut, dass Sie auch die weniger schönen Seiten und Ereignisse in Frankreich aufgreifen. Diese Hintergründe helfen mir sehr, zu verstehen was in Frankreich passiert.

    1. Lieber Herr Höschle, danke für Ihre Worte! Ich hatte lange überlegt, ob ich das Thema aufgreife und in den Newsletter aufnehme. Doch auch das Frankreich. Und als Hamburgerin sehe ich durchaus Parallelen zu manchen Vororten bei uns – zwar sind die Gründe und die Geschichte eine andere, aber die Situation hat sich dennoch mitunter recht ähnlich entwickelt.
      Beste Grüße! Hilke Maunder

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