La Fajolle: bunte Hennen überall. Foto: Hilke Maunder
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La Fajolle: Frankreichs kleinstes Drei-Blumen-Dorf

65 Häuser, 14 Einwohner: Das ist La Fajolle. Ein Straßendorf im Tal des Rébenty, die letzte menschliche Siedlung auf dem Weg zum Col du Pradel, dem Pass nach Ax-les-Thermes im Département Ariège. Und Frankreichs kleinstes Dorf, das im landesweiten Wettbewerb derVilles et Villages Fleuris drei Blumen erhielt und Frankreichs zweiten Begräbniswald besitzt.

Jahrhunderte alte Häuser, erbaut aus wuchtigen Feldsteinen, säumen den Bach, kleine Brücken verbinden die Kreisstraße mit Häusern. Hier ist das Land des Fajal, der Buche, wie sie auf Okzitanisch heißt.

La Fajolle: Blumenschmuck. Foto: Hilke Maunder
Von Bergen umschlossen: La Fajolle im Pays du Sault. Foto: Hilke Maunder

Weiter höher krallen sich Tannen an den Fels. Rings um den Col du Pradel erstreckt sich das Reich des gelben Enzians (Gentiana lutea), aus dessen Wurzeln ein Magenbitter gebrannt wird. Bis Mitte Mai ist die Passstraße gesperrt. Doch sobald sie geöffnet ist, werden die Rinder hinauf auf die Sommeralmen getrieben – und Wanderer durchstreifen das Pays du Sault.

In den Wintermonaten leben die Menschen in La Fayolle wie einst als Selbstversorger. Dann beginnt langsam der Frühling, rauscht der Rébenty, picken Auerhähne die Knospen von den Laubbäumen.

Grün fürs Grau

Doch blühen – das tat 2016 auf 1.100 Metern Höhe hier nur wenig. Im engen Tal war der Platz für Gärten begrenzt, war eher Garage als Grün gefragt. Viele Jahre lang schmückte sich La Fayolle wie viele andere Landorte. Für viel Geld kaufte die Gemeinde im Frühjahr einjährige Gewächs, setzte in Pflanzkübel und riss sie nach der Blüte im Herbst wieder heraus, ehe sie auf dem Kompost landet. Um das Unkraut zwischen Pflaster und Mauern in Schach zu halten, griff La Fayolle zu chemischen Unkrautvernichtern. Ihr Gift sickerte direkt in den Rébenty – und bedrohte den Lebensraum der Bachforelle sowie des Pyrenäen-Desmans (Desman des Pyrénées), einem seltenen, vom Aussterben bedrohten Säugetier, das nur an extrem sauberen Bergflüssen lebt. Der Wandel begann, als Françoise Freu – ehrenamtliche Dorf-Gärtnerin und Betreiberin eines gîte, mit dem begann, was in Großstädten trendig seed bombing heißt.

La Fajolle: Blumenschmuck. Foto: Hilke Maunder
Feldstein und Rosen: was für eine schöne Kombination in La Fajolle! Foto: Hilke Maunder

Am Straßen- und Bachrand, auf den kleinen Plätzen und anderen öffentlichen Stätten des Ortes ließ sie Samen fallen, pflanzte vor der Hauswand einen Rosenstock – und überzeugte die Nachbarn, dem Dorf so Farbe und Flair zu geben. Statt empfindlicher Treibhausblumen wurzeln seitdem winterharte Stauden, Kletterrosen, Lavendel, Fetthennen und Katzenminze direkt in den Ritzen der Feldsteinmauern.

La Fajolle erblühte. Und der Stolz der Einwohner, ihr Gemeinsinn und ihr Miteinander. Der damalige Bürgermeister und der Gemeinderat fassten den offiziellen Beschluss, die Kommunalfinanzen von Einweg-Blumenkäufen auf ausdauernde Stauden umzustellen und die Gemeinde offiziell bei der Charta Terre Saine anzumelden. Noch im selben Jahr nahm die Gemeinde mithilfe des CAUE in Zusammenarbeit mit dem Departement und der Agence de développement touristique de l’Aude, am Wettbewerbs Villes et Villages fleuris teil.

Letzte Ruhe im Grünen

La Fajolle: Le Jardin du Repos - der Friedhof. Foto: Hilke Maunder
Le Jardin du Repos: der Friedhof von La Fajolle. Foto: Hilke Maunder

La Fajolle begeisterte die Jury. 2016 gab es für die Gemeinde den ersten Preis für Dörfer mit weniger als 100 Einwohnern; 2017 das begehrte Zusatz-Ortsschild mit der ersten Blume. Ebenfalls 2017 schloss sich La Fajolle zero phyto an, stoppte jeglichen Einsatz von Pestiziden und erhielt das nationale Label für gesunden Boden. Heute übernimmt Wanderschäfer Marc mit seiner Herde aus 30 Schafen und 15 Ziegen das biologische Entbuschen der Berghänge rings um das Dorf.

Nach den Gassen des Ortes hat Françoise sich den Friedhof vorgenommen. Wo einst Herbizide den Kies giftfrei hielten, erstreckt sich heute eine artenreiche Blühwiese. So verwandelte er sich in einen jardin du repos, einen blühenden Garten der Ruhe und der Erinnerung. Für alle, die nach ihrem Tod verbrannt werden wollen, hat La Fayolle eine Forêt du Souvenir geschaffen. In diesem „Wald der Erinnerung“ verbindet ein schlichter Pfad 25 Bäume, die als letzte Ruhestätte für biologisch abbaubare Urnen. Als eines der ganz wenigen Dörfer Frankreichs bietet La Fajolle damit eine naturnahe, würdevolle Alternative zu den traditierten Monumenten aus Marmor und Beton – eine Einladung, im ewigen Kreislauf des Ökosystems Wald aufzugehen. Eine schlichte Tafel am Eingang erklärt den Ort der Stille.

Le Jardin du Repos - der Friedhof. Foto: Hilke Maunder
Blumenübersät: der Friedhof von La Fajolle. Foto: Hilke Maunder

Generationenübergreifendes Engagement

Wie lebendig dieser Umweltgedanke verankert ist, bewies das Dorf 2020 mit der Teilnahme am Projekt Kit Biodiversité Ordinaire. Zusammen mit sechs weiteren Gemeinden der Haute Vallée de l’Aude schloss sich La Fajolle einer Initiative der Naturschutzorganisation Aude Claire an, die die Réserve Africaine de Sigean mit 15.000 Euro förderte. Überall im Dorf entstanden Rückzugsorte für die Tierwelt. Handwerker des Vereins L’Aude au Nat’ fertigten Nistkästen als Tipi, Halbhöhle und Balkonnest für Meisen, Spatzen und Rotkehlchen, Spezialquartiere für Fledermäuse wie die Pipistrelle oder die Mopsfledermaus sowie geschützte Unterschlüpfe für Igel, Eidechsen und Amphibien.

Auch der Nachwuchs packte mit an und befüllte im August 2020 das neue Insektenhotel vor Ort mit Totholz, Stroh, Rinde und Kiefernzapfen als Winterquartier für Wildbienen, Marienkäfern und Würmern. Damit Insekten ihren Lebenszyklus ungestört vollenden können, führte die Gemeinde für alle kommunalen Grünflächen die fauche tardive (späte Mahd) und legte Blühstreifen aus heimischem Thymian, Lavendel, Feld-Steinquendel und Klatschmohn als Nahrung für Wildbienen und Schmetterlinge an.

Emporgeblüht zum Drei-Blumen-Label

Seit 2003 ist La Fajolle sogar das kleinste Dorf Frankreichs, das stolzer Träger von drei Blumen ( trois fleurs ) ist! 2024 wurde La Fayolle zusätzlich mit dem Spezialpreis der Jury der Trophées de l’AMA (Association des Maires de l’Aude) für die vorbildliche Aufwertung des Lebensraums ausgezeichnet.

Villes et Villages Fleuris

1959 rief das französische Tourismusministerium einen Wettbewerb in Leben, der – ähnlich wie sein deutsches Pendant „Unser Dorf solll schöner werden“ – iGemeinden für ihre Lebensqualität, Grüngestaltung und Ortsbildpflege auszeichnet. Längst steht nicht mehr nur reine Blütenpracht im Vordergrund: Eine unabhängige Jury bewertet strenge ökologische Kriterien wie den Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel ( Zero Phyto ), nachhaltiges Wassermanagement, die Förderung der Biodiversität und die aktive Einbindung der Einwohner.

Erfolgreiche Kommunen dürften gelbe Ortsschilder ausschildern, die ein bis vier Blumen schmücken. Die Fleur d’Or, eine seltene Goldene Blume, wird seit 2008 jährlich an maximal neun Orte mit Vier-Blumen-Status vergeben. Ausgezeichnet wurden u.a. schon Eguisheim, Évian-les-Bains, Cahors und Cassis. Unter den mehr als 4.000 prämierten Städten und Dörfern Frankreichs nimmt La Fajolle eine Sonderstellung ein: Es gilt als die mit Abstand kleinste Gemeinde des Landes, die sich bis zur Auszeichnung mit drei Blumen emporgeblüht hat.

Die ersten Hennen

La Fajolle: bunte Hennen überall. Foto: Hilke Maunder
Die Henne der Place de l’Apero von La Fajolle. Foto: Hilke Maunder

Mit Jackie Castel fand Françoise Freu eine Mitstreiterin in La Fajolle, die ihre Blumenleidenschaft teilt. Und eine ungewöhnliche Idee beisteuerte. Sie griff zur Nähmaschine und verwandelte Stoffreste in kunterbunte, knuffige Hennen.

Jackie stellte sie ins Fenster. Flug machten es die Nachbarn nach. Es entwickelte sich geradezu ein echter Wettbewerb, wie das textile Tier am besten in Szene gesetzt werden könnte.

La Fajolle: bunte Hennen überall. Foto: Hilke Maunder
Huhn hält Hof. Foto: Hilke Maunder

Im Vogelkäfig, auf dem Heuballen, auf einem riesigen Wagenrad, mittendrin in den Blumen. Wer die Augen offen hält, findet die hübschen Hennen an den erstaunlichsten Orten. Und natürlich sind alle handgemacht und nicht gekauft!

La Fajolle: Henne. Foto: Hilke Maunder
Diese Henne hat viel Holz vor, pardon, für die Hütte… Foto: Hilke Maunder

Zu den Hennen haben sich längst andere Hingucker gestellt. Gummistiefel und Nachttöpfe schmücken mit Blumen Steigen und Stiegen. Im zinnernen Wäschetrog hält eine Puppe ihre Angel in den Bach: Der Rébenty ist berühmt für seine Forellen!

La Fajolle: eine Puppe angelt am Rébenty. Foto: Hilke Maunder
Angeln am Rébenty – ein Stillleben. Foto: Hilke Maunder

Das Ziel: ein staatliches Schutzgebiet.

Der grüne Geist von La Fajolle macht jedoch an den Blumenbeeten und Gemeindegrenzen nicht halt. Was in den Gassen begann, setzt sich in den Wäldern der Pyrenäen fort: Gemeinsam mit Biologen der Fédération Aude Claire treibt das Dorf das Projekt der Réserve Naturelle Nationale ( RNN ) de La Fajolle voran.

Das Großteils seines Gemeindegebiets, gesamt mehrt als 1.500 Hektar, soll künftig ein strenges staatliches Naturreservat schützen. Zu den treibenden Kräften hinter diesem Projekt gehörte der XX verstorbene Biologe der Fédération Aude Claire, Bruno Leroux. Über Jahre hinweg hatte er gemeinsam mit der Gemeinde Wildkameras installierte, Studien zum Pyrenäen-Desman durchgeführte und so das Fundament für den Schutzgebiet gestellt. Das Prinzip dafür: eine évolution libre – der Wald wird sich selbst überlassen, um wieder zu einem echten Urwald mit Altholz-Strukturen heranzuwachsen.

La Fajolle: bunte Hennen überall. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Die oberen Waldgrenzen und Bergrücken (z. B. am Lac du Rébenty und den Hängen des Col de Pailhères) werden als strikte Ruhezonen (Zones de quiétude) ausgewiesen. Vom 1. März bis 31. Mai ist der Zutritt dort komplett reguliert, um die vom Aussterben bedrohten Auerhähne (Grand Tétras) während der Balzzeit im Frühjahr vor Störungen zu schützen. Ganz besonderen Schutz wird es auch für das gesamte Quellgebiet des Rébenty geben, wo der Pyrenäen-Gebirgsmolch (Euprocte des Pyrénées) und der Pyrenäen-Desman (Desman des Pyrénées) heimisch sind. Als Schaufenster des Schutzgebietes soll der Gemeindesaal renoviert werden und sich zur Maison de la Biodiversité wandeln.

La Fajolle: meine Reisetipps

La Fajolle: der Platz für den Apero. Foto: Hilke Maunder
Der Platz für den Apero. Foto: Hilke Maunder

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La Fajolle: die Lese-Zelle. Foto: Hilke Maunder
Die einstige Telefonzelle wandelte sich zum Bücherschrank für alle. Foto: Hilke Maunder