Mas Amiel: das Geheimnis der Dames-Jeannes

Es gibt viele Wege dorthin: Die spannendste Zufahrt beginnt an einem kleinen Holzschild an der D177 Perpignan-Foix. Zwischen Estagel und Maury leitet es auf eine ausgewaschene Piste. Mehr als zwei Meter hoch ragt das Schilf zu einen Seite, endlos weit reicht das Rebenland zur anderen Seite.

In einer Senke führt eine „Passage de Gué“ als Zementblock durch den Maury, der jetzt als schmales Rinnsal zwischen Kieseln dem Agly zustrebt – bei den Herbststürmen oder der Schneeschmelze im Frühjahr verwandelt er sich in einen breiten Strom. Aus der Senke heraus und schnurgerade hin zu dem Schriftzug „MA“ auf dem Berghang, geschrieben mit weißem Kalk im dichten Grün.

MA steht für Mas Amiel – Platzhirsch von Maury und größter privater Weinkeller des Weindorfes im Herzen des Aglytals im Katharerland. Mächtige Ruinen wie Quéribus wachen über den Reben; stürmisch fegt der Tramontane die Wolken fort, 260 Tage lang verwandelt strahlender Sonnenschein Zucker in Alkohol: perfekte Bedingungen für kraftvolle Rote und schwere Dessertwein.

Mas Amiel: süß & trocken

1816 gehörte dieses karge, steinige Land dem Bischof von Perpignan, der es am beim am Spieltisch als  Wettpfand am Spieltisch einsetzte- und es an den Straßen- und Brückenbauer Raymond Etienne Amiel verlor: die Geburtsstunde von Mas Amiel.

Die „Domaine des Goudous“ des Klerikers war damals nur zehn Hektar groß. 1865 erreichte die Phylloxera vastatrix aus Amerika das Aglytal und zerstörte sämtliche Weingärten – wie fast überall in Frankreich. Doch ein Weinhändler aus dem nahe Millas – Camille Gouzy –  hörte von reblausresistenten Stöcken – und baute das Weingut innerhalb von vier Jahren wieder auf.

Der Ruf seines Erfolges eilte ihm bis nach Portugal voraus, wo er die ebenfalls von der Reblaus zerstörten Weingärten im Douro-Tal wieder aufbaute. Nach seinem Tod übernahm der Banker Charles Dupuy die Geschäfte, später sein Sohn, der 1997 verschied.

Zwei Jahre später besuchte, mitten im stürmenden Tramontane, im Oktober 1999 ein Mann das Tal, und verliebte sich in das Wein: Olivier Decelle.

Ein Herzblutprojekt

Es seit ein „coup de foudre“ gewesen, erzählt er gerne – Liebe auf den ersten Blick. Noch im gleichen Jahr erwarb Decelle das Weingut, pendelte zwei Jahre lang zwischen Trauben und Tiefkühlkost, bevor er 2001 seinen Job als CEO der Tiefkühlkette Picard Surgelés an den Nagel hing, um sich nur noch dem Weinbau zu widmen.

Decelle besitzt auch Weingüter im Burgund und Bordelais. Decelle ließ den Boden untersuchen und war der Erste in Maury, der vom Institut National de l’Origine et de Qualité (INAO) die Erlaubnis erhielt, die Appellation Maury nicht nur für Süß-, sondern auch für trockene Weine zu nutzen.

Hip gestylt

Heute gilt Mas Amiel als Vorzeigeweingut – nicht zuletzt auch wegen der erfolgreichen Inszenierung der Marke mit stylisch inszeniertem Gutshof, Degustationsraum mit Blick auf den Weingärten, Designerlabels auf den Flaschen und einem Ambiente, das eher an einen urbanen Showroom als ein ländliches Anwesen erinnert.

170 Hektar des 226 Hektar großen Gutes sind mit Grenache, Shiraz, Mourvèdre und Carignan  bepflanzt, auf eine Ecke mit Granit gedeiht Lladoner Pelut. Die Erträge sind klein, mal nur zehn, dann maximal 22 Hektoliter pro Hektar.

Kaltblüter für Bio-Reben

Die Rebhänge der „Terres Rares“ lässt er nur mit dem Pferd, nicht mit Traktoren pflügen – so bleibt die dünne Erdkrume auf dem Basalt locker. Und nur dort ist der Weinbau auch wirklich bio.

Alljährlich am 20. August beginnt die Lese – für Premiumweine per Hand. In kleinen Kästen, maximal 15 kg schwer gefüllt, werden die Trauben zum Hof gefahren. Dort wird jede der 130 Parzellen auf den 170 Hektar in Inoxtanks einzeln vinifiziert: Jedes Terroir behält so seinen ganz unverwechselbaren Charakter.

Natürliche Süßweine

Den Kern des Sortiments bildet nach wie vor die traditionsreichen Maury, die ab Juni in 1.000 Glasballons – 64 Liter fassenden dames-jeannes – ihre Jugend ein Jahr lang im Freien verbringen. Die bewusst eingesetzte Oxidation macht die Weine heller, ehe sie in die Eiche wandern, und dort kurz, oder viele Jahre, zur Vollendung reifen.

Das Ergebnis: Süßweine von enormer Intensität. Der Maury Vintage Réserve enthält nur Trauben einer Parzelle, der Maury Charles Dupuy nur den Rebensaft jener Grenache-Stöcke, die Charles Dupuy vor mehr als 100 Jahren – 1914 – gepflanzt hatte. Und noch heute stellen Süßweine 60 Prozent der Produktion. Seit 2008 ergänzen trockene Rote das Angebot.

Mas Amiel: Was solltet ihr probieren?

• Côtes du Roussillon Altair 2011: ein Cuvée aus Grenache und Macabeu, der erst im Stahltank, dann im Holzfass gelagert wurde.
• Maury sec, Alt 433 2012: Die Reben für diesen Roten wuchsen nicht auf Kalk und Basalt, sondern auf Granit.
• Maury sec AOP, Terres Rares „Légende“, Parcelle du Caribou 2012:  mit 14,5 Vol. % ein kraftvoller Rubinroter mit Schokonuance.
• Maury doux, Mas Amiel Vintage 2011: der süße Verführer in Weiß.
• Maury doux, Mas Amiel Vintage 2012: der rote Klassiker – ein Jahr lang oxidierte er in dames-jeannes vor dem Hof.
• Maury doux 1980: Nach dem Freiluftjahr ging es für 32 Jahre ins Fass.

Das Geheimnis des Maury: die Mutage

Typisch für die Süßweine des Roussillon ist die „Mutage“, die auch bei Portweinen eingesetzt wird. Erfunden wurde sie 1285 von Arnau de Vilanova in Perpignan. Der Hofarzt der Könige von Mallorca entdeckte, dass die Zugabe von Alkohol die Gärung des Mostes stoppt.

In Maury fügen die Winzer dem Traubensaft bei der Mutage fünf bis maximal zehn Prozent eines 96% Vol. Weinalkohol  5dem Traubenmost zu. Dadurch können die Hefen nicht den gesamten Zucker in Alkohol umwandeln – der Maury bewahrt dadurch seine natürliche Süße und enthält mit 15-18 Vol. % weniger Alkohol als ein Port.

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