Mas Amiel: das Geheimnis der Dame-Jeanne

Mas Amiel: Der Süßwein oxidiert unter freiem Himmel. Foto: Hilke Maunder
Der Süßwein von Mas Amiel oxidiert unter freiem Himmel. Foto: Hilke Maunder

Es gibt viele Wege zum Mas Amiel. Die spannendste Zufahrt beginnt an einem kleinen Holzschild an der D117 von Perpignan nach Foix. Zwischen Estagel und Maury leitet es auf eine ausgewaschene Piste. Mehr als zwei Meter hoch ragt das Schilf zu einen Seite auf. Endlos weit reicht das Rebenland zur anderen Seite.

Mas Amiel: Die Initialien schmücken den Hang. Foto: Hilke Maunder
Mas Amiel: Seine Initialien schmücken den Hang. Foto: Hilke Maunder

In einer Senke führt eine passage de gué als Zementblock durch den Maury, der jetzt als schmales Rinnsal zwischen Kieseln dem Agly zustrebt.

Bei den Herbststürmen oder der Schneeschmelze im Frühjahr verwandelt er sich in einen breiten Strom. Aus der Senke heraus und schnurgerade hin zu dem Schriftzug “MA” auf dem Berghang, geschrieben mit weißem Kalk im dichten Grün.

Mas Amiel: Was für eine Zufahrt von der D117 aus! Foto: Hilke Maunder
Was für eine Zufahrt von der D117 aus! Foto: Hilke Maunder

MA steht für Mas Amiel. Das Weingut ist der Platzhirsch von Maury und größter privater Weinkeller des Weindorfes im Herzen des Aglytals im Katharerland. Mächtige Ruinen wie das Chaâteau de Quéribus wachen über den Reben.

Stürmisch fegt der Tramontane die Wolken fort. 260 Tage lang verwandelt strahlender Sonnenschein Zucker in Alkohol: perfekte Bedingungen für kraftvolle Rote und schwere Dessertweine.

Die Weingärten von Mas Amiel prägt Vielfalt im Boden
Die Weingärten von Mas Amiel prägt Vielfalt im Boden

Mas Amiel: süß & trocken

1816 gehörte dieses karge, steinige Land dem Bischof von Perpignan, der es am beim am Spieltisch als  Wettpfand am Spieltisch einsetzte – und es an den Straßen- und Brückenbauer Raymond Etienne Amiel verlor. Dies war die Geburtsstunde von Mas Amiel.

Die Domaine des Goudous des Klerikers war damals nur zehn Hektar groß. 1865 erreichte die Phylloxera vastatrix aus Amerika das Aglytal. Wie  fast überall in Frankreich, zerstörte die Reblaus auch dort sämtliche Weingärten. Doch ein Weinhändler aus dem nahen Millas – Camille Gouzy –  hörte von schädlingsresistenten Stöcken und baute das Weingut innerhalb von vier Jahren wieder auf.

Lokales Erbe trifft globalen Zeitgeist: Das Weingut Mas Amiel setzt dies nicht nur in der Architektur, sondern auch bei der Komposition und Präsentation seiner Weine um. Foto: Hilke Maunder
Lokales Erbe trifft globalen Zeitgeist: Das Weingut Mas Amiel setzt dies nicht nur in der Architektur, sondern auch bei der Komposition und Präsentation seiner Weine um. Foto: Hilke Maunder

Der Ruf seines Erfolges eilte ihm bis nach Portugal voraus. Auch dort baute er die ebenfalls von der Reblaus zerstörten Weingärten im Douro-Tal wieder auf. Nach seinem Tod übernahm der Banker Charles Dupuy die Geschäfte, später sein Sohn, der 1997 verschied.

Mitten im stürmenden Tramontane besuchte zwei Jahre späte ein Mann das Tal und verliebte sich im Oktober 1999 in das Weingut: Olivier Decelle.

Ms Amiel. Foto: Hilke Maunder
“Mas” heißt Gutshof bzw. Hofstelle auf Occitan. Foto: Hilke Maunder

Ein Herzblutprojekt

Es seit ein coup de foudre gewesen, erzählt er gerne, Liebe auf den ersten Blick. Noch im gleichen Jahr erwarb Decelle das Anwesen. Zwei Jahre lang pendelte er noch zwischen Trauben und Tiefkühlkost. Doch 2001 hängte er seinen Job als CEO der Tiefkühlkette Picard Surgelés an den Nagel. Und widmet sich seitdem nur noch dem Weinbau.

Decelle besitzt auch Weingüter im Burgund und Bordelais. Decelle ließ den Boden untersuchen und war der erste in Maury, der vom Institut National de l’Origine et de Qualité (INAO) die Erlaubnis erhielt, die Appellation Maury nicht nur für Süß-, sondern auch für trockene Weine zu nutzen.

Der Verkostungsraum von Mas Amiel eröffnet weite Ausblicke auf die Weingärten im Agly-Tal. Foto: Hilke Maunder
Der Verkostungsraum von Mas Amiel eröffnet weite Ausblicke auf die Weingärten im Agly-Tal. Foto: Hilke Maunder

Hip gestylt

Heute gilt Mas Amiel als Vorzeigeweingut. Nicht zuletzt auch wegen der erfolgreichen Inszenierung der Marke. Dazu gehören ein  stylisch inszenierter Gutshof, ein Verkostungsraum mit Blick auf den Weingärten und Designerlabels auf den Flaschen. Das Ambiente bei Mas Amiel erinnert daher eher an einen urbanen Showroom als ein ländliches Weingut.

170 Hektar des 226 Hektar großen Gutes sind mit Grenache, Shiraz, Mourvèdre und Carignan  bepflanzt. Auf eine Ecke mit Granit gedeiht Lladoner Pelut. Die Erträge sind klein. Mal betragen sie nur zehn, dann maximal 22 Hektoliter pro Hektar.

Muscat im Weingarten von Mas Amiel. Foto: Hilke Maunder
Neben der roten Grenache noir baut Mas Amiel für seine weißen Süßweine auch Muscat an. Foto: Hilke Maunder

Kaltblüter für Bio-Reben

Die Rebhänge der terres rares lässt er nur mit dem Pferd, nicht mit Traktoren pflügen. So bleibt die dünne Erdkrume auf dem Basalt locker. Und nur dort ist der Weinbau auch wirklich bio.

Alljährlich um den 20. August herum beginnt die Lese – für Prämium-Weine per Hand. In kleinen Kästen, maximal 15 kg schwer gefüllt, werden die Trauben zum Hof gefahren. Dort wird jede der 130 Parzellen auf den 170 Hektar in Inoxtanks einzeln vinifiziert. Jedes Terroir behält so seinen ganz unverwechselbaren Charakter.

Mas Amiel: In den Dames-Jeannes können die Süßweine atmen und oxidieren. Foto: Hilke Maunder
Im Dame-Jeanne können die Süßweine atmen und oxidieren. Foto: Hilke Maunder

Natürliche Süßweine

Den Kern des Sortiments bildet nach wie vor die traditionsreichen Maury. Ab Juni verbringt der schwer Süßwein in 1.000 Glasballons – 64 Liter fassenden dames-jeannes – seinee Jugend ein Jahr lang im Freien. Die bewusst eingesetzte Oxidation macht die Weine heller, ehe sie in die Eiche wandern und dort kurz, oder viele Jahre, zur Vollendung reifen.

Das Ergebnis sind Süßweine von enormer Intensität. Der Maury Vintage Réserve enthält nur Trauben einer Parzelle, der Maury Charles Dupuy nur den Rebensaft jener Grenache-Stöcke, die Charles Dupuy vor mehr als 100 Jahren – 1914 – gepflanzt hatte. Und noch heute stellen Süßweine 60 Prozent der Produktion. Seit 2008 ergänzen trockene Rote das Angebot.

Mas Amiel, Weinauswahl. Foto: Hilke Maunder
Einige der schönen Tropfen von Mas Amiel. Foto: Hilke Maunder

Mas Amiel: Was solltet ihr probieren?

• Côtes du Roussillon Altair 2011: ein cuvée aus Grenache und Macabeu, der erst im Stahltank, dann im Holzfass gelagert wurde.
• Maury sec, Alt 433 2012: Die Reben für diesen Roten wuchsen nicht auf Kalk und Basalt, sondern auf Granit.
• Maury sec AOP, Terres Rares “Légende”, Parcelle du Caribou 2012:  mit 14,5 Vol. % ein kraftvoller Rubinroter mit Schokonuance.
• Maury doux, Mas Amiel Vintage 2011: der süße Verführer in Weiß.
• Maury doux, Mas Amiel Vintage 2012: der rote Klassiker – ein Jahr lang oxidierte er in dames-jeannes vor dem Hof.
• Maury doux 1980: Nach dem Freiluftjahr ging es für 32 Jahre ins Fass.

Das Geheimnis des Maury: die Mutage

Typisch für die Süßweine des Roussillon ist die mutage, die auch bei Portweinen eingesetzt wird. Arnau de Vilanova erfand  sie 1285 in Perpignan. Der Hofarzt der Könige von Mallorca entdeckte, dass die Zugabe von Alkohol die Gärung des Mostes stoppt.

In Maury fügen die Winzer dem Traubensaft bei der mutage fünf bis maximal zehn Prozent eines 96% Vol. Weinalkohol  dem Traubenmost zu. Dadurch können die Hefen nicht den gesamten Zucker in Alkohol umwandeln. Der Maury bewahrt dadurch seine natürliche Süße und enthält mit 15-18 Vol. % weniger Alkohol als ein Port.

Weingärten zwischen Saint-Paul-de-Fenouillet und Maury. Foto: Hilke Maunder
Weingärten zwischen Saint-Paul-de-Fenouillet und Maury. Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Im Blog

Mehr über den Süßwein von Maury und die vins doux naturels erfahrt ihr hier.

Die Winzer des Vallée de l’Agly habe ich hier vorgestellt.

Ein ganz besonders genussreiches Weingut ist das Château de Jau. Das Weinerlebnis runden dort Kunstausstellungen und Schlemmerei unter freiem Himmel ab. Klickt mal hier!

Im Buch

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