Das Mémorial du Camp de Rivesaltes

Mémorial du Camp de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Vom Parkplatz aus seht ihr noch nicht das moderne Mémorial, sondern nur das Lager – was für eine geniale architektonische Lösung von Rudy Ricciotti! Foto: Hilke Maunder

Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Algerienkrieg, Abschiebehaft: Vier Mal nahm das Lager von Rivesaltes, rund 40 km nördlich von Perpignan im Département Pyrénées-Orientales gelegen, einen Platz in der Geschichte Frankreichs ein. Seit Oktober 2015 erinnert ein Mémorial an die Geschichte des „Camp des Indésiderables“, des Lagers der Unerwünschten.

1938 ursprünglich als Gefangenenlager „Camp Joffre“ vom französischen Militär angelegt, war das Camp de Rivesaltes 1941/42 in der Nachfolge des spanischen Bürgerkrieges das wichtigste Internierungslager für geflüchtete Republikaner, Sinti und Roma aus dem Elsass sowie ausländische Juden und politische Gegner.

Die Außenanlage der Gedenkstätte ist frei zugänglich. Foto: Hilke Maunder

2.313 Juden nach Drancy und Auschwitz

1942 begann das wohl dunkelste Kapitel in der Geschichte von Rivesaltes: Das 612 Hektar große Areal wurde vom Vichy-Regime zum Hauptsammellager für die Juden in der „freien Zone“ erklärt.

2.313 jüdische Häftlinge wurden von Rivesaltes aus mit neun Deportationszügen in das Durchgangslager Drancy oder direkt nach Auschwitz verschleppt. Als das Internierungs- und Sonderlager von Rivesaltes am 24. November 1942 seine Pforten schloss, befanden sich schon Einheiten der Wehrmacht in Rivesaltes.

Wir dürfen nicht die Geschichte vergessen, aber auch nicht unsere Feinde, haben Unbekannte auf die Fassade eines Hauses des Lagers gesprüht. Foto: Hilke Maunder

Bis August 1944 blieb Rivesaltes in der Hand der Wehrmacht. Sie kasernierte dort mobile Einheiten kasernierte, führte Truppenübungen durch und lagerte Material zur Küstenverteidigung, mit denen u.a. die nahen Strände vermint wurden.

Nach der Befreiung des Lagers durch Frankreich blieb eine Hälfte unter der Verwaltung der Militärs, der andere Teil erhielt das Innenministerium

Ein Frau blickt aus den Ruinen: Street Art, die den Ort plötzlich mit Menschen füllt. Der Schrecken– hautnah fühlbar. Foto: Hilke Maunder

Kriegsgefangene & Kollaborateure

Nach den Befreiungskämpfen übernahmen die französischen Behörden wieder das Lager von Rivesaltes. Und teilten es auf. Eine Hälfte erhielt das Kriegsministerium, das dort im Dezember 1944 das „Kriegsgefangenenlager 162“ für Soldaten der Achsenmächte einrichtete, die andere Hälfte das Innenministerium.

Bereits im September 1944 nahm im zivilen Part ein „Centre de séjour surveillé“ seinen Betrieb auf, in dem Menschen, der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt, überwacht und „politisch gesäubert“ wurden.

Das Mémorial: unter der Erde in das Lager integriert. Foto: Hilke Maunder

20.000 Harkis im Lager

Nach dem Ende des Algerienkrieges schließlich diente das Camp de Rivesaltes  ab 1962 als Auffanglager für die Harkis und ihre Familien –  algerische Zivilisten, die in Ergänzungseinheiten für die französische Armee im Algerienkonflikt gekämpft hatten. Mehr als 20.000 von ihnen wurden bis Ende 1964 durch das Lager geschleust.

Mit einem Gesetz, das seit  29. Oktober 1981 französischen Behörden erlaubt, Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus in Centres de rétention administrative (CRA) bis zur Abschiebung ins Heimatland festzuhalten, wurde Rivesaltes von 1985 bis 2007 Abgeschiebegefängnis. Mehr als  20.000 Menschen durchliefen in 22 Jahren den Komplex auf einem Teilgelände des Camp de Rivesaltes.

Das Zaungitter spiegelt sich auf den Mauern und weckt Beklemmung auf dem Weg ins Innere des Mémorials. Foto: Hilke Maunder

80.000 Menschen aus 16 Nationen

Seit 16. Oktober 2015 ist das Schicksal der 80.000 Menschen aus 16 Nationen, die insgesamt das Camp de Rivesaltes durchliefen, nicht mehr vergessen oder tabu. Sondern so deutlich, hautnah und ergreifend erlebbar, dass man innerlich friert, wenn man das neue Mémorial du Camp de Rivesaltes besichtigt.

Der Weg zur Ausstellung… ein langer, schlichter Gang, der das Gefühl des Eingesperrtseins hautnah vermittelt. Foto: Hilke Maunder

Das Hauptgebäude der Erinnerungsstätte befindet sich im Lagerabschnitt F. Rudy Ricciotti, der Architekt des MuCEM aus Marseille, entwarf es als 220 m langes, 20 m breites und vier Meter hohes Gebäude, das unterirdische beginnt und sich langsam bis zur Höhe der Barackendächer erhebt.

Die Dauerausstellung des Mémorial setzt auf Multimedia bei der Vermittlung der Lagergeschichte als Spiegel des 20. Jahrhunderts. Foto: Hilke Maunder

Minimalistisch ist die Architektur. Rauer Beton. Lange Gänge. Holz. Die Kargheit der Baracken transportiert in die Architektur des Mémorials. Ein langer Weg, der hinführt zum zentralen Ausstellungssaal.

Multimedial inszeniert das Mémorial die Schicksale der Menschen, die das Lager von Rivesaltes durchliefen.

1000 Quadratmeter, die multimedial das Lagerleben, die Isolation, die Hitze des Sommers und das Frieren in den damals schneereichen Wintern so vermitteln, als sei man dabei gewesen. Zeitzeugen quer durch alle Schichten und Volksgruppen erzählen.

Einzelschicksale statt allgemeiner Erklärungen: Riversaltes berührt. Foto: Hilke Maunder

Was bei den Fotos und Filmen auffällt: in Rivesaltes waren unglaublich viele Kinder. Und: Die wenigsten Zeugnisse gibt es von den Zigeunern, die ebenfalls hier einkaserniert waren.

Zigeuner aus dem Osten Europas, ganz anders in der Kultur als die andalusischen Zigeuner von Perpignan. 2019/2020 hat sich erstmals eine Wechselausstellung ihrem Schicksal gewidmet.  400 Quadratmeter Sonderausstellungsfläche gibt es dazu

Die Zigeuner von Rivesaltes, Thema einer Sonderausstellung 2019/2020. Foto: Hilke Maunder

Doch das Mémorial ist mehr als eine Erinnerungsstätte oder ein Museum. Seine Präsentation endet in der Neuzeit, im Heute und Jetzt. Direktorin Françoise Roux: „Der Blick in die Geschichte nützt nichts, wenn daraus nicht Schlussfolgerungen gezogen werden für den heutigen Umgang mit Migranten, mit Mitmenschen und Lösungen für eine Gesellschaft von morgen definiert werden. Auch diese Aufgabe haben wir.“

Das Lager von Rivesaltes – den Canigou im Blick. Foto: Hilke Maunder

Arbeitstreffen mit Kollegen von Auschwitz bis Birkenau, pädagogische Veranstaltungen mit Schulklassen und ein umfangreiches Kulturprogramm mit Lesungen und Konzerten prägen daher die museumspädagogische Arbeit.

20 Jahre lang hatte der frühere Präfekt der Pyrénées-Orientales für die Einrichtung des Mémorial gekämpft. Er wollte, wie auch die Tausenden von geflüchteten Nachkommen der spanischen Republikaner im Roussillon, einen Ort der Erinnerung für Leiden der Geflüchteten. Frankreich als Rechtsnachfolger und zugleich Einrichter des Lagers hatte sich lange dagegen gewehrt und das Lager lange Jahrzehnte weiter genutzt.

Nicht, wie sonst üblich, der Staatspräsident. Sondern der katalanisch-französische Ministerpräsidenten Manuel Valls weihten – 20 Jahre später – die Gedenkstätte im Oktober 2015 ein.

Heute gehört die Anlage der Region Okzitanien. Doch von der Autobahn weist kein Schild auf die Gedenkstätte hin. Und die Kommunen von Rivesaltes und Salses-le-Château haben sie mit einem Kranz von Gewerbegebieten umzingelt. So ist sie fast genauso unsichtbar wie einst. Viele Katalanen hätten das Camp als „Schandfleck“ liebsten plattgemacht, sagt Françoise Roux, die Direktorin der Gedenkstätte.

Doch das haben engagierte Verfechter verhindert. So sind die Lager-Tore jetzt das ganze Jahr hindurch geöffnet, täglich von 10 – 18 Uhr. Wer weitere Spuren jener Zeit such, findet sie auch in  der Maternité von Elne. Und in einer sehr sehenswerten, aber recht kleinen Dokumentationsstätte in Argelès-sur-mer, versteckt im Trubel der Fußgängerzone.

Eingesperrt. Modern interpretiert von Rudy Ricciotti. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Mehr Infos zu den spanischen Flüchtlingen und der Bürgerkriegszeit findet ihr in meinem Beitrag zur Retirada.

Infos zu weiteren Gedenkstätten in Frankreich und im restlichen Europa findet ihr hier.

 Blogtipp

Nicole Biarnes lebt in Katalonien und hat im Pays Catalan ebenfalls die Spuren von Vertreibung und Flucht, Lagerleben und Erinnerungsarbeit aufgespürt. Rivesaltes habe ich gemeinsam mit ihr und ihrem Mann besucht. Beide bloggen auf Freibeuterreisen. Lest ihre Infos und Impressionen zum Lager von Rivesaltes hier.

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2 Kommentare

  1. Danke Dir für die Information. Mit Frankreich im dritten Reich habe ich mich bislang vornehmlich im Norden des Landes beschäftigt. Mal von der Vichy-Regierung abgesehen. Der Artikel ist ein guter Grund, mich mit den alten und neuen Nazis in Südfrankreich eingehender zu beschäftigen

    • Mach das, Reiner! In Elne und Argelès-sur-Mer gibt es weitere Erinnerungsorte. Wenn Du Französisch lesen kannst, hol Dir auch das Buch, das im Herbst 2019 erschienen ist:“Le partage de la Catalogne – L’histoire rocambolesque du Traité des Pyrenées“. Viele der aktuellen Probleme werden dort sehr lesenswert geschildert. Viel Sfpaß! Hilke

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  1. Mein Frankreich: Franz Sommerfeld - Mein Frankreich

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