Mémorial du Camp de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
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Das Mémorial du Camp de Rivesaltes

Nur einen Katzensprung von der Autobahn A 9 entfernt erinnert das Mémorial du Camp de Rivesaltes an einen Abschnitt der Geschichte, der lange verdrängt und vergessen wurde.

Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Algerienkrieg, Abschiebehaft: Vier Mal nahm das Lager von Rivesaltes, rund 40 Kilometer nördlich von Perpignan im Département Pyrénées-Orientales gelegen, einen Platz in der Geschichte Frankreichs ein. Seit Oktober 2015 erinnert ein Mémorial du Camp de Rivesaltes an die Geschichte des Camp des Indésirables, des Lagers der Unerwünschten.

Ursprünglich hatte die französische Armee das Camp Joffre 1935 auf 600 Hektar als militärisches Ausbildungslager angelegt. Nach Kriegsausbruch nutzte es die Armee als Sammelplatz für Soldaten, die auf ihren Einsatz warteten.

Am 10. Dezember 1940 stellte das französische Verteidigungsministerium 600 Hektar südlich des Militärlagers zur Umgruppierung der aus Deutschland vertriebenen Personen zur Verfügung. Der militärische Teil des Lagers operierte dann neben den zivilen Lagern.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Die Außenanlage der Gedenkstätte ist frei zugänglich. Foto: Hilke Maunder

2.313 Juden nach Drancy und Auschwitz

Am 14. Januar 1941 wurde das Lager offiziell. Es kam unter die Kontrolle der zivilen Behörden des Vichy-Regimes. In der Nachfolge des spanischen Bürgerkrieges und der Massenflucht, der Retirada, wurde es das wichtigste Internierungslager für geflüchtete spanische Republikaner, Sinti und Roma aus dem Elsass sowie ausländische Juden und politische Gegner.

1942 begann das wohl dunkelste Kapitel in der Geschichte von Rivesaltes: Das 612 Hektar große Areal wurde vom Vichy-Regime zum Hauptsammellager für die Juden in der „freien Zone“ erklärt.

2.313 jüdische Häftlinge wurden von Rivesaltes aus mit neun Deportationszügen in das Durchgangslager Drancy oder von dort weiter nach Auschwitz verschleppt. Als das Internierungs- und Sonderlager von Rivesaltes am 24. November 1942 seine Pforten schloss, befanden sich schon Einheiten der Wehrmacht in Rivesaltes.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Wir dürfen nicht die Geschichte vergessen, aber auch nicht unsere Feinde, haben Unbekannte auf die Fassade eines Hauses des Mémorial du Camp de Rivesaltes gesprüht. Foto: Hilke Maunder

Bis August 1944 blieb Rivesaltes in der Hand der Wehrmacht. Sie kasernierte dort mobile Einheiten, führte Truppenübungen durch und lagerte Material zur Küstenverteidigung, mit denen u.a. die nahen Strände vermint wurden.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Ein Frau blickt aus den Ruinen: Street-Art, die den Ort plötzlich mit Menschen füllt. Der Schrecken– hautnah fühlbar. Foto: Hilke Maunder

Kriegsgefangene & Kollaborateure

Nach den Befreiungskämpfen übernahmen die französischen Behörden wieder das Lager von Rivesaltes. Und teilten es auf. Eine Hälfte erhielt das Kriegsministerium, das dort im Dezember 1944 das „Kriegsgefangenenlager 162“ für Soldaten der Achsenmächte einrichtete. Die andere Hälfte bekam das Innenministerium.

Bereits im September 1944 nahm im zivilen Part ein Centre de séjour surveillé seinen Betrieb auf, in dem Menschen, der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt, überwacht und „politisch gesäubert“ wurden.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Das Mémorial du Camp de Rivesaltes ist unter der Erde in das Lager integriert. Foto: Hilke Maunder

20.000 Harki im Lager

Nach dem Ende des Algerienkrieges schließlich diente das Camp de Rivesaltes  ab 1962 als Auffanglager für die Harki und ihre Familien. Die Harki waren algerische Hilfskräfte, die in Ergänzungseinheiten für die französische Armee im Algerienkonflikt gekämpft hatten.

Mehr als 225.000 Algerier hatten damals die französische Armee unterstützt, teilweise unter einer anderen Bezeichnung. Die berühmteste Elite-Einheit der Harki war das Commando Georges, das der FLN sehr fürchtete. Mehr als 20.000 Harki wurden bis Ende 1964 durch das Lager geschleust.

Das Gesetzt vom 29. Oktober 1981 erlaubte es französischen Behörden , Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus in Centres de rétention administrative (CRA) bis zur Abschiebung ins Heimatland festzuhalten.

Rivesaltes wandejte sich von 1985 bis 2007 zum Abschiebegefängnis. Mehr als  20.000 Menschen durchliefen in 22 Jahren den Komplex auf einem Teilgelände des Camp de Rivesaltes.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Das Zaungitter spiegelt sich auf den Mauern und weckt Beklemmung auf dem Weg ins Innere des Mémorial du Camp de Rivesaltes . Foto: Hilke Maunder

80.000 Menschen aus 16 Nationen

Seit 16. Oktober 2015 ist das Schicksal der insgesamt 80.000 Menschen aus 16 Nationen, die das Camp de Rivesaltes durchliefen, nicht mehr vergessen oder tabu.

Sondern so deutlich, hautnah und so ergreifend erlebbar, dass man innerlich friert, wenn man das Mémorial du Camp de Rivesaltes besichtigt.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Der Weg zur Ausstellung im Mémorial du Camp de Rivesaltes : ein langer, schlichter Gang, der das Gefühl des Eingesperrtseins hautnah vermittelt. Foto: Hilke Maunder

Das Hauptgebäude der Erinnerungsstätte befindet sich im Lagerabschnitt F. Rudy Ricciotti, der Architekt des MuCEM aus Marseille, entwarf es als 220 m langes, 20 m breites und vier Meter hohes Gebäude, das unterirdische beginnt und sich langsam bis zur Höhe der Barackendächer erhebt.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Die Dauerausstellung des Mémorial setzt auf Multimedia bei der Vermittlung der Lagergeschichte als Spiegel des 20. Jahrhunderts. Foto: Hilke Maunder

Minimalistisch ist die Architektur. Rauer Beton. Lange Gänge. Holz. Die Kargheit der Baracken transportiert in die Architektur des Mémorial du Camp de Rivesaltes . Ein langer Weg, der hinführt zum zentralen Ausstellungssaal.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Multimedial inszeniert das Mémorial du Camp de Rivesaltes die Schicksale der Menschen, die das Lager von Rivesaltes durchliefen.

1000 Quadratmeter, die multimedial das Lagerleben, die Isolation, die Hitze des Sommers und das Frieren in den damals schneereichen Wintern so vermitteln, als sei man dabei gewesen. Zeitzeugen quer durch alle Schichten und Volksgruppen erzählen.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Einzelschicksale statt allgemeiner Erklärungen: Rivesaltes berührt. Foto: Hilke Maunder

Was bei den Fotos und Filmen auffällt: In Rivesaltes waren unglaublich viele Kinder. Fortgerissen aus ihren Familien, wuchsen sie abseits von Mutter und Vater auf.  Auch die Männer und die Frauen lebten getrennt in den 150 Hütten des Areals. Im Alter von 14 Jahren zogen die Jungen vom Kinderlager ins Männerlager.

Die wenigsten Zeugnisse im Mémorial von Rivesaltes gibt es von den Zigeunern, die ebenfalls hier einkaserniert waren. Zigeuner aus dem Osten Europas, ganz anders in der Kultur als die andalusischen Zigeuner von Perpignan.

2019/2020 hat sich erstmals eine Wechselausstellung ihrem Schicksal gewidmet.  400 Quadratmeter Sonderausstellungsfläche gibt es dazu

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Die Zigeuner von Rivesaltes war auch schon Thema einer Sonderausstellung. Foto: Hilke Maunder

Doch das Mémorial du Camp de Rivesaltes ist mehr als eine Erinnerungsstätte oder ein Museum. Seine Präsentation endet in der Neuzeit, im Heute und Jetzt.

Direktorin Françoise Roux: „Der Blick in die Geschichte nützt nichts, wenn daraus nicht Schlussfolgerungen gezogen werden für den heutigen Umgang mit Migranten, mit Mitmenschen und Lösungen für eine Gesellschaft von morgen definiert werden. Auch diese Aufgabe haben wir.“

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Das Lager von Rivesaltes – den Canigou im Blick. Foto: Hilke Maunder

Der lange Weg zum Mémorial du Camp de Rivesaltes

Arbeitstreffen mit Kollegen von Auschwitz bis Birkenau, pädagogische Veranstaltungen mit Schulklassen und ein umfangreiches Kulturprogramm mit Lesungen und Konzerten prägen daher die museumspädagogische Arbeit.

20 Jahre lang hatte der frühere Präfekt der Pyrénées-Orientales für die Einrichtung des Mémorial du Camp de Rivesaltes gekämpft. Er wollte, wie auch die Tausenden von geflüchteten Nachkommen der spanischen Republikaner im Roussillon, einen Ort der Erinnerung für die Leiden der Geflüchteten.

Frankreich als Rechtsnachfolger und zugleich Einrichter des Lagers hatte sich lange dagegen gewehrt und das Lager lange Jahrzehnte weiter genutzt.

Nicht, wie sonst üblich, der Staatspräsident. Sondern der katalanisch-französische Ministerpräsidenten Manuel Valls weihte – 20 Jahre später – die Gedenkstätte im Oktober 2015 ein.

Heute gehört das Mémorial du Camp de Rivesaltes der Region Okzitanien. Doch von der Autobahn weist kein Schild auf die Gedenkstätte hin. Und die Kommunen von Rivesaltes und Salses-le-Château haben sie mit einem Kranz von Gewerbegebieten umzingelt.

So ist sie fast genauso unsichtbar wie einst. Viele Katalanen hätten das Camp als „Schandfleck“ am liebsten plattgemacht, sagt Françoise Roux, die Direktorin der Gedenkstätte.

Doch das haben engagierte Verfechter verhindert. So sind die Lager-Tore jetzt das ganze Jahr hindurch geöffnet, täglich von 10 – 18 Uhr.

Wer weitere Spuren jener Zeit sucht, findet sie auch in  der Maternité von Elne. Und in einer sehr sehenswerten, aber recht kleinen Dokumentationsstätte in Argelès-sur-mer, versteckt im Trubel der Fußgängerzone.

Mémorial de Rivesaltes. Foto: Hilke Maunder
Eingesperrt. Für das Mémorial du Camp de Rivesaltes modern interpretiert von Rudy Ricciotti. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

Mehr Infos zu den spanischen Flüchtlingen und der Bürgerkriegszeit findet ihr in meinem Beitrag zur Retirada.

Infos zu weiteren Gedenkstätten in Frankreich und im restlichen Europa findet ihr hier.

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Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

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6 Kommentare

  1. Für mich das beeindruckendste (weil auch so mir bis dahin unbekannt) war, über Bilder und Filme zu erfahren, wie Zigtausende (hunderttausende?) republikanischer spanischer Flüchtlinge vor Franco hier in Frankreich nicht willkommen geheißen wurden und in Massenlager kaserniert wurden. Das kommt hier für mich etwas zu versteckt in dem Link RETIRADA (https://meinfrankreich.com/retirada/) vor.Ich finde das könnte direkt auf der Seite etwas beschrieben werden – wie die anderen Nutzungen auch. Vielen Dank auf jedenfall für die Übersicht!

  2. Vor 20 Jahren waren wir in Rivesaltes. Meine Frau, deren Großvater als Gefangener drei Jahre im Lager von Rivesaltes war, hatte trotzdem Französisch studiert und sich für Frankreich begeistert.

  3. Danke Dir für die Information. Mit Frankreich im dritten Reich habe ich mich bislang vornehmlich im Norden des Landes beschäftigt. Mal von der Vichy-Regierung abgesehen. Der Artikel ist ein guter Grund, mich mit den alten und neuen Nazis in Südfrankreich eingehender zu beschäftigen

    1. Mach das, Reiner! In Elne und Argelès-sur-Mer gibt es weitere Erinnerungsorte. Wenn Du Französisch lesen kannst, hol Dir auch das Buch, das im Herbst 2019 erschienen ist:“Le partage de la Catalogne – L’histoire rocambolesque du Traité des Pyrenées“. Viele der aktuellen Probleme werden dort sehr lesenswert geschildert. Viel Sfpaß! Hilke

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