Otto Freundlich – Pionier der Abstraktion

Otto FREUNDLICH (1878-1943) Composition, 1919 Pastel sur papier 68 × 52 cm Musée de Pontoise, Donation Freundlich © Musée de Pontoise
Composition (1919) Pastel auf Papier, 68 × 52 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich © Musée de Pontoise

„Da oben, da hat er sich vor den Nazis versteckt. Doch dann hat ihn jemand aus dem Dorf verraten.“ In der Dämmerung des Abends zeigt Brigitte Benet auf ein Gemäuer, das seit Jahren leer steht. Le Galamus.

Einst war es ein Sternelokal gewesen, hatte Prominente beköstigt. Und in einem Zimmer oberhalb der Gaststube einen Mann versteckt, dessen Werke im Nationalsozialismus als entartete Kunst galten: Otto Freundlich (1878-1943).

Bevor der Maler ein Atelier am Boulevard d’Agly bezog, lebte und arbeitete er in Saint-Paul-de-Fenouillet über dem Restaurant „Le Galamus“. Foto: Hilke Maunder

Der erste große Schöpfer der nicht-figurativen Kunst war im März 1908 nach Paris gekommen und hatte im Bateau-Lavoir an der Spitze der Butte de Montmartre Zuflucht gefunden. 2020 widmet das Musée de Montmartre dem deutschen Künstler die erste monografische Ausstellung in Paris seit 1969.

Erste große Retrospektive seit 60 Jahren

Otto Freundlich, aufgenommen von August Sander (1876-1964)
© Tate © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur-August Sander Archiv, Köln/Adagp, Paris 2020

Otto Freundlich war einer der Pioniere der Abstraktion. Er war politisch engagiert, rang um neue Ausdrucksformen in der Kunst – und war den Nazis als Jude verhasst. 1937 hievten sie dessen Skulptur Grande tête (1912) 1937 auf das Titelblatt des Katalogs der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ und zerstörten Teile seines Werkes.

Blick in die Otto-Freundlich-Retrospektive des Musée de Montmartre. ©Musée de Montmartre

Umso bedeutsamer ist die Pariser Ausstellung La Révélation de l’Abstraction. In Zusammenarbeit mit dem Musée Tavet-Delacour aus Pontoise, seit 1968 Depositar der Ateliersammlung des Künstlers, und der Basilique du Sacré-Cœur in Montmartre, wo zwei seiner Glasfenster ausgestellt werden, zeigt sie bis 21. Januar 2021 im Musée de Montmartre von Paris fast 80 Werke –  Skulpturen, Gemälde, Glasfenster, Mosaiken und grafische Arbeiten.

Frise (Femme Allongée), 1924
Vitrail, 24 x 163 cm
Musée de Pontoise, Donation Freundlich
© Musée de Pontoise

Zusätzlich zu dieser einzigartigen Sammlung gibt es eine Auswahl von Dokumenten, Schriften und Briefen von Künstlerfreunden – lebendige Zeugnisse aus dem täglichen Leben des Malers.

Möge bald der Tag kommen, an dem Männer wieder auf die Schönheit bauen können, die ihnen die Künstler bieten.

Otto Freundlich, 1939

Otto Freundlich: Schicksalswege

Homme devant une fontaine, 1911/1942, Gouache sur papier, 49 x 39 cm, Musée de Pontoise, Dona

Otto Freundlich kam im einstigen Ostpreußen und heutigen Polen am 10. Juli 1878 in Stolp / Słupsk als Sohn des Speditionsinhabers Emil Freundlich zur Welt. Die deutsche Familie jüdischer Herkunft war – wie viele andere Familien damals auch – zum  Protestantismus konvertiert. Diesen Konformismus lehnte Freundlich zeitlebens ab.

Von 1888 bis 1892 besuchte er das Gymnasium, brach jedoch vorzeitig ab. Nach einer kaufmännischen Lehre und einer Beschäftigung im Holzhandel beim Bruder in Hamburg folgte drei Semester lang ein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin und München. Dort traf er 1904 mit Wassili Kandinsky und Paul Klee zusammen.

Im Winter 1906/7 reiste Freundlich nach Florenz und erkannte in der Bildhauerei und Malerei stärkste Begabungen. Zurück in Berlin, nahm er bei Lovis Corinth privaten Kunstunterricht.

Im März 1908 brach er, 30 Jahre jung, nach Paris auf.

Ich war auf dem Weg in diese Stadt Paris, die für uns mitteleuropäische Künstler vor allem die Heimat von Rodin, Manet, Monet, Cézanne und den Impressionisten blieb.

Otto Freundlich

Composition, 1911, Huile sur toile, 200 x 200 cm, Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, © Paris musées

Die Künstlerkommune des Bateau-Lavoir

Wie viele andere Künstler zog es den Maler nach Montmartre, wo ein Wind der Freiheit wehte und sich Künstler der Avantgarde begegneten. Dank seiner Freunde, dem Berliner Maler Rudolph Levy (1875-1944) und dem Sammler und Kunstkritiker Wilhelm Uhde (1874-1947), konnte er von März bis Juli 1908 ein Atelier im Bateau-Lavoir beziehen.

Otto Freundlich wurde erst Nachbar, dann Freund von Pablo Picasso. Und tauschte sich mit Braque, Apollinaire, Delaunay, Derain und Max Jacob aus. So fand Otto Freundlich seinen eigenen, unverwechselbaren Ausdruck.

Fragments de figure à l’ensemble des plans, 1927, Huile sur toile, 55 x 46 cm, Collection privée, © Collection privée, DR

„Figural-konstruktivistischer Stil symbolistischer Prägung“ nennen ihn Kunstkritiker wie Maurice Raynal so für jene Jahre. Er beschreibt Otto Freundlichs ersten Aufenthalt in Paris so:

Otto Freundlich, der Neuankömmling im Bateau-Lavoir, wurde sofort in die Gruppe der dort lebenden Künstler aufgenommen… Die verträumte, ja ekstatische Weichheit, ja Ekstase seines Gesichts zeugte von einer einheimischen Großzügigkeit und Zärtlichkeit, die uns alle verführte. Seine hohe Kultur, seine Intelligenz, seine Sensibilität und eine tiefe Liebe zu den edelsten Dingen des Menschen brachten ihn sofort dazu, die Absichten der frühen Kubisten zu umarmen und zu teilen.

Le Bateau-Lavoir: Bequem war sie nicht, die große Holzbaracke. Im Winter war sie eisig, im Sommer ein Backofen, und doch war das Waschboot an der stillen Place Émile-Goudeau 13 ein Ort, an den die Künstler später mit Wehmut zurück dachten.

Heizung und fließendes Wasser gab es zu jener Zeit nicht, an Elektrizität war gar nicht zu denken, man saß und schlief auf der einzigen Couch. Wer Picasso, Max Jacob oder Amedeo Modigliani in ihren Ateliers besuchte, brachte neben Wein stets Kerzen mit. 1970 zerstörte Feuer das Waschboot. 1978 wurde es mit 25 modernen Künstlerateliers und rekonstruierter historischer Fassade wieder aufgebaut.

Composition, 1931, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Erste Ausstellungen

Nach dem ersten, kurzen Aufenthalt in Paris kehrte Freundlich nach Deutschland zurück und beteiligte sich dort an Ausstellungen. 1909 und 1910 zeigte er seine Werke bei der Berliner Secession, 1912 bei der Sonderbund-Ausstellung in Köln.

Zum 2. Mal in Paris

Im März 1911 kehrte Freundlich zurück nach Paris. Diesmal mietete er sich auf Montmartre ein Atelier in der Rue des Abbesses 55. In diesem Atelier entstand 1911 sein erstes abstraktes Werk, Komposition. Nach und nach entwickelte Freundlich eine sehr eigenwillige Bildsprache aus flächigen, farbigen Elementen, die gerade Linien und Kurven abgrenzen. 1913 zeigte er seine ersten abstrakten Werke beim 1. Deutschen Herbstsalon.

So kurz seine Montmartre-Periode auch war, so entscheidend war sie doch für die Entwicklung seines Werkes. Fasziniert von verschiedenen Techniken, Mosaik, Tapisserie, Glasmalerei, ließ sich Freundlich frei inspirieren und experimentierte bei seinen Forschungen.

Bahnbrechend für die Entwicklung von Freundlichs Abstraktion wurde die Zeit in Chartres, wo er von März bis Juli 1914 in der Glasmalerei-Restaurierungswerkstatt der Kathedrale von Chartres mitarbeitete.

Ich war fünf Monate lang ein Gefangener der Welt in Chartres und kam für immer gezeichnet heraus.

Otto Freundlich

Composition, 1938-41, Vitrail, 63,5 x 49.5 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Vom Weltkrieg überrascht

Der Erste Weltkrieg überraschte den Maler. Otto Freundlich kehrte nach Deutschland zurück. Nach der Revolution von 1918 in Deutschland wurde er als Mitglied der Novembergruppe politisch aktiv und organisierte 1919 zusammen mit Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld die erste Dada-Ausstellung in Köln. Freundlich wechselte oft seine Adresse, malte, zeichnete und fertigte erste Stiche an. Glasmalerei und Monumentalkunst interessierten ihn.

1925 siedelte Otto Freundlich endgültig nach Paris um, wohnte in der Rue Belloni und der Rue Bonaparte und begann im Mai 1928 mit seiner monumentalen Skulptur „Christi Himmelfahrt“, die er im Sommer 1929 vollendete.

1930 schloss er sich der Künstlergruppe Cercle et Carré (Kreis und Quadrat). Die Künstlervereinigung des Zeichners Michel Seuphor und des Malers Joaquín Torres García bestand zwar nur ein Jahr, veranstaltete aber in jener Zeit die erste internationale Gruppenausstellung für abstrakte Kunst. Ebenfalls Mitglieder der Gruppe waren Hans Arp und Piet Mondrian.

Composition, 1930, Huile sur toile marouflée sur contreplaqué, 147 x 113 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Mit kunsttheoretischen Schriften wie „Die Wege der Abstrakten Kunst“ (1934) erläuterte Freundlich sein Werk. 1936 gründete er in Paris mit Le Mur (Die Mauer) eine private Kunstakademie, an der er Malerei, Zeichnung und Gravur unterrichtete.

1937 erschien seine Skulptur Grande Tête  (1912) auf dem Titelblatt des Katalogs der von den Nazis organisierten Wanderausstellung „Entartete Kunst“, die massiv das zeitgenössische Kunstschaffen kritisierte.

Vierzehn seiner Werke in deutschen Museen wurden daraufhin beschlagnahmt und vernichtet. Doch Freundlich zeigte weiter seine Werke. Zum 60. Geburtstag des Malers 1938 organisierte die Galerie Jeanne Bucher-Myrbor eine Ausstellung. 1939 war Otto Freundlich auf der von Robert und Sonia Delaunay organisierten Ausstellung Réalités Nouvelles in der Galerie Charpentier vertreten, 1940 beim Salon des Indépendants.

Hommage aux peuples de couleur, 1938, Triptychon mit Mosaiken, drei Tafeln à 164,5 × 52,5 ; 164,5 × 44,5 ; 164,5 × 42,5 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Mit einem öffentlichen Appell zeigten Künstler wie Braque, Cassou, Derain, Robert und Sonia Delaunay, Léger, Kandinsky und Picasso Flagge für Freundlich. Dank der von Picasso eingeleiteten Subskription wurde die Gouache Hommage aux peuples de couleur in die Sammlungen des Jeu de Paume, heute Musée National d’Art Moderne Centre George Pompidou, aufgenommen.

„Der Künstler ist ein Barometer der Transformationen. Er empfindet sie in seinen Handlungen und Gedanken als leitende Kräfte, lange bevor sie in der Welt verwirklicht werden. Wo immer er die Fähigkeit besitzt, sich nach und nach, aber definitiv von allgemein akzeptierten Formen und Wahrheiten zu lösen, führt er den Willen einer neuen Realität aus. Jede künstlerische Verwirklichung hat eine Tendenz: eine enge Tendenz, wenn sie zum Schutz des Künstlers dient; eine breitere Tendenz, wenn der Künstler auf sein Privatleben verzichtet und sein Schaffen zum Zeichen einer Grenzverschiebung wird.

Otto Freundlich, Auszug aus einem Text, veröffentlicht in Cercle et Carré, Nr. 2, 15. April 1930

Ascension, 1929, Bronze, 1929, 200 x 104 x 104 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Denunziert und ermordet

Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, glich Otto Freundlichs Schicksal dem vieler anderer jüdischer deutscher Einwanderer. Französische Behörden steckten ihn in mehrere Lager für Angehörige feindlicher Nationen. Doch durch die Intervention von Künstlerfreunden, allen voran Pablo Picasso, kam Otto Freundlich im Mai 1940 auf freien Fuß, und nahm Zuflucht in Saint-Paul-de-Fenouillet in den Pyrénées-Orientales.

Versuche, Freundlich die Ausreise aus Frankreich in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen, scheiterten. Besorgt über die Zukunft seines Werkes, entdeckte er aus der Erinnerung die zerstörten Leinwände wieder, die für ihn wichtige Etappen in seiner Entwicklung darstellen. Ebenfalls in Saint-Paul-de-Fenouillet begann er, seine Biographie zu verfassen.

Um mehr Sicherheit zu gewährleisten, zog das Paar von einem Dorf in ein anderes und suchte mit einer Bauernfamilie Zuflucht in St-Martin-de-Fenouillet. Doch der Aufschub war von kurzer Dauer.

Am 23. Februar 1943 denunzierte ein corbeau den Maler. Freundlich wurde verhaftet, kam in die Lager Gurs und Drancy und wurde am 4. März in das Vernichtungslager Sobibor (Polen) deportiert. Er starb dort am 9. März – ermordet noch am Tag der Ankunft im Alter von 65 Jahren. In seinem Atelier bleibt eine unvollendete Komposition zurück.

Es ist ein Rätsel, und doch möchte ich meinem Schicksal fest und friedlich entgegentreten, und das habe ich mein ganzes Leben lang getan.

Otto Freundlich, 1940

Composition inachevée, 1943, Gouache sur carton, 65 x 50 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Freundlichs Bedeutung

Im Vorwort des Ausstellungskatalogs äußern sich Geneviève Rossillon, Präsidentin des Musée de Montmartre, und Fanny de Lépinau, Direktorin des Museums, zur Bedeutung des Berliner Malers:

„Otto Freundlichs Schicksal ist überwältigend, weil es mit Brillanz jene innere Stärke offenbart, die ihn mehr als alles andere charakterisiert, niemals aufzugeben oder zu verraten, was er tief in seinem Inneren ist: ein Mann, der seinen künstlerischen, politischen und humanistischen Überzeugungen treu bleibt.

Sein Werk, seine zahlreichen Korrespondenzen, seine Teilnahme an verschiedenen Kreisen und Bewegungen sind nichts anderes als die Illustration seiner absoluten Berufung als Künstler.

Durch seine Palette und die Kraft der Farbe, durch seinen Weg zur Abstraktion und zur dynamischen Konstruktion von Oberflächen, durch seine revolutionären Texte hat Freundlich nie aufgehört, das zu offenbaren, woran er für die Zukunft der Menschheit glaubt. Das ist der Sinn seiner Existenz.

Wie ein Märtyrer nimmt er kompromisslos das Schicksal des bahnbrechenden und deshalb beunruhigenden Künstlers an, der er ist. Sein Werk wird denunziert, stigmatisiert als Symbol der „entarteten Kunst“, die die moderne Kunst dem Naziregime repräsentierte; es wird dann teilweise zerstört.

Ohne die ungeheure Tragödie seines Lebens zu verdecken, ist Otto Freundlichwie ein Lichtstrahl des 20. Jahrhunderts. Denn es gibt etwas Unerreichbares in diesem Mann – eine innere Kraft, die ihn immer vorwärts treibt. Sie zeigt jedes Bild: leuchtend und erleuchtend, kraftvoll, von der Ewigkeit durchdrungen. Otto Freundlich will mit seiner Kunst die Welt zu einem besseren Ort machen. Mächtig und ewig ist daher das Vermächtnis, das er uns hinterlässt.“

Die Wahrheit, die all unseren künstlerischen Bemühungen zugrunde liegt, ist ewig und wird für die Zukunft der Menschheit von großer Bedeutung bleiben.

Otto Freundlich, 1940.

Portrait von Otto Freundlich, anonym, um 1925, © Archives Musée de Pontoise, DR

Die Europäische Skulpturenstraße des Friedens

Die Europäische Skulpturenstraße des Friedens geht zurück auf eine Initiative von Professor Leo Kornbrust. Der saarländische Bildhauer hatte 1971 das erste Bildhauersymposion im Saarland initiiert. Gemeinsam mit Künstlerkollegen aus aller Welt schuf er mehrere Skulpturen in freier Landschaft. Es  entstand ein rund 25 km langer Skulpturenweg von St. Wendel bis zum Bostalsee, den Kornbrust später Otto Freundlich widmete. Seit den 1980er-Jahren ist er ein Teilstück der Straße der Skulpturen.

Ebenfalls zu Beginn der 1970er-Jahren entstand im saarländischen St. Wendel der Verein Straße des Friedens – Straße der Skulpturen in Europa – Otto Freundlich Gesellschaft e.V. Sein Ziel ist es, mit einer Skulpturenstraße quer durch Europa die Ideen von Otto Freundlich und Leo Kornbrust lebendig zu halten.

Otto Freundlich hatte 1936 zusammen mit seiner Lebensgefährtin Jeanne Kosnick-Kloss das Konzept zweier Skulpturenstraßen als symbolische Route für den Frieden entwickelt. Von Nord nach Süd sollte ein „Weg der menschlichen Brüderlichkeit“ / « voie de la fraternité humaine » verlaufen.

Rosace I, 1938, Tempera sur papier marouflé sur toile, 208 x 202 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

Die West-Oststrecke  nannte das Paar „Weg der menschlichen Solidarität in Erinnerung an die Befreiung“ / « voie de la solidarité humaine en souvenir de la libération ».  Die Straßen sollten sich dort kreuzen, wo mit Vincent van Gogh ein weltberühmter Künstler sein Grab hat: in Auvers-sur-Oise. Dort wünschten sich die beiden Künstler am Schnittpunkt beider Straßen einen hohen, begehbaren ,„Turm des Friedens und der sieben Künste“.

Diese Vision hat der saarländische Bildhauer Prof. Leo Kornbrust gut dreißig Jahre später wieder aufgegriffen. Nach zwei Symposien „an der Strecke“ verfolgt er die Idee heute mit europäischen Partnern.

Und das durchaus erfolgreich. Kunstschaffende und Friedensinitiativen haben mit 500 Skulpturen entlang der West-Ost und Nord-Süd-Strecke der Vision Gestalt gegeben und ein Kreuz der Kunst gegen Krieg in Europas Landschaften gesetzt, die zu viele Kriege erlebt haben.

Die 4.400 km lange West-Ost-Strecke der Skulpturenstraße führt von Saint-Albin-sur-Mer an der Küste der Normandie über Paris, Drancy, Verdun, Belgien, Luxemburg, das Saarland und Rheinland-Pfalz nach Berlin und von dort über Slupsk in Polen nach Majdanek und Kiew in der Ukraine nach Moskau. Die 1.500 km lange Süd-Nord-Strecke beginnt in St-Martin-de-Fenouillet und führt über Aix-en-Provence nach Verdun und weiter bis Amsterdam.

Composition avec trois figures, 1911/1941, Gouache sur carton, 50 x 50 cm, Musée de Pontoise, Donation Freundlich, © Musée de Pontoise

2025: Europäische Friedenswanderung auf der Straße des Friedens

2025 liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges 80 Jahre zurück. Am 1. Januar 2025 will daher der deutsche Journalist Günter Schmitt vom kleinen Pyrenäendorf St-Martin-de-Fenouillet gemeinsam mit einigen Weggefährten zu einer außergewöhnlichen Wanderung starten und die Straße des Friedens zu Fuß bewältigen.

Während der Wanderung mit Tagesetappen von etwa 25 Kilometern möchte er möglichst viele Menschen ermuntern, ihn ein Teilstück zu begleiten. Sein Ziel: mit dieser „friedlichen Völkerwanderung“ durch viele europäische Länder die Idee von Freundlich und Kornbrust einer breiten Bevölkerungsschicht näher zu bringen.

Mit seinem Projekt will er auch erinnern an jene Mütter und Väter, Großmütter und Großväter, die durch ihr Wirken uns ermöglichten, im Herzen Europas friedlich zu leben. Der ehemalige Kommissionspräsident der EU, Jean-Claude Juncker, formulierte bereits als junger Mann beim Anblick tausender weißer Kreuze eines deutschen Soldatenfriedhofs in Luxemburg seine Botschaft für ein friedliches Europa: „Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“

„Je ungeistiger, je brutaler die Gegenwart, desto Geistigeres, Feineres, muss man tun. Das ist Starksein.“ Dieser Satz von Otto Freundlich hat nichts an Bedeutung verloren. Wir müssen stetig daran arbeiten, dass das Erbe unserer Vorfahren nicht zerstört wird. Machen wir uns auf den Weg!

Wer das Projekt unterstützen oder mitwandern möchte, kann Günter Schmitt eine Mail schreiben (g.schmitt.tour@googlemail.com). Oder mehr erfahren auf www.heimatverfuehrer.de.

Willy Maywald,Atelier  von Otto Freundlich und Jeanne Kosnick-Kloss, 38, rue Henri-Barbusse, Paris, tirage photographique moderne, Association Willy Maywald, © Maisons-Laffite, Association Willy Maywald

Otto Freundlich: die Infos

Das geht nur langsam

Die Filmemacherin Gabi Bollinger hat vor einigen Jahren eine 110-minütige Doku über die „Straße des Friedens“ gedreht. Die DVD (20 €) ist erhältlich beim Verein Straße des Friedens. Dort erhaltet ihr auch Infomaterial über Otto Freundlich und die Straße des Friedens.
• Verein Straße des Friedens, Am Symposion 1, 66606 St. Wendel

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12 Kommentare

  1. Liebe Hilke,
    danke für den so angemessen sachlich gehaltenen Ton in einer von Emotionen geladenen Biografie. Toller Beitrag, der personifiziert das darstellt, was institutionalisiert so vielen Künstlern widerfahren ist.
    Ich läse gern mehr von solchen historischen Behind-the-Scenes-Lebensläufen.
    Mit sehr vielen freundlichen Grüssen aus Toulouse,
    Thomas

    • Lieber Thomas, danke für das Lob und die Anregung, öfter einmal einzelne Schicksale näher zu beleuchten. Viele Grüße! Und genieße Toulouse – es ist eine unglaublich spannenden Stadt! Hilke

  2. Otto Freundlich, eine sehr interessante Biografie. Solche Schicksale hat es leider zahlreiche gegeben und man muss sie immer wieder öffentlich machen. Seine Kunst lässt ihn weiter leben.

    • Liebe Birgit,
      danke – und ja, Du hast recht! Mich hat es sehr überrascht zu erfahren, dass er in meinem Dorf sich versteckt und gearbeitet hatte… Das Erbe soll dort jetzt aufgearbeitet werden. Man träumt davon, es Besuchern zugänglich zu machen… nur fehlt das Geld… Liebe Grüße! Hilke

  3. Danke für diesen Beitrag. Ich war im Frühjahr auf dem Berliner Teil der Strasse des Friedens wandern, sehr sehenswert der Skulpturenpark Hobrechtsfelde. Nun verstehe ich dieses Projekt und seine Geschichte besser!

    • Oh, wie schön, Verena! Hattest Du da zufällig auch Fotos gemacht? Falls ja, dürfte ich vielleicht ein Foto dann noch in den Beitrag integrieren im Textbaustein zur Skulpturenstraße? Da war ich nicht fündig geworden… Merci und liebe Grüße! Hilke

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