Nationalsport Südfrankreichs: Pétanque

La bise zwischen Pétanque-Spielern in Argelès.
Auch faire la bise gehört zum Pétanque-Spiel. Foto: Hilke Maunder

Es könnte überall in  Südfrankreich sein: Auf einem Sandplatz unter Platanen werfen einige Männer meist älteren Jahrgangs ihre blank geputzten Metallkugeln um eine deutlich kleinere, meist rote Kugel, das Schweinchen.

Sobald die Kugeln liegen, begeben sie sich zum cochon. Dort beginnt eine gestenreiche Diskussion, welche boule der beiden Mannschaften nun tatsächlich näher am Schweinchen liegt.

Pétanque-Spieler am Hafen von Cassis. Foto: Hilke Maunder
Pétanque-Spieler am Hafen von Cassis. Foto: Hilke Maunder

Pétanque: Wurzeln in der Provence

Die Wurzeln des südfranzösischen Nationalsport, für den fast allerorten extra ein Boulodrome angelegt wurde, liegen im Jeu Provençal. 1907 jedoch lies Ernest Pitiot im südfranzösischen Ort La Ciotat den bis dato üblichen Anlauf einfach weg.

Er spielte mit seinen Freunden mit geschlossenen Beinen, aus dem Stand. Eben mit pieds tanques, oder, wie es auf Provenzalisch heißt, ped tanco. Eine Premiere! Die neue Spielhaltung wurde zum Namensgeber, Pétanque zum Welterfolg.

Pétanques: gespielt wird mit geschlossenen Füßen, still stehend. Foto: Hilke Maunder
Pétanque: gespielt wird mit geschlossenen Füßen, still stehend. Foto: Hilke Maunder

Embrasser Fanny

Ihr habt verloren und der Spielstand ist 13:0? Dann folgt nun das Ritual für den Verlierer. Er muss – im jeu provençal, bei Boules oder bei Pétanque– den nackten Hintern einer weiblichen Figur mit dem Spitznamen Fanny küssen.

Ursprünglich mussten die Verlierer das Gesäß einer Frau namens Fanny küssen, die auf einem Gemälde, auf Töpferwaren oder Skulpturen dargestellt ist.

Bis heute eine solche Fanny auch zum Sortiment des Haushaltswarengeschäft L’Empereur in Noailles (Marseille). Und wird dort nicht nur von Boulevereinen erworben, sondern auch von jungen Männern, die ein passendes Neckgeschenk für den Polterabend eines Mannes, der heiratet.

Baiser Fanny oder faire Fanny  ist Siegeslohn für den Gewinner, Schande für die unterlegene Mannschaft, aber immer ein Spaß und Lacher für die Zuschauer. Das Ritual der totalen Demütigung inspiriert seit 300 Jahren nicht nur die Kunst.

Baiser la Fanny: Ein punkteloser Verlierer muss zur Straße die Fanny küssen. Foto: Hilke Maunder
Baiser la Fanny: Ein punkteloser Verlierer muss zur Straße die Fanny küssen. Foto: Hilke Maunder

Literarisch verewigt

Marcel Pagnol hat die provenzalische Tradition in Le temps des amours ( chap. 4, La partie de boules de Joseph) literarisch verewigt.

« Les vaincus avaient remis leurs vestons ; leurs boules étaient déjà serrées dans les sacs ou les muselières et plusieurs se querellaient, en se rejetant la responsabilité de la défaite. […] Puis, dans un grand silence, […] la voix de Pessuguet s’éleva :

— Et la cérémonie ?

Alors les jeunes se mirent à crier en chœur :

— La Fanny ! La Fanny !

— C’est la tradition, dit le journaliste. Il me semble que nous devons la respecter !

von mir frei übersetzt:

Die Besiegten hatten ihre Jacken wieder angezogen; ihre Kugeln waren bereits in Tüten oder Drahtträger gepackt, und einige stritten sich und gaben sich gegenseitig die Schuld an der Niederlage. […] Dann, in einer großen Stille, […] erhob sich die Stimme von Pessuguet:

– Und die Zeremonie?

Daraufhin begannen die jungen Leute im Chor zu rufen:

La Fanny! La Fanny!

– Das ist die Tradition, sagte der Journalist. Es scheint mir, dass wir es respektieren müssen!

Fit für Olympia

Pétanque-Zubehör: Zähler und Maßband. Foto: Hilke Maunder
Pétanque-Zubehör: Zähler und Maßband. Foto: Hilke Maunder

Fast 600.000 Menschen in 76 Ländern, darunter auch Thailand und Australien, spielen es weltweit im Verein. Ihre Dachorganisation ist die Fédération Internationale de Pétanque et Jeu Provençal (FIPJP).

Sie hat dafür gesorgt, dass das Olympische Komitee IOC Pétanque als Sport anerkannt und damit den Weg zu einer möglichen olympischen Disziplin bereitet hat.

Seit 2015 gibt es auch das weltweit erste Museum für den Nationalsport des Südens. Ihr findet es in der Maison de la Boule in Marseille. Ehrenamtliche Anhänger betreiben es. Und freuen sich, dass selbst mitten in der eng bebauten Innenstadt immer noch Plätze vorhanden sind, um dem Spiel mit den boules nachzugehen.

Pétanque in Argelès-sur-Mer. Foto: Hilke Maunder
Die Kugel fliegt… Foto: Hilke Maunder

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Pétanquespieler bei den Jardins de la Fontaine in Nîmes. Foto: Hilke Maunder
Pétanquespieler bei den Jardins de la Fontaine in Nîmes. Foto: Hilke Maunder
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