Das neue Marseille: smart, sicher, sauber


Das neue Marseille: Die Villa Mediterranée von Marseille

Das neue Marseille: Die Villa Mediterranée an der Wasserlinie, dahinter die Cathédrale de la Major mit „Les Voûtes“

Seit 2600 Jahren ist Marseille Frankreichs Melting Pot am Mittelmeer. Eine Stadt der Extreme, die in keine Schablone passt, nie steril sein wird, sondern immer voller Farben und Gerüchte, oft arm, aber immer stolz. So beschreibt Michel Henri, Journalist der französischen Tageszeitung Libération, die Hafenstadt, die seit der Jahrtausendwende den wohl ambitioniertesten Stadtumbau Europas versucht.

Als Kulturhauptstadt 2013 präsentierte die zweitgrößte Stadt Frankreichs ein beeindruckendes Zwischenergebnis. 2017 war sie die Sporthauptstadt Europas, 2019 wird sie Gastgeberin von Marseille – Provence 2019 sein, dem Jahr der Gastronomie in der Provence. Schirmherr ist der Dreisternechef der Stadt, Gérald Passedat von Le Petit Nice.

Nord-Süd-Trennlinie

Das Image wandelt sich. Doch noch immer verläuft durch die Stadt eine Trennlinie. Die Armen leben im Norden in Hochhausghettos, die Reichen im Süden in herrschaftlichen Villen mit Meerblick. Im Stadtzentrum rund um den alten Hafen drängen sich Zuwanderer und Einwanderer in alten Quartieren mit ganz eigenem Gepräge: ein kleines Maghreb wie Noailles, von kleinen Leute und ihren Betrieben geprägt wie Le Panier.

In Marseille fassten alle Stände, alle Schichten, Leute aus aller Welt Fuß: Banker und Bäcker, Tagelöhner und Drogenbosse, Reeder und Händler, Prostituierte, Promis und Politiker. Ein schillernder Kosmos der Welt, der Schriftsteller wie Marcel Pagnol und Jean-Claude Izzo inspirierte, Rap-Legenden wie IAM und die Fonky Family hervorgebrachte und Modemacher wie Sessùn, Didier Parakian, Héléna Sorel zu international gefragten Designern machte, die Juweliere Frojo und Pellegrin & Fils mit Schmuck und Uhren zur weltbekannten Namen.

Das neue Marseille funkelt am Wasser

Jahrhunderte lang waren Seefahrt, Schiffbau und Handel die Säulen für Wohlstand. Der Bau des Suezkanals ließ Marseille boomen. Prachtmeilen und Prunkvillen der Belle Époque zeugen vom damaligen Reichtum. Der Niedergang des Marseiller Handelshafens entzog der örtlichen Industrie den Boden. Fast die Hälfte der Arbeitsplätze gingen zwischen 1975 bis 1990 verloren. Die Arbeitslosenzahlen explodierten der Drogenhandel boomte. Fast ein Drittel der Stadtfläche verwandelte sich in Industriebrachen.

Die erfolgreiche Bewerbung als Kulturhauptstadt 2013 stoppte den Niedergang. Seitdem geht, trotzt vielen Widerstandes und Angst vor der Gentrifizierung, ein Ruck durch die Stadt. Wahrzeichen des neuen Marseille ist die Euroméditerranée, das revitalisierte Hafen- und Werftviertel, für das Stararchitekten aufsehenerregende Architektur geschaffen haben: Lord Norman Foster das Spiegeldach des Vieux-Port, Rudy Ricciotti das Museum der Mittelmeerkulturen, Zaha Hadid den Turm der Reederei CMA-CGM, Massimiliano Fuksas das Euromed Center.

Ausdruck des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind auch von Eric Castaldi sanierten Hafenspeicher von La Joliette, in die internationale Dienstleister wie Compass Group, Telecom Italia, France Telecom, LC Com, BNP Paribas und UBI France eingezogen sind.

In der intimen Atmosphäre in den Kolonnaden unterhalb der Cathédrale de la Major in Marseille entstand mit der Voûte Virgo ein ein lebendiger Mikrokosmos für Themenabende und musikalische Soiréen. Das urige Gewölbe  kann außerhalb der abendlichen Öffnungszeiten (Donnerstags bis samstags) für Firmenveranstaltungen angemietet werden: eine kleine, inspirierendeEvent-Location in Marseille.

Auch die alte Flaniermeile Rue de la République mit ihren Prachtbauten im Stil Napoleon III. erstrahlt in neuem Glanz. Das 1,3 km lange Boulevard wurde verbreitert und mit 200 Bäumen bepflanzt, seine Fassaden gesandstrahlt, und seit 2007 saust eine Straßenbahn von der Euromediterranée über das Stadtzentrum bis nach Caillols.

Nachhaltige Zukunft

Zeitgleich wurde das Stadtradsystem Le Vélo mit mehr als 1.000 Rädern an 130 Stationen aus der Taufe gehoben. 100 Prozent umweltfreundlich sind auch die Segways, mit denen Twenty One Jump einlädt, Marseille aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen: stylisch und smart. Zwischen dem Rathaus und der Place aux Huiles pendelt eine Solarboot durch den Vieux-Port, und auch in die Calanque geht es mit Sonnenkraft und E-Motor. 2018 legte im alten Hafen mit dem Energy Observer das größte Solarboot der Welt zur Erdumrundung ab. Zwei Windräder und 180 qm Solarpanele treiben den 30 m langen Katamaran an.

Auch den Müll, der immer wieder für Negativschlagszeilen sorgten, bekommt Marseille immer besser in den griff. Hafen und Touristenviertel sind blank geputzt, seit 2009 kontrolliert eine Police de Proprété die ordnungsgemäße Müllentsorgung. Stellt jemand seine Abfallsack einfach vor die Haustür, droht ein Strafzettel.

Sauber, nachhaltig, sicher. Dazu noch von der Sonne verwöhnt und am Puls der Trends: Der Mix der Mittelmeermetropole lockt die Pariser. Sie sichern sich in Marseille ein angesagtes Pied-à-terre, einen ebenerdige Zweitwohnung. Denn dank des TGV ist die Hauptstadt nur drei Stunden entfernt. Seit Mai 2015 saust der Highspeedzug sogar direkt bis nach London.

Hotspot für Blockbuster

Marseilles Revival schlägt sich auch in den Besucherzahlen nieder. Seit 1995 haben sich die Gästezahlen verdoppelt und 2014 erstmals die Fünf-Millionen-Grenze überschritten. Der Kreuzfahrthafen von Marseille ist mit mehr als 500 Abfahrten die Nummer eins am Mittelmeer. Und täglich werden in der Stadt vier Filme gedreht, die das neue Marseille zur Kulisse für Kino und Fernsehen machen.

Netflix wählte Marseille sogar als Titel und Startpunkt seiner ersten in Europa produzierte Serie: Marseille mit Gérard Depardieu läuft seit Frühjahr 2016 auf der US-Streaming-Plattform, die 65 Millionen Menschen abonniert haben. Seit 2018 könnt ihr dort die ersten zwei Staffeln auch in deutscher Fassung sehen.

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas „Provence“

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Provence

Das neue Marseille ist auch Thema in meinem DuMont-Bildatlas „Provence“. In  sechs Kapiteln stelle ich zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten. Specials und Themenseiten verraten euch, welche großen Probleme der Lavendel hat, wo ihr Slow Food genießen könnt – oder ihr ganz aktiv das Sonnenreich im Süden erleben könnt: beim Mountainbiken, Malen, Paddeln, Wandern oder Wildbaden. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder: Provence – das Licht des Südens. Ostfildern: DuMont Reiseverlag 2018. ISBN 978-3770193943.

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