Entdeckt das neue Marseille !

Marseille, Foto: Hilke Maunder
Blick auf das neue Marseille im Westen der Stadt. Foto: Hilke Maunder

Seit 2600 Jahren ist Marseille Frankreichs melting pot am Mittelmeer. Eine Stadt der Extreme, die in keine Schablone passt. Die nie steril sein wird, sondern immer voller Farben und Gerüche. Oft arm, aber immer stolz.

So beschreibt Michel Henri, Journalist der französischen Tageszeitung Libération, die Hafenstadt, die seit der Jahrtausendwende den wohl ambitioniertesten Stadtumbau Europas versucht.

Marseille: Vieux-Port. Fischer bei Ausfahrt. Foto: Hilke Maunder
Marseille und das Meer: eine Liebe so alt wie die Stadt. Foto: Hilke Maunder

Als Kulturhauptstadt 2013 präsentierte die zweitgrößte Stadt Frankreichs ein beeindruckendes Zwischenergebnis. 2017 war sie die Sporthauptstadt Europas.

Corniche Président J. F. Kennedy, Marseille. Foto: Hilke Maunder
Das Gourmetlokal Le Petit Nice und das Viadukt von Fausse-Monnaie. Foto: Hilke Maunder

2019 lud die Metropolregion zum Jahr der Gastronomie in der Provence. Als Schirmherr fungierte  Gérald Passedat, Dreisternechef und Patron von Le Petit Nice

Der Blick von der Corniche Président John Fitzgerald Kennedy gen Osten zur Calanques-Küste. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von der Corniche Kennedy gen Osten zur Calanques-Küste. Foto: Hilke Maunder

2024 werden die Olympischen Segelwettbewerbe in Marseille ausgetragen. Die Corniche Kennedy wird dann der Aussichtsbalkon auf die Regatten sein.

Nord-Süd-Trennlinie

Luxusvillen wie diese säumen die Corniche J.F. Kennedy in Marseille. Foto: Hilke Maunder
Luxusvillen wie die Villa Gaby säumen die Corniche Kennedy in Marseille. Foto: Hilke Maunder

Das Image wandelt sich. Doch noch immer verläuft durch die Stadt eine Trennlinie. Die Armen hausen im Norden in Hochhausghettos. Die Reichen residieren im Süden in herrschaftlichen Villen mit Meerblick.

Marseille: Auf dem Markt von Noailles. Foto: Hilke Maunder
Frisches Gemüse in schönster Vielfalt: der Markt von Noailles. Foto: Hilke Maunder

Im Stadtzentrum rund um den alten Hafen drängen sich Zuwanderer und Einwanderer in alten Quartieren mit ganz eigenem Gepräge. Im kleinen Maghreb von Noailles, im 2600 Jahre alten Le Panier. Und in Belsunce, dem wohl ärmsten innerstädtischen Quartier.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Wahrzeichen von Le Panier: die Kirche Notre-Dame des Accoules. Foto: Hilke Maunder

In Marseille fassten alle Stände, alle Schichten, Leute aus aller Welt Fuß. Banker und Bäcker, Tagelöhner und Drogenbosse, Reeder und Händler, Prostituierte, Promis und Politiker.

Le Panier, Marseille. Foto: Hilke Maunder
Alltag in Marseille. Foto: Hilke Maunder

Marseille inspiriert

Marseille ist ein schillernder Kosmos der Welt. Die Stadt inspirierte Schriftsteller wie Marcel Pagnol und Jean-Claude Izzo zu Meisterwerken.

Sie brachte Rap-Legenden wie IAM und die Fonky Family hervor. Modemacher wie Sessún und Héléna Sorel stiegen zu international gefragten Designern auf.

Die Juweliere Frojo und Pellegrin & Fils wurden in Marseille mit Schmuck und Uhren zu weltbekannten Namen.

Die Modeboutique von Sessún. Foto: Hilke Maunder

Das neue Marseille funkelt am Wasser

Jahrhunderte lang waren Seefahrt, Schiffbau und Handel die Säulen für Wohlstand. Der Bau des Suezkanals ließ Marseille boomen. Prachtmeilen und Prunkvillen der Belle Époque zeugen vom damaligen Reichtum.

Marseille: Typische Marseiller Wohnbebauung in La Joliette – frisch gesandstrahlt. Foto: Hilke Maunder
Typische Marseiller Wohnbebauung in La Joliette-Viertel – frisch gesandstrahlt. Foto: Hilke Maunder

Der Niedergang des Marseiller Handelshafens entzog der örtlichen Industrie den Boden. Fast die Hälfte der Arbeitsplätze ging zwischen 1975 bis 1990 verloren.

Die Arbeitslosenzahlen explodierten. Der Drogenhandel boomte. Fast ein Drittel der Stadtfläche verwandelte sich in Industriebrachen.

Marseille, Rue Thubaneau.
Früher Straßenstrich, heute Szene-Straße: die Rue Thubaneau. Foto: Hilke Maunder

Die erfolgreiche Bewerbung als Kulturhauptstadt 2013 stoppte den Niedergang. Seitdem geht, trotz Widerstand und Angst vor der Gentrifizierung, ein Ruck durch die Stadt.

Euroméditerranée: Spielwiese der Architekten

Das Corail-Gebäude von BNP Paribas am Boulevard de Dunkerque birgt Büros und Wohnungen mit hohem Umweltstandard. Foto: Hilke Maunder
Das Corail-Gebäude am Boulevard de Dunkerque birgt Büros und Wohnungen. Foto: Hilke Maunder

Wahrzeichen des neuen Marseille ist die Euroméditerranée, das revitalisierte Hafen- und Werftviertel. Für das benachbarte Quartier d’Arenc entwarf Jean Nouvel das Wahrzeichen: La Marseillaise.

La Marseillaise

Wie bei der Torre Agbar für die Wasserwerke von Barcelona arbeitete Jean Nouvel auch in Marseille mit den Farben Rot, Blau und Weiß.

La Marseillaise. Foto: Hilke Maunder

Doch in Marseille haben sie eine ganz andere Bedeutung. Hier verweist seine Fassade auf Marseille als Wiege der Marseillaise. Die französische Nationalhymne, verewigt in Stein.

3500 Teile aus ultrahochfestem UHPC-Beton, von Hand bemalt in 26 Farbtönen. Diesen 135 Meter hohen Büroturm haben die Einheimischen sofort ins Herz geschlossen.

Marseille, La Marseilaise. Foto: Hilke Maunder
Die Promenade der Euroméditerranée. Der Verkehr wird am  Euromed Center auf eine Hochstraße geleitet. Foto: Hilke Maunder

Wie austauschbar wirkt dagegen der Turm der Reederei CMA-CGM, den Zaha Hadid entwarf. Sichtlich eingeknickt, erhebt er sich hinter La Marseille als Monotonie in Glas und Stahl.

Kunst im Turm

Eine Ikone der modernen Architektur indes ist der Turm des Fonds régional d’art contemporain (FRAC). 2013 wurde er am Boulevard de Dunkerque als Ausstellungsfläche für aktuelle Kunst eröffnet.

Der Neubau des FRAC im Herzen der Euromediterranée. Foto: Hilke Maunder

Der japanische Architekt Kengo Kuma entwarf dieses Gebäude für das Geschäftsviertel. Seine Architektur zitiert Bürobauten. Und spiegelt doch die Tatsache, dass das Innere mehr als 1000 Werke von 540 internationalen Künstlern birgt.

Im Erdgeschoss des FRAC befindet sich ein Bistro. Foto: Hilke Maunder

Das mit recycelten Glasschuppen verkleidete Museum ist kühn als Gebäude in zwei klar identifizierbaren Körpern aufgebaut. Stege verbinden  den Hauptkörper im Südosten mit dem Turm im Nordteil.

Ein Hauch von Bauhaus

Marseille: Das Euromed Center der Euroméditerranée . Foto: Hilke Maunder
Das Euromed Center der Euroméditerranée. Foto: Hilke Maunder

In der Fortsetzung der Place de la Méditerranée und gegenüber von Le Silo schuf Massimiliano Fuksas das Euromed Center. Auf 70.000 Quadratmetern vereint es wirtschaftliche, touristische und unterhaltende Angebote. Neben Bürogebäuden und einem öffentlichen Parkhaus findet ihr dort auch ein Viersternehotel und einen Kinokomplex.

Neues Leben in alten Docks

Ausdruck des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind auch die von Eric Castaldi sanierten Hafenspeicher vom Stadtviertel La Joliette. Dort sind internationale Dienstleister wie Compass Group, Telecom Italia, France Telecom, LC Com, BNP Paribas und UBI France eingezogen.

Marseille, Euromediterranee. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Gegenüber vom FRAC erhebt sich in leuchtenden Sonnentönen eine schräge Skulptur, aufgerollt wie ein Papier. Second Nature nannte Michel Chevalier sein 18 Meter hohes Werk auf der Place d’Arvieux.

Marseille: Les Terrasse du Port. Foto: Hilke Maunder
Blick von den Terrasses du Port aufs gegenüberliegende Shoppingzentrum der Docks Village. Foto: Hilke Maunder

Shopping mit Weitblick

Auf altem Hafengelände entstand auch die Shoppingmall Les Terrasses du Port. Seit Mai 2014 locken dort Luxuslabels wie Boss, Michael Kors, The Kooples, ein Apple Store, das Warenhaus Printemps und Pop-Up-Stores zum ausgiebigen Einkaufsbummel – auch am Sonntag!

Marseille: Les Terrasse du Port. Foto: Hilke Maunder
Marken-Shopping in XXL: Les Terrasses du Port. Foto: Hilke Maunder
Marseille: Les Terrasse du Port. Foto: Hilke Maunder
260 Meter lang ist der Aussichtsbalkon der Terrasses du Port. Foto: Hilke Maunder

Die Ikonen des Vieux-Port

Lauft oder radelt ihr von der Euroméditerranée Richtung Vieux-Port, kommt ihr als erstes zur Villa Méditerranée. Der Solitär von Stefano Boeri ähnelt eher einer Skulptur als einem Gebäude. Wie ein Sprungbrett erhebt er sich mit weit auskragendem Obergeschoss in einem Wasserbassin.

Marseille: Blick von der Villa Méditerranée über die Hafenpromenade zur Kathedrale La Joliette. Foto: Hilke Maunder
Blick von der Villa Méditerranée über die Hafenpromenade zur Kathedrale La Major. Foto: Hilke Maunder

Relaunch für die Villa Méditerranée

Als Kongress-und Veranstaltungsraum indes hat sich der Bau nicht bewährt. Deshalb wird er im Innern umgebaut. 2022 eröffnet dort ein originalgetreuer Nachbau der prähistorischen Unterwasserhöhle Grotte Cosquer.

Sie birgt einzigartige Malereien der Vorzeit – 37 Meter unter der Wasseroberfläche am Cap Morgiu in den Calanques von Marseille. In der Villa Méditerranée könnt ihr ihre Schätze künftig trockenen Fußes entdecken.

Marseille: MuCEM. Foto: Hilke Maunder
Rudy Ricciotti entwarf den spektakulären Kubus des MuCEM. Foto: Hilke Maunder

MuCEM: das Megamuseum der Mittelmeerkulturen

Rudy Ricciotti schuf zum Kulturhauptstadtjahr 2013 mit dem MuCEM das Museum der Mittelmeerkulturen. Seine Architektur ist ebenso spektakulär wie seine Dauersammlung und die thematisch wechselnden Sonderausstellungen.

Das Museum besteht aus drei Einrichtungen: dem Glaskubus des J4, dem nahen Fort Saint-Jean – und dem Centre de Conservation et de Ressources, das Corinne Vezzoni entwarf.

Marseille: Das MuCEM mit Neubau und Fort Saint-Jean sowie Notre-Dame de la Garde am anderen Ufer des Vieux-Port. Foto: Hilke Maunder
Was für ein Ausblick an der Wasserkante: das MuCEM mit dem Neubau J4 und dem Fort Saint-Jean sowie Notre-Dame de la Garde am anderen Ufer des Vieux-Port. Foto: Hilke Maunder

Den Neubau J4 und das historische Fort Saint-Jean verbindet eine Fußgängerbrücke. Wenn auf ihr vom J4 zum Fort Saint-Jean lauft, erlebt ihr zunächst das reizvolle Licht- und Schattenspiel zwischen der arabisch inspirierten ornamentalen Hülle und der Glasfassade des Neubaus.

Höhengarten mit Weitblick

Dann schwebt ihr über dem Meer. Und taucht schließlich ein in die duftende Welt des Jardin Méditerranéen, des Mittelmeer-Gartens auf der Dachterrasse des Forts.

Der Jardin Méditerranéen des Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder
Der Jardin Méditerranéen des Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder

Nicht nur die mediterrane Pflanzenwelt und die Ruhe der innerstädtischen Oase sind beeindruckend, sondern auch die Weitblicke auf die Stadt!

Der Jardin Méditerranéen des Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maundern des Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder
Unvergleichlich: der Blick aufs Mittelmeer vom Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder
Fort Saint-Jean, Ausblick gen Westen. Foto: Hilke Maundern des Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder
Der Blick auf das La Joliette-Viertel vom Fort Saint-Jean. Foto: Hilke Maunder

Kunst im Amt: das Musée Regards de Provence

Ebenfalls zum Kulturhauptstadtjahr 2013 eröffnete gegenüber vom MuCEM am Quai de la Tourette das Musée Regards de Provence. Für die Kunstsammlung baute Guy Daher das einstige Gesundheitsamt für Einwanderer um. Fernand Pouillon, René Eger und A. Champollion hatten es 1948 entworfen.

850 Werke aus der Sammlung von Pierre Dumont haben dort heute einen Ausstellungsraum gefunden. Die Kunst umgeben alte Bauelemente wie die zentralen Dampfräume.

Marseille: La Joliette. Foto: Hilke Maunder
Die Cathédrale La Major in La Joliette. Foto: Hilke Maunder

Die Unterwelt von La Major

In der intimen Atmosphäre der Kolonnaden unterhalb der Cathédrale La Major in Marseille entstand mit der Voûte Virgo ein lebendiger Mikrokosmos für Themenabende und musikalische Soiréen.

Das urige Gewölbe könnt ihr für Events mieten: eine kleine, inspirierende Event-Location in Marseille.

Marseille: Das Spiegeldach von Lord Norman Foster am Vieux-Port. Foto: Hilke Maunder
Das Spiegeldach von Lord Norman Foster am Vieux-Port. Foto: Hilke Maunder

Spiegel-Spiele

Viele weitere Stararchitekten haben inzwischen für das neue Marseille aufsehenerregende Architektur geschaffen. Lord Norman Foster entwarf das Spiegeldach des Vieux-Port.

Die polierte Decke des eleganten Stahlpavillons reflektiert wie ein Spiegel Menschen und Geschehen auf dem Kai und dem Hafen. Sie sind von früh bis spät ein toller Spot für ungewöhnliche Fotos!

Vom Abgasgrau befreit: die Rue de la République

Marseille, Rue de la République. Foto: Hilke Maunder
Schön geworden: die Rue de la Republique. Foto: Hilke Maunder

Auch die alte Flaniermeile Rue de la République mit ihren Prachtbauten im Stil von Napoléon III erstrahlt in neuem Glanz. Der 1,3 Kilometer lange Boulevard wurde verbreitert und mit 200 Bäumen bepflanzt.

Seine Fassaden wurden gesandstrahlt und sind seitdem hell und freundlich wie einst beim Bau. Seit 2007 saust eine Niederflur-Straßenbahn von der Euromediterranée über das Stadtzentrum bis nach Caillols.

Von der Rue de la République bringt euch die Straßenbahn zur Euroméditerranée. Foto: Hilke Maunder
Von der Rue de la République bringt euch die Straßenbahn zur Euroméditerranée. Foto: Hilke Maunder

Nachhaltige Zukunft

Zeitgleich wurde das Stadtradsystem Le Vélo mit mehr als 1.000 Rädern an 130 Stationen aus der Taufe gehoben. Radwege säumen heute die wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Auch La Canebière hat einen breiten Radweg erhalten!

Hat jetzt auch einen Radweg: die Canebière. Foto: Hilke Maunder
Hat jetzt auch einen Radweg: die Canebière. Foto: Hilke Maunder

Als grüne Wege ( voies vertes ) führen hinaus ins Umland. 2022 wird der Radweg der Corniche Kennedy komplett fertig gestellt sein. Auf zwei Kilometer Länge verbindet er den Alten Hafen ( Vieux-Port ) mit den Stränden des Prado am Fuße der David-Statue.

Mitten durch Marseille hindurch führt auch die Eurovelo-Radwanderroute Nr. 8, La Méditerranée en vélo.

Der Radweg der Corniche Kennedy in Marseille. Foto: Hilke Maunder
Der Radweg der Corniche Kennedy in Marseille. Foto: Hilke Maunder

100 Prozent umweltfreundlich sind auch die Segways, mit denen ihr Marseille aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen könnt: stylish und smart.

Zwischen dem Rathaus und der Place aux Huiles pendelt ein Solarboot durch den Vieux-Port. Auch in die Calanques, die ebenfalls zum Stadtgebiet gehören, geht es mit Sonnenkraft und E-Motor.

Marseille: Ein Bootsshuttle bringt euch im alten Hafen vom einen zum anderen Ufer. Foto: Hilke Maunder
Ein Solarshuttle bringt euch im alten Hafen vom einen zum anderen Ufer. Foto: Hilke Maunder

2018 legte im alten Hafen mit dem Energy Observer das größte Solarboot der Welt zur Erdumrundung ab. Zwei Windräder und 180 qm Solarpanele trieben den 30 Meter langen Katamaran an.

Jeder Bürger ist sein Müllmann

Auch den Müll, der immer wieder für Negativschlagszeilen sorgt, bekommt Marseille immer besser in den Griff. Hafen und Touristenviertel sind blank geputzt. Seit 2009 kontrolliert eine Police de Proprété die ordnungsgemäße Müllentsorgung. Stellt jemand seinen Abfallsack einfach vor die Haustür, droht ein Strafzettel.

Marseille: Blick auf einen Quartiers-Komposthaufen. Die so neu gewonnene Erde wandert gleich nebenan auf die urbanen Minigärten. Foto: Hilke Maunder
Blick auf einen Quartiers-Komposthaufen. Die so neu gewonnene Erde wandert gleich nebenan auf die urbanen Minigärten. Foto: Hilke Maunder

Völlig neu aufgestellt wurde auch die Abfallentsorgung. Kreislaufwirtschaft ist das Ziel. Riesige Behälter, im Boden versenkt, nehmen jetzt den Abfall auf. Glas, Papier, Plastik und Verpackungen: Jeder Bürger trägt seinen Recyclingmüll zu den Tonnen und sortiert sie dort.

Sämtlicher Biomüll wandert in riesige Kompostbehälter, die am Straßenrand aufgestellt sind. Gleich daneben befinden sich oft Minigärten. Urban gardening und Begrünung der Innenstadt sind fest verankert in Marseilles grüner Agenda.

Marseille: Urban Gardening ganz nachhaltig. Den Kompost fürs Grün stellen die Bewohner selbst her. Foto: Hilke Maunder
Urban Gardening ganz nachhaltig. Den Kompost fürs Grün stellen die Bewohner selbst her. Foto: Hilke Maunder

Neues Grün fürs Zentrum

Hunderte Bäume ließ Marseille seit 2019 pflanzen. Zwölf große Platanen verlängern seitdem die Baumreihe der Canebière. Acht Steineichen erhielten vor der Oper ihren Platz.

Marseille: Die Église Saint-Vincent-de-Paul am Ende der Flanierstraße La Canebière. Foto: Hilke Maunder
Die Église Saint-Vincent-de-Paul am Ende der Flanierstraße La Canebière. Foto: Hilke Maunder

Zwanzig Feldahorne begrünen seitdem die Rue Beauvau. Rund um das Opernhaus, in der Rue Saint-Saëns, der Rue Francis Davso und der Rue Glandevès wurden ebenfalls Bäume gepflanzt. Montpellier-Ahorne, Steineichen, Mandelbäume und lila leuchtende Judasbäume sorgen dort für grüne Akzente und leuchtende Frühlingsblüten.

Frisch gepflanzt: die Bäume der Rue Francis Davso, einer schicken Einkaufsstraße in Marseille. Foto: Hilke Maunder
Frisch gepflanzt: die Bäume der Rue Francis Davso, einer schicken Einkaufsstraße in Marseille. Foto: Hilke Maunder

Den Busbahnhof Fabre/Bir Hakeim begrünen inzwischen Steineichen und Stieleichen, Kiefern und Magnolien, Feldahorne und Montpellier-Ahorne. Ein Stück weiter, in der Rue Barbusse, säumen neben Linden auch Wildkirschen und indischer Flieder die Straße und spenden Schatten.

Grünes Marseille. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Früher war Marseille ein grünes Landstädtchen mit Welthafen. Daran knüpft die Metropole heute wieder an. Und dies wiederum auch im Schulterschluss mit den Bewohnern. Sie wurden eingeladen, den Gehweg vor ihren Häusern mit Büschen und Blumen zu schmücken.

Grünes Marseille. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Blitzschnell in die Hauptstadt

Immer sauberer, sicherer und grüner. Dazu noch von der Sonne verwöhnt und am Puls der Trends: Der Mix der Mittelmeermetropole lockt die Pariser. Sie sichern sich in Marseille ein angesagtes pied-à-terre, einen ebenerdige Zweitwohnung. Denn dank des TGV ist die Hauptstadt nur drei Stunden entfernt. Seit Mai 2015 saust der Highspeedzug sogar direkt bis nach London.

Corniche Kennedy: Foto: Hilke Maunder
Paradiesisch: die Badebuchten von Malmousque. Foto: Hilke Maunder

Boomender Kreuzfahrt-Hafen

Marseilles Revival schlägt sich auch in den Besucherzahlen nieder. Seit 1995 haben sich die Gästezahlen verdoppelt und 2014 erstmals die Fünf-Millionen-Grenze überschritten.

Der Kreuzfahrthafen von Marseille ist mit mehr als 500 Abfahrten pro Jahr die Nummer eins am Mittelmeer. Rund 1,8 Millionen Kreuzfahrturlauber entdecken jährlich die zweitgrößte Stadt Frankreichs.

Hotspot für Blockbuster

Nahezu täglich werden in der Stadt Filme gedreht, die das neue Marseille zur Kulisse für Kino und Fernsehen machen. 441 Filme entstanden 2019 in Marseille an 1260 Drehtagen. Mehr schaffte nur Paris.

La Friche Belle de Mai. Foto: Hilke Maunder
Filmreife Aussichtsterrasse auf Marseilles Westen:  das Dach der friche “Belle de Mai”. Foto: Hilke Maunder

Netflix wählte Marseille sogar als Titel und Startpunkt seiner ersten in Europa produzierten Serie. Marseille mit Gérard Depardieu läuft seit Frühjahr 2016 auf der US-Streaming-Plattform. 204 Millionen Menschen hatten sie Ende 2020 abonniert.

Seit 2018 könnt ihr dort die ersten Staffeln auch in deutscher Fassung sehen. Ebenfalls aus Marseille stammt der erfolgreiche französische TV-Krimi-Export Candice Renoir.

Schöner schlafen

Hôtel C2: Zimmerdetail. Foto: Hilke Maunder
Ein typisches Zimmer im Hôtel C2. Foto: Hilke Maunder

Der Aufbruch am Mittelmeer spiegelt sich auch in der Hotellerie wider. Mit dem Hôtel C2 eröffnete zwischen den Büros der Anwälte, Gerichtsvollzieher und Notare am Cours Pierre Puget am 18. April 2014 ein Boutique-Hotel, das Luxus neu definiert.

Hôtel C 2. Foto: Hilke Maunder
Treppenhaus im Hôtel C2. Foto: Hilke Maunder

Auf Design, persönlichen Service und Komfort setzt auch das französische Möbel- und Dekounternehmen Maisons du Monde. 2021 weihte es direkt am Vieux-Port in Partnerschaft mit dem unabgängigen Hotelbetreiber Vicartem sein zweites Boutiquehotel nach Nantes ein.

Marseille, Boutiquehotel Maisons de Monde. Foto: Hilke Maunder
Ein Standardzimmer im Boutiquehotel Maisons de Monde. Foto: Hilke Maunder

Sämtliche 60 Zimmer in fünf Kategorien sowie alle öffentlichen Bereiche sind mit Mobiliar und Deko der Maisons du Monde eingerichtet.

Überraschend informell ist der Empfangsbereich mit Sofas, auf denen ihr entspannt warten könnt, bis der Rezeptionist – oder die Rezeptionistin – sich euch widmet. Im Restaurant sorgen ein Kamin und Bücherregale für eine gemütliche Atmosphäre.

Das Restaurant des Boutiquehotels Maisons du Monde in Marseille

Hippe Herbergen wie Mama Shelter laden heute in Marseille zur Nacht. Das Nhow Marseille, beginnt oben an der Corniche J.F. Kennedy beginnt und reicht mehrere Stockwerke tief bis ans Meer.

2018 gestalteten bekannte Designer und Architekten wie Teresa Sapey, Claire Fatosme und Christian Lefèvre so erfolgreich neu, dass es zum In-Treff aufstieg.

La Friche Belle de Mai. Foto: Hilke Maunder
Entspannt: Besucherinnen der Friche. Foto: Hilke Maunder

Junges Savoir-vivre

Wie Pilze schießen stylische Bars und coole Cafés aus dem Boden. Sie wechseln in Ambiente und Flair im Takt des Zeitgeistes, den Beats von heute. Das neue Marseille vibriert voller Lebenslust.

Marseille: Le Ryad. Foto: Hilke Maunder
Valérie Bureau lädt im Innenhof ihre Hôtel Le Ryad in der Rue Sénac de Meilhan zur arabischen Teepause. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Der Winter endet in Marseille mit der Segnung der Navettes.

Ganz besonders eng mit Marseille verbunden, fühlt sich der Komponist und Sänger Jean Caprice.

Die Olivenölseife aus Marseille ist weltberühmt. Wo & wie sie bis heute handgefertigt wird, erfahrt ihr bei dem Besuch von traditionsreichen Seifensiedereien wie der Savonnerie de Licorne.

Mekka für Street Art - der Cours Julien von Marseille. Foto: Hilke Maunder
Ganz schön feurig, die Street Art am Cours Julien. Foto: Hilke Maunder

Als Szeneviertel und Street-Art-Hochburg gilt der Cours Julien von Marseille.

Marseille in seiner ganzen Vielfalt und Farbigkeit von Menschen und Kulturen, Küchen, Kunst und Handwerk erlebt ihr in Noailles.

Das älteste Viertel von Marseille heißt Le Panier.

Marseille: In Le Panier haben viele Kreative ihre Ateliers für Besucher geöffnet. Foto: Hilke Maunder
In Le Panier haben viele Kreative ihre Ateliers für Besucher geöffnet. Foto: Hilke Maunder

Le Corbusier baute in Marseille die Cité Radieuse. Heute gehört das „Haus des Verrückten“ zum Welterbe.

La Friche Belle de Mai war einst eine Tabakfabrik. Heute brummt hier die Kultur – und auch die Küche kommt nicht zu kurz.

Vor den Toren der Stadt, aber noch auf Stadtgebiet, liegen die wundervollen Klippen und Badebuchten der Calanques.

Die Calanques von Marseille. Foto: Hilke Maunder
Einfach paradiesisch: die Calanques von Marseille. Foto: Hilke Maunder

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Merci fürs Teilen!

2 Kommentare

  1. Ein super schöner und zugleich enorm informativer Bericht – eben so, wie wir das von Hilke kennen und schätzen. Herzlichen Dank dafür, der auch die Reiselust weckenden Fotos mit einbezieht.
    Liebe Grüße aus Süddeutschland nach Saint-Paul-de-Fenouillet
    Elisabeth

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