Auf den Spuren von Marcel Pagnol

„Eine neue Kunst ist geboren“, schwärmte der 38-jährige Marcel Pagnol nach der Premiere des ersten Tonfilms in London. Tief beeindruckt, beschloss er: „Ich werde also keine Theaterstücke mehr schreiben. Ich werde Drehbücher verfassen.“ Als Standort für seine Studios wählte er eine Stadt, die er wie keine zweite liebte und kannte: Marseille.

Die kleine Welt von Marcel Pagnol

Geboren wurde Pagnol 1895 in Aubagne im Schatten des Garlaban, eines markanten Felsens, der heute kahl und nackt, einst mit dichtem Eichenwald bedeckt war. Erst die Römer, dann der Sonnenkönig, haben für den Schiffbau alles abgeholzt. Der Busch, der inzwischen wieder an den Hängen wächst, brennt fast jeden Sommer.

Wandern in den Berggebieten ist daher in vielen Regionen der Provence im Juli und August nicht gestattet. Gepilgert wird dennoch nach Aubagne, das 2015 ein Jahr lang den 120. Geburtstag ihres berühmten Dichters feierte.

In seinem Geburtshaus – der Maison Natale de Marcel Pagnol – ist seit 2003 eine Erdgeschosswohnung mit Möbel und Gegenständen so authentisch eigengerichtet, dass die Präsenz der Familie förmlich zu spüren ist. Dies gilt besonders für das Esszimmer, wo Joseph die Hefte seiner Schüler korrigierte, Augustine nähte – und Marcel erste Skizzen schrieb.

Bereits 1974 modellierten Krippenbauer die Hügellandschaft aus Pagnols Romanen nach, rekonstruierten Filmkulissen und Stationen im Leben des Literaten, und bevölkerten diese Kulissen mit 200 Santon – die Petit Monde de Marcel Pagnol.

La Treille

Immer mehr Pagnol-Fans wandern auch von La Treille hinauf zur Bastide Neuve, in der ab Sommer 1904 der damals neunjährige Marcel seine Ferien verbrachte. Das glückliche Heim der langen Kindersommer zu kaufen, gelang Pagnol jedoch nicht. Zweimal machte er einen Anlauf, zweimal scheiterte er. Doch immerhin gelang es ihm, seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von La Treille zu finden.

Wandern auf den Spuren von Pagnol

Im Schatten des Garlaban führt der Circuit Marcel Pagnol durch die Landschaften und Dörfer, die Pagnol in seinen Filmen verewigt hat. Berühmt wurde nach Marius (1931), Fanny (1932), Topazère (1932) und Angèle (1934) vor allem La Femme du Boulanger (Die Frau des Bäckers, 1938).

Gedreht wurde der Streifen im mittelalterliche Bergdorf Le Castellet, wo auf der Terrasse des Lokals Le Roi d’Ys und auf der Place de l’Ormeau die Kamera aufgestellt wurde.

Ein vergleichbarer Erfolg gelang ihm erst gut 20 Jahre später.  Als 59-Jähriger drehte er mit  den „Lettres de mon moulin“ (1954, Briefe aus meiner Mühle) einen Kultstreifen, der bis heute begeistert.

Als Vorlage diente ein Erzählband seines Landmanns Alphonse Daudet. Die autobiographischen Erinnerungen von Marcel Pagnol hat Yves Robert verfilmt: „La gloire de mon père“ und „Le Château de ma mère“ (Das Schloss meiner Mutter).

Pagnol interaktiv erleben!

Als Kulisse diente ein Anwesen, an dem er sich als Kind am Kanal vorbei geschlichen hatte, und das er schließlich erwerben konnte: das Château La Buzine. Nach Pagnols Tod lange vernachlässigt und Spekulationsobjekt, begann Marseille 2001 mit dem Wiederaufbau des 1867 erbauten Anwesens, das damals fast schon eine Ruine war.

Umso prachtvoller strahlt heute das Pagnols Erbe hier hinter den historischen Mauern. In der Maison des Cinématographies de la Méditerranée könnt ihr seit 2011 jetzt interaktiv in Szenen mitwirken, Blockbuster und Filme junger, unbekannter Regisseure im Kinosaal entdecken und alljährlich das Festival „Les Nocturnes“ im August erleben.

Info: www.marcel-pagnol.com

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6 Kommentare

  1. Hallo Hilke,

    Danke für den schönen Artikel über Pagnol. Als lokaler Wanderführer führe ich regelmäßig Gruppen durch den Garlaban (das Mini-Bergmassif) mit dem Thema Pagnol :). Es ist ein tolles kleiner Bergmassiv, dass tolle Rundblicke von den Alpen im Norden, über die Calanques im Süden und Marseille und die Côte Bleue ermöglicht.

    Schön, dass du auch auf die Waldbrandgefahr hingewiesen hast.

    Eine Präzision zu der Regelung im Departement Bouches-du-Rhône: Vom 1. Juni bis Mitte Oktober wird der Zugang zu allen Waldgebieten (schließt auch Buschvegetation ein) durch einen Landratsamtsbeschluss (Arrêté Préfectoral) geregelt, der immer ab 18 Uhr für den folgenden Tag und jedes Bergmassif einzeln bekannt gegeben wird und angibt ob das Wandern dann erlaubt ist. Abrufen kann man diese Info z.B. unter: https://www.myprovence.fr/en/enviedebalade
    2018 gab es fast gar keine Einschränkungen, da wir sehr wenig Mistral im Sommer hatten, d.h. kein Wind = wenig Waldbrandgefahr. 2017 war es dagegen recht windig und es gab schätzungsweise 20 Verbotstage über die ganze Periode.

    Schönen Tag noch,

    Felix Altgeld – Hikingmarseille

  2. Ach, so schön! Da werden Erinnerungen wach an meine erste Verliebtheit in die Provence, verstärkt durch „Meine Kindheit in der Provence“, das so schön verfilmt worden ist. Bilder – für ewig im Gedächtnis. Die „Idealvorstellung Provence“ für immer geprägt. Danke, liebe Hilke, für diese Reise in die Vergangenheit 🙂

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