Rimbaud & Verlaine: eine Spurensuche

Das Rimbaud-Museum von Charleville-Mézières. Foto: Hilke Maunder
Das Rimbaud-Museum von Charleville-Mézières. Foto: Hilke Maunder

Auf den Spuren von Literaten und Schriftstellern wandeln, die Orte und Quellen ihrer Inspiration zu besuchen, zu sehen, wo er geboren wurde, gelebt und gewirkt hat: Solche Zeitreisen durch das Leben sind mitunter spannender als das eigentliche Werk – besonders auf der 150 Kilometer langen Route Rimbaud-Verlaine.

Thementour für Dichter-Paar

Den Weg auf der Themenroute weisen sechseckige Schilder mit rotem Rand und zwei Dichterköpfen. Ein roter Pfeil verrät, in welche Richtung die Route Rimbaud-Verlaine zu befahren ist. Ein beliebter Start ist in Charleville-Mézières, der Hauptstadt der Region Champagne-Ardenne.

In der dortigen Rue Pierre Bérégovoy 12 wurde Jean Nicolas Arthur Rimbaud  am 20. Oktober 1854 geboren. Sein Vater war ein aktiver Berufssoldat, der für damalige Verhältnisse erst sehr spät – mit 38 Jahren – geheiratet hatte. Seine Mutter Vitalie Quif war elf Jahre jnger als Fréderic Rimbaud und war auf einem großen Hof in Roche in den Ardennen aufgewachsen. Arthur war ihr drittes Kind. Als er sechs Jahre alt war, verließ der Vater die Mutter.

Rimbauds Kindheit

Wie Rimbaud seine Kindheit erlebte, verrät er in dem Gedicht Les Poètes de sept ans (Dichter mit sieben Jahren). Jede Zeile ist eine wilde Rebellion gegen seine Mutter. Sie liebte ihre Kinder, aber auf ihre eigene Art. Als Tochter eines Bauern war sie wortkarg, wie viele Menschen auf dem Land, und es fehlte ihr an Zärtlichkeit.

Rimbaud hingegen besaß eine überbordende Fantasie und ein turbulentes Innenleben.  Welch ein Kontrast zur Engstirnigkeit seines Elternhauses und dem Mief der Provinzstadt!

Eine Plakette erinnert an der maison natale an den späteren Dichter. Leben und Werk dokumentieren zwei andere Orte. Besucht die Wohnung, die die Familie 1869-1875 im ersten Stock des Maison des Ailleurs auf 120 Quadratmetern bewohnte.

Der Revolutionär der Dichtung

Rimbaud war der Werther Frankreichs, der James Dean seiner Zeit: wild, voller Emotionen und Ideen  – und homosexuell. Sein Leben war kurz, aber eine unendlich intensive Achterbahnfahrt. Rimbaud ist der junge Mann, der aus sich heraus die vollkommene Poesie entdeckte. Im Alter von 15 Jahren verfasste er sein erstes Gedicht. Mit 21 Jahren vollendete er sein Werk – und legte seine Feder für immer nieder. In nur sechs Jahren revolutionierte Rimbaud die französische Poesie revolutionieren. Schlaglichter auf Leben und Werk wirft das Rimbaud-Museum in der alten herzoglichen Mühle.

Die Maison des ailleurs

1869 zog die Familie Rimbaud in ein Stadthaus gegenüber der Mühle in ein Stadthaus, das damals aus drei Wohnungen bestand. Sechs Jahre lang, bis 1875, wohnte sie dort im ersten Stock. Dort entstanden einige seiner weltberühmten Gedichte.

Zwischen 1999 und 2003 kaufte die Stadt Charleville-Mézières nach und nach die drei Stockwerke dieses Hauses, seinen Hof und ein kleines Nebengebäude, um es in das Haus der Andersartigen zu verwanden.  Da kein Mobiliar der Familie erhalten war, sollte es kein traditionelles Museum werden, sondern sich zu einer Stätte wandeln, die den Geist von einst lebendig bewahrte. Töne, Bilder und farbige LIchter erwecken dort die Gedichte und Gedanken von Rimbaud in Räumen voller Patina.

Der Mythos stirbt nicht

In den Grünanlagen des Bahnhofs erinnert seit 1901 ein Denkmal an den Dichter. Er ist 1891 in Marseille gestorben, fand seine letzte Ruhe jedoch auf dem Friedhof von Charleville-Mézières.

Am Grab gibt es einen Briefkasten. Rimbaud erhält noch immer viel Post von frankophilen Poesie-Liebhabern, die so ihre Zuneigung zu ihm ausdrücken wollen. Der Friedhofsverwalter leert den Kasten regelmäßig und übergibt die Briefe dem Kurator des Museums, der dort Ausstellungen organisiert.

Hotel als Hommage

Auch die passende Unterkunft gibt es vor Ort: das Hotel Le Dormeur au Val. Vom Namen über die Gestaltung der 17 Zimmer bis hin zur Bibliothek ist es eine stylische Hommage an den Poeten des Schläfers im Tal. Das schöne Ambiente lässt den traurigen Hintergrund vergessen. Im Gedicht verarbeitete Rimbaud seine Erlebnisse im Deutsch-Französischen Krieg als Soldat der Nationalgarde.

Das Musée Rimbaud in Charleville-Mézière. Foto: Hilke Maunder
Das Musée Rimbaud in Charleville-Mézière. Foto: Hilke Maunder

Rimbaud verliebt sich

1871 war Rimbaud 17 Jahre, hatte die Schrecken des Krieges erlebt, am Aufstand der Pariser Kommune teilgenommen – und war verliebt. Im August hatte er brieflich Kontakt zum älteren und längst arrivierten Dichter Paul Verlaine aufgenommen.

Verlaine war seit 1869 zum Lehrer für Französisch am Collège de Rethel gewesen. Während seiner Zeit als Lehrer in Rethel unterhielt Verlaine zahlreiche Kontakte zu  Schriftstellern und Künstlern – und so auch zu Rimbaud.

1871 endete seine Zeit als Lehrer in Rethel. Das Collège de Rethel existiert bis heute. In der Rue Paul Verlaine erinnert eine Gedenktafel an den damaligen Wohnort von Verlaine.

Der Kontakt zu Rimbaud  führte zu einer leidenschaftliche homoerotische Beziehung. Paul verließ für Arthur seine Frau. Er reiste mit ihm erst nach London, dann nach Belgien.

Eine Liebe der Exzesse

Sie experimentierten mit Drogen, tranken Absinth, liebten und stritten sich. Beim letzten Treffen zuletzt so heftig, dass Verlaine eine Pistole zog, schoss und Rimbaud an der Hand verletzte. Verlaine wanderte für zwei Jahre hinter Gitter. Rimbaud reiste nach Roche, wo Rimbauds Mutter Vitalie Cuif zuhause war.

Auf dem elterlichen Bauernhof, wo er schon so manchen Sommer seiner Kindheit verbrachte, vollendete er 1973 als Reflexion jener Zeit mit Verlaine sein bedeutendstes Werk: Une saison en enfer* (Eine Zeit in der Hölle, 1873). Bei Reclam gibt es das Werk als kleines Taschenbuch auf Deutsch und Französisch. Wer mag, kann es hier* bestellen.

Heute erinnert eine Ausstellung, die nur nach vorheriger Anmeldung (bernard.aubry14@wanadoo.fr) besucht werden kann, an den „Dichter mit den Windsohlen“. Seinen Spuren folgt auch der sieben Kilometer lange geführte Rundweg Rimbaud à Roche, den das örtliche Office de Tourisme während der Saison anbietet.

Der Ziehsohn

Aus dem nahen Coulommes-et-Marqueny stammte ein Junge, der ebenfalls Verlaines Geliebter und Ziehsohn wurde: Lucien Létinois. Zunächst lebte Verlaine auf dem Hof von dessen Eltern in Malval. Anfang 1880 konnte Verlaine dank der finanziellen Unterstützung seiner Mutter einen Hof in Juniville kaufen, den die Familie Létinois betrieb.

Paul mietete sich 100 Meter höher in einem Haus gegenüber der Auberge du Lion d’Or ein. Im früheren Gasthof dokumentiert das Musée Verlaine Leben und Werk. Und gewährt Einblick in jene Jahre, in denen Verlaine sein Werk Sagesse* vollendet haben soll.

In Juniville bereitete Verlaine auch ein Buch vor, das Wellen schlagen sollte: eine Anthologie mit Werken von Stéphane Mallarmé, Tristan Corbeer und Arthur Rimbaud. Er nannte seine Sammlung Les poètes maudits (Die verfluchten Dichter). Der Gasthof gehört heute als Musée Verlaine zu den rund 250 Maisons des Illustres in Frankreich.

Paul Verlaine starb am 8. Januar 1896 in Paris, und sein Grab auf dem Friedhof von Batignolles ist bis heute ein Pilgerort für Freunde seiner Literatur.

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1 Kommentar

  1. En Belgique, à Paliseul, dans le Luxembourg belge , où Paul Verlaine venait souvent passer les vacances, il existe une maison à son nom. Une belle exposition permanente peut être visitée.

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