Stürmisches Paradies: Finistère
Der Finistère: Lange Sandstrände im Süden, kleine Badebuchten im Norden, und im Westen eine wilde, schroffe Felsenküste mit sanften Heidelandschaften – so abwechslungsreich ist der westlichste Zipfel der Bretagne.
Für die Römer war diese abgeschiedene Region das „Ende der Welt“, eben finis terrae. Die dortigen Bretonen indes nannten ihre Heimat Penn ar Bed – das Haupt der Welt. Seine Hauptstadt ist Quimper.
Quimper: Hauptstadt der Fayencen

Bereits in gallo-römischer Zeit wurde in Locmaria, dem ältesten Stadtviertel Quimpers, Steingut angefertigt. Hier gab es alle notwendigen Rohstoffe: Wasser aus dem Odet, Ton von seinen Ufer und Holz für die Brennöfen aus den umliegenden Wälder. Das erkannte auch Jean-Baptiste Bousquet, der 1690 am Odet das erste Steingutwerk gründete. 1772 und 1791 entstanden die Fayencemanufakturen Eloury-Porquier-Beau (PB) und Henriot (HB). Mittelpunkt des Kunsthandwerks wurde Quimper.
Die Fayencen von Quimper

Ende des 19. Jahrhunderts kam ein neuer Stil und eine besondere Technik auf. Das Dekor wurde ausschließlich von Hand hergestellt, mit Pinselstrichen à la touche und `gestreckten‘ Farbtropfen für Blumen oder Blattwerk. Manchmal wurde auch mit dem Schwamm gemalt. Hauptfarben waren Kobalt-Blau, Oxid-Rot, Mangan-Violett, Kupfergrün und Antimon-Gelb; Metalloxide, verbunden mit Wasser und Fettstoffen.
Das Steingut wird aus Ton, Sand und Wasser hergestellt. Runde Teile werden auf einer halbautomatischen Drehscheibe kalibriert; einfache Formen in vorgegebene Gipsnegative gepresst. Bei hohlen und komplexen Teilen, vor allem Figuren, wird flüssiger Ton als Gießschlicker in Negativformen gegossen. Neun Stunden wird bei 800-900 °Celsius gebrannt, dann glasiert und erneut für sieben Stunden 1050 °Celsius gebrannt. Erst nach dem Abkühlen, das so lange dauert wie die Brennzeit, erhalten die Fayencen ihre endgültige Ton- und Farbenpracht.

Jede Fayence ist Werk eines Künstler und trägt seine Signatur sowie den Manufakturnamen. Die Motive der Gebrauchs-, Dekorations- oder Sammlerobjekte reichen von bretonischen und keltischen Genreszenen bis zu holländischen, orientalischen oder spanisch-maurisch angehauchten Imitationen. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg sorgten zahlreiche Maler und Bildhauer für neue Impulse. Sie schufen teils Unikate, teils Werke in größeren oder kleineren Auflagen. Einblicke in die heutige Fayencemanufaktur erlaubt eine Führung bei HB-Henriot.
Heute ist die traditionsreiche Manufaktur Henriot-Quimper die letzte große, noch aktive Fayencerie der Stadt. Hier könnt ihr von April bis September an Führungen durch die Werkstätten teilnehmen und den gesamten Herstellungsprozess – vom Formen bis zur handgemalten Dekoration – live erleben. Im angeschlossenen Laden gibt es aktuelle Kollektionen und Klassiker zu kaufen. Um die Geschichte und Vielfalt der Quimper-Fayencen zu entdecken, besucht das Musée de la Faïence de Quimper. Im Stadtteil Locmaria zeigt es rund 500 wechselnde Exponate aus einer Sammlung von mehr als 2000 Stücken, darunter seltene Einzelstücke vom 18. Jahrhundert bis heute.

Brest: Frankreichs westlichste Großstadt
Deutlich größer als Quimper ist die westlichste Stadt Frankreichs, Brest, das eng mit dem berühmten Gedicht Barbara von Jacques Prévert verbunden ist. Das Gedicht wurde 1946 im Band Paroles veröffentlicht und spielt explizit in Brest, insbesondere in der Rue de Siam. Prévert beschreibt darin eine Begegnung mit einer Frau namens Barbara in Brest, bevor die Stadt durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.
Das Gedicht thematisiert Liebe, Erinnerung und vor allem die Zerstörung und Sinnlosigkeit des Krieges. Brest und seine Zerstörung sind zentrale Motive und machen das Gedicht zu einem der bekanntesten literarischen Zeugnisse über diese Stadt, deren strategische Lage seit Jahrhunderten ihr Schicksal war. Brest erstreckt sich auf einem Hochplateau, die eine 150 Quadratkilometer große Reede mit einer nur zwei Kilometer breiten Zufahrt.
Schon die Römer erkannten, dass sich solch ein Hafen leicht verteidigen ließ und bauten erste Befestigungsanlagen. 1631 begann unter dem Marineminister Ludwig XIV., Jean-Baptiste Colbert (1614 – 1681), der Ausbau zum königlichen Kriegshafen. Zwischen 1740 und 1790 legte Antoine Choquet de Lindu die base navale für die französische Marine an. Sie bildet bis heute die Lebensader von Brest. Im Zweiten Weltkrieg war Brest deutsche Flottenbasis. 43 Tage lang wurde die Stadt bombardiert.
Das alte Brest versank in Schutt und Asche. Beim Wiederaufbau folgte die Stadt den Visionen der Moderne: breite Straßen, weite Plätze, Hochhäuser. Panorama-Promenade des neuen Brest ist der 600 Meter lange Cours Dajot. Vom Handelshafen und der Rade von Brest reicht der Blick über die Mündung des Elorn bis zur Halbinsel Plougastel.
Von der Werft zur Kreativschmiede
Die einstigen Werkstätten des königlichen Arsenals bergen heute Les Capucins. Unter dem größten überdachten öffentlichen Raum Europas vibriert das neue Kultur- und Innovationszentrum von Brest mit urbaner Vitalität. Hin kommt ihr nicht nur zu Fuß, per Rad oder der Tram, sondern sogar mit der Seilbahn!
Ein zweiter technischer Hingucker ist der Pont de Recouvrance. Er ermöglicht selbst riesigen Containerfrachtern die Durchfahrt. In nur anderthalb Minuten schiebt die 1954 erbaute Brücke 88 Meter lange Fahrbahn 26 Meter höher. Bis zur Eröffnung des Pont Gustave-Flaubert von Rouen war sie Europas größte Hebebrücke.
Das Schloss, heute Sitz der Hafenpräfektur, zeigt das Musée National de la Marine Schiffsmodelle und Navigationshilfen. Die Geschichte der Hafenstadt erzählt mit Dioramen des Malers Jim E. Sévellec das Musée du Vieux-Brest in der Tour Tanguy aus dem 16. Jahrhundert am anderen Ufer des Penfeld.
Eindrucksvolle Werke von Gauguin, Lacombe, Sérusier und andere Maler der Schule von Pont-Aven sind im Musée des Beaux-Arts zu sehen. Die Geschichte des Finistère während des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzung dokumentiert das Musée Mémorial Fort Montbarey an der Allée Bir-Hakeim.
L’Océanopolis: Fun & Forschung
Verpasst auch auf keinen Fall L’Océanopolis! Der Themenpark der Ozeane, dessen Architektur an den Panzer einer Krabbe erinnert, ist in Europa einmalig und zählt zu den Topattraktionen im Finistère. Drei unterschiedliche Bereiche warten darauf, entdeckt zu werden: Polargebiete, Tropen und gemäßigte Breiten.
42 Aquarien, 50 bis 1 Million Liter groß, präsentieren 10.000 Tiere aus 1.000 Arten. Filme, Vorführungen, Ausstellungen und Shows ergänzen sie multimedial. Im Polar-Pavillon versetzt seit 2003 ein 20 Meter großer Panoramabildschirms die Besucher in die Eiswelt der Antarktis, mitten in die mit 40 Tieren größte Pinguinkolonie Europas. Daneben robben Seehunde über echtes Packeis.
Im Tropen-Pavillon füttern Taucher die farbenprächtigen Fische des 13 Meter langen Korallenriffs. Im Pavillon der gemäßigten Zonen beginnt die Begegnung mit der Unterwasserwelt der Bretagne in einem U-Boot, das eine Reise zum Kontinentalsockel simuliert. Im Berührbecken gibt es Seegurken, Anemonen, Seesterne, Schwämme, Einsiedlerkrebse zum Anfassen.
Doch L’Océanopolis ist mehr als ein Mega-Aquarium. Es ist eines der 60 Forschungszentren und Labors von IFREMER. Das staatliche Institut widmet sich seit 1984 der Erforschung der Ozeane. In Brest experimentieren seine Mitarbeitern im Strömungskanal und tiefstem Versuchsbecken Europas die Macht der Wellen – mit bis zu fünf Metern pro Sekunde rollen sie heran.
Die Halbinsel von Crozon
Südlich der Rade von Brest und der Bucht von Douarnenez schiebt sich eine Halbzunge mit sechs stürmischen Landzungen weit in den Atlantik. Hauport und Namensgeber der Halbinsel ist Crozon. Die feinen Strände in der Halbmondbucht von Morgat umgeben bizarre Felsen und Höhlen. Am eindrucksvollsten ist die 90 Meter tiefe Grotte de l’Autel.
Das malerische Camaret-sur-Mer an der Westspitze war einst Europas wichtigster Langustenhafen. Das lockt ab 1900 auch die Künstler an. Ihr Treffpunkt war die Villa Coecilian des Dichter Saint-Pol-Roux (1861 – 1940).
Vier Kilometer südlich erhebt sich die spektakulärste Landzunge aus der tosenden Brandung: die 70 Meter hohe Pointe de Pen-Hir. Die drei gewaltigen Tas de Pois (Erbsenhaufen) gehörten einst auch zum Kap. Die Pointe des Espagnols im äußersten Norden war 1594 Schauplatz eines blutigen Gemetzels. 400 Spanier unterlagen dort der Übermacht von 10000 Protestanten unter Führung von Heinrich IV. Doch beim ungleichen Kampf ging es nicht um den Glauben, sondern um Geld und Macht: die Kontrolle der Reede von Brest.
Fluoreszierende Gesteine, Fossilien und Kristalle des Finistère zeigt die Maison des Minéraux an der Route du Cap de la Chèvre. Das karolingische Kloster von Landévennec ist noch als Ruine eindrucksvoll. Im neuen Kloster (1950) leben 40 Benediktinermönche, die eine köstliche Fruchtpaste herstellen. Wenige Kilometer weiter überspannt 272 Meter langen Hängebrücke von Térénez das Tal der Aulne.
Besonders schön ist ihr idyllischer Unterlauf, der bei Châteaulin beginnt. Dicht an dicht stehen die Angler am Ufer und fischen. Der mit 145 Kilometern längste Fluss der Bretagne ist ein beliebtes Revier zum Lachsangeln. Im Osten endet die Halbinsel am Ménez-Hom, mit 330 Metern der zweithöchste Berg der Bretagne.
Concarneau: Die Stadt in der Festung

Die blaue Farbe der Netze, die die Fischer zum Sardinenfang nutzten, gab dem ältesten und gleichzeitig lebendigstem Fest der Bretagne seinen Namen: der Fête des Filets Bleus. Alljährlich im August feiern jung und alt mit Trachten und Techno, Umzug und Open-Air-Fete den Erfolg einer ungewöhnlichen Hilfsaktion.
In Concarneau, bretonisch – „Ecke der Cornouaille“, waren 1905 die Sardinenschwärme ausgeblieben. Jahrzehnte der hemmungslosen Jagd auf die Fische rächten sich über Nacht. Die Stadt verlor ihre Lebensgrundlage, viele Seemannsfamilien litten Hunger und Armut. Das ganze Land schickte Spenden, um die Not zu lindern. Auch die Künstler solidarisierten sich mit den Seeleuten.

Am 10. September 1905, einem milden, etwas trüben Sonntag, initiierten sie die erste Fête des Filets Bleus, das erste Fest der blauen Fischernetze. Den passenden Namen für das Spendenfest fand der Dichter Jos Parker. Er nannte es Filets Bleus – in Anlehnung an die blauen Netze, die durch ihre Farbe für die Fische im Meer unsichtbar sind.
Auf einer Bühne, aus Netzen und Bootsplanken an der Place d’Armes (heute Place Jean-Jaurès) errichtet, spielten Bombardes und Binious einen Tusch für die Tombola, für die jeder Künstler ein Werk gespendet hatte. Ebenfalls auf der Bühne: Anne-Marie Pauline Baccon, als schönstes Mädchen der Sardinenfabriken vor Ort zur ersten Sardinenkönigin der Stadt gewählt. Vorsichtig stieg die junge Frau in ihrer 200 Jahre alten Tracht die wackeligen Stufen zum Platz hinab und eröffnete den Umzug der Sardinenfischer.

Auch mehr als 100 Jahre nach dem ersten Festival hat die berühmteste Großveranstaltung des Finistère nichts von ihrem Charme verloren. Bis heute ist die Trachten-Parade ein Höhepunkt des alljährlichen Volks- und Folklore-Festes, das alle Generationen ausgelassen feiern. Während des besseren Wetters findet es jedoch nicht mehr im September, sondern inzwischen Mitte August statt.
Doch noch immer eröffnen die Sonneurs das riesige Spektakel und sorgen für Gänsehaut bei Beteiligten und Besucher – mit einem Crescendo von 400 Blechbläsern, die in Reih und Glied die Hymne der Sardinenfischer in den Himmel schmettern. Auf dem Parkplatz vor der Fischauktionshalle schmettert der Männerchor La Bordée Seemannslieder, zeigt das Quintett Kallfa, wie rockig Shanties klingen können und interpretiert die bretonische Band Mercedes O’Keefe keltische Klänge aus Irland, während die immerhungrigen Möwen nach Fischresten schnappen, die auf den Planken der Trawler liegen.

In schwarzer Tracht und weißen Spitzenhäubchen, den coiffes, auf dem Haar, führen die Sardinenkönigin und ihre Ehrenjungfern am Sonntag Morgen den Umzug durch die ville close, die hinter Wehrmauern versteckte Altstadt von Concarneau, an. Gwenn ha du, schwarz und weiß, das sind die Farben von Breizh, wie die Bretagne sich auf Bretonisch nennt, und die einzig farblose Flagge der Welt im Wind flattern lässt. Fünf schwarze Streifen, vier weiße Streifen und elf Hermelinschwänze.
Vor dem Krieg von 1870 waren die Trachten in einigen Regionen noch farbig gewesen, doch angesichts der unzähligen Toten jenes Jahres würden seitdem nur schwarze Trachten getragen, heißt es 2005 in der Festschrift zum 100. Jubiläum der Filets Bleus. Viele Trachten werden von Generation zu Generation weiter vererbt. Die Stickereien der Hauben verraten die Herkunft – und das Alter der Tracht. Mal sind die Hauben mit Perlen verziert, dann wieder – wie in den 1920er-Jahren modern – mit floralen Motiven verziert.

Eingereiht in das Grand Defilé der Trachten haben sich die Bagadous, die bretonische pipe bands, die mit Biniou und Bombarde, mit Dudelsack und Schalmei, groß und klein zum Tanz auffordern. Wie’s geht, hat am Vortag ein Tanz-„Atelier“ auf dem Carrée des Larrons verraten. Unter freiem Himmel wurden Ketten-, Reihen- und Kreistänze geübt, Gavotte, Andro, Pache Pie – und auf der Fest Noz in der Altstadt weiter getanzt, während der Abendwind aus den Clubs heiße Beats und Technoklänge herüber weht.
Auch, wenn nicht die Fête des Filets Bleues auf dem Programm steht, herrscht in der befestigten Altstadt von Concarneau,, mit modernen Vierteln und viel Gewerbe und Industrie heute zur Nummer drei des Départements aufgestiegen, viel Trubel. Im Inneren drängen sich Besucher aus aller Welt von Ostern bis Oktober durch enge Gassen mit farbenfrohen Häusern, Kunsthandwerksläden und gemütlichen Cafés. An der höchsten Stelle der Ville close bietet der Tour du Gouverneur einen atemberaubenden Blick über den Hafen und die Bucht. Das Fischereimuseum informiert anschaulich über die maritime Tradition der Stadt, die noch heute einer der wichtigsten Fischereihäfen der Bretagne ist.
Concarneau diente auch zahlreichen Künstlern als Inspiration. Der Schriftsteller Gustave Flaubert beschrieb die Stadt in seinem Roman Par les champs et par les grèves, und 1910 ließ sich der belgische Kriminalautor Georges Simenon für seinen Roman „Der gelbe Hund“ (Le Chien jaune) von Concarneau inspirieren.
Pont-Aven: Wo Gauguin seine Inspiration fand

Das Städtchen Pont-Aven an den Ufern des Flusses Aven wurde in den 1880er-Jahren zum Magneten für Künstler aus aller Welt. Paul Gauguin entdeckte den Ort 1886 und kehrte mehrfach zurück. Gemeinsam mit Émile Bernard begründete er hier die „Schule von Pont-Aven“, die mit ihrem synthetistischen Stil die moderne Kunst revolutionierte.
Die charakteristischen farbigen Flächen und starken Konturen, inspiriert von der bretonischen Landschaft und Kultur, prägten Gauguins berühmte Werke wie „Vision nach der Predigt“ oder „Das gelbe Christusbild“.

Heute könnt ihr im Musée de Pont-Aven auf den Spuren der Künstlerkolonie wandeln und verstehen, warum das besondere Licht und die Atmosphäre dieses Ortes so viele Maler in ihren Bann zog.
Die alten Wassermühlen, die dem „Städtchen der 14 Mühlen“ seinen Beinamen gaben, das kristallklare Wasser des Aven und die malerischen Steinhäuser locken heute noch unzählige Besucher aus aller Welt an – besonders in der Saison von Ostern bis Oktober ist dert Andrang groß in den Galerien, Souvenirshops, Schlemmerläden und Cafés.

Die Leuchttürme des Finistère
Die Seegebiete im Westen der Bretagne gehören zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Einst entzündeten Mönche daher offene Feuer, um den einfachen Booten den Weg durch die schroffen Klippen, Riffs, Untiefen und anderen Gefahren der bretonischen Küste zu weisen.
Daraus entstanden 111 Leuchttürme, technische Wunderwerke, die oftmals ein erstaunliches Interieur bieten. Zu den schönsten Leuchttürmendes Finistère führt die Route des Phares, die in Brest beginnt. An diesem Küstenabschnitt konzentrieren sich die meisten Wegweiser der Seefahrt: 23 Leuchttürme, 63 Seezeichen, 14 Radarnavigationsstationen und 258 Bojen.
Dass es die Westküste in sich hat, liegt an den Meeresströmungen. Mit bis zu 16 Kilometern pro Stunde zwängt sich der Atlantik an Inseln vorbei, brandet gegen die Felsen, nagt Höhlen und Grotten in den harten Granit und sprüht als feinste Gischt meterhoch die Klippen hinauf. Nebel, Sturm und steter Westwind jagen über Land und Meer.
L’Île d’Ouessant: die filmreife Insel
Wild und ursprünglich wie das Meer ringsum sind auch die Inseln im Naturpark Armorika (Parc Naturel Régional d’Armorique). Eine Stunde dauert die Schifffahrt hinüber zur Granitinsel Île d’Ouessant, auf der Philippe Lioret 2004 seine dramatische Liebesgeschichte L’Équipier* (Die Frau des Leuchtturmwärters*) drehte.
Eingebettet in die Rahmenhandlung – Camille (Anne Consigny) kommt nach Jahren an ihren Geburtsort zurück und will nach dem Tod der Mutter das Haus verkaufen – ist eine Retrospektive. Im Haus entdeckt Camille das Tagebuch der Mutter, das die Ereignisse des Jahres 1963 wieder aufleben lässt. Damals war Antoine (Grégori Derangère) aus dem Algerienkrieg auf die Insel gekommen, um das Team der Leuchtturmwärter zu verstärken. Und eine dramatische Liebesgeschichte versetzte die Insel in Aufruhr.
Im winzigen Hauptort Lampaul sind die Fensterläden noch traditionell grün oder blau gestrichen. „Wer Ouessant sieht, sieht sein Blut“, lautet eine altes Sprichwort der Matrosen. Für sie ist das Felsplateau im äußersten Westen Frankreichs bis heute eine „Insel des Schreckens“.
Gefährliche Riffe, Untiefen und starke Strömungen sorgen immer wieder für Todesopfer. Das Friedhof-Mausoleum birgt statt ihrer Gebeine kleine Proëlla-Kreuze. Sie wurden nach der Totenwache anstelle des Verstorbenen dort aufgestellt.
Fünf Leuchttürme sichern die gefahrvolle Küste der Insel. Der Phare de la Jument und der Phare de Nividic erheben sich an den Enden der Landspitzen. Der Phare Kéréon schützt die Passage du Fromeur.
Der Phare du Stiff, seit 1669 in Betrieb, ist Frankreichs ältester Leuchtturm. Der Phare de Créac’h, mit 16 Millionen Candelas und 61 Kilometern Reichweite Europas stärkster Leuchtturm, markiert den Eingang zum Ärmelkanal. Im alten Generatorenhaus des Phare de Créac’h illustriert das Musée des Phares et des Balises die Geschichte von Leuchttürmen und Seezeichen. In zwei 100 Jahre alten Inselhäusern lässt das Écomusée Niou-Huella mit Trachten, Gemälde und Möbel aus Treibholz den Alltag von einst aufleben.
Die schwarze Tide
Trotz unzähliger Leuchttürme, Radar, GPS und Echolot gerät die tückische Küste des Finistère immer wieder mit spektakulären Schiffsunglücken in die Schlagzeilen. Am 16. März 1978 zerbrach der Supertanker Amoco Cadiz an einem unbekannten unterirdischen Fels zwei Kilometer vor Portsall.
223 000 Tonnen Rohöl liefen ins Meer. Die bis zu 30 Kilometer breite marée noire (schwarze Tide) verseuchte 375 Kilometer Küste von der Île de Bréhat in der Nordbretagne bei Paimpol bis zur Bucht von Douarnenez als südlichstem Punkt. 15 000 Seevögel verendeten, Fremdenverkehr und Fischerei erlebten einen Kollaps.
14 Jahre dauerte der Prozess um Schadenersatz. Heute sind die Spuren der Ölpest beseitigt. Strenge Vorschriften sollen für mehr Sicherheit sorgen. Frachter oder Tanker von mehr als 70 Metern Länge müssen einen 13 Kilometer-Sicherheitsabstand zur Küste einhalten, den Radarstationen kontrollieren.
La Côte des Abers: fast wie Fjorde
Nördlich von Brest beginnt an der Pointe de Pontusval beim kleinen Seebad Brignogan-Plage die Legendenküste, die sich bis zur Pointe de Saint-Mathieu bei Le Conquet erstreckt. Ihren Beinamen Côte des Abers erhielt sie von einstigen Flussläufen, die das Meer erobert hat. Als gezeitenabhängige Meeresarme reichen die Abers Fjorden gleich ins Land.
Größtes überflutetes Flusstal ist die zwei Kilometer breite breite „Hexenmündung“ Aber Wrac’h (wrac’h – bret. Hexe). Zehn Kilometer weit reicht sie ins Land. Am Nordufer erstreckt sich Plouguerneau, mit 5500 Einwohnern größte Gemeinden im Finistère und Standort der sagenhaften Hauptstadt Tolente des Königreichs Judicael, die 875 von den Normannen zerstört wurde.
Im nahen Lilia setzen während der Saison die Vedettes des Abers, zu anderen Zeiten die Fischer zur Île Vierge mit dem höchsten Leuchtturm Europas (82,50 m) über. Die Dünen- und Felsenküste bis zum Aber Benoît säumen kleine Badeorte wie Landéda.
Am anderen Ufer der Bucht erhebt sich malerisch die Ruine des Château de Trémazan. Nicht zu besichtigen ist das Renaissance-Schloss Château de Kergroades, das im Juli ein Mittelalterfest für die ganze Familie feiert. Letztes großes Flusstal im Südwesten ist der Aber Ildut.
Eine gedachte Linie zur Île d’Ouessant bildet die Grenze zwischen Ärmelkanal und Atlantik. Die 40 Meter hohe Steilküste der Corson-Landspitze markiert den westlichsten Punkt des französischen Festlandes.
Finis terrae – Ende der Welt – nannten die Römer das Kap, das damit Namensgeber des westlichsten Departements Finistère wurde. Erstes Seebad am Atlantik ist der Fischerei- und Fährhafen Le Conquet. Von der Pointe de Sainte-Marie reicht der Blick bis nach Brest und zur Île d’Ouessant.
Die Kraft der Algen
Von Mai bis Oktober ziehen an den Küsten des Finistère und der Côte des Abers die goémoniers wie einst ins Watt hinaus und sammeln Algen. Mehr als 800 Algenarten gedeihen in der Bretagne: grün-dünne Ulva, gelblich-zähe Fucus mit Schwimmkörperblasen und meterlanges, bärtiges Sargassum.
Gesammelt wird nur die Rotalge chondrus crispus. Während einer Ebbe erntet eine gute Pflückerin rund 150 Kilogramm Rotalgen. Die ölig-glänzende Laminaria wird mit einem rotierenden scoubidou auf hoher See eingesammelt, in dem sich die Algenlappen verfangen.
Das goémon, das bretonische Bauern einst als Dung auf den Feldern ausgebreiteten, ist seit dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Bei Brest produziert Sanofi das Rotalgenextrakt Carragenan, das als Binde- und Geliermittel in Pudding und Joghurt zu finden ist.
Algenmehl verbessert in Frankreich die Konsistenz von Brot und die Haltbarkeit von Wurst. Das Braunalgenextrakt Alginat macht die Lippen rot und strafft das Gesicht.
An weiteren Anwendungen forscht das Centre Nationale de la Recherche Scientifique in Roscoff. Schon jetzt sind Algen en vogue. Als Thalasso bringen sie Wellness aus dem Meer, als Gemüse und Getränk laden sie zu kulinarischen Entdeckungen. Erste Einführungen in das Kochen mit dem vielseitigen Meeresgemüse gibt das Museum der Tangsammler von Plouguerneau.

Die Heilkraft des Meeres
„Das Meer wächst alle Leiden ab“, erkannte bereits Plato und nannte diese Therapie einfach Thalassa. Roscoff ist die Wiege der Thalassotherapie. Bereits 1899 eröffnete im Fährhafen der Côtes-d’Armor mit dem Meeresinstitut Rockroum die weltweit erste Einrichtung, die die Heilkräfte des Meeres nutzte. Heute geht das Haus innovative Wege.
Gemeinsam mit dem Kunstmaler Guillaume Barazer bietet es als Antistressmittel die Kur „Thalasso-Malerei“ an, die die heilenden Wirkungen des Meerwassers, der jodhaltigen Luft und der Algen mit der Entspannung und Freude bei der Malerei verbindet. Die Kombination von Kurs und Kur entspannt nicht nur Körper und Seele, sondern fördert auch die Entwicklung von Kreativität und Selbstvertrauen.
Traditionelles Handwerk
1889 hielt Paul Gauguin die Arbeit der goémoniers in seinem Gemälde „Die Tangsammler“ fest. Noch heute hat sich ihre Arbeit kaum geändert: Mit Messern und Sicheln trennen gebückte Gestalten Seetang und Algen ab, türmen beides zu Haufen, laden die dunkelbraune, nassglatte Masse auf Kipplaster und breiten sie später zum Trocknen aus.
In Lanilut, einem kleiner Weiler am Nordufer des Aber Ildut, wird der Rohstoff aus dem Meer weltweit verschifft. Der Hafen ist Frankreichs wichtigster Umschlagplatz für Algen.
Mehrmals pro Woche erschüttern laute Detonationen das Dorf: Es wird wieder Granit gebrochen. Der harte Stein aus Lanilut ist wegen seiner rosaroten Färbung seit Jahrhunderten gefragt. In Paris wurde daraus der 100 Tonnen schwere Sockel des Obelisken auf der Place de la Concorde errichtet.
Der Gemüse-Garten des Finistère
Als Gemüseinsel gilt die Île de Batz. Schiffsausflüge von Roscoff bringen euch dorthin! Auf den Felder zwischen Roscoff und Morlaix werden zwei Drittel der bretonischen Artischocken geerntet. In Morlaix sind wir schon fast im Nachbardépartement der Côtes d’Amor. Sein Wahrzeichen ist eine Eisenbahnviadukt, das imposant das enge Tal des Dossen überspannt. Unterhalb überrascht die Altstadt mit ungewöhnlicher Architektur – den spanisch inspirierten Laternenhäuschen aus dem 15.-17. Jahrhundert.
Als einziges Laternenhäuschen kann in der Rue du Mur die Maison de la Reine Anne besichtigt werden, in der Anne de Bretagne übernachtet haben soll. Groteske Figuren schmücke seine Fachwerkfassade. In der einstigen Jakobinerkirche zeigt das Musée des Jacobins Volkskunst, Möbel und Gemälde von Monet bis Midy.
Das Haupt der Welt
Die bretonische Redewendung Penn ar Bed – das Haupt der Welt – bringt es auf den Punkt: Im Finistère endet nicht die Welt, wie die Römer glaubten, sondern hier beginnt sie erst. Mit jedem Leuchtturmblinken, jeder Atlantikwelle und jedem Lied der Bagadous erzählt dieser westlichste Zipfel Frankreichs seine eigene Geschichte – stürmisch, eigenwillig und unvergleichlich bretonisch. Nicht umsonst fand Paul Gauguin in Pont-Aven jene magische Verbindung von Licht, Farbe und Kultur, die eine ganze Künstlerbewegung begründete.Wie der Schriftsteller Pierre-Jakez Hélias einst über seine Heimat schrieb: „Die Bretagner stehen mit ihren Füßen im Meer und mit dem Kopf in den Wolken.“ Nirgendwo ist diese Verbindung aus Meeresverbundenheit und Träumerei spürbarer als hier im Finistère, am „Ende der Welt“.
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