Sancerre: Weinselig am Oberlauf der Loire

Sancerre: Street-Art mit Humor. Foto: Hilke Maunder
Street-Art mit Humor. Foto: Hilke Maunder

Zwischen dem Loiretal und dem Berry thront die mittelalterliche Stadt der Grafen von Sancerre auf einem Hügel hoch über einer Flussschleife. Eher bekannt für seine Weine als für sein Erbe, bietet es dem neugierigen Besucher dennoch schöne Entdeckungen, die von einer bewegten Vergangenheit erzählen. Sein Charme und seine Geschichte machten es 2021 zum village préféré des Français, zum Lieblingsdorf der Franzosen.

Von der D920 oder dem Kanal seitlich der Loire aus gesehen, hat Sancerre, auf seinem Gipfel gelegen, das trotzige Aussehen von Orten, die der Geschichte und ihren Wechselfällen standgehalten haben. Die kurvenreiche Straße, die zur zentralen Promenade hinaufführt, bestätigt dieses Gefühl: Je näher ihr kommt, desto stolzer erscheint Sancerre.

Der Blick von Sancerre auf das Weinland ringsum. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von Sancerre auf das Weinland ringsum. Foto: Hilke Maunder

Auf einer Höhe von 300 Metern blickt Sancerre auf das Loiretal und 3.000 Hektar Rebfläche auf Hügeln und Hängen herab. Von der Hügelspitze mit Panorama-Tafel liegt euch das Land zu Füßen.

Aussichtsreich ist auch die von Linden beschatteten Promenade Esplanade Porte César, die – so behauptet der Volksmund – an die Ursprünge des Ortsnamens erinnert.

Aus der gallorömischen Siedlung Sacrum Caesaris wurde im Laufe der Jahrhunderte erst Saint-Caesar, welches  umgangssprachlich verschmolzen wurde zu Sancerre. Voilà die Legende.

Immer wieder eröffnen sich neue Aussichten auf das Umland, wenn man in Sancerre flaniert. Foto: Hilke Maunder
Immer wieder eröffnen sich neue Aussichten auf das Umland, wenn man in Sancerre flaniert – wie hier auf der Esplanade Porte-César. Foto: Hilke Maunder

Faktisch belegt ist, dass sich schon lange vorher, und zwar zwischen 1200 und 500 v. Chr., am Standort von Sancerre einst ein antikes Oppidum befand.

Einige Jahrhunderte später erhielt der Ort die Reliquien eines afrikanischen Märtyrers namens Satyrus und erhielt daraufhin den Namen San Sayre, das altfranzösische Äquivalent zu Satyrus im mittelalterlichen Latein.

Das alte Herz von Sancerre ist kompakt und klein. Es erstreckt sich zwischen der Nouvelle Place und der Place de la Panneterie. Zwischen beiden lädt ein Labyrinth verwinkelter Gassen zum Bummeln zwischen den beiden Plätzen ein.

Die Nouvelle Place von Sancerre. Foto: Hilke Maunder
Die Nouvelle Place von Sancerre. Foto: Hilke Maunder

Die Nouvelle Place hieß früher Place du Souvenir. Als sie 1980 umgestaltet wurde, um Kunsthandwerksläden und Terrassen besser unterzubringen, erhielt sie ihren neuen Namen.

Im Pflaster führen 28 Wegweiser durch Sancerre. Sie blättern die Geschichte der Stadt auf und führen hin zu Orten, die den Charakter des Weindorfes widerspiegeln. Das geschlossene Ortsbild verleiht Sancerre seinen ganz eigenen Charme.

Der Turm der Église Saint-Pierre. Foto: Hilke Maunder
Der Turm der Église Saint-Pierre. Foto: Hilke Maunder

Die Rue Saint-Jean führt euch zur Église Notre-Dame, die ab 1658 in zwei Etappen fertiggestellt wurde, und hin zum ältesten Haus des Ortes, der Maison Jacques Cœur, aus dem 15. Jahrhundert. Drei rote Herzen und drei Muscheln zieren das Familienwappen.

Jacques Cœur war ein bedeutender französischer Kaufmann und Finanzier im 15. Jahrhundert, der in Bourges, Frankreich, geboren wurde (um 1395) und 1456 starb. Er diente als Finanzminister unter König Karl VII., betrieb Handel im Mittelmeerraum und förderte Kunst und Architektur in seiner Heimat. Er wurde so zum wichtigen Impulsgeber bei der Wiederbelebung des französischen Handels und der kulturellen Blüte im späten Mittelalter.

Die Maison Jacques Cœur. Foto: Hilke Maunder
Die Maison Jacques Cœur. Foto: Hilke Maunder

Die Maison Jacques Cœur in Sancerre wurde zwischen 1443 und 1451 errichtet. Obgleich dieses Herrenhaus deutlich schlichter ist als sein beeindruckendes Palais Jacques Cœur in Bourges, spiegelt auch dieser Renaissance-Sitz Cœurs Reichtum und seinen Einfluss auf die Kunst und Architektur seiner Zeit wider.

Die Rue du Carroir-de-Velours – und damit jener Kreuzung, an der einst Stoffe verkauft wurden – führt zur Place du Connétable mit seiner Tour des Fiefs. Dieser Turm ist der letzte von einst sechs Türmen, die die Burg der Grafen von Sancerre aus dem 14. Jahrhundert ein flankierten.

Große Fotografien lassen die Vergangenheit des Dorfes lebendig werden. Foto: Hilke Maunder
Große Fotografien lassen die Vergangenheit des Dorfes lebendig werden. Foto: Hilke Maunder

Hungert sie aus!

1573 erlebte Sancerre eine Episode, die die Geschichte des Dorfes geprägt hat. Der Gouverneur von Berry, Maréchal de La Castrated, ließ mit seinen katholischen Truppen das Dorf belagern.

Nach den schrecklichen Massakern der Barthlomäusnacht vom August 1572 hatten sich die Hugenotten des Berry in die Zitadelle von Sancerre gerettet. Dort umzingelten die Katholiken die Glaubensflüchtlinge: 7.000 Mann gegen 2.500 Belagerte, zusammen mit den Katholiken der Stadt, die sichtlich mehr mit ihrer Stadt als mit ihrer Religion verbunden waren.

Zunächst sah es so aus, als ob die Protestanten siegen könnten. Doch dann beschloss der Gouverneur, den Ort aushungern zu lassen. Es sollte schließlich 5.000 Kanonenkugeln und neun Monate Belagerung brauchen, um die Belagerten zu besiegen, die buchstäblich vor Hunger starben und sogar Ratten, Gras- und Strohhalme und selbst fein zerkleinerten Schiefer gegessen haben sollen.

Idylle mit Ausblick in Sancerre. Foto: Hilke Maunder
Idylle mit Ausblick in Sancerre. Foto: Hilke Maunder

Auch zu Kannibalismus kam es. In den Annalen von Sancerre ist der Fall einer Familie notiert, die in ihrer Not sogar ihr totes Kind verspeisten. Lange vergangen waren da die Tage, als die Einwohner von Sancerre noch stolz mit einem Schwein an der Leine auf den Stadtmauern herumliefen, um die Katholiken zu verspotten!

Nach dem Sieg über die Belagerten wurden die Stadtmauern dem Erdboden gleichgemacht und die Stadträte mit dem Schwert hingerichtet.

Kommerz statt Krieg

Einer der großen Weinhändler: das Château de Sancerre . Foto: Hilke Maunder
Einer der großen Weinhändler: das Château de Sancerre. Foto: Hilke Maunder

Es fällt schwer, sich heute beim Bummel durch Sancerre diese Gräueltaten vorzustellen. Die mit Treppentürmen und Sprossenfenstern geschmückten Steinresidenzen, die die Place de la Panneterie säumen, wie das Logis Clément oder das Hôtel de la Thaumassière aus dem 16. Jahrhundert, verbreiten ein beschauliches Flair.

Ihr Stein erzählt nicht von Krieg, sondern von Kommerz, Wohlstand und Wein. Heute haben mehrere Weinhändler an der Nouvelle Place und in den Gassen des alten Sancerre ihre Boutiquen auch sonntags für Verkostung und Kauf geöffnet.

Östlichste AOP der Loire

330 Winzer in 14 Städten am linken Ufer der Loire gehören heute zur 2.800 Hektar großen Appellation Sancerre. Sie bildet das östlichste der vielen Anbaugebiete an Frankreichs längstem Fluss. Am Oberlauf der Loire ist – wie im nahen burgundischen Pouilly am rechten Ufer – der Sauvignon Blanc der Star der Rebgärten. Er stellt in Sancerre 75 Prozent.

Dort wächst die weiße Traube auf Kalkmergel und Feuerstein, Tonböden und Schotter im unterschiedlichsten Mix und sorgt für wunderbar mineralische Noten im Glas. Aus der roten Traube Pinot Noir werden Rotwein (20 Prozent) und Rosé gekeltert.

Auf ihrem interaktiven Rundgang stellt die Maison des Sancerre spielerisch das Terroir und die Arbeit im Weinberg vor. Und zitiert das Urteil von Heinrich IV., der nach dem erstmaligen Genuss von Sancerre gesagt haben soll: „Dieser Wein ist der Beste, den ich je getrunken habe! Wenn die Menschen im Königreich davon schmecken, wird es keine Religionskriege mehr geben.“

Auch die Arbeit der Winzer zeigen die Fotos, die Sancerre schmücken. Foto: Hilke Maunder
Auch die Arbeit der Winzer zeigen die Fotos, die Sancerre schmücken. Foto: Hilke Maunder

Sancerre: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

La Pomme d’Or

Justine Heuzé, ausgebildete Sommelière, und Küchenchef Yann Tournier sind ein junges bretonisches Paar mit vielen kreativen Ideen und viel Geschmack. Im Mai 2022 haben die beiden die traditionsreiche Postkutschenstation von 1863 in Sancerre übernommen und in ein Hotel-Restaurant verwandelt, die Zimmer modernisiert und in der Küche eine intuitive Gastronomie eingeführt. Sie verbindet das kulinarische Erbe von Sancerre mit ihren Wurzeln in der Bretagne.

Yann kommt wie Justine aus Cancale, wo ihn der berühmte Olivier Roellinger ausgebildet und eingeführt hat in das Reich der Gewürze.  Yann Tournier kreiert eine schmackhafte, raffinierte, delikate wie romantische Küche, die ihre Meisterschaft in den Desserts beweist. Kostet einmal seine Schokoladen-Gianduja-Praline mit knuspriger Gavotte!  Bei der Weinkarte setzte Justine auf Weine, die möglichst bio oder biodynamisch hergestellt werden.
• 1, rue de la Panneterie, 18300 Sancerre, Tel. 02 48 54 13 30, https://lapommedorsancerre.fr

Die Café-Librairie

3.367: So viele Titel hat diese Buchhandlung auf Lager – Krimis, Science-Fiction, Fantasy, Kunst und Comics, Kinderbücher, Jugendromane, Titel für junge Erwachsene, praktische Bücher und all jenes Wissen, was man für Schule, Uni und Beruf braucht. Dazu gibt es Kaffee und Kuchen sowie regelmäßige Konzerte.
• 4, rue des Trois Piliers, 18300 Sancerre, Tel. 02 48 54 34 80, https://cafelibrairiedesancerre.com

Nahrung für Körper, Geist und Seele bietet in Sancerre diese Café-Librairie. Foto: Hilke Maunder
Nahrung für Körper, Geist und Seele bietet in Sancerre diese Café-Librairie. Foto: Hilke Maunder

La Tour

Im historischen Herzen von Sancerre machten Daniel und Pascale Fournier ihr Restaurant zur Gourmet-Adresse des Dorfes. Seit 2006 führt ihr Sohn Baptiste Fournier ihr Erbe fort, frisch, kreativ verjüngt und stets ein Genuss.
• 31, place Nouvelle, 18300 Sancerre, Tel. 02 48 54 00 81, www.latoursancerre.fr

Weingüter

Le Domaine Vacheron

Die 45 Hektar Rebflächen werden heute in der dritten Generation von Jean-Laurent und Jean-Dominqiue Vacheron geführt. Spitzenlagen auf feuersteingeprägten Böden sind teilweise mit 30- bis 60-jährigen Sauvignon Blanc- und Pinot Noir-Reben bestockt. Das Weingut ist Deneter-zertifiziert.

Niedrige Erträge, Spontangärung in Stahltank oder im Eichenfass und anschließende Reife in französischen Barriques zeichnen die Weiß-, Rosé- und Rotweine aus. Der Sancerre Blanc Les Romains ist der weiße Topwein des Weinguts, sein rotes Pendant heißt Belle Dame.
• 1, Rue du Puits Poulton, 18300 Sancerre, Tel. 02 48 54 09 93

Le Domaine du Carrou

1985 übernahm Dominique Roger das Familienweingut in der siebten Generation. Die elf Hektar Rebfläche verteilen sich auf alle vier großen Bodentypen von Sancerre:

1.  Griottes: weicher Kalkstein aus dem Oberjura Oxfordium (150 Millionen Jahre) – hier wachsen fruchtige, leichte Sauvignons.

2. Caillottes: harter Kalkstein aus dem Oberjura Oxfordium (145 Millionen Jahre), der den Weinen Frucht, Gerüst, Finesse und eine kreideartige Mineralität verleiht.

3. Terres blanches: Lehm-Kalkstein aus dem sekundären Kimmeridge-Kalkgestein (140 Millionen Jahre) – diese Böden stehen für Komplexität, Opulenz und Mineralität.

4. Silex: Tertiär (40 Millionen Jahre), das geradlinige, feste und elegant-mineralische Weine erbringt. Verkostet parallel den Sancerre blanc, der alle vier Bodentypen vereint, den Chêne Marchand, dessen Trauben zu 100 Prozent auf den Caillottes reifen oder Les Deserts, der ausschließlich auf den terres blanches gedeiht, und ihr werdet die Unterschiede selbst schmecken.
• 7, place du Carrou, 18300 Bue, Tel. 02 48 54 10 65, www.dominique-roger.fr

Vincent Gaudry

Ein ungewöhnlicher Winzer, der ungewöhnliche Weine erzeugt. Schon mit 16 Jahren verließ er die Schule und trat ins elterliche Weingut ein. Als er selbst durch die ausgebrachten Chemikalien erkrankte, stellte er die gesamten Flächen von heute elf Hektar auf biodynamischen Weinbau um und ist seit 2006 Demeter-zertifiziert.

Handlese ist selbstverständlich, die Gärung erfolgt kontrolliert bei niedrigen Temperaturen, um die Frucht und die Stilistik der Weine zu erhalten. Ausgebaut werden sie in 400-Liter-Eichenholzfässern, abgefüllt werden sie unfiltriert und lediglich mit einer minimalen Schwefelung.

Pflanzt er einen Weinberg neu, verwendet er die Trauben erst ab einem Alter von sieben Jahren, damit sie seinen Qualitätsvorstellungen entsprechen. Der Pour Vous stammt von mehr als 50-jährigen Rebstöcken und wird zu 100 Prozent in neuem Holz ausgebaut – eine Rarität, von der es nur wenige hundert Flaschen gibt.
• Rue des vignerons, 18300 Sury-en-Vaux, Tel. 02 48 79 49 25, https://vincent-gaudry.com

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Sancerre ist als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet – und hat in seinen Gassen abseits der eintretrenen Pfade dennoch die Patina und Ursprünglichkeit bewahrt. Foto: Hilke Maunder
Sancerre ist als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet – und hat in seinen Gassen abseits der eingetretenen Pfade dennoch Patina und Ursprünglichkeit bewahrt. Foto: Hilke Maunder

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4 Kommentare

  1. Liebe Hilke.
    Mal wieder ein toller Bericht und dann über einen Weinort, der bei jedem Wein- und Frankreichliebhaber nicht fehlen darf. Die Weine sind teilweise sehr speziell durch die sehr kalkhaltigen Gründe.
    Geschmunzelt habe ich bei der Überschrift. Im Ort Poilly etwas südlicher ist ein Schild vor die Brücke über die Loire gestellt, dass es von dort genauso weit zur Quelle wie zur Mündung ist.
    Aber gut, kann man so sehen!
    Viele Grüße
    Jörg

  2. Wow, super schöne Fotos!!!! Neue Kamera? Man hat richtig Lust, sofort all‘ diese Markthallen zu besuchen und einen leckeren Wein im schönen Sancerre zu kosten. Der Ausblick an der Esplanade Porte-Cesar ist überwältigend! Merci beaucoup.

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