Tournon-d’Agenais: die königliche Bastide
Etwa zwanzig Kilometer östlich von Villeneuve-sur-Lot, an der Grenze von Agenais und Quercy, thront Tournon-d’Agenais hoch auf einem Felskegel über dem grünen Tal des Boudouyssou. Tournon-d’Agenais ist eine Bastide und damit eine jener „neuen“ Städte, mit denen die jeweiligen Herrscher ihre Macht in Aquitanien und Okzitanien sicherten.
Planstädte des Mittelalters
Mit diesen Bastiden besetzten sie strategische Standorte und sicherten sich so die Kontrolle über Durchgangs- und Handelsstraßen, Wasserläufe und Ackerland sowie entlang der Grenzen.
Gemeinsam ist allen Bastiden eine befestigte Anlage, die je nach Topographie quadratisch oder rechteckig ist. In ihrem Innerem läuft ein Netz aus parallelen und rechtwinkligen Gassen auf einen zentralen, von Arkaden gesäumten Platz zu. Das macht das Flanieren in einer Bastide so reizvoll. Ohne Stadtplan könnt ihr euch einfach treiben lassen.
Stets einzigartig

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Denn jede Bastide ist einzigartig. Das baskische Örtchen Ainhoa ist eine typische Straßenbastide, Fourcès im Gers ist eine Rundbastide, Navarrenx war die erste Bastionenbastide Frankreichs.
Tournon-d’Agenais gehört zu jenen Bastiden, die die Könige Frankreichs (Kapetinger) oder Englands (Plantagenêt) errichten ließen. Sie ist eine bastide royale, eine königliche Bastide wie Domme, Sauveterre-de-Rouergue und Villeréal.

Keltische Wurzeln
Tournon-d’Agenais war bereits ein keltisches Oppidum und ein gallo-römischer Handelsplatz, bevor Philipp III. die Bastide im Jahr 1271 gründete. 1279 begannen die Arbeiten an den Befestigungen. Die alte Burg, die 1212 während des Albigenserkreuzzugs dem Erdboden gleichgemacht worden war, wurde wieder aufgebaut, erneut zerstört, umgebaut – und in die Stadtmauer integriert.
Ein Gürtel aneinandergrenzender Häuser, die heute noch zu sehen sind, bildet eine gewaltige, über zwei Meter dicke Umfassungsmauer von Tournon-d’Agenais. Während des Hundertjährigen Krieges wechselte die Bastide häufig den Besitzer, war umkämpft, zeigte Narben und wurde wieder aufgebaut.

An der Stadtmauer von Tournon-d’Agenais findet ihr eine Nachbildung der Grotte von Lourdes. Nachbildungen der Grotte von Massabielle, in der 1858 Bernadette Soubirous die Marienerscheinungen hatte, wurden ab dem späten 19. Jahrhundert in ganz Frankreich und darüber hinaus errichtet.
Pittoreske Zeitreise

Ein Bummel durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Tournon-d’Agenais gleicht einer Zeitreise ins 13. Jahrhundert. Stockrosen und Glyzinien blühen vor den alten Feldsteinfassaden. Tiefrot und pastellfarben leuchten Fenster und Türen, von der Zeit gezeichnet sind die Holztore.
Katzen streunen umher. Hier und da ist der Putz abgeblättert und legt Fachwerk frei, dessen Gefache mit flachen Backsteinziegeln gefüllt ist.

Von der angrenzenden Place des Cornières dringen Musik und Gelächter herüber. Tournon-d’Agenais feiert ein Fest. Und hat dafür die Autos vom zentralen Dorfparkplatz verbannt. Wie viel schöner wirkt er ohne die Fahrzeuge, die sonst dort parken.
Unter der Vorhalle des Rathauses sind einige Stände aufgebaut: bienvenue zur Verkostung! Was soll es sein: Wein – oder ein Schlückchen vom floc de Gascogne, dem Aperitif des Midi? Welch eine friedliche und beschauliche Stimmung verströmt diese Bastide. Und welch ein Grauen musste sie im Zweiten Weltkrieg unter den Nazis erleben!

Horrorzeiten
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen und der Kollaboration des Vichy-Regimes wurde Tournon-d’Agenais zu einem wichtigen Ort für die Internierung von Juden im Département Lot-et-Garonne. Am 6. Januar 1942 wurde dort ein regionales centre d’hébergement eingerichtet. Hierhin wurden vor allem staatenlose Juden gebracht, die nach 1936 nach Frankreich gekommen oder heimlich über die Demarkationslinie geflohen waren.
Die Juden-Razzia
Am 26. August 1942 fand in der sogenannten zone libre (unbesetzte Zone) eine groß angelegte Razzia statt. Mithilfe von Listen, die auf den Volkszählungen von 1941 und 1942 basierten, wurden im gesamten Département Lot-et-Garonne 705 Juden festgenommen. Die Polizei, Gendarmerie und andere Behörden waren daran beteiligt. Die Festgenommenen mussten in aller Eile das Nötigste zusammenpacken und wurden dann auf öffentlichen Plätzen zusammengetrieben, von wo aus sie mit Bussen und Lastwagen in das zentrale Sammellager von Casseneuil oder nach Tournon-d’Agenais gebracht wurden.
Von dort wurden die meisten Opfer in das berüchtigte Internierungslager Drancy bei Paris überführt. Drancy war von 1941 bis 1944 das zentrale Durchgangslager für Juden in Frankreich. Von dort aus erfolgte die Deportation in die nationalsozialistischen Vernichtungslager, meist nach Auschwitz. Die Razzia vom 26. August 1942 war die größte ihrer Art im Département Lot-et-Garonne.
Der sac de Tournon-d’Agenais
Am Montag, 3. Juli 1944, feuerten 1500 Mann einer Panzergrenadierdivision der deutschen Wehrmacht von Cahors kommend in Richtung Villeneuve-sur-Lot auf die wenigen unbewaffneten maquisards, die sich in Tournon-d’Agenais unterhalb der Bastide auf der Place du Foirail aufhielten.
Die Vergeltungsmaßnahmen gegen die Widerstandskämpfer und die Zivilbevölkerung dauerten sechs Stunden. Neun Menschen wurden von den Deutschen gefoltert und getötet, zahlreiche Häuser geplündert, verwüstet und einige in Brand gesteckt. Dieses Ereignis ist unter dem Namen le sac de Tournon-d’Agenais im kollektiven Gedächtnis des Ortes verankert.
Die Place des Cornières

Heute ist die Place des Cornières die beschauliche gute Stube der Bastide. Eine épicerie verkauft köstliche Produkte lokaler Produzenten, Brot und Milch. Wenige Schritte weiter hat das Les Mirabelles ein paar Tische und Stühle in die Arkaden gestellt. Aus dem Blunnen plätschert Trinkwasser, und vor dem Rathaus wehen die französische Flagge, die Europa-Flagge und das Kreuz Okzitaniens im Wind. Okzitanien? Hier in Lot-et-Garonne der Region Nouvelle-Aquitaine. Ja – denn die historische Region Okzitanien ersteckte sich einst von der Atlantikküste bis in die Provence.
Ihr Hauptteil lag im südlichen Drittel Frankreichs, aber sie umfasste auch kleinere Gebiete in Spanien und Italien. Die okzitanische Sprache, auch langue d’oc genannt, war das verbindende Element dieser Region. Die heutige Verwaltungsregion Okzitanien (seit 2016) deckt allerdings nur einen Teil des historischen Sprachgebiets ab. Der Westen, darunter auch das Département Lot-et-Garonne und somit auch Tournon-d’Agenais, gehört heute zur Region Nouvelle-Aquitaine, zählt aber historisch und kulturell zu Okzitanien.
Und so gibt es in Tournon-d’Agenais bis heute die die Calandretas, private, laizistische Schulen, in denen Okzitanisch als Unterrichtssprache verwendet wird. Vom Kindergarten an lernt hier der Nachwuchs ganz immersivr Okzitanisch, Französisch folgt erst mit der Grundschule. Und wird im Abescat, der einst ersten Kirche der Bastide und heute das Dorfgeschmeinschaftshaus, bei Feiern gerne die inoffizielle Hymne Okzitaniens angestimmt.
Se canto, que cante,
Canto pas per you,
Canto per mamio
Qu’ès alen de you…
Die Monduhr
An einer Ecke der Place des Cornières erhebt sich der Belfried ( beffroi) . Dieser Glockenturm hat nicht nur eine, sondern gleich zwei Uhren! Die untere Uhr hat ein normales Zifferblatt. Doch darüber, am Glockenturm von Tournon-d’Agenais, ist ein nachtblaues Sternenbild angebracht, das eine zweifarbige Kupferkugel umgibt. Die obere Uhr ist eine horloge lunaire, eine Monduhr!
Der Mondzyklus dauert 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,8 Sekunden. Da der kleine Zeiger der Uhr zwei Umdrehungen pro Tag macht, wird diese Bewegung auf eine Platte mit 59 Zähnen übertragen, deren Achse direkt mit der Kugel verbunden ist.
Einst per Hand, heute elektrisch
Der Fehler von 7 Stunden pro Jahr, der durch die 44 Minuten und 2,8 Sekunden entsteht, wurde einst von Hand ausgeglichen. Zu diesem Zweck wurde die Platte früher alle zwei Jahre um einen Zahn zurückgestellt. Die Elektrifizierung der Monduhr von Tournon-d’Agenais sollte Abhilfe schaffen. Doch der kleine Motor, der in die Uhr eingebaut wurde, schaffte es anfangs kaum, die recht archaischen und sehr schwergängigen Verbindungen zu drehen.
Die Uhr kam zurück in die Werkstatt, erhielt Kugellager und einen Kardanantrieb, wurde neu lackiert – und läuft nun seit Dezember 1990 genau im Rhythmus des Mondes. Das freut den örtlichen Pfarrer, denn das Mondjahr ist für den liturgischen Kalender maßgebend. Ostern wird am Sonntag nach dem Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche gefeiert.
Himmlisches Trinkwasser
Höher als der Belfried ist ein architektonisches Kuriosum, das majestätisch über dem mittelalterlichen Bastidendorf thront: der Glockenturm der Kirche Saint-Barthélémy. 1955 wurde er aus Beton errichtet, nachdem der Vorgänger im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war.
Das Besondere: Beim Wiederaufbau wurde der Turm so konstruiert, dass er nicht nur als Kirchturm, sondern auch als Wasserturm für das Dorf dient – eine in Frankreich sehr seltene Doppelfunktion. Bis dahin mussten die Bewohner ihr Wasser von einem zentralen Dorfbrunnen holen. Mit dem Bau des clocher-château d’eau erhielten die Einwohner erstmals fließendes Wasser im Ort.

Die Fête des Rosières
Der zentrale Dorfplatz ist das ganze Jahr hindurch eine Bühne für Feste. Bei der Fête de la Tourtière feiert Tournon-d’Agenais alljährlich seine tourtière. Dieser knusprige, fruchtige Kuchen aus hauchdünnem Teig mit einer Füllung aus Äpfeln und manchmal Rosinen ähnelt der croustade aus dem Gers. Zu Beginn der Weinlese findet in Tournon-d’Agenais ein Weinfest statt. Die Trüffelzeit begrüßt die Bastide mit der Fête de la Truffe.
Doch kein Fest verrät so deutlich die enge Verzahnung zwischen Kirche, Heimat und Tradition wie die Fête des Rosières, die Tournon-d’Agenais seit 1845 feiert. Dieses Rosenfest geht zurück auf einen Mann aus dem Dorf Anthé bei Tournon-d’Agenais.
Er hatte am 5. Oktober 1826 in seinem Testament Folgendes verfügt: „Ich wünsche und beabsichtige, dass aus den Einkünften der Güter, die ich nach meinem Tode hinterlasse, jährlich so viele tugendhafte Mädchen gekleidet und verheiratet werden, wie die Einkünfte der Güter, die ich hinterlasse, jeweils tausend Franken betragen“.

Besondere Brautschau
Am 27. Dezember 1845 erfolgte die Krönung der ersten tugendhaften Heiratskandidatinnen. Seitdem wurden zwar einige kleine und nicht unwesentliche Details geändert, insbesondere die Verpflichtung, dass die jungen Mädchen innerhalb eines Jahres heiraten müssen, doch der Ablauf ist bis heute unverändert.
Über die Einhaltung dieser Tradition wacht eine Kommission, die sich aus Vertretern der Gemeinden zusammensetzt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Mädchen auszuwählen und den „Tugendpreis“ zu zahlen, den der Erblasser verlangt. In weißen Kleidern und mit einem Rosenkranz auf dem Kopf warten seither jedes Jahr mehrere Mädchen auf ihre Krönung nach der Messe beim Rosenfest Ende August.
Tournon-d’Agenais: meine Reisetipps
Hinkommen
Per Bahn
Von größeren Städten wie Agen oder Cahors fahren regelmäßig Regionalzüge (TER) nach Monsempron-Libos (ca. 12 km entfernt) oder Penne-d’Agenais (ca. 15 km entfernt).
Per Bus
Von den SNCF-Bahnhöfen Monsempron-Libos oder Penne-d’Agenais gibt es Regionalbusse in Richtung Tournon-d’Agenais. Die Buslinien werden vom regionalen Verkehrsnetz Nouvelle-Aquitaine betrieben. Fahrpläne und Buchung finden sich auf der Website der Region.
zu Fuß
Tournon-d’Agenais liegt an einer Variante des Jakobswegs ( GR 652 ).
Schlemmen und genießen
La Maison des Framboises
Die Genüsse des Midi mit foie gras, magret de canard, aber auch Klassiker der französischen Küche wie steak frites direkt am zentralen Dorfplatz der Bastide.
• Place de la Mairie, 47370 Tournon-d’Agenais, Tel. 05 53 01 24 04, auf Facebook zu finden
Guinguette La ô
Die aussichtsreiche Terrasse zum Apéro bei gutem Wetter!
• Chemin de l’Hospice, 47370 Tournon-d’Agenais, auf Facebook zu finden

Nicht verpassen
La galerie du beffroi
Am Belfried von Tournon-d’Agenais findet ihr das Office de Tourisme. Zum Touristeninformationsbüro gehört eine kleine Galerie, die Freiwillige des Vereins Mona Lisa betreiben und jeden Sommer dort verschiedene örtliche Künstler ausstellen.
Werkstatt-Galerie Pascal Lacroix
Zeitgenössische Keramik, ob praktisch oder dekorativ, fertigt Pascal Lacroix im Herzen der alten Bastide. Dabei kommen oft traditionelle Techniken aus dem Fernen Osten zum Einsatz. Seine raffinierten Objekte aus glasiertem Steingut oder Porzellan zeigt auch das Keramikmuseum Bernard Palissy in Saint-Avit in Lacapelle-Biron, rund 30 Kilometer nördlich von Tournon-d’Agenais regelmäßig bei Ausstellungen.
• 75, rue du Bousquet, Tel. mobil 06 76 41 57 84, https://www.pascalacroix.org
Mein Extratipp: Gasttöpfern im Pied du Ciel
Ihr seid Töpfer*in? Wie wäre es, in Tournon-d’Agenais einfach mal zwei Wochen lang nur der künstlerischen Inspiration zu folgen und die schönsten Kreationen ausstellen? Die Lothringer Poterie du Saulnois macht von Mai bis September einen solchen Aufenthalt in Tournon-d’Agenais mit ihrem Angebot potier en résidence möglich.
Das Keramikzentrum will damit Töpfern, die am Anfang ihrer Karriere stehen oder leidenschaftlichen Amateuren so Möglichkeiten zum Arbeiten und Ausstellen geben. Es bietet einen mittelalterlichen Turm mit einer Wohnung für maximal vier Personen, Töpferwerkstatt und Ausstellungsraum für die Dauer von zwei Wochen zur Miete an.
Im Ausstellungsraum steht euch eine Töpferscheibe zur Verfügung. Im Keller findet ihr einen Keramikbrennofen mit einer Fronttür und einem Fassungsvermögen von 60 Litern.
• Infos erteilen Bo Filarski und Anna Creemers, info@poteriedusaulnois.com, www.piedduciel.com

Hier könnt ihr schlafen
Les Mirabelles
Charmante Gästezimmer direkt am Dorfplatz, etwas Feinkost und wechselnde Menüs, die tief im Terroir verwurzelt sind.
• 1002, rue des Arcades, 47370 Tournon-d’Agenais, 07 82 24 92 75, auf Facebook zu finden
Noch mehr Betten*
Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.
Weiterlesen
Im Blog
Alle Beiträge aus dem Département Lot-et-Garonne vereint diese Kategorie. Die schönsten Dörfer Frankreichs könnt ihr in dieser Kategorie entdecken.
Im Buch
Klaus Simon, Hilke Maunder, Secret Places Frankreich*
Eiffelturm, Lavendelfelder und die Schlösser der Loire sind weltbekannte Ziele in Frankreich. 60 wunderschöne Orte abseits des Trubels stellen Klaus Simon und ich in unserem dritten Gemeinschaftswerk vor.
Die Schluchten von Galamus, die Gärten von Marqueyssac, Saint-Guilhelm-le-Désert, Mers-les-Bains, den Bugey oder die Île d’Yeu: Entdeckt unsere lieux insolites voller Frankreich-Flair! Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.
* Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !





