Die Place des Cornières ist die gute Stube von Tournon-d'Agenais. Foto: Hilke Maunder
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Tournon-d’Agenais: eine königliche Bastide

Etwa zwanzig Kilometer östlich von Villeneuve-sur-Lot, an der Grenze von Agenais und Quercy, thront Tournon-d’Agenais hoch auf einem Felskegel über dem grünen Tal des Boudouyssou. Tournon-d’Agenais ist eine Bastide und damit eine jener „neuen“ Städte, mit denen die jeweiligen Herrscher ihre Macht in Aquitanien und Okzitanien sicherten.

Der Ausblick vom Stadtgarten in Tournon-d'Agenais auf das Tal des Boudouyssou. Foto: Hilke Maunder
Der Ausblick vom Stadtgarten in Tournon-d’Agenais auf das Tal des Boudouyssou. Foto: Hilke Maunder

Planstädte des Mittelalters

Mit diesen Bastiden besetzten sie strategische Standorte und sicherten sich so die Kontrolle über Durchgangs- und Handelsstraßen, Wasserläufe und Ackerland sowie entlang der Grenzen.

Gemeinsam ist allen Bastiden eine befestigte Anlage, die je nach Topographie quadratisch oder rechteckig ist. In ihrem Innerem läuft ein Netz aus parallelen und rechtwinkligen Gassen auf einen zentralen, von Arkaden gesäumten Platz zu. Das macht das Flanieren in einer Bastide so reizvoll. Ohne Stadtplan kann man sich einfach treiben lassen.

Der Ausblick zur anderen Seite des Felsrückens, auf dem die Bastide sich erstreckt. Foto: Hilke Maunder
Der Ausblick vom Felsrücken der Bastide auf die Forêt du Verdus. Foto: Hilke Maunder

Stets einzigartig

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Denn jede Bastide ist einzigartig. Das baskische Örtchen Ainhoa ist eine typische Straßenbastide, Fourcès im Gers ist eine Rundbastide, Navarrenx war die erste Bastionenbastide Frankreichs.

Tournon-d’Agenais gehört zu jenen Bastiden, die die Könige Frankreichs (Kapetinger) oder Englands (Plantagenêts) errichten ließen. Sie ist eine bastide royale, eine königliche Bastide wie Domme, Sauveterre-de-Rouergue und Villeréal.

Dieses Wohnhaus findet ihr in der Rue Philippe. Foto: Hilke Maunder
Dieses Wohnhaus aus dem 13. Jahrhundert in der Rue Philippe erhielt erst im 15. Jahrhundert seinen Treppenturm. Foto: Hilke Maunder

Keltische Wurzeln

Tournon-d’Agenais war bereits ein keltisches Oppidum und ein gallo-römischer Handelsplatz, bevor Philipp III. die Bastide im Jahr 1271 gründete. 1279 begannen die Arbeiten an den Befestigungen. Die alte Burg, die 1212 während des Albigenserkreuzzugs dem Erdboden gleichgemacht worden war, wurde wieder aufgebaut.

Ein Gürtel aneinandergrenzender Häuser, die heute noch zu sehen sind, bildet eine gewaltige, über zwei Meter dicke Umfassungsmauer von Tournon-d’Agenais. Während des Hundertjährigen Krieges wechselte die Bastide häufig den Besitzer, war umkämpft, zeigte Narben und wurde wieder aufgebaut.

Einige der Gassenvon Tournon-d'Agenais sind malerisch und restauriert, andere noch völlig authentisch und voller Patina. Foto: Hilke Maunder
Einige der Gassen von Tournon-d’Agenais sind malerisch und restauriert, andere noch völlig authentisch und voller Patina. Foto: Hilke Maunder

Pittoreske Zeitreise

Ein Bummel durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Tournon-d’Agenais gleicht einer Zeitreise ins 13. Jahrhundert. Stockrosen und Glyzinien blühen vor den alten Feldsteinfassaden. Tiefrot und pastellfarben leuchten Fenster und Türen, von der Zeit gezeichnet sind die Holztore. Katzen streunen umher. Hier und da ist der Putz abgeblättert und legt Fachwerk frei, dessen Gefache mit flachen Backsteinziegeln gefüllt ist.

Von der angrenzenden Place des Cornières dringen Musik und Gelächter herüber. Tournon-d’Agenais feiert ein Fest. Und hat dafür die Autos vom zentralen Dorfparkplatz verbannt. Wie viel schöner wirkt er ohne die Fahrzeuge, die sonst dort parken.

Unter der Vorhalle des Rathauses sind einige Stände aufgebaut: bienvenue zur Verkostung! Was soll es sein: Wein – oder ein Schlückchen vom floc de Gascogne, dem Aperitif des Midi? Welch eine friedliche und beschauliche Stimmung verströmt diese Bastide. Und welch ein Grauen musste sie erleben!

Die Place des Cornières während des Weinfestes im September. Foto: Hilke Maunder
Die Place des Cornières während des Weinfestes im September. Foto: Hilke Maunder

Le sac de Tournon-d’Agenais

Es geschah am 3. Juli 1944. An diesem Montag feuerten 1500 Mann einer Panzergrenadierdivision der deutschen Wehrmacht von Cahors kommend in Richtung Villeneuve-sur-Lot auf die wenigen unbewaffneten maquisards, die sich in Tournon-d’Agenais unterhalb der Bastide auf der Place du Foirail aufhielten.

Die Vergeltungsmaßnahmen gegen die Widerstandskämpfer und die Zivilbevölkerung dauerten sechs Stunden. Neun Menschen wurden von den Deutschen gefoltert und getötet, zahlreiche Häuser geplündert, verwüstet und einige in Brand gesteckt. Dieses Ereignis ist unter dem Namen le sac de Tournon-d’Agenais im kollektiven Gedächtnis des Ortes verankert.

Die Monduhr

Die Monduhr im Belfried von Tournon-d'Agenais. Foto: Hilke Maunder
Die Monduhr im Belfried von Tournon-d’Agenais. Foto: Hilke Maunder

An einer Ecke der Place des Cornières erhebt sich der Belfried (beffroi). Dieser Glockenturm hat nicht nur eine, sondern gleich zwei Uhren! Die untere Uhr hat ein normales Zifferblatt. Doch darüber, am Glockenturm von Tournon-d’Agenais, ist ein nachtblaues Sternenbild angebracht, das eine zweifarbige Kupferkugel umgibt. Die obere Uhr ist eine horloge lunaire, eine Monduhr!

Der Mondzyklus dauert 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,8 Sekunden. Da der kleine Zeiger der Uhr zwei Umdrehungen pro Tag macht, wird diese Bewegung auf eine Platte mit 59 Zähnen übertragen, deren Achse direkt mit der Kugel verbunden ist.

Einst per Hand, heute elektrisch

Der Fehler von 7 Stunden pro Jahr, der durch die 44 Minuten und 2,8 Sekunden entsteht, wurde einst von Hand ausgeglichen. Zu diesem Zweck wurde die Platte früher alle zwei Jahre um einen Zahn zurückgestellt. Die Elektrifizierung der Monduhr von Tournon-d’Agenais sollte Abhilfe schaffen. Doch der kleine Motor, der in die Uhr eingebaut wurde, schaffte es anfangs kaum, die recht archaischen und sehr schwergängigen Verbindungen zu drehen.

Die Uhr kam zurück in die Werkstatt, erhielt Kugellager und einen Kardanantrieb, wurde neu lackiert – und läuft nun seit Dezember 1990 genau im Rhythmus des Mondes. Das freut den örtlichen Pfarrer, denn das Mondjahr ist für den liturgischen Kalender maßgebend.

Ostern wird am Sonntag nach dem Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche gefeiert. Ostern markiert einerseits den Eintritt in die Fastenzeit, andererseits Himmelfahrt und Pfingsten.

Die Église Saint-Barthélemy von Tournon-d'Agenais. Foto: Hilke Maunder
Die Église Saint-Barthélemy von Tournon-d’Agenais. Foto: Hilke Maunder

Die Fête des Rosières

Der zentrale Dorfplatz ist das ganze Jahr hindurch eine Bühne für Feste. Bei der Fête de la Tourtière feiert Tournon-d’Agenais alljährlich seine tourtière. Dieser knusprige, fruchtige Kuchen aus hauchdünnem Teig mit einer Füllung aus Äpfeln und manchmal Rosinen ähnelt der croustade aus dem Gers.

Zu Beginn der Weinlese findet in Tournon-d’Agenais ein Weinfest statt. Die Trüffelzeit begrüßt die Bastide mit der Fête de la Truffe.

Doch kein Fest verrät so deutlich die enge Verzahnung zwischen Kirche, Heimat und Tradition wie die Fête des Rosières, die Tournon-d’Agenais seit 1845 feiert.  Dieses Rosenfest geht zurück auf einen Mann aus dem Dorf Anthé bei Tournon-d’Agenais.

Er hatte am 5. Oktober 1826 in seinem Testament Folgendes verfügt: „Ich wünsche und beabsichtige, dass aus den Einkünften der Güter, die ich nach meinem Tode hinterlasse, jährlich so viele tugendhafte Mädchen gekleidet und verheiratet werden, wie die Einkünfte der Güter, die ich hinterlasse, jeweils tausend Franken betragen“.

Besondere Brautschau

Am 27. Dezember 1845 erfolgte die Krönung der ersten tugendhaften Heiratskandidatinnen. Seitdem wurden zwar einige kleine und nicht unwesentliche Details geändert, insbesondere die Verpflichtung, dass die jungen Mädchen innerhalb eines Jahres heiraten müssen, doch der Ablauf ist bis heute unverändert.

Über die Einhaltung dieser Tradition wacht eine Kommission, die sich aus Vertretern der Gemeinden zusammensetzt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Mädchen auszuwählen und den „Tugendpreis“ zu zahlen, den der Erblasser verlangt. In weißen Kleidern und mit einem Rosenkranz auf dem Kopf warten seither jedes Jahr mehrere Mädchen auf ihre Krönung nach der Messe beim Rosenfest Ende August.

Der Stadtgarten von Tournon-d'Agenais. Foto: Hilke Maunder
Perfekt für eine Picknickpause: der Stadtgarten von Tournon-d’Agenais. Foto: Hilke Maunder

Tournon-d’Agenais: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

La Maison des Framboises

Die Genüsse des Midi mit foie gras, magret de canard, aber auch Klassiker der französischen Küche wie steak frites direkt am zentralen Dorfplatz der Bastide.
• Place de la Mairie, 47370 Tournon-d’Agenais, Tel. 05 53 01 24 04, www.facebook.com

Guinguette La ô

Die aussichtsreiche Terrasse zum Apéro bei gutem Wetter!
• Chemin de l’Hospice, 47370 Tournon-d’Agenais, www.facebook.com/guinguettelao

Schlafen

Les Mirabelles

Charmante Gästezimmer direkt am Dorfplatz, etwas Feinkost und wechselnde Menüs, die im Terroir verwurzelt sind.
• 1002, Rue des Arcades, 47370 Tournon-d’Agenais, 07 82 24 92 75, www.facebook.com

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Nicht verpassen

La galerie du beffroi

Der Belfried von Tournon-d’Agenais birgt das Office de Tourisme. Zum Touristeninformationsbüro gehört eine kleine Galerie, die Freiwillige des Vereins Mona Lisa betreiben und jeden Sommer dort verschiedene örtliche Künstler ausstellen.

Werkstatt-Galerie Pascal Lacroix

Zeitgenössische Keramik, ob praktisch oder dekorativ, fertigt Pascal Lacroix im Herzen der alten Bastide. Dabei kommen oft  traditionelle Techniken aus dem Fernen Osten zum Einsatz. Seine raffinierten Objekte aus glasiertem Steingut oder Porzellan zeigt auch das Keramikmuseum Bernard Palissy in Saint-Avit in Lacapelle-Biron, rund 30 Kilometer nördlich von Tournon-d’Agenais regelmäßig bei Ausstellungen.
• 75, rue du Bousquet, Tel. mobil 06 76 41 57 84, www.pascalacroix.com

Mein Extratipp: Gasttöpfern im Pied du Ciel

Ihr seid Töpfer*in? Wie wäre es, in Tournon-d’Agenais einfach mal zwei Wochen lang nur der künstlerischen Inspiration zu folgen und die schönsten Kreationen ausstellen? Die Lothringer Poterie du Saulnois macht von Mai bis September einen solchen Aufenthalt in Tournon-d’Agenais mit ihrem Angebot potier en résidence möglich.

Das Keramikzentrum will damit Töpfer*innen, die am Anfang ihrer Karriere stehen oder leidenschaftlichen Amateuren so Möglichkeiten zum Arbeiten und Ausstellen geben. Es bietet einen mittelalterlichen Turm mit einer Wohnung für maximal vier Personen, Töpferwerkstatt und Ausstellungsraum für die Dauer von zwei Wochen zur Miete an.

Im Ausstellungsraum steht euch eine Töpferscheibe zur Verfügung. Im Keller steht ein Keramikbrennofen mit einer Fronttür und einem Fassungsvermögen von 60 Litern.
• Infos erteilen Bo Filarski und Anna Creemers, info@poteriedusaulnois.com, www.piedduciel.com

Die Porte des Armagnacs mit weitem Blick über das Tal des Boudouyssou. Foto: Hilke Maunder
Die Porte des Armagnacs mit weitem Blick über das Tal des Boudouyssou. Foto: Hilke Maunder

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