Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
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Europas größter Archipel: Îles Chausey

Eigentlich gehören die Îles Chausey zu Granville und damit zur Normandie. Doch diesmal starten wir von Cancale, lassen uns zehn Seemeilen lang bei einer kulinarischen Bootsfahrt auf den Spuren der Korsaren von wilden Wellen im Ärmelkanal durchschütteln, bis plötzlich die See spiegelglatt daliegt und Inselchen aus zerfurchtem Fels vor uns auftauchen.

Von April bis Oktober setzen Jolie France-Fähren täglich, sonst mittwochs, sonnabends und sonntags von Granville zu den Inseln über, von denen im Mittelalter die Mönche des Mont-Saint-Michel die Steine für den Bau ihrer Abtei holten.

Später wurde in großem Stil der präkambrische Insel-Granit abgebaut. Auch in Paris, Dieppe und selbst London sind die Steine der Îles Chausey in den Bauten zu finden. Bis zu 500 Steinmetze lebten im 19. Jahrhundert auf den Inseln.

Der Hafen von Grande-Île der Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder
Der Hafen von Grande Île der Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder

Für jeden Tag eine eigene Insel

Doch die meisten Besucher der Inselgruppe kommen wie wir im eigenen Boot, die meisten segelnd, nur wenige mit Motor. 365 Inseln sollen bei Ebbe zu sehen sein, 52 bei Flut. Sagen die einen. Die anderen meinen, nur 22 Inseln.

Doch bewohnt ist in Europas größtem Archipel nur eine: die Grande Île. Sandbänke verbinden die Inseln untereinander. Und ihr identisches Gestein: Granit. Mit kleinen, flachen Booten, dories genannt, schippern die Einheimischen in ihrem Inselreich umher.

Früher wurden die Boote gerudert. Heute erledigt diese anstrengende Arbeit ein Motor. Doch am ersten Wochenende im August heißt es wieder: in die Riemen. Dann richten die Inseln die Chausey-Regatta aus.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Fangkörbe der Fischer auf der Grande Île. Foto: Hilke Maunder

Für die Boote der Fischer und der Besucher vom Festland legten deutsche Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg die Grande Cale an. Schaut euch die Pfähle einmal genauer an. Muscheln und Algen seht ihr, und eine Wasserlinie, 14 Meter höher als das Watt, das jetzt hier frei liegt. 14 Meter – so hoch ist der Tidenhub sonst fast nirgendwo in Europa.

Die Türme der Chausey-Inseln

Der Leuchtturm der Chausey-Inseln wurde am 15. Oktober 1847 eingeweiht. Bei Flut erhebt er sich 39 Meter über dem Meer. Über einer der schönsten Badebuchten der Grande Île wacht ein zweiter Signalturm. Er wurde 1867 auf dem Hügel Gros-Mont errichtet. Mit einer Höhe von 31 Metern bildet er den höchsten Punkt der Hauptinsel. Seit 1939 ist er nicht mehr in Betrieb.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Der Signalturm der Grande Île. Foto: Hilke Maunder

Auf dem Weg zum Leuchtturm kommt ihr an zwei weiteren Türmen vorbei. Die Tour Lambert und die Tour Baudry wurden Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, um die endlosen Streitereien zwischen Granville und Cancale zu beenden.

Autofrei und sehr idyllisch

Folgt vom hölzernen Anleger dem Fußweg hoch entlang der Kliffkante. Richtige Straßen oder gar Autos gibt es hier nicht. Trecker und Tiere transportieren an Land Gepäck und Waren, bewegt wird sich zu Fuß, notfalls per Rad, am liebsten per Boot.

Auf der Grande Île der Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder
Auf der Grande Île der Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder

Rund 50 Häuser, Naturstein oder weiß verputzt, mit steinernen Schindeln gedeckt, ragen zwischen großen Gärten, Bootsschuppen, Büschen oder blühenden Hecken auf. Hier gelber Ginster, dort Palmen und Feigenbäume. Fast schon mediterran wirken die Inseln dank des Golfstroms.

Das Erbe der Vorzeit

Das milde normannische Klima gefiel bereits den Vorzeitmenschen. Auch sie hinterließen auf dem Archipel ihre Spuren. Bei archäologischen Ausgrabungen auf den Chausey-Inseln wurden Werkzeuge aus Feuerstein aus dem Mesolithikum gefunden. Sie belegen, dass Menschen seit mindestens 10 000 Jahren dort ansässig waren. Auf den Chausey-Inseln befinden sich auch mehrere Grabhügel.

Zu den bekanntesten vorgeschichtlichen Begräbnisstätten gehören die Dolmen Maison des Morts und Pierre du Sacrifice, auch Dolmen de la Chapelle genannt, auf der Grand Île. Bei der kleinen Insel La Genêtaie sind vier Steinkisten ( coffres ) erhalten.

Eine Mini-Ausgabe von Stonehenge ist der Cromlech de l’ Œillet, einem Steinkreis im Gezeitenareal nördlich der Grand Île.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Grande Île. Foto: Hilke Maunder

Schlummern in der Schule

Die alte Schule und das einstige Pfarrhaus wurden von der Kommune in Ferienwohnungen umgewandelt. Für die 1850 erbaute Feldsteinkapelle schuf Yves Durand de Saint-Front schöne Fenster. Yves ist der Sohn des Marinemalers und Seefahrers Paul Marin Durand Couppel de Saint-Front.

Von allen nur Marin Marie genannt, war die Grande Île der Îles Chausey für ihn der Heimathafen. Er zog dort in ein Haus, das er unterhalb der Kapelle kaufte. Sehenswert in dem kleinen Gotteshaus sind auch Altar aus der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. sowie zwei Segelschiffmodelle.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Die Küste der Grande Île. Foto: Hilke Maunder

Die Inseln waren Jahrhunderte lang ein strategisch wichtiger Ort. Daher ließ Napoléon III im Jahr 1866 das ursprünglich von Vauban erbaute Fort ausbauen und verstärken. Während des Ersten Weltkrieges diente es als Gefangenenlager für 300 Deutsche und Österreicher. Im Zweiten Weltkrieg zog eine Garnison der Wehrmacht ins Fort. 

Îles Chausey, Grande île: Erinnerung an kriegerische Zeiten. Foto: Hilke Maunder
Erinnerung an kriegerische Zeiten: eine Fassade des Château Renault. Foto: Hilke Maunder

Heute wohnen hier Fischer. Drei Familien gehört das Inselreich – den Durand aus Saint-Front, den Fortin und den Gélin. Vor fast 100 Jahren haben sie die Société Civile Immobilière zur Verwaltung der Inseln gegründet.

Heute wacht die SCI auch darüber, dass die wachsenden Besucherströme keine größeren Schäden hinterlassen, an Land wie im Inselmeer. Jeden Morgen fahren die Hummerfischer dorthin hinaus, begleitet von Delfinen, die ganz dicht an ihre Boote kommen.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Grande Île. Foto: Hilke Maunder

Das Schloss von Renault

Ganz verliebt in die Inseln war auch Louis Renault.  Der Industrielle entdeckte den Archipel im Sommer 1920 bei einem Segeltörn von Granville aus an Bord seiner Yacht Chryseis. Die Idee zu diesem Törn hatte seine Frau gehabt, die als Kind die Ferien in Dinard verbracht hatte und die Chausey-Insel dabei kennen und lieben gelernt hatte.

Auch bei Renault war es Liebe auf den ersten Blick. Er kaufte die an der Westküste der Grande Île 1559 erbaute Festung von Matignon, ließ sie ein Jahr lang von 200 Arbeitern mit großem Aufwand restaurieren und stattete sie mit fließend Wasser, Strom und Swimmingpool aus. Für seine Jacht ließ er unterhalb des Semaphors ein Bootshaus errichten.

Louis Renault liebte seine neue „Villa“. Bis 1939 zog er sich jeden Sommer dorthin zurück. Während des Zweiten Weltkriegs kehrte er zweimal, 1942 und 1943, auf die Insel zurück.

Um seine Reise in seinem Renault-Wagen von Paris nach Granville sicher zu gestalten, ließ er entlang der Strecke eine Reihe von Garagen bauen, so auch in Villedieu-les-Poêles. Von Granville setzte er im Schiff über. Dort starten auch heute die Ausflugsschiffe und Fähren.

Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Île der Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder

Îles Chausey: meine Reisetipps

Shopping

La Boutique

Bäckerei, Konditorei, Lebensmittelladen, Metzgerei, Grillrestaurant, Strandboutique mit Anglerzubehör, Geschenke, Souvenirs, Postkarten, Zeitungen und Zeitschriften – es gibt fast nichts, was der einzige Laden der Insel nicht führt. Und auf Wunsch zur Unterkunft liefert.
•  Tel. 02 33 50 24 01, Mail info@boutiquedechausey.com

Erleben & unternehmen

Badespaß

Von den sechs Stränden mit feinem, weißem Sand sind drei zum Baden geöffnet. Mit Badespaß am feinen Sandstrand lockt Port Marie. Wahrzeichen der Plage de la Grande Grève sind ihre bizarren Granitformationen.

Wer seine Fantasie spielen lässt, entdeckt vielleicht auch den Rocher de l‘ Éléphant, der einem Elefanten ähnelt. Wenig weiter recken sich ein paar Steine, die an Mönche erinnern, in den hohen Himmel. Rocher des Moines nannten die Einheimischen diesen Felsen. An der Ancienne Anse, der einstigen Hafenbucht an der Nordküste der Grande Île der Îles Chausey, befand sich früher eine Seenotrettungsstation. Sie ist heute eine Ruine. Bei Ebbe sind auch einige Schiffswracks zu sehen

Die Inseln sind zudem ein Paradies für alle, die gerne Vögel beobachten – von April bis Juni bitte nicht beim Nisten stören! Bei der Überfahrt von Granville zu den Îles Chausey lassen sich zudem mit etwas Glück Delfine entdecken!

Die Bisquine La Cancalaise vor den Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder
Die Bisquine La Cancalaise vor den Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder

Schlafen & schlemmen

Hôtel du Fort et des Îles

Seit mehr als 130 Jahren heißen die Nachfahren von Hotelgründer Lucien Ernouf ihre Gäste in acht gemütlichen Zimmern willkommen und verwöhnen sie mit bester Küche, aufmerksamem Service – und himmlischer Ruhe. Leider nur von April bis September.
• Îles Chausey, 50400 Granville, Tel. 02 33 50 25 02, www.hotel-chausey.com

Ferienwohnungen

Die Stadt Granville hat das ehemalige Pfarrhaus und die einstige Schule in zwei einfache, aber grundsolide kommunale Unterkünfte verwandelt, die das ganze Jahr hindurch gemietet werden können – von April bis September nur wochenweise, von Oktober bis März auch für Kurzaufenthalte. Die Ferienwohnungen sind groß genug für vier bis sieben Personen.
• Tel. 02 33 91 30 03, Mail: office-tourisme@ville-granville.fr

Noch mehr Betten*

Cuisine Corsaire: Die Bisquine La Cancalaise vor den Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder
Die Bisquine La Cancalaise vor den Îles Chausey. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Manche vereint diese Kategorie. Sämtliche Artikel zur Normandie sind hier zu finden.

Im Buch

Glücksorte in der Normandie*

Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Barbara Kettl-Römer stelle ich sie euch in diesem Taschenbuch vor.

Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird. Wer mag, bestellt unseren Führer zu 80 Glücksorten in der Normandie hier*.

Normandie: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Hilke Maunder_Normandie_Abseits

Die Netflix-Serie „Lupin“ hat die Normandie zu einem touristischen Hotspot gemacht. Garantiert keine Massen trefft ihr bei meinen 50 Tipps. Sie sind allesamt insolite, wie die Franzosen sagen – ursprünglich, authentisch und wunderschön.

Die Landpartie durch die andere Normandie beginnt im steten Auf und Ab der Vélomaritime, führt zu den Leinenfeldern der Vallée du Dun, zu zottigen Bisons und tief hinein ins Bauernland des Pays de Bray, Heimat des ältesten Käses der Normandie.

Im Tal der Seine schmücken Irisblüten auf hellem Reet die Giebel alter chaumières, und Störche brüten im Marais Vernier. Von den Höhen vom Perche geht es hin zur Normannischen Schweiz und bis zur Mündung des Couesnan an der Grenze zur Bretagne. Hier* könnt ihr den handlichen Führer bestellen.

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Îles Chausey, Grande Île. Foto: Hilke Maunder
Stille Bucht auf der Grande Île. Foto: Hilke Maunder

2 Kommentare

  1. Guten Abend Hilke
    Haben schon einige deiner Post gelesen👍🏻
    Planen Sommer-Velo-Zeltferien im Norden Frankreich. Kann man auf Isles Chausey Zelten? Eventuell freicampen?
    Möchten etwa fünf Tage auf der Insel bleiben. Wie logieren?
    Sind zu dritt (Kind 10jährig).
    Danke für Feedback🙏🏻🙏🏻
    Gute Zeit, Rebekka, Olivier & Ramon

    1. Hallo Olivier, freicampen bzw. wildcampen ist untersagt auf den Îles Chausey wie so im gesamten Land fast überall verboten und wird recht teuer bei Zuwiderhandlung. Die nächsten offiziellen Campingplätze befinden sich in Granville. Falls ihr Segler seid, dürft ihr natürlich dort auf eurem Boot schlafen.

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