Postkarte aus … Langogne
Langogne am Oberlauf des Allier: Hier startet die Cévennenbahn, machte Stevenson Halt auf seiner Flucht vor schwerem Liebeskummer – und kam auch ich in aller Herrgotsfrühe an.
Es war auf einer jener Pendeltouren quer durch Frankreich von Hamburg nach Perpignan. Bei allen diesen Fahrten habe ich es mir zur Maxime gemacht, nur im Notfall in Frankreich die Autobahn und die gleiche Route zu nehmen. Zwei Tage Landstraße bis zur Grenze. Und immer eine Nacht im Nirgendwo.
So ging es diesmal auf dem Weg vom Süden in den Norden mitten durch die Cevennen und das Massif central. Dort tauchten im Dunkel der Nacht die Lichter von Langogne auf.
Langsam begann die Morgendämmerung. Und doch herrschte Trubel. Es wurde gehämmert, entladen, aufgebaut.
Fast alle der rund 2800 Einwohner des alten Marktfleckens am Kreuzpunkt der drei Departements Lozère, Ardèche und Haute-Loire schienen zu dieser frühen Stunde auf den Beinen zu sein. Denn es war Marktzeit.
Das Café du Midi war hell erleuchtet. Ununterbrochen floss der Kaffee in kleine Tassen, deren Inhalt schnell in den Hals gekippt wurde. Die Schlagzeilen der Zeitung überflogen, wieder auf den Tresen geworfen. Hinaus ins Dunkel. Hin zur Markthalle.
Unter ihrem wuchtigen Schindeldach, das seit ihrem Baujahr 1743 auf 14 steinernen Rundsäulen thront, hatten Biobauen und kleine, grüne Erzeuger ihre Stände aufgebaut und verkauften Spinat und Bohnen, Eier und Vollkornbrot. Die anderen Händler hatten ihre Tische und Verkaufswagen rund um la circulade aufgestellt.
Dieser konzentrische Ring aus Häusern und fünf Tortürmen schützt – als Ersatz für eine Stadtmauer – das alte Herz der Stadt. Es birgt bis heute einen einzigen Bau: die Église Saint-Gervais. Ihre Wurzeln fußen in einer Kirche, die einem Grafenpaar im Traum erschienen war.
998 legten die Benediktiner Kirche und Kloster an. 1998 feierte Langogne seinen 1000. Geburtstag mit einem großen Stadtfest.
Mitten in diesem Gewühl der Stände und Wagen findet ihr auch viele Schlachter. Gemeinsam haben sie am 7. April 2000 neun Tonnen Schweinefleisch in den Darm gepresst und eine eindrucksvolle Mammut-Wurst hergestellt. 23.160 Meter maß sie genau: Weltrekord!
Riesig war auch ein Wesen, das hier angeblich herumgewandert ist: Gargantua. Mit seinen großen Beinen soll der Held von Rabelais die Region von Naussac bis Cham de Bondons, über Marvejols, Recoules-d’Aubrac und die Causse Méjean durchquert haben.
Seit 1884 feiert Langogne seinen wandernden Riesen. Wer ihm gleichtun möchte, kann von Langogne aus gleich zwei bekannten Weitwanderwegen folgen. Die Kleinstadt auf 915 m Höhe ist kein Start- oder Endpunkt, sondern liegt mittenmang an diesen beiden Weitwanderrouten.
Unweit der lebhaften Markthalle schlägt das industrielle Herz von Langogne. In einem der ältesten erhaltenen Wollspinnereien Frankreichs, die im 19. Jahrhundert in eine ehemalige Wassermühle zog, stellt das Musée de la Filature des Calquières die einst blühenden Wollindustrie dieser Region vor. Hier ticken und rattern die Zahnräder noch immer im gleichen Rhythmus wie vor 150 Jahren.
Die mehrere Etagen umfassende Ausstellung führt euch durch alle Stadien der Wollverarbeitung – vom rohen Vlies bis zum fertigen Garn. Der Star der Sammlung ist eine echte Mule Jenny von 1850. Diese seltene Spinnmaschine, ein technisches Juwel aus der Industrialisierung, läuft hier noch immer und spinnt feine Wollfäden wie zu ihrer Blütezeit.
Die Filature des Calquières war eine von mehreren Spinnereien, die die Wolle der regionalen Schafe verarbeiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstummten die meisten Spinnereien, verdrängt von Baumwolle und synthetischen Fasern. Dass dieses Handwerk nicht völlig verloren ging, ist einer leidenschaftlichen lokalen Vereinigung zu verdanken, die 1994 das Museum ins Leben rief.
An manchen Tagen herrscht hier reger Betrieb: Schulklassen filzen bunte Wolle, während im Nebensaal Besucher das Weben erlernen. Die interaktiven Führungen machen das Museum zu einem lebendigen Ort des Austauschs und Lernens. Im Museumsshop findet ihr handgefertigte Wollprodukte aus eigener kleiner Produktion – warme Schals, kunstvolle Filzarbeiten und handgesponnene Wollstränge in den Farben der Cevennen: perfekte Souvenirs!
GR 70: Chemin Stevenson
Zwölf Tage lang marschierte der Autor der „Schatzinsel“ durch das Zentralmassiv und durch die herbe Landschaft der Margeride. Dann folgte er dem Pilgerweg Voie Régordane. So erreichte er schließlich in Saint-Jean-du-Gard die „Cevennen der Cevennen“.
Seinen Spuren könnt ihr heute auf dem Stevenson-Weg folgen. Zum Gepäcktransport auf der Grande Randonnée GR 70, wie der 252 Kilometer lange Chemin Stevenson offiziell heißt, könnt ihr Esel mieten.
Der GR 700 Chemin de Régordane
Die Voie Régordane ist ein alter Handelsweg. Seit dem Mittelalter verbindet er Le Puy-en-Velay mit Saint-Gilles im Gard. Dabei durchquert er das Pays Vellave, den Gévaudan, die Cevennen, das Pays Nîmois und die Camargue.
Später lösten Pilger und Wanderer die Händler ab. Der Chemin de Régordane wandelte sich zur Grande Randonnée GR 700, die von Puy-en-Velay bis Saint-Gilles rot-weiß markiert ist.
In der Nähe
Der Lac de Naussac
Eigentlich ist der Stausee, der nahezu an die Stadt grenzt, ein Kühlwasserspeicher für die Kraftwerke an der Loire. Doch für alle, die in Langogne leben oder Urlaub machen, ist der See eine riesige, acht Kilometer lange Spielwiese für alle Arten von Wassersport, zum Baden und Wandern. Achtung: Auf einigen seiner Strände lagern gerne auch die Kühe!

Langogne: meine Reisetipps
Schlemmen und genießen
Le Bistro du Lac
Einfach sympathisch: dieses Ausflugslokal mit Blick aufs Wasser zur Pizza oder Salat oder nur einem Getränk.
• 191, Lac de Naussac, maison de la pêche, 48300 Langogne
Hier könnt ihr schlafen*

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Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*
Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt. Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte.
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