Leseliste Frankreich: Im Original

Für alle, die gerne Bücher im Original lesen, habe ich hier meine liebsten coupe de cœur zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen bonne lecture !

Catherine Briat_Le Divan RougeCatherine Briat: Le Divan Rouge*

2,20 m lang, samtig weich und rot wie ein Lolli, entdeckt sie ihn kurz vor Geschäftsschluss in einem Möbelgeschäft: le divan rouge. Ein rotes Sofa.

Mit einfachen, ruhigen Worten erzählt Catherine Briat ihre Geschichte. Eine Frau verlässt ihren Mann. Bei null fängt sie an, das Leben für sich und ihre beiden Kinder neu zu gestalten. Und kauft aus einem Impuls heraus das rote Sofa. Als erstes Möbelstück im Salon der neuen Wohnung ist es Symbol für den Neuanfang, Zentrum des neuen Familienlebens, Rückzugsort und Heimat.

Catherine Briat, die früher für großen Medienunternehmen wie RTL und Radio France arbeitete und heute als Staatsrätin die Kulturpolitik Frankreichs in Deutschland steuert, hat mit Le Divan Rouge eine Erzählung verfasst, die mich berührt und gefesselt hat. Denn – ihr mögt es glauben oder nicht – was war das erste Möbel, das ich für meine Herzensheimat in Saint-Paul-de-Fenouillet gekauft hatte? Ein rotes Sofa!

Ihr traut euch nicht, im Original das Buch zu lesen? Nur zu! Catherine Briat wählt so einfache, und gleichzeitig berührende Worte, dass auch Anfänger im Französischlesen ihr Buch gut verstehen werden! Und auch ihre Sätze sind nicht ellenlange, verschachtelte Bandwürmer, sondern klar strukturiert und kurz. Ein echtes Lesevergnügen auch für Anfänger!

Wer mag, kann den Band hierdirekt online bei Amazon bestellen. Mehr über die Liebe der Franzosen zum Schreiben und zur Literatur erfahrt ihr hier.

L’AJAR: Vivre près des tilleuls*

Ein literarischer Sensationsfund: Ende 2013 entdeckt der Archivar Vincent König ein unveröffentlichtes Manuskript der Schweizer Autorin Esther Montandon, die in den 1950er und 60er-Jahren durch ihre Romane Piano dans le noir und Bras de fer von sich reden machte.

In Vivre près des tilleuls – der Titel wurde posthum vom Herausgeber festgelegt – beschreibt die Autorin in 63 knappen, fragmentartigen Episoden den Unfalltod ihrer einzigen Tochter Louise und versucht, ihre unermessliche Trauer in Worte zu fassen.

Die kristallklare, schnörkellose Sprache, die den Leser sofort in den Bann zieht, stößt dabei oft an die Grenze des Sagbaren. Folglich finden sich in dem Manuskript vermehrt editorische Verweise auf durchgestrichene Wörter und auf fehlende oder zerrissene Seiten.

Lässt dieses Vorgehen Vivre près des tilleuls besonders authentisch wirken … oder ist gerade das Gegenteil der Fall? Was, wenn hinter Esther Montandon keine 1923 geborene berühmte Autorin steckt, sondern ein vordergründig als Herausgeber fungierendes 18-köpfiges Autorenkollektiv?

In ihrem Debütroman setzt L’AJAR (Association de jeunes auteur-e-s romand-e-s) die Tradition der literarischen Fälschung und Mystifikation auf virtuose Weise fort und beleuchtet die Frage nach der Verbindung zwischen Literatur und Wirklichkeit, Original und Kopie und der Möglichkeit von Authentizität. Ein kurzer Text voller Überraschungen, der auf eine Fortsetzung der schriftstellerischen Karriere Esther Montandons hoffen lässt. Hier* gibt es das Werk online im Original – und in jeder guten Buchhandlung.

Natacha Appanah, Tropique de la ViolenceNatacha Appanah, Tropique de la violence*

« Je me suis demandé ce qu’il aurait pu faire ce gamin-là pour briser ses chaînes, pour contourner son chemin commencé par la violence, l’ignorance et le dégoût. Je me suis demandé, si en réalité, il n’était pas foutu d’avancer, ce garçon-là, et avec lui, tous les garçons et les filles nés comme lui, au mauvais endroit, au mauvais moment.»  S. 172

Natacha Appanah will mit ihrer Erzählung der Welt zeigen, was auf der französischen Überseeinsel Mayotte geschieht, oder genauer in einem Ghetto namens Gaza, in dem eine Gruppe Jugendlicher lebt. Die Autorin verleiht fünf fiktiven Charakteren eine Stimme – Bruce, Moïse, Marie, Olivier und Stéphane.

Fünf Stimmen, fünf Geschichten, fünf Schicksale, die sich kreuzen, die mit der Gewalt der Insel, ihrer eigenen Gewalt, und der Gewalt der anderen konfrontiert werden. Mit einer Gewalt, die ganz allmählich ihr Leben infiltriert, die allgegenwärtig wird, Sprache und Alltag.

„In einer wunderbaren und poetischen Sprache hat die Autorin einen einfühlsamen, ergreifenden und aufwühlenden Roman geschrieben. Tropique de la violence ist ein großartiges Buch, das einem mitunter den Atem stocken lässt. Hier* gibt es den Roman.

Joel Dicker, Heribert QuebertJoël Dicker: La Vérité sur l’affaire Harry Quebert*

Dieser Roman nimmt euch mit in die Vereinigten Staaten, wo eine spannende Untersuchung anhängig ist. Es ist ein gutes Buch, um in Gedanken dem Alltag zu entfliehen, sich auf das Spiel einzulassen und ganz und gar in den Lesegenuss einzutauchen, meint Lucie.

Denn genau das schafft der 2012 erschienene Roman von Joël Dicker. Dem Auto gelingt es, die Spannung durch den gesamten Roman aufrecht zu halten, ohne dass der Leser jemals an der Auflösung des Falles zweifelt oder sich während der Lektüre langweilt.

„Dieses Buch ist das ideale Geschenk für alle Leseratten; andere versöhnt es wieder mit der Literatur. Die Sprache ist recht einfach, und die Handlung lässt euch als Leser rasch die vielen Seiten vergessen. Ein Buch, das euch außer Atem bringen wird und die Zeit vergessen lässt!“

Für seinen Roman erhielt der frankofone Schweizer aus Genf neben dem Prix Goncourt des Lycéens weitere Literaturpreise. Bereits ein Jahr nach Erscheinen wurde der Roman 2013 von Carina von Enzenberg ins Deutsche übersetzt und mit dem Titel Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert* vom Piper Verlag veröffentlicht.

Michele Kahn, Clandestine VoyageMichèle Kahn, La clandestine du voyage de Bougainville*

Das Werk erzählt die faszinierende Geschichte einer realen Frau des 18. Jahrhunderts, Jeanne Barret (1740 – 1807). Sie nannte sich Jean Baret und verkleidete sich einst als Mann, um an der Expedition des Comte Louis-Antoine de Bougainville teilnehmen zu können.

Am 1. Februar 1767 verließ sie an Bord des königlichen Seglers L’Étoile den Hafen von Rochefort im Département Charente-Maritime. Die Weltreise zur See erlaubte es Jeanne, dank ihres neuen Aussehens, fremde Gebiete, Völker, Pflanzen und Tiere kennenzulernen.

Der Bericht verbindet nicht nur Reisen und Abenteuer, sondern zeichnet auch das Porträt einer engagierten Frau, die, mutig und neugierig, aus Liebe alle Risiken auf sich nimmt. Denn an Bord war auch der Mann, den sie liebt: Philibert Commerson. Geschickt fädelte das verkleidete Landmädchen ihre Stellung an Bord ein: Sie wurde Diener des renommierten Botanikers.

Die Weltreise von Jeanne Barret hat schon vor Michèle Kahn die Dichter inspiriert. Bereits 1982 griff Fanny Deschamps (1920 – 2000) in ihrem Bestseller La Bougainvillée* in zwei Bänden das Sujet auf. 2009 folgte Jean-Jacques Antier (*1928) mit La prisonnière des mers du sud*.

Olivier Bordeaut, En attendant BojanglesOlivier Bourdeaut, En attendant Bojangles*

Entzückt schaut der Sohn zu, wie seine Eltern zu „Mr. Bojangles“ von Nina Simone tanzen. Das Leben dieser Familie ist eine ewige Feier, in dem es nur Platz für Fantasie, Freude und Freunde gibt. Die extravagante und wunderliche Mutter führt den Tanz und stürzt die ganze Familie in einen Wirbel aus Liebe, Poesie und Wahnsinn.

Bis zu dem Tag, an dem sie zu weit geht und in der Psychiatrie landet. Vater und Sohn werden nun alles tun, um sie zu beschützen, das Schlimmste zu verhindern und dafür zu sorgen, dass die Party immer weiter geht.

Olivier Bourdeaut hat hier einen fabelhaften ersten Roman geschrieben. Die poesievolle Schrift erinnert uns an die Werke von Boris Vian. Die Charaktere und die Geschichte lassen sich als Andeutung auf das Ehepaar Scott und Zelda Fitzgerald und ihren exzentrischen Lebensstil sehen. Allerdings entwickelt Olivier Bourdeaut in diesem Roman seinen eigenen Stil, humorvoll und leichtfüßig, aber auch melancholisch und traurig, um uns eine zauberhafte Liebesgeschichte über l’amour fou zu erzählen.

Auch dieses Werk gibt es inzwischen auf Deutsch. Norma Cassau hatte Warten auf Bojangles* für den Piper Verlag übersetzt, wo der Roman im Frühjahr 2017 erschienen ist.

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank wieder einmal für die tolle Leseliste und auch für alle anderen Beiträge. Ich bin begeisterte Leserin dieses informativen Newsletters und unterstütze diese gute Arbeit auch gerne ab und zu mit einem kleinen Beitrag. Das ist es auf jedenfall wert.

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