Die Orgel der Pfarrkirche von Lisle-sur-Tarn. Foto: Hilke Maunder
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Himmlische Orgel-Klänge

Okzitanien ist Frankreichs Orgelviertel. Mehr als 500 Orgeln aller Arten und Stilrichtungen gibt es dort – ein landesweiter Rekord. Viele dieser Orgeln tragen die Handschrift von zwei großen Orgel-Dynastien: Puget, eine französische Orgelbauerfamilie aus Toulouse, und Cavaillé-Coll. Besonders der 1811 in Gaillac geborene Aristide Cavaillé-Coll war ein Meister seines Fachs.

Die Cavaillé-Coll-Orgel der Église Saint-Jacques von Bergerac. Foto: Hilke Maunder
Die Cavaillé-Coll-Orgel der Église Saint-Jacques von Bergerac. Foto: Hilke Maunder

Er gilt als Schöpfer der sogenannten symphonischen Orgel. Berühmte Orgelkomponisten wie César Franck, Widor, Vierne und Messiaen ließen sich vom Klangreichtum seiner Instrumente inspirieren.

Die katholische Gemeinde von St. Bernhard in Mainz-Bretzenheim besitzt Deutschlands einzige Cavaillé-Coll-Orgel. In Frankreich findet ihr seine Orgeln in der Basilika Saint-Denis bei Paris ebenso wie in der Église Saint-Jacques von Bergerac. Allein für die Kirchen in Toulouse schuf er 20 Orgeln, darunter auch die große Orgel für die Basilika Saint-Sernin.

Orgelhochburg Toulouse

Die Westfassade der Basilika <em>Saint-Sernin</em>. Foto: Hilke Maunder
Die Westfassade der Basilika Saint-Sernin. Foto: Hilke Maunder

Toulouse besitzt eine der schönsten Orgelsammlungen Europas. Sie umfasst einzigartige historische Orgeln aus verschiedenen Stilen und Epochen. Diese Instrumente profitierten von einer Restaurierungspolitik, die in den 1970er-Jahren von der Stadt Toulouse unter der Leitung von Xavier Darasse eingeleitet wurde.

Neue, schön gebaute Instrumente ergänzen die Sammlung. Dazu gehört auch die 1981 erbaute Orgel der einstigen Augustinerkirche (heute Museum), ein Werk des deutschen Orgelbauers Jürgen Ahrend. Insgesamt warten fast 30 Instrumente, darunter zehn Orgeln von außerordentlicher Qualität, die es allein im Stadtzentrum zu entdecken gibt!

Dieser Reichtum an Instrumenten ermöglicht es heute, alle Repertoires von alter bis zeitgenössischer Musik in Toulouse aufzuführen. Bei Konzert erklingt das italienische 17. Jahrhundert in der Chapelle Sainte-Anne.

Bach und nordische Barockmusik sind in der Museumskirche der Augustins zu hören. Couperin und französische Klassiker werden in der Église Saint-Pierre-des -Chartreux zu Gehör gebracht und das große symphonische Orgelrepertoire in der Dalbade, der Église du Taur oder in der Basilika Saint-Sernin.

Die <em>Grande Orgue</em> der Kirche <em>Notre Dame de Daurade</em> in Toulouse. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Orgue der Kirche Notre Dame de Daurade in Toulouse. Foto: Hilke Maunder

Der Grand Orgue de la Daurade ist die romantische Orgel von Toulouse. Er eignet sich perfekt für die Aufführung des gesamten Repertoires des 19. Jahrhunderts. Orgelbauer schwärmen von ihr als eine der schönsten Vertreterinnen der sogenannten Übergangsbauweise mit Registern aus der großen französischen Tradition des 18. Jahrhunderts. Der  Grand Orgue ist eine ruhige Orgel mit fließenden und geschliffenen Klängen, im Gegensatz zum Grand Orgue von Saint-Sernin.

Frankreichs Orgelbauer

In Frankreich gibt es rund 65 Orgelbauwerkstätten. Das Ausbildungszentrum für Orgelbau befindet sich im elsässischen Eschau (Bas-Rhin). Die Orgelbauer entwerfen, bauen, warten, stimmen, reparieren und restaurieren die Orgeln. Mit ihrer Arbeit bewahren sie ein einzigartiges Kulturerbe und entwickeln es mit modernen Technologien weiter, damit es auch in der Zukunft Bestand hat.

Themenroute & Festival

Den Spuren der Orgelbauer folgt La Route des Orgues von Toulouse nach Albi und weiter nach Auch und Montauban. Dort stattete Vincent Cavaillé-Coll, der Bruder von Aristide, den Chor der Cathédrale Notre-Dame de l’Assomption mit einer herrlichen Orgel aus.

Wie außerordentlich vielseitig Orgelmusik ist, zeigt sich alljährlich im Herbst beim Orgelfestival Les Orgues in Toulouse.

Orgelbau in Frankreich: Links

Orgelbauer (facteurs d’Orgues /  GPFO ): www.ameublement.com
Centre de Formation de la Facture d’Orgues www.cffo-eschau.fr
 L’Association Orgue en France www.orgue-en-france.org

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Schnitzkunst: die Kanzel, die nahtlos in die Orgel der Kathedrale von Saint-Bertrand-de-Comminges übergeht. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Die Orgelhochburg Toulouse lässt sich gut an einem Wochenende entdecken. Hier gibt es den Reiseplan.

Im Buch

Annette Meiser, Midi-Pyrénées*

Cover Annette Meiser, ,Midi PyreneesAnnette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren und bietet erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt.

Für mich ist es der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind – sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannten Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet: Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal. Wer mag, kann den Band hier* direkt online bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tippsabseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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4 Kommentare

  1. Liebe Hilke,

    wenn von Orgeln und Orgelbau in Frankreich die Rede ist, dann muss natürlich auch und vor allem das Elsass erwähnt werden.

    Nicht zufällig befindet sich ja wohl dort, in Eschau südlich von Straßburg, auch das von Dir erwähnte Centre de Formation de la Facture d’Orgues.

    Im Elsass gibt es nämlich etliche Silbermann-Orgeln, welche zwar nicht von dem berühmteren sächsischen Orgelbauer Gottfried Silbermann (1683 – 1753), sondern von dessen älterem Bruder Andreas Silbermann (1678 – 1734) oder wiederum dessen Sohn Johann-Andreas Silbermann (1712- 1783) stammen.

    Andreas Silbermann war auch in Sachsen geboren, ging aber mit 21 ins Elsass, und damals schon wurde er als Orgelbauer bezeichnet. Ab 1701 lebte er dann bis zu seinem Tod in Straßburg. Leider sind von den 35 Orgeln, die er im Elsass (incl. Basel) gebaut hat, nur noch wenige, nämlich ganze 7, erhalten.

    Diese befinden sich vor allem im Département Bas-Rhin: die berühmten Orgeln der Abteikirchen von Marmoutier, Haguenau, Ebersmunster und Altorf sowie die Orgel in Rosheim. Aber auch in Colmar (Haut-Rhin) existieren noch 2 Silbermann-Orgeln.

    Interessantes Detail am Rande:
    Man hat herausgefunden, wie unterschiedlich Andreas Silbermanns Instrumente je nach Bestimmungsort sind: In katholischen Kirchen sind sie auf Weichheit ausgerichtet, während sie in evangelischen Kirchen Stärke und Glanz suchen, ähnlich wie dies für Gottfried Silbermans Orgeln typisch ist. ¹
    (¹ aus Wikipedia)

    1. Lieber Hubert, ganz herzlichen Dank für Deine ausführlichen Erläuterungen zu den Silbermann-Orgeln. Jene muss ich mir im Elsass unbedingt einmal ansehen. Herzliche Grüße! Hilke

      1. Liebe Hilke.
        Ja, es lohnt sich tatsächlich.
        Vor allem in Marmoutier, wo unter dem Namen Point d´Orgue ein Atelier de l´Orgue existiert, in welchem man sehr viel über dieses höchst interessante Instrument dazu lernen kann, was nicht nur Leute wie mich, einen Aushilfs-Organisten, interessieren dürfte.

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