Pastel: das blaue Wunder 4


„Li pais a nom Coquaigne, qui plus i dort, plus i gagne“ – Im Lande namens Cocagne wird man im Schlafe reich“…

… sagt ein okzitanisches Sprichwort. Pays de Cocagne, Schlaraffenland, heißt das fruchtbare Dreieck zwischen Toulouse und Albi. Im 16. Jahrhundert wurden jährlich aus den Blättern des rund einen Meter hohen Färberwaids, der im Frühling das Lauragnais in ein gelbes Blütenmeer verwandelt, die begehrteste Farbe des Mittelalters gewonnen: Blau.

Die Naturfarbe des Südwestens

Bis zur Entdeckung des Indigo im Jahr 1560 gab es nur ein einziges Verfahren, um den begehrten Rohstoff aus der grünen Pflanze mit den gelben Blüten zu erhalten. Die langen, dicken Blätter des Kreuzblütlers wurden in Waidmühlen zermalmt und zu Kugeln, den „Schlaraffen“ oder „cocagne“, geformt. Im Waidspeicher wurden sie getrocknet, danach zu feinstem Pulver zerstoßen.

Den Anbau und Handel dominierten drei Familien – die Bernuy und Assézat in Toulouse und die Reynes in Albi. Zu Wohlstand mit Färberwaid kamen auch die Familien Boissonchevry, Delfau und Delpech. Bis heute zeugen ihre prachtvollen Renaissancepaläste vom einstigen Reichtum.

Pastel – für Food, Fashion & Wellness

Den Spuren kostbaren Blaus folgt die Route du Pastel, die auch das Château Magrin berührt – der einstige Stammsitz eines Pastelhändlers aus dem Tarn präsentiert heute als Museum die vielen Facetten der berühmten Pflanze. Mode in Pasteltönen gibt es bei Annette Hardouin, die bei Ateliers de Pastel und Journée de Teinture zwei Stunden oder einen Tag lang Kniffe, Tipps und Techniken zum Färben mit dem Naturmaterial verrät.

Kleidung, aber auch Kosmetik und Kunsthandwerk, kurzum alle Produkte mit Pigmenten der Blau-Pflanze, gibt es bei L‘Artisan Pastellier (5, rue Puech) in Albi. Lauter Kosmetika gibt es seit 2003 bei Carole Garcia und Nathalie Juin von Graine de Pastel, die ihre Produktreihe in zehnjähriger Zusammenarbeit mit der  Institut national polytechnique de Toulouse (INP) entwickelt hat.

Die Proteine der Färberpflanze sind ein hervorragender Anti-Aging-Schutz, sagt das Duo überzeugt – testen könnte ihr es auch im Spa des Hôtel Cours des Consuls, das nur mit Ölen, Packungen und anderen Pflegeprodukten von Graine de Pastel arbeitet.

Ein Paradies in Blau

Großes Potential für das mittelalterliche Färbermittel sieht auch Jean-Jacques Germain, der 2013 insgesamt 1,6 Millionen Euro in die Hand nahm, die Holding Terre de Pastel gründete – und in Toulouse-Labège einen Erlebniskomplex rund um die berühmte Pflanze errichtete: mit Museum, dem Spa „Bleu de Toulouse“, dem Restaurant Les Jardins du Pastel und eine Boutique, in die es sämtliche Produkte rund um die Färberpflanze gibt, und das auch online.

Keine Chemie!

Im Lavoir könnt ihr sogar eure Kleidung mit der Traditionspflanze ohne jeglichen Zusatz von Chemie färben lassen! Inzwischen hat Terre de Pastel, das auf mehreren Hektar im Lauragais Pastel anbaut, die Gewinnschwelle erreicht. Bei der Verarbeitung kooperiert Terre de Pastel mit der Coopérative Agricole de l’Ariège (CAPA).
Stellvertretenden Direktor von Terre de Pastel ist Sandrine Banessy, die seit fast 20 Jahren das Pastel erforscht, mehrere Bücher zum Thema verfasst und 2004 die Académie des Arts et des Sciences du Pastel gegründet hat.

Die Blaumacher des Gers

Die Renaissance des Pastels im Gers im Nordwesten von Toulouse begann mit dem Belgier Henri Lambert und seiner US-amerikanischen Frau Denise, die 1994 in der alten Gerberei von Pont de Pile Bleu de Lectoure gründet und gemeinsam mit der École Nationale de Chimie de Toulouse neue Verfahren der Verarbeitung und des Färbens entwickelte.

Stuhlhussen, Handtücher, Schale, Kleider und Kissen werden mit der Isatis tinctoria gefärbt. Und während der Präsentation erfahrt ihr ganz nebenbei, woher die Redewendung blaumachen kommt. Ihr ahnt es? Nach dem Färbevorgang musste der Stoff einst einen Tag lang in der Sonne trocken – Zeit für die Färber, blauzumachen.

Am 22. Februar 2010 ist der Vater des Bleu du Lectoure im Alter von 55 Jahren verstorben. Sein Lebenswerk führt nicht nur Denise weiter fort, sondern auch Thierry Patente, der bei den beiden das mittelalterliche Handwerk gelernt hat.

2010 gründete er TDCO, Carré Bleu de Pastel und verkauft seine Produkte in den Boutiquen von La Fleurée de Pastel in Revel, Grasse und Toulouse – und mehr als 22 Verkaufsstellen in Languedoc-Roussillon-Midi-Pyrénées.

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Languedoc – Roussillon)

„Dieser Bildatlas ist sehr sehenswert und ist wunderbar beschrieben“ schrieb Ingrid Beck im Januar 2017 als Kundenrezension auf Amazon über die vierte Auflage meines DuMont-Bildatlas „Frankreich Süd“, in den besonders viel Herzblut geflossen ist.

Ihr Kompliment hat mich riesig gefreut, behandelt er doch auf 118 Seiten in sechs Kapiteln meine Herzensheimat im Süden.Den Band gibt es zudem nicht nur gedruckt, sondern auch als e-Book für Kindle!

DUMONT REISEVERLAG, 4. Auflage (11. März 2016), ISBN: 978-3770194100, Buch: 9,95 €, Kindle: 7,99 €

Mein Reiseführer-Tipp

Auch wird in diesem Reiseführer ausführlich vorgestellt.

Annette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren und bietet erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt. Für mich der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind – sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannte Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet: Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal.

Annette Meiser, Midi-Pyrénées, Michael-Müller-Verlag 2015, ISBN 978-3-89953-750-5. Wer mag, kann den Band hier direkt online bestellen.


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