Der Lebenstraum des Patric Marquet

62 Jahre alt ist er mittlerweile. Hoch aufgeschossen, im karierten Holzfällerhemd, Strubbelhaar und Dreitagebart steht er vor mir: Patric Marquet. 1993 hatte der Belgier das Kulturhauptstadtjahr von Antwerpen gemanaged, zum Millennium eine neue Lebensaufgabe gesucht. Er fand sie in Saint-Paul-de-Fenouillet, der Hauptstadt des Fenouillèdes zwischen Mittelmeer und Pyrenäen.

Die Jugendstiltherme – eine Ruine

Hier saniert Patric, vom Herzen her Künstler, vom Beruf her Architekt und Restaurator, die alten Thermen. „Als ich die „anciens thèrmes“ 2001 erstmals sah, waren die Fenster zubetoniert. Das Dach fehlte. Das Hochwasser des Agly hatte das Gebäude durchfeuchtet. In allen Räumen stapelte sich mehr als einen Meter hoch der Schutt“, erzählt Patric beim Café in der Wohnstube, die nahtlos in den Essbereich und eine offene Küche übergeht.

Antiquitäten und Cool Contemporary erzeugen einen spannungsreichen Mix. „Werke von früher“, von Patric alleine oder mit seiner Lebenspartnerin Martine Blache gemalt, schmücken die Wände. Im Kamin lodern die Flammen. Gemütlich ist es hier.

Schwer vorzustellen, wie es vor einst ausgesehen hat. Und wie bezahlt er nur diese Mammutarbeiten? Waren seine Bilder so berühmt, so teuer? Oder steckt da altes Geld dahinter? Fragen, die ich nicht zu stellen wage…

Heilwasser zum Abnehmen und Abführen

„Komm, ich zeig Dir alles!“, unterbricht Patric meine Gedanken. Er steigt in die Gummistiefel. Auf einer Betontreppe geht es hinab. Drei Stockwerke mit Turm, das waren einst die alten Thermen von Saint-Paul-de-Fenouillet. Im Erdgeschoss befanden die Badeanlagen. Sie speiste das Thermalwasser der Eaux de la Fou, das bis heute aus drei Quellen am Eingang der Clue de la Fou sprudelt.

 

Am Rande der Straße wurde für ihr Wasser ein kleiner Brunnen gebaut, an dem bis heute Einheimische und Durchreisende ihre Flaschen auffüllen. „Reich an Magnesium, gut geeignet für den Kampf gegen Übergewicht, Harnwegprobleme und Verstopfung“, beschreibt die Banque de Données en Santé Publique (BDSP) die positiven Eigenschaften des Heilwassers.

Adlige Unterstützung

Im Juni 1907 hatte Auguste Billès das Thermalbad eröffnet. Finanzielle Unterstützung hatte er dabei von der Comtesse Léone Geneviève Yermeloff erhalten, die in Saint-Paul in Bahnhofsnähe die Villa de Bayres bezog. Das Kurbad barg damals neben dem Schwimmbecken elf Badebecken sowie einen Hamam.

Hydro- und Elektrotherapie standen ebenso auf dem Programm wie Fitness und Inhalation. Im Haupthaus gab es 20 Gästezimmer, in der Villa zwölf weitere Betten. Büros, Mitarbeiterwohnungen und eine große Küche barg damals die Moulin de la Fou.

Das Kurbad: Räume voller Historie

Das Schwimmbad ist ein Juwel des Jugendstils, original erhalten – und noch nicht saniert. So wie die restlichen Räume des Erdgeschosses, in denen Patric Holz für den Kamin stapelt, an neuen Werken arbeitet oder Werkzeug lagert. Der erste Stock ist nahezu fertig gestellt.

Hier betritt man über die große Terrasse entlang der gesamten Längsseite das Haus. „Früher war ein Teil der Terrasse ein Garten – ich werde ihn wieder neu anlegen.“ Richtung Tal geht die Terrasse in einen halboffenen Saal für bis zu 350 Personen über. „Ist das nicht perfekt für Veranstaltungen und Empfänge? Es gibt auch eine kleine Küche gleich nebenan und eine Speisekammer!“

Patrick geht den Gang hinunter und die schmale Treppe hinauf ins Turmzimmer. „Voilà – ma chambre des amis. Hier können meine Freunde sich zurück ziehen, wenn sie auf Besuch sind.“ Kuschelig ist die Kammer, klein, aber gemütlich – und mit weiten Ausblicken auf die Weingärten des Agly, die Kalkspitzen der Chaîne de Lesquerde und die Kleinstadt Saint-Paul-de-Fenouillet.

Der wilde Kurpark am Wasser

Im Erdgeschoss öffnet eine Tür, die einst größer und repräsentativer war, den Zugang zum Kurpark. Heute noch recht verwildert, erstreckt er sich über zwei Hektar am Ufer von zwei Flüssen: Agly und Boulzane – die alten Thermen wurden direkt am Zusammenfluss erbaut.

Ihr Wasser nutzt ein nahes, heute verfallenes E-Werk, das ebenso wie das integrierte Kino extra für die Thermen einst angelegt worden war. Schön, wie das Wasser über die Steine rauscht und sich die Bäume im Wasser spiegeln. Und von hier aus sieht die rückwärtige Fassade der Anciens Thèrmes richtig repräsentativ aus!

Besucher sind willkommen

Bei Veranstaltungen – Patric öffnet sein Anwesen unter anderem bei den jährlichen Journées Européennes du Patrimoine im September für Besucher – fungiert der hintere Teil des Parks als Parkplatz. „Ich habe Wege für die Besucher gefräst, aber das restliche Gelände naturbelassen. Im Sommer verwandelt es sich in eine herrlich blühende Wiese!“

Patrick schließt das Gatter am Osteingang auf und läuft durch Laub den Weg hinauf zum einzigen Gebäude, dass man von der Straße aus sehen kann. „Die Villa – sie gehört nicht mir, sondern einer alten Dame, die aber sehr, sehr selten hierher kommt. Daher darf ich sie nutzen, um bei Veranstaltungen meine Gäste hier einzuquartieren.“

Die Kurbad-Villa

Anders als das Kurbad, war die Villa durchgehend bewohnt. Sie birgt drei Wohnungen, nostalgisch-luxuriös eingerichtet. Jede von ihnen besitzt eine Terrasse. Besonders groß ist die oberste Terrasse – allerdings liegt sie gen Nordosten und hat nur morgens Sonne.

Im Erdgeschoss der Villa sind noch einige der alten Fresken erhalten. Wunderschön sind auch die mehr als hundert Jahre alte Kacheln, die Blumenornamente zeigen.

Die Kinder-Heilige

Auf dem Weg zurück kommen wir an einer kleinen Kapelle am Wegesrand vorbei. „Die Einheimischen glauben, dass die Heilige ihre Kinder beschützt. Als die Kappelle kaputt war und die Figur fehlte, ist immer etwas mit den Kindern passiert. Seitdem ich sie wieder instand gesetzt habe und eine neue Heilige hier wacht, ist kein Unglück mehr geschehen“, erzählt Patric.

Die Zukunft der Thermen

Ein Wunder. So wie die Restaurierung des Kulturerbes der Kommune. Jahrzehnte lang hatte die Gemeinde versucht, das Gebäude, dass zuletzt als Abdeckerei und Schlachthof (!!) gedient hatte, zu verkaufen. Vergeblich. Es verfiel und verfiel.

Doch jetzt hat Patric eine Vision. „Mein ‚Objet d’Art Monumental‘ soll ein Begegnungszentrum werden. Hier soll Kunst Menschen zusammenbringen, die sonst nicht miteinander reden, sich nicht kennen, sich nicht austauschen. Der Dialog mit der Kunst, der Austausch mit den Kreativen, kann Politik und Wirtschaft positiv befruchten und die Welt verändern.

Hier soll nicht nur diskutiert werden. Sondern alle, die hier waren, sollen etwas machen. Ihre Ideen umsetzen. Dinge anpacken. Und dieses Projekt verfolge ich, bis ich in die Kiste springe.“

Rückkehr im nächsten Frühjahr

im Mai 2017 habe ich Patric und Martine erneut getroffen – als Interviewpartnerin, Konzepterin und Moderatorin eines Dokumentarfilms über den Künstler, der im Sommer 2017 im belgischen Mechelen / Malin in einem Gebäude, das er selbst umgebaut hat, eine Galerie mit seinen Werken eröffnen will. Wie hatten sich die Thermen verändert. Und das, obgleich Patric ganz alleine am Bau arbeitet. Und wie üppig grünte und blühte es ringsum.

Und ich merkte: Die Thermen sind eine lebendige Skulptur, die immer wieder mit neuen Seiten, Anblicken und Einsichten überrascht. Und genau das will Patric auch mit seiner Kunst: zeigen, was sich hinter dem ersten Eindruck, dem flüchtigen Blick verbirgt. „Du musst wiederkommen!“, sagt er diesmal zum Abschied. Und ich bin gespannt, wie sich dann sein XXL-Gesamtkunstwerk verändert hat…

Weitergucken

Patric Marquet hat anlässlich seiner Galerieeröffnung im November 2017 in Mechelen diesen Low-Budget-Film produzieren lassen – von drei Freunden. Giorgio Menegoni führt darin Regie, Prof. Ralph Darbyshire stellt Patric aus seiner Sicht als Kunsthistoriker vor. Ich präsentiere ihn und sein Werk in seinem Atelier in den alten Thermen von Saint-Paul-de-Fenouillet. Viel Spaß!

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