Saint-Honorat: Göttliche Tropfen

Die Klosterweine von Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder
Die Klosterweine von Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Sie haben Cannes gegründet und leben seit 16 Jahrhunderten auf der Felseninsel: die Zisterziensermönche der Abbaye de Lérins von Saint-Honorat. Knapp 1,5 Kilometer lang und 600 Meter breit ist ihr Eiland, über das jetzt der Mistral fegt, Kiefern und Zypressen durchpeitscht.

Der kalte Nordwind wühlt das Mittelmeer so auf, dass die Gischt der meterhohen Wellen über das Dach der Fähre rauscht. Doch ob Sturm oder Schauer, Schnee oder Sommerhitze: Ihre Festlandsverbindung halten die Mönche das ganze Jahr hindurch zwischen Cannes und ihrer Insel aufrecht.

Die Fähre zur Île Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Zeitreise über das Meer

Nur 20 Minuten hat die Überfahrt gedauert. Und doch hat sich mich in eine andere Welt geführt. Auf eine Insel, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Einzig die ankernden Schiffe vor der Insel erinnern mich ans 21. Jahrhundert.

Weit weg vom Getümmel und dem Stress der Stadt herrscht hier, zwischen den Weinreben und den Mönchen in ihren altertümlichen Gewändern, eine ruhige Atmosphäre. Über allem schwebt Besinnlichkeit. Die beruhigen Wirkung der Insel… sie berührt auch euch, sobald ihr die Insel betretet.

Saint-Honorat: Diese Infotafel haben die Mönchen am Anleger aufgestellt. Foto: Hilke Maunder; copyright Tafel: Abbaye de Lérins.

Gleich neben dem Anleger haben die Mönche, die im Sommer den Besucherzustrom auf ihre Insel eindämmen, mit dem Aussichtsrestaurant La Tonnelle und der angegliederten Snackbar die beiden einzigen Verpflegungspunkte der Insel aufgebaut. Angelegt wurden sie so weit entfernt wie möglich vom Kloster.

Denn für die Mönche gilt Saint-Benoîts Credo aus dem Jahr 405 n. Christus: ora et labora – bete und arbeite. Dreieinhalb Stunden Gebet, eine Messe und sechs Gottesdienste bestimmen täglich den Lebensrhythmus der Zisterzienser.

Auch in den Rebgärten immer im Blick: die Abbaye de Lérins auf Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Göttliches in Rot und Weiß

Das tun sie vor allem im Potager, dem Küchengarten, in den Olivenhainen mit 225 Veteranen und in den Weingärten, die die Insel überziehen. Chardonnay, Clairette, Viognier, Syrah, Pinot Noir und Mourvèdre wachsen auf acht Hektar Rebfläche – fünf davon für Rotwein, drei für Weißwein.

Aus ihnen stellen die Mönche  sieben Cuvées her: drei Weiße und vier Rote. Die jährliche Gesamtproduktion variiert zwischen 30.000 und 35.000 Flaschen. Unterstützt werden die  22 Insel-Mönche von weltlichen Helfern vom Festland.

Ihre Tropfen sind wahrlich göttlich, sagen die Weinkritiker. Sie wählten den Jahrgang 2009 des Pinot Noir Saint-Salonius auf den 15. Platz der besten Weine Frankreichs. Diese brachte ihm die Ehre ein, bei offiziellen Essen des Élysée gereicht zu werden.

Die Weine der Zisterzienser von Saint-Honorat haben ihren Preis. Foto: Hilke Maunder

Weinberg der Barmherzigkeit

Im Jahre 2010 hat die Gemeinschaft den „Clos de la charité“ (Weinberg der Barmherzigkeit) eingeweiht, eine Parzelle mit 500 Rebstöcken, von denen die meisten durch Partnerschaften unterstützt werden und deren Ertrag um die 300 Flaschen erzeugt. Jedes Jahr am letzten Samstag im Oktober findet eine Versteigerung statt, deren Erlös karitativen Vereinen zugutekommt.

Das Gros des göttlichen Inselweines wird an der Côte d’Azur genossen. „Doch wir exportieren inzwischen auch nach Kanada und Japan“, erzählt mir Eric Martin stolz. Im Auftrag des Mönchsrates, der die Insel regiert, soll er die wirtschaftliche Entwicklung des Kloster vorantreiben.

Auf der Insel indes kann ich den Wein nicht probieren. Keine Mönchswein auf der Karte der Lokale, keine Verkostung im Klostershop. „Dazu sind unsere Weine zu teuer, ist unser Kontingent zu klein“, erklärt mir Eric. So kommen selbst die Mönche nicht in den Genuss ihres eigenen Rebensaftes. Zur Messe wird ein Roter aus dem Var ausgeschenkt…

Weinberg, Mittelmeer, Seealpen… paradiesische Perspektiven! Foto: Hilke Maunder

Himmlische Liköre & Öle

Günstiger sind die Liköre der Mönche. „Le Lérincello“ (25 %) entsteht auf Basis von Zitronen aus Menton. Der rosa-orangefarbene Likör „Mandarine“ birgt Noten von Marinen und anderen Zitrusfrüchten.

Die Kräuterliköre „Lérina Verte“ oder „Lérina Jaune (je 43 %) werden aus 44 Aromapflanzen komponiert. Der Lebensgeist „Marc de Lérins“ überrascht mit feinem Bittermandelgeschmack. Die Produktion der verschiedenen Liköre liegt bei ungefähr 9000 Flaschen.

Zutritt nur für Mönche: der Olivenhain von Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Aus den Früchten ihrer rund 120 Olivenbäume gewinnen die Mönche alljährlich rund 300 bis 400 Liter hochwertigen Olivenöl.

Auch die Lavendelsäckchen werden mit der kleinen, feinen Ernte der mönchische Lavendelreihen befüllt.

Oliven und Wein: die wirtschaftliche Grundlage der Zisterziensermönchen von Saint-Honorat seit dem 5. Jahrhundert. Foto: Hilke Maunder

Die Abtei von Lérins

Die Mönchsgemeinschaft, die im Jahre 410 vom Heiligen Honoratus (frz. Saint Honorat) gegründet wurde, verkörpert eine seit 16 Jahrhunderten anhaltende Tradition.

Die heutige Kongregation der Zisterzienser hat sich im Jahre 1869 nach einer kurzen Zeit der Säkularisation auf der Insel niedergelassen.

Die Abtei von Saint-Honorat mit den Seealpen am Horizont. Foto: Hilke Maunder

Obwohl sie seit ihrer Entstehung drei Mal wiederaufgebaut wurde, hat die Abtei einige Elemente aus dem 12. Jahrhundert bewahrt, wie den Kreuzgang und den Kapitelsaal.

Fie Abteikirche. Foto: Hilke Maunder

Die heutige Abteikirche wurde zwischen 1874 und 1878 im neuromanischen Stil erbaut. Sieben Kapellen vervollständigen diese Klosteranlage und bilden, auf der Außenlinie der Insel verteilt, einen wichtigen Pilgerrundgang.

Die Erlöserkapelle (Saint-Sauveur) sowie die Dreifalitigkeitskapelle (La Trinité) sollen aus der Zeit der Karolinger (8. -10. Jahrhundert) stammen.

Jedoch haben neuere Ausgrabungen die Entstehung der Erlöserkapelle der ersten Zeit der Mönchsgemeinschaft, das heißt dem 5. – 6. Jahrhundert, zugeordnet, was die durchgehende Nutzung von fast 150 Jahren bestätigt.

Wunderschön: die geschützte Passage zur Abteikirche. Foto: Hilke Maunder

Die befestigte Klosteranlage

Sie wurde im Jahre 1073 von Aldebert, Abt von Lérins, an der südlichen Uferspitze erbaut, um die Mönche vor den sarazenischen Piraten zu schützen.

Hohe Mauern schützen das Lérins-Kloster auf Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Vom 15. Jahrhundert bis ins Jahr 1788 lebten die Geistlichen dort dauerhaft und erlitten zahlreiche Angriffe. Das vier Meter vom Boden entfernte Tor erreichte man früher über eine Leiter, die nun durch eine Steintreppe ersetzt ist.

Im ersten Stock befindet sich der „Kreuzgang der Arbeit“ mit Spitzbögen und Gewölben aus dem 14. und 17. Jahrhundert.

Der Donjon von Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Der „Kreuzgang des Gebets“ im zweiten Stock aus weißen Marmorsäulen verleiht Zugang zur Heilig-Kreuz-Kapelle (chapelle de la Sainte-Croix) mit ihrem Kreuzrippengewölbe, die wegen ihrer vielen Reliquien auch „Allerheiligen“ genannt wird.

Eine beeindruckende Ruine: der Donjon von Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Von der oberen Plattform des alten Donjons, der mit Schießscharten und Pechnasen aus dem 15. Jahrhundert gespickt ist, könnt ihr über die Lérins-Inseln und die Küste, vom Esterel-Gebirge bis zum Cap d‘Antibes und der Alpenkette blicken: toll!

Blick aufs Mittelmeer mit dem Donjon von Saint-Honorat. Foto. Hilke Maunder

Im 19. Jahrhundert übernahm Viollet-le-Duc die Renovierung und fügte einen Turm hinzu. Die Klosteranlage ist eines der ersten Gebäude in Frankreich, das 1840 durch Prosper Mérimée unter Denkmalschutz gestellt wurde – als einziges im Département Alpes-Maritimes.

Blick vom Donjon der Klosterinsel Saint-Honorat gen Osten. Foto: Hilke Maunder

Der Kanonenkugel-Ofen

An den Endpunkten im Osten und Westen der Insel befinden sich zwei Öfen zum Erhitzen von Kanonenkugeln, welche im Jahre 1794 unter Anordnung von Napeleon Bonaparte gebaut wurden.

Wie jene auf Sainte-Marguerite ermöglichten auch sie es, Kanonenkugeln auf bis zu 1000 Grad zu erhitzen. Seit 1908 stehen diese sehr gut erhaltenen Öfen unter Denkmalschutz.

Die Lavendelfelder der Abtei auf Saint-Honorat. Foto: Hilke Maunder

Saint-Honorat: meine Reise-Infos

Hinkommen

Planaria

Abfahrt in Cannes vom Quai Laubeuf am Alten Hafen (Vieux-Port).

• Tel. 04 92 98 71 38,  www.cannes-ilesdelerins.com

Schlafen

Auszeit in der Abtei

Als Pilger oder Besucher könnt ihr eine spirituelle Ruhepause auf der Insel machen – mindestens zwei Tage, maximal eine Woche. Ihr schlaft in gemütlichen Einzel- oder Doppelzimmer, nehmt am Klosterleben teilt, helft mit bei Aufgaben wie Geschirr spülen, Tisch decken, das Zimmer und, wenn nötig, beim Saubermachen der gemeinsamen Bereiche. Die Mahlzeiten werden im Speisesaal schweigend eingenommen. Aufenthalt (Übernachtung + Verpflegung) auf Anfrage.
• Tel. 04 92 99 54 00, www.abbayedelerins.com

Schlemmen

La Tonnelle

• Tel. 04 92 99 54 08, www.tonnelle-abbayedelerins.fr, Betriebsferien von November bis Mitte Dezember

Entdecken

Auf dem Insel-Rundweg kommt ihr zu den schönsten Ecken der Inseln. Auf der Insel gibt es Picknickplätze, einen Brunnen, Toiletten und eine öffentliche Dusche.

Event

An Christi Himmelfahrt pilgern die Nachfahren der alten Familien aus Cannes nach Saint-Honorat, um den Treueeid ihrer Vorfahren fortbestehen zu lassen. Nach der großen Messe, die von den Mönchen der Abteikirche von Lérins gesungen wird, führt ihre Prozession zur Musik von Einhandflöte und Tamburi zur St.-Peters-Kapelle (chapelle Saint-Pierre).

Dort überreichen sie symbolisch ihre Opfergaben, allesamt lokale Produkte, an ihren Lehnsherrn, den Gebietsherrn von Cannes, den Prinzen des Heiligen Grabes und den Abt der Abtei von Lérins.

Zum Weiterlesen

Reisebegleiter für die Küste
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Der Baedeker smart hat sich neu erfunden. Zu den ersten Bänden, die im Relaunch 2019 erschienen sind, gehört der Baedeker smart Côte d’Azur*. Mit den maßgeschneiderten Tagestouren, meinen Insidertipps und vielen selbst getestete Adressen könnt ihr die Côte d’Azur ganz entspannt genießen.

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Blick vom Donjon der Klosterinsel Saint-Honorat zum Esterel-Gebirge. Foto: Hilke Maunder

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2 Kommentare

  1. Ich durfte bei einem frankophilen Weinhändler in Fuerstenfeldbruck den Weißwein Cuvee 2014 verkosten. Das Beste, dass ich je aus der Provence genießen durfte. Geschichte, Flair und der Umgang mit dem Juwel vor Cannes haben mich jetzt schon verzaubert, ohne vor Ort gewesen zu sein. Ich werde das allerdings schnell aendern. Danke fuer den wunderbaren Bericht. Peter

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