Senlis: filmreife Zeitreise

Berühmtes Wahrzeichen von Senlis: die Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Berühmtes Wahrzeichen von Senlis: die Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Es ist das Hollywood der Picardie, eine Open-Air-Studio internationaler Filmemacher: Senlis. Die Stadt an der Oise, nur einen Steinwurf von der Autobahn A1 entfernt, ist so intakt geblieben wie kaum ein Ort im Norden Frankreichs.

Die malerische Rue aux Flageards versteckt sich im Schatten der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Die malerische Rue aux Flageards versteckt sich im Schatten der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Hinter der doppelten Stadtmauer aus gallo-römischer Zeit und Mittelalter säumen Fachwerk- und Feldsteinhäuser kleine gepflasterte Straßen. Viele von ihnen umgeben kleine Gärten.

Der Jardin du Roy von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Der Jardin du Roy von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Im Innern bergen die meisten dieser Häuser  noch gotische Keller. Wie dieses Idyll erhalten bleiben konnte? Es gab keine Bahnlinie, keine Munitionsfabriken bei Senlis. Und so blieb auch der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs aus.

Von 8 bis 13 Uhr gibt Dienstag und Freitag das ganze Jahr hindurch auf dem Markt von Senlis die besten Erzeugnisse der Region. Foto: Hilke Maunder
Von 8 bis 13 Uhr gibt Dienstag und Freitag das ganze Jahr hindurch auf dem Markt von Senlis die besten Erzeugnisse der Region. Foto: Hilke Maunder

Kinoreife Kulisse

Werbefilmer und Kinoregisseure begeistert die Kulisse. Vente Privée und viele internationale Labels drehten hier Imagefilme. Mehrmals jährlich dient das alte Herz von Senlis als Kulisse für Fernsehfilme und Serien. Im Frühjahr 2019 dreht Lenny Kravitz einen Musikclip in den Gassen von Senlis.

Markt in Senlis. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Auf der Webseite des Office de Tourisme findet ihr eine regelmäßig aktualisierte Übersicht über alle Filmproduktionen – Kino, Werbung, Musikclips, Fernsehen. Klickt mal hier! Welche Filme wo und wann von wem in ganz Frankreich gedreht wurden, verrät die umfangreiche Datenbank von Film France. Hier könnt ihr sie aufrufen!

Dienstag und Freitag ist Marktzeit in Senlis! Foto: Hilke Maunder
Dienstag und Freitag ist Marktzeit in Senlis! Foto: Hilke Maunder

150 Kinofilme

Doch besonders stolz ist das Städtchen auf die 150 Kinofilme, die dort gedreht wurden. Viele große Namen haben ihre Kameras dort aufgestellt: Louis Malle, James Ivory, Claude Miller… und auch Coluche und Marc Monnet 1977 für Vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine.

Jacques Demy drehte in Senlis Szenen für Peau d’âne mit Catherine Deneuve. Philippe de Broca filmte dort Cartouche mit Jean-Paul Belmond. Louis de Funès stand für L’Avare in Senlis vor der Kamera.

Senlis. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

1966 nahmen Michèle Mercier und Robert Hossein die Hinrichtungs-Szene von Angélique et le Roy in Senlis auf. Als Kulisse diente (statt Suresnes) der Vorplatz der Kathedrale von Senlis.

Für Le mari de la coiffeuse (Der Mann der Friseuse) von Patrice Leconte wurde 1990 eine Bäckerei in einen Friseursalon umgewandelt.

1994 drehte Patrice Chéreau seinen auswändigen Historienfilm La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) mit Isabelle Adjani und Daniel Auteuil in Senlis.

In den letzten Jahren entstanden in Senlis große Filme wie Frantz von François Ozon, Trepallium des Belgiers Vincent Lannoo, Molière von Laurent Tirard oder Turf von Fabien Onteniente.

Hier gibt es kreatives Kunsthandwerk aus Senlis. Foto: Hilke Maunder
Hier gibt es kreatives Kunsthandwerk aus Senlis. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr Filme…

• Cartouche (1961) mit Jean-Paul Belmondo mit Claudia Cardinal
• Angélique et le Roy (1965) mit Michèle Mercier und Jean Rochefort
• Le Roi de cœur » (1966) mit Michel Serrault und Jean-Claude Brialy
• Peau d’âne » (1970) mit  Catherine Deneuve, Jean Marais und Jacques Perrin
• L’aile ou la cuisse » (1976) mit Louis de Funés und Coluche
• L’Avare » (1980) mit Louis de Funés und Michel Galabru
• Papy fait de la Résistance » (1983) mit Christian Clavier, Michel Blanc…
• La reine Margot » (1994)mit Isabelle Adjani und Daniel Auteuil
• Le Comte de Montécristo » (1997) mit Gérard Depardieu
• Arsène Lupin » (2003) mit Kristin Scott-Thomas
• L’autre Dumas » (2010) mit Gérard Depardieu undt Benoît Poelvoorde

Seit 2002 werden in Senlis auch die Folgen der beliebten Fernsehserie Sœur-Thérèse von  TF1 mit Dominique Lavanant und Martin Lamotte im Kloster der einstigen Abtei St-Vincent dreht. Ebenfalls fürs Fernsehen entstand der Fernsehfilm Crainquebille (2010) von France 2 in Senlis als Beiträg für die  Serie Au siècle de Maupassant, contes et nouvelles du XIXe siècle.

Hotspot der Szenegänger von Senlis: Le Bleu. Foto: Hilke Maunder
Hotspot der Szenegänger von Senlis: Le Bleu. Foto: Hilke Maunder

Entdeckt Séraphine de Senlis

Beim Spaziergang auf den Spuren der cineastischen Bestseller aus Senlis kommt ihr in der Rue du Puits-Tiphaine auch an einem unscheinbaren Wohnhaus vorbei. Dort hat ab 1906 Séraphine Louis (1864-1942) gelebt.

Die kauzige 48-Jährige aus Arsy (Oise) war als Putzfrau tätig. In ihrer Freizeit maltr sie ab 1908 im Schein des Kerzenlichts Bilder. Ihre Farben fand sie bei Spaziergängen: Schlamm aus dem Flussbett, Lehm vom Feld. Nach ersten Gouachen verzierte sie mit Ripolin Objekte und Möbel. 

1912 zieht der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde von Paris nach Senlis, um sich vom Lärm der Großstadt zu erholen. Als Haushaltshilfe nimmt er Séraphine, entdeckt ihr künstlerisches Talent und ermutigt sie. Dank seiner finanzieller Unterstützung stellt sie 1927 mit sehr großem Erfolg drei riesige Bilder auf Leinwand aus.

Hier lebte und arbeitete einst Séraphine de Senlis. Foto: Hilke Maunder
Hier lebte und arbeitete einst Séraphine de Senlis. Foto: Hilke Maunder

Uhde unterstützt sie, öffnet ihr Tür und Tor in der Kunstszene, finanziert ihr zunehmend verschwenderisches Leben – bis die Wirtschaftskrise in den USA diesem Lebensstil abrupt ein Ende setzt.

Séraphine reagiert darauf mit Realitätsverlust. 1934 rufen Nachbarn die Polizei und lassen Séraphine in die psychiatrische Klinik von Clermont (Oise) einweisen, wo sie 1942 verstarb.

2008 hat Martin Provost mit Séraphine* dieser ungewöhnlichen Frau und neben Henric Rousseau bedeutendsten Vertreterin der naiven Malerei in Frankreich ein beeindruckendes, filmisches Denkmal gesetzt.

Mit der Belgierin Yolande Moreau und Ulrich Tukur  in den Hauptrollen, in der Ausstattung schlicht und zurückhaltend, ohne Effekte, aber viel Atmo, lässt der Film viel Freiraum für eigene Assoziationen und Begegnungen mit der Malerin. Sieben Césars gab es für dieses Meisterwerk.

Einen Plan mit allen Drehorten des Films könnt ihr hier als PDF herunterladen.

Senlis. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der erste König von Frankreich

Senlis hat nicht nur dem cineastischen Schaffen seinen Stempel aufgedrückt. Sondern auch der Geschichte. Nach dem Unfalltod von Ludwig V. und dem Aussterben der Karolinger wurde im Jahr 987 auf der Burg von Senlis Hugo Capet zum ersten König von Frankreich gewählt.

Geweiht und gekrönt wurde er noch im selben Jahr in Noyon. Das Château Royal de Senlis ist heute eine Ruine – und eingebettet in einen Park, den die Stadt 1956 anlegen ließ.

Die Turmreste am Eingang sind vermutlich die letzten Reste eines rechteckigen Bergfrieds. Das Hauptgebäude des Schlosses lehnt sich an die antike Stadtmauer an. Das Erdgeschoss barg einst die Arbeits- und Diensträume.

Der erste Stock war dem König und seinem Gefolge vorbehalten. Die königliche Kapelle, die dem Heiligen Denis gewidmet ist, hatte ursprünglich zwei Erker und eine halbkreisförmige Apsis und war im Westen über eine Galerie direkt mit der königlichen Residenz verbunden.

Novum in der Kunst

Die Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Aus dem Dächergewirr seiner kreisrunden Altstadt ragt die gotische Kathedrale Notre-Dame hervor. Ihr Westportal von 1170 birgt eine kleine Sensation.  Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte zeigt es nicht, wie bis dahin üblich, das Jüngste Gericht.

Sondern erstmals eine Marienkrönung. Kunsthistoriker und Theologen sehen darin einen Beleg für die Vermenschlichung des Göttlichen. Links zeigt der Türsturz die „Grablegung Mariae“, rechts die „Leibliche Erhebung Mariae durch Engel“.

Beide zeigen Maria nicht schematisch, wie eine Maske, eine überhöhte Figur, sondern geradezu lebendig und menschlich beseelt. Das Portal von Senlis wurde mit dieser Haltung zum Vorbild einer neuen Plastik und Katalysator des Marienkults.

Kinoreife Kulisse: die Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Kinoreife Kulisse: die Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Senlis: meine Reisetipps

Schlemmen

Le Gril des Barbares

Den „Barbarengrill“ findet ihr in einem urigen Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert. Auf der Karte:  Fleisch – von Foie Gras bis zum Filet de Bœuf.
• 19, Rue du Châtel, 60300 Senlis, Tel. 03 44 53 12 00, www.facebook.com

Le Scaramouche

Im gemütlichen Bistro Gourmand von Céline und Jean Bataille mit kleiner Terrasse und Blick auf die Kathedrale gibt es als Entree u.a. Auberginen-Kaviar, im Hauptgang Maispoularde – und zum Abschluss Käse der Region.
• 4, Place Notre Dame, 60300 Senlis, Tel.  03 44 53 01 26, https://le-scaramouche.fr

Restaurant Julianon

Richard und Sophie Baïma eröffneten 2007 in einem kleinen Haus aus dem 17. Jahrhundert ihr modernes Bistro und begeistern seitdem ihre Gäste mit frischer picardischer Lokalküche.
• 5, Place Gérard de Nerval, 60300 Senlis, Tel.  03 44 32 12 05, www.le-julianon.fr

Hostellerie de la Porte-Bellon

Die einstige Posthalterei ist seit vier Generationen eine Institution. Die Zimmer im stilvollen, alten Haupthaus wurden 2014 renoviert. Die gehobene gutbürgerliche Küche ist tief in den Traditionen der Picardie verwurzelt, die große Weinkarte sehr gut sortiert.
• 49, Rue Bellon, 60300 Senlis, Tel. 03 44 53 03 05, www.portebellon.fr

Schlafen

Booking.com

Senlis – das alte Herz. Foto: Hilke Maunder
Senlis – das alte Herz. Foto: Hilke Maunder

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Ein Wasserspeier der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Ein Wasserspeier der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Weiterreisen

In der Nähe

Parc Asterix

Asterix, Obelix und seine Freunde sind seit 1989 Themen dieses beliebten Freizeitparks mit 36 Fahrgeschäften direkt an der A1.

Château de Chantilly

Von der ursprünglichen Schlossanlage ist nur das Petit Château erhalten – doch dieses Juwel der Renaissance ist grandios. Das Grand Château wurde im Stil der Neorenaissance wieder aufgebaut. Beide zusammen bergen das Musée Condé. Seine Gemäldesammlung gilt als die wichtigste nach dem Louvre für die Kunst des 15. bis 19. Jahrhunderts.

Weiterlesen

Im Buch

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem umfassend aktualisiert und erweitert.

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10 Kommentare

  1. Hallo! Sehr interessant diese Infos über Senlis. Wir haben 16 Jahre im Departement Val-d’Oise gewohnt und waren öfter mal in Senlis unterwegs, aber diese kulturellen Fakten kannten wir nicht. Danke auch für die andern, immer sehr speziellen Insider-Artikel. Liebe Grüsse aus der Schweiz, Irène und Martin

    • Oh, danke für die virtuellen Blumen! Dann hoffe ich, dass Sie noch viele Anregungen für Entdeckungen und Erlebnisse auch weiterhin finden. Viele Grüße in die Schweiz! Hilke

  2. Hallo Hilke,
    das hört sich ja toll an! Das ist bestimmt einen Zwischenstopp wert auf der nächsten Reise Richtung Paris, möglichst auch mit Besuch des Wochenmarktes…
    Nehmen wir uns fest vor! Danke für den Tipp 🙂
    Liebe Grüße
    Alice

    • Hallo Alice, es war die Entdeckung schlechthin. Da bin ich drei Dekaden nichtsahnend dran vorbei gerast. Könnt‘ mich ärgern. Oder freuen, dass ich jetzt dort war. Und bestimmt nicht zum letzten Mal! Bises! Hilke

      • Hallo Heike!
        Genau so ist es mir auch gegangen: mehr als 30 Jahre über die Autobahn vorbeigerannt. Und das, obwohl Senlis unsere Partnerstadt ist! Unverzeihlich! Aber vor einem Jahr hatte ich das Glück, im Rahmen eines Besuchs nach Senlis mitzufahren und kann nur bestätigen, was in dem Artikel steht. Ich war bestimmt nicht das letzte Mal dort, vor allen Dingen haben mich jetzt die Drehorte neugierig gemacht, nicht zuletzt als (mehr als) langjähriger „Belmondfan“ 😉
        Bin erst vor Kurzem auf „Mein Frankreich“ gestoßen und bin begeistert von den interessanten Artikeln, die ich gerade peu à peu durchstöbere.

      • Lieber Werner,
        ganz herzlichen Dank für Deine Anregung: Drehort Senlis – das muss ich gleich mal recherchieren!
        Viele Grüße!
        Hilke

  3. Hallo Hilke,
    super dieser Bericht! Den wunderbaren Film Séraphine hatte ich gesehen.
    Ich bin immer begeistert von Deinen Berichten.
    Liebe Grüße,
    Christel Endlich

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