Senlis: die filmreife Königsstadt
Es ist das Hollywood der Picardie, ein Open-Air-Studio internationaler Filmemacher: Senlis. Die Stadt an der Oise, nur einen Steinwurf von der Autobahn A1 entfernt, ist so intakt geblieben wie kaum ein Ort im Norden Frankreichs. 40 Hektar groß ist das Stadtgebiet, das unter Denkmalschutz steht!
Stadt der Silvanekter
Der Name Senlis geht auf den keltischen Stamm der Silvanekter (lat. Silvanectes, auch Sulbanectes) zurück, der hier einst an der Oise lebte. Die Stadt selbst entstand jedoch wahrscheinlich erst als römische Gründung im 1. Jahrhundert n. Chr. unter dem Namen Augustomagus (Markt des Augustus) und entwickelte sich zum Verwaltungszentrum der civitas der Silvanekter
Während der römischen Herrschaft bewahrten die Silvanekter ihre eigene Kultur und Identität. Sie sprachen weiterhin ihre eigene Sprache und praktizierten ihre eigenen Religionen. Die Silvanekter wurden im Laufe der Zeit romanisiert, aber ihre keltische Herkunft ist noch immer in den Namen von Orten und Flüssen in der Region zu erkennen.
Das römische Augustomagus
Im dritten Jahrhundert errichteten die Römer zum Schutz von Senlis, das in der Antike Augustomagus hieß, eine vier Meter dicke Stadtmauer mit 30 Türmen auf 800 Metern Länge, die noch zum Großteil erhalten – und u.a. im Jardin du Roy bewundert werden kann. Außerhalb dieser Mauer hat Senlis noch seine gallorömische Arena bewahrt, eine Rarität in der Region Hauts-de-France!
Félix Vernois war es, der im Jahr 1865 die im 6. Jahrhundert aufgegebene Anlage wiederentdeckte. Bei den Journées du Patrimoine im September könnt ihr sie besichtigen – und von April bis Oktober jeden ersten Sonntag im Monat auf Führungen des Office de Tourisme.
In der Regierungszeit von Philipp II. August erhielt Senlis eine zweite Stadtmauer mit Türmen, Toren und Ausfallpforten. Im Einklang mit der Weiterentwicklung der Waffen wurde die Mauer ständig erweitert und verändert und erhielt beispielsweise unter Franz I. Bastionen und vorspringende Sporne. An der Rue de la Poterne könnt ihr sie besteigen und auf den remparts spazieren!
Juwel des Mittelalters
Im Schutz des doppelten Mauerschutzes hat Senlis das Flair von Mittelalter und Renaissance. Fachwerk- und Feldsteinhäuser mit kleinen Gärten säumen die kopfsteingepflasterten Gassen. Im Innern bergen die meisten dieser Häuser noch gotische Keller. Wie dieses Idyll erhalten bleiben konnte? Es gab keine Bahnlinie, keine Munitionsfabriken bei Senlis. Und so blieb auch der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs aus.
Kinoreife Kulisse
Werbefilmer und Kinoregisseure begeistert die Kulisse. Vente Privée und viele internationale Labels drehten hier Imagefilme. Mehrmals jährlich dient das alte Herz von Senlis als Kulisse für Fernsehfilme und Serien. Im Frühjahr 2019 dreht Lenny Kravitz einen Musikclip in den Gassen von Senlis.
Auf der Webseite des Office de Tourisme findet ihr eine regelmäßig aktualisierte Übersicht über alle Filmproduktionen – Kino, Werbung, Musikclips, Fernsehen. Klickt mal hier!

Mehr als 150 Kinofilme
Doch besonders stolz ist das Städtchen auf die mehr als 150 Kinofilme, die dort gedreht wurden. Viele große Namen haben ihre Kameras dort aufgestellt: Louis Malle, James Ivory, Claude Miller und viele andere berühmte Namen. 1961 drehte Philippe de Broca Cartouche* mit Jean-Paul Belmondo sowie Le Roi de cœur (1966) mit Michel Serrault und Jean-Claude Brialy hier. Im selben Jahr entstand hier auch die Hinrichtungs-Szene von Angélique et le Roy * mit Michèle Mercier und Jean Rochefort. Als Kulisse diente – statt Suresnes – der Vorplatz der Kathedrale von Senlis.
1977 folgten Coluche und Marc Monnet mit Vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine*. Mit Papy fait de la Résistance (1983) mit Christian Clavier und Michel Blanc hielt auch eine Besatzer-Satire Einzug in den alten Gassen. Louis de Funès und Michel Galabru standen 1979/80 für L’Avare* in Senlis vor der Kamera. Für Le mari de la coiffeuse* (Der Mann der Friseuse) von Patrice Leconte wurde 1990 eine Bäckerei in einen Friseursalon umgewandelt.
Mantel & Degen, Komödien und Charakterstudien
1994 drehte Patrice Chéreau seinen aufwändigen Historienfilm La Reine Margot* (Die Bartholomäusnacht) mit Isabelle Adjani und Daniel Auteuil in Senlis. Gérard Depardieu schlüpfte hier gleich zweimal in historische Rollen: für den TV-Mehrteiler Le Comte de Monte-Cristo (1998) sowie an der Seite von Benoît Poelvoorde in L’autre Dumas (2010). Verfilmungen wie Arsène Lupin (2004) mit Kristin Scott Thomas, Molière (2007) von Laurent Tirard, Turf (2011) von Fabien Onteniente und Frantz* (2016) von François Ozon folgten.
Auch für die Mantel-und-Degen-Filme Les Trois Mousquetaires (2023) mit François Civil, Vincent Cassel, Romain Duris und Eva Green lieferte Senlis die historische Kulisse, u. a. an der Place Saint-Pierre. Gleich nach dem Kinostart der Musketiere wurden auch Teile des Abtenteuerfilms Le Comte de Monte-Cristo* mit Pierre Niney in Senlis gedreht.
TV-Serien aus Senlis
Seit 2002 werden in Senlis auch die Folgen der beliebten Fernsehserie Sœur-Thérèse von TF1 mit Dominique Lavanant und Martin Lamotte im Kloster der einst königlichen Abtei Saint-Vincent gedreht. 1066 von Anna von Kiew gegründet, diente die Abtei als Militärhospital, Kaserne, Spinnerei und Erziehungsheim, ehe sie sich zum privaten Gymnasium wandelte. Ebenfalls fürs Fernsehen entstand der Fernsehfilm Crainquebille (2010) von France 2 in Senlis als Beitrag für die Serie Au siècle de Maupassant, contes et nouvelles du XIXe siècle.
Dass Senlis auch bei Serien gut funktioniert, bewies der Belgier Vincent Lannoo für ARTE mit der dystopischen Miniserie Trepalium. Ebenfalls in Senlis entstanden bekannte Serien wie die Apple-TV+-Produktion Carême über den berühmten Koch Antonin Carême, die historische Miniserie La Rebelle von France-2 über die junge George Sand sowie Le Rouge et le Noir, eine 2025 unter anderem in Senlis gedrehte Neuverfilmung von Stendhals Roman. 2026 diente Senlis außerdem als Drehort für die Miniserie Rimbaud-Verlaine, une saison en enfer von France Télévision, die das Verhältnis der beiden Dichter Arthur Rimbaud und Paul Verlaine zum Thema hatte.
Entdeckt Séraphine de Senlis
Beim Spaziergang auf den Spuren der cineastischen Bestseller aus Senlis kommt ihr zu Beginn der Rue du Puits-Tiphaine auch an einem unscheinbaren Wohnhaus vorbei. Dort hat ab 1906 Séraphine Louis (1864-1942) gelebt.
Die kauzige Endvierzigerin aus Arsy (Oise) war dort als Putzfrau tätig. In ihrer Freizeit malte sie ab 1908 im Schein des Kerzenlichts Bilder. Ihre Farben fand sie bei Spaziergängen: Schlamm aus dem Flussbett, Lehm vom Feld. Nach ersten Gouachen verzierte sie mit Ripolin Objekte und Möbel.
1912 zog der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde von Paris nach Senlis, um sich vom Lärm der Großstadt zu erholen. Als Haushaltshilfe nahm er Séraphine, entdeckte ihr künstlerisches Talent und ermutigte sie. Dank seiner finanziellen Unterstützung stellte sie 1927 mit sehr großem Erfolg drei riesige Bilder auf Leinwand aus.
Uhde unterstützte sie, öffnete ihr Tür und Tor in der Kunstszene, finanzierte ihr zunehmend verschwenderisches Leben – bis die Wirtschaftskrise in den USA diesem Lebensstil abrupt ein Ende setzte. Séraphine reagierte darauf mit völligem Realitätsverlust. 1934 riefen Nachbarn die Polizei und ließen Séraphine in die psychiatrische Klinik von Clermont (Oise) einweisen, wo sie 1942 verstarb.
2008 hat Martin Provost mit Séraphine* dieser ungewöhnlichen Frau und neben HenricRousseau bedeutendsten Vertreterin der naiven Malerei in Frankreich ein beeindruckendes, filmisches Denkmal gesetzt. Mit der Belgierin Yolande Moreau und Ulrich Tukur in den Hauptrollen, in der Ausstattung schlicht und zurückhaltend, ohne Effekte, aber viel Atmo, lässt der Film viel Freiraum für eigene Assoziationen und Begegnungen mit der Malerin. Sieben Césars gab es für dieses Meisterwerk. Einen Plan mit allen Drehorten des Films könnt ihr hier als PDF herunterladen.
Der erste König von Frankreich
Senlis hat nicht nur dem cineastischen Schaffen seinen Stempel aufgedrückt. Sondern auch der Geschichte. Nach dem Unfalltod von Ludwig V. und dem Aussterben der Karolinger wurde im Jahr 987 auf der Burg von Senlis Hugo Capet zum ersten König von Frankreich gewählt.
Geweiht und gekrönt wurde er noch im selben Jahr in Noyon. Das Château Royal de Senlis ist heute eine Ruine – und eingebettet in einen Park, den die Stadt 1956 anlegen ließ.
Die Turmreste am Eingang sind vermutlich die letzten Reste eines rechteckigen Bergfrieds. Das Hauptgebäude des Schlosses lehnt sich an die antike Stadtmauer an. Das Erdgeschoss barg einst die Arbeits- und Diensträume.

Der erste Stock war dem König und seinem Gefolge vorbehalten. Die königliche Kapelle, die dem Heiligen Denis gewidmet ist, hatte ursprünglich zwei Erker und eine halbkreisförmige Apsis und war im Westen über eine Galerie direkt mit der königlichen Residenz verbunden. Bis zu Heinrich IV. logierten Frankreichs Monarchen im Schloss von Senlis.
Seine Ruinen sind heute eingebettet in eine grüne Oase, in denen im Frühjahr eine Magnolie üppig erblüht und das Musée de la Vénerie die Geschichte der Treibjagd dokumentiert. Ebenfalls dort erhalten ist das Priorat Saint-Maurice, das auf Wunsch von Ludwig IX. im Jahr 1262 erbaut wurde.
Novum in der Kunst
Nur wenige Schritte von dort entfernt, ragt aus dem Dächergewirr seiner kreisrunden Altstadt die gotische Kathedrale Notre-Dame hervor. Ihr Westportal von 1170 birgt eine kleine Sensation.
Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte zeigt es nicht, wie bis dahin üblich, das Jüngste Gericht. Sondern erstmals eine Marienkrönung. Kunsthistoriker und Theologen sehen darin einen Beleg für die Vermenschlichung des Göttlichen. Links zeigt der Türsturz die „Grablegung Mariae“, rechts die „Leibliche Erhebung Mariae durch Engel“.
Beide stellen Maria nicht schematisch vor, wie eine Maske, eine überhöhte Figur, sondern geradezu lebendig und menschlich beseelt. Das Portal von Senlis wurde mit dieser Haltung zum Vorbild einer neuen Plastik und zum Katalysator des Marienkults.
Im Mittelalter ließen sich auch zahlreiche religiöse Gemeinschaften wie die Klarissen und die Kapuziner nieder. Nahezu jede Gasse birgt ihre Zeugnisse. Bis heute ist Senlis eine Hochburg des Katholizismus. Und achtet bewusst darauf, sein zeitentrücktes Flair zu erhalten. Daher wurde Anfang 2024 allerorten gehämmert und rückgebaut. Sämtliche Geschäfte dürfen nur noch die traditionellen französischen Holzfassaden tragen – adieu Leuchtreklame und Plastikladenschilder!

Senlis: meine Reisetipps
Schlemmen
Le Gril des Barbares
Den „Barbarengrill“ findet ihr in einem urigen Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert. Auf der Karte: Fleisch – von Foie gras bis zum Filet de Bœuf.
• 19, rue du Châtel, 60300 Senlis, Tel. 03 44 53 12 00, www.facebook.com
Le Scaramouche
Im gemütlichen Bistro Gourmand von Céline und Jean Bataille mit kleiner Terrasse und Blick auf die Kathedrale gibt es als Entrée u.a. Auberginen-Kaviar, im Hauptgang Maispoularde – und zum Abschluss Käse der Region.
• 4, place Notre Dame, 60300 Senlis, Tel. 03 44 53 01 26, https://le-scaramouche.fr
Restaurant Julianon
Richard und Sophie Baïma eröffneten 2007 in einem kleinen Haus aus dem 17. Jahrhundert ihr modernes Bistro und begeistern seitdem ihre Gäste mit frischer picardischer Lokalküche.
• 5, place Gérard de Nerval, 60300 Senlis, Tel. 03 44 32 12 05, www.le-julianon.fr
Hostellerie de la Porte-Bellon
Die einstige Posthalterei ist seit vier Generationen eine Institution. Die Zimmer im stilvollen alten Haupthaus wurden 2014 renoviert. Die gehobene gutbürgerliche Küche ist tief in den Traditionen der Picardie verwurzelt, die große Weinkarte sehr gut sortiert.
• 49, rue Bellon, 60300 Senlis, Tel. 03 44 53 03 05, www.portebellon.fr
Schlafen
La Bohème
Eine schmale Holztreppe führt hinauf in den zweiten Stock eines Stadthauses an der Place Henri IV, die früher Place des Changes hieß und einst das Herz des Marktviertels bildete. Straßennamen wie rue aux fromages (Käsestraße) oder place aux veaux (Kälberplatz) künden davon.
2019 erwarben Caroline und Nicolas Rivaton die einstige Druckerei und richteten darin eine auberge d’aujourd’hui ein, einen Gasthof mit fünf Gästezimmer unter dem Dach und einem Restaurant im Erdgeschoss, das im stylisch-gemütlichen Ambiente moderne Bistronomie vereint.
• 9, place Henri IV, 60300 Senlis, Tel. 03 44 56 63 99, https://labohemesenlis.fr
Noch mehr Betten*
In der Nähe
Parc Astérix
Asterix, Obelix und seine Freunde sind seit 1989 Themen dieses beliebten Freizeitparks mit 36 Fahrgeschäften direkt an der A1.
Château de Chantilly
Von der ursprünglichen Schlossanlage ist nur das Petit Château erhalten – doch dieses Juwel der Renaissance ist grandios. Das Grand Château wurde im Stil der Neorenaissance wieder aufgebaut. Beide zusammen bergen das Musée Condé. Seine Gemäldesammlung gilt als die wichtigste nach dem Louvre für die Kunst des 15. bis 19. Jahrhunderts.
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Jean Anouilh, Le rendez-vous de Senlis*
Die wohlhabende Familie Laroque lebt in einer Villa in Senlis. Die Familie steht kurz vor dem Bankrott, da Georges, der Sohn des Hauses, sein Leben mit teuren Vergnügungen und Affären verschwendet.
Um Georges zur Vernunft zu bringen und die Familie zu retten, lädt seine Mutter, Florence, seine Jugendliebe, Isabelle, zu einem Treffen in Senlis ein. Isabelle ist mittlerweile verheiratet und hat Kinder, aber sie hegt immer noch Gefühle für Georges.
Das Wiedersehen der beiden entfacht alte Leidenschaften, und Georges verspricht Isabelle, sein Leben zu ändern und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Sind Liebe und Leidenschaft stark genug,um die Herausforderungen des Lebens zu überwinden? Welche Kraft haben Erinnerungen im Heute? Wie beeinflussen sie die Entscheidungen der Figuren. Welchen Wert und Platz haben Verantwortung, Pflicht und Selbstverwirklichung? Das Stück, das Jean Anouilh 1941 veröffentlichte, ist bis heute hochmodern. Hier* gibt es das Werk im Original.
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