Senlis: filmreife Zeitreise

Die malerische Rue aux Flageards versteckt sich im Schatten der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder
Die malerische Rue aux Flageards versteckt sich im Schatten der Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder

Es ist das Hollywood der Picardie, eine Open-Air-Studio internationaler Filmemacher: Senlis. Die Stadt an der Oise, nur einen Steinwurf von der Autobahn A1 entfernt, ist so intakt geblieben wie kaum ein Ort im Norden Frankreichs.

Hinter der doppelten Stadtmauer aus gallo-römischer Zeit und Mittelalter säumen Fachwerk- und Feldsteinhäuser kleine gepflasterte Straßen. Viele von ihnen umgeben kleine Gärten. Im Innern bergen die meisten dieser Häuser  noch gotische Keller. Wie dieses Idyll erhalten bleiben konnte? Es gab keine Bahnlinie, keine Munitionsfabriken bei Senlis. Und so blieb auch der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs aus.

Werbefilmer und Kinoregisseure begeistert die Kulisse. Vente Privée und viele internationale Labels drehten hier Imagefilme. Mehrmals jährlich dient das alte Herz von Senlis als Kulisse für Fernsehfilme und Serien. Stolz führt das Office de Tourisme auch solche Produktionen in seiner Liste auf, die ihr beim Office de Tourisme hier als Download findet.

Lasst euch durch die Gassen von Senlis einfach treiben! Foto: Hilke Maunder

150 Kinofilme

Doch besonders stolz ist das Städtchen auf die 150 Kinofilme, die dort gedreht wurden. Viele große Namen haben ihre Kameras dort aufgestellt: Louis Malle, James Ivory, Claude Miller… und auch Coluche und Marc Monnet 1977 für „Vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine“.

Jacques Demy drehte in Senlis Szenen für „Peau d’âne“ mit Catherine Deneuve, Philippe de Broca filmte dort „Cartouche“ mit Jean-Paul Belmond. Louis de Funès stand für „L’Avare“ in Senlis vor der Kamera. 1966 filmten Michèle Mercier und Robert Hossein die Hinrichtungs-Szene von „Angélique et le Roy“ in Senlis – als Kulisse diente (statt Suresnes) der Vorplatz der Kathedrale von Senlis.

Senlis – das alte Herz. Foto: Hilke Maunder

Für „Le mari de la coiffeuse“ (Der Mann der Friseuse) von Patrice Leconte wurde 1990 eine Bäckerei in einen Friseursalon umgewandelt. 1994 drehte Patrice Chéreau seinen auswändigen Historienfilm „La Reine Margot“ (Die Bartholomäusnacht) mit Isabelle Adjani und Daniel Auteuil in Senlis.

In den letzten Jahren entstanden in Senlis große Filme wie“Frantz“ von François Ozon, „Trepallium“ des Belgiers Vincent Lannoo, „Molière“ von Laurent Tirard oder „Turf“ von Fabien Onteniente.

Hier lebte und arbeitete einst Séraphine de Senlis. Foto: Hilke Maunder

Entdeckt Séraphine de Senlis

Beim Spaziergang auf den Spuren der cineastischen Bestseller aus Senlis kommt ihr in der Rue du Puits-Tiphaine auch an einem unscheinbaren Wohnhaus vorbei. Dort hat ab 1906 Séraphine Louis (1864-1942) gelebt. Die kauzige 48-Jährige aus Arsy (Oise) ist als Putzfrau und Haushälterin tätig. In ihrer Freizeit malt sie ab 1908 im Schein des Kerzenlichts  Bilder. Ihre Farben findet sie bei Spaziergängen: Schlamm aus dem Flussbett, Lehm vom Feld. Nach ersten Gouachen verziert sie mit Ripolin Objekte und Möbel. 

Der Jardin du Roy von Senlis. Foto: Hilke Maunder

1912 zieht der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde von Paris nach Senlis, um sich vom Lärm der Großstadt zu erholen. Als Haushaltshilfe nimmt er Séraphine, entdeckt ihr künstlerisches Talent und ermutigt sie. Dank seiner finanzieller Unterstützung stellt sie 1927 mit sehr großem Erfolg drei riesige Bilder auf Leinwand aus.

Uhde unterstützt sie, öffnet ihr Tür und Tor in der Kunstszene, finanziert ihr zunehmend verschwenderischen Leben – bis die Wirtschaftskrise in den USA diesem Lebensstil abrupt ein Ende setzt. Séraphine reagiert darauf mit Realitätsverlust. 1934 rufen Nachbarn die Polizei und lassen Séraphine in die psychiatrische Klinik von Clermont (Oise) einweisen, wo sie 1942 verstarb.

Dienstag und Freitag ist Marktzeit in Senlis! Foto: Hilke Maunder

2008 hat Martin Provost mit „Séraphine“ dieser ungewöhnlichen Frau und neben Henric Rousseau bedeutendsten Vertreterin der naiven Malerei in Frankreich ein beeindruckendes, filmisches Denkmal gesetzt.

Mit der Belgierin Yolande Moreau und Ulrich Tukur  in den Hauptrollen, in der Ausstattung schlicht und zurückhaltend, ohne Effekte, aber viel Athmo, lässt der Film viel Freiraum für eigene Assoziationen und Begegnungen mit der Malerin. Sieben Oscars gab es für dieses Meisterwerk.

Einen Plan mit allen Drehorten des Films könnt ihr hier als PDF herunterladen.

Tipp

Welche Filme wo und wann von wem gedreht wurden, verrät die umfangreiche Datenbank von Film France. Hier könnt ihr sie aufrufen!

Von 8 bis 13 Uhr gibt Dienstag und Freitag das ganze Jahr hindurch auf dem Markt von Senlis die besten Erzeugnisse der Region. Foto: Hilke Maunder
Hotspot der Szenegänger von Senlis: Le Bleu. Foto: Hilke Maunder
Hier gibt es kreatives Kunsthandwerk aus Senlis. Foto: Hilke Maunder
Berühmtes Wahrzeichen von Senlis: die Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Kinoreife Kulisse: die Kathedrale von Senlis. Foto: Hilke Maunder27
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10 Kommentare

  1. Hallo! Sehr interessant diese Infos über Senlis. Wir haben 16 Jahre im Departement Val-d’Oise gewohnt und waren öfter mal in Senlis unterwegs, aber diese kulturellen Fakten kannten wir nicht. Danke auch für die andern, immer sehr speziellen Insider-Artikel. Liebe Grüsse aus der Schweiz, Irène und Martin

    • Oh, danke für die virtuellen Blumen! Dann hoffe ich, dass Sie noch viele Anregungen für Entdeckungen und Erlebnisse auch weiterhin finden. Viele Grüße in die Schweiz! Hilke

  2. Hallo Hilke,
    das hört sich ja toll an! Das ist bestimmt einen Zwischenstopp wert auf der nächsten Reise Richtung Paris, möglichst auch mit Besuch des Wochenmarktes…
    Nehmen wir uns fest vor! Danke für den Tipp 🙂
    Liebe Grüße
    Alice

    • Hallo Alice, es war die Entdeckung schlechthin. Da bin ich drei Dekaden nichtsahnend dran vorbei gerast. Könnt‘ mich ärgern. Oder freuen, dass ich jetzt dort war. Und bestimmt nicht zum letzten Mal! Bises! Hilke

      • Hallo Heike!
        Genau so ist es mir auch gegangen: mehr als 30 Jahre über die Autobahn vorbeigerannt. Und das, obwohl Senlis unsere Partnerstadt ist! Unverzeihlich! Aber vor einem Jahr hatte ich das Glück, im Rahmen eines Besuchs nach Senlis mitzufahren und kann nur bestätigen, was in dem Artikel steht. Ich war bestimmt nicht das letzte Mal dort, vor allen Dingen haben mich jetzt die Drehorte neugierig gemacht, nicht zuletzt als (mehr als) langjähriger „Belmondfan“ 😉
        Bin erst vor Kurzem auf „Mein Frankreich“ gestoßen und bin begeistert von den interessanten Artikeln, die ich gerade peu à peu durchstöbere.

  3. Hallo Hilke,
    super dieser Bericht! Den wunderbaren Film Séraphine hatte ich gesehen.
    Ich bin immer begeistert von Deinen Berichten.
    Liebe Grüße,
    Christel Endlich

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