Landpartie: Von Paris an den Ärmelkanal

La Roche-Guyon: Bergfried und Renaissance-Schloss. Foto: Hilke Maunder
Bis heute bewohnt die Adelsfamilie von Rochefoucauld das Schloss. Foto: Hilke Maunder

Auf zur Landpartie durch 1100 Jahre! Florierende Handelsroute und feindliches Einfallstor, Lebensader von Großstädten und Refugium der Natur, Strom der Geschichte und Katalysator der Kunst: Die Seine, die sich als blaues Band in weiten Schleifen von Paris Richtung Küste windet, hat Jahrhunderte lang die Geschichte und die Geschicke der Normandie geprägt.

Vernon: die berühmte Brücke, die auch Monet inspirierte. Foto: Hilke Maunder
Vernon: die berühmte Brücke, die auch Monet inspirierte. Foto: Hilke Maunder

Die Heimat von Monet

Dem Verkehrsgewühl der Hauptstadt entflieht ihr am besten zunächst auf der Autobahn A13. Doch spätestens an der Ausfahrt 14 Richtung Vernon/Bonnières sollten ihr sie verlassen und auf der D 201 Giverny ansteuern, wo der Wegbereiter des Impressionismus fast 40 Jahre lang wirkte: Claude Monet.

Das Haus von Monet ist von Efeu überwuchert. Foto: Hilke Maunder
Das Haus von Monet ist von Efeu überwuchert. Foto: Hilke Maunder

Kunst und Natur verschmelzen auf seinem Anwesen zu einem Gesamtkunstwerk, das den Maler zu Meisterwerken wie dem Seerosenzyklus inspirierten, der im Pariser Musée de l’Orangerie zu bewundern ist. Den internationalen Charakter der Impressionismus-Bewegung dokumentiert das Musée des Impressionnismes Giverny.

Daheim bei Monet in Giverny. Foto: Hilke Maunder
Daheim bei Monet in Giverny. Foto: Hilke Maunder

Die D 6 bringt euch über die Seine zum mittelalterlichen Städtchen Vernon, dessen mittelalterliche Fachwerkmühle auf einer Seine-Brücke Monet ebenfalls als Motiv diente. Sehenswert ist auch das am Stadtrand gelegene Château de Bizy, das sogar einen Pool für Pferde besitzt.

Wahrzeichen von Vernon: die Wassermühle, die auch Monet gemalt hat. Foto: Hilke Maunder
Wahrzeichen von Vernon: die Wassermühle, die auch Monet gemalt hat. Foto: Hilke Maunder

Die Burg von Richard Löwenherz

Zurück über die Seine, folgt ihr der D 313 bis nach Les Andelys. Dorf ließ Richard Löwenherz auf einem Felsdorn 1196 ein gewaltiges Bollwerk errichteten. Dennoch war es nicht stark genug, die Normandie vor dem Zugriff Frankreichs zu schützen.

Malerisch: das Fachwerk am Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder
Malerisch: das Fachwerk am Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder

Nach siebenmonatiger Belagerung eroberte Philippe II. 1204 das Château de Gaillard und besiegelte damit das Ende der Unabhängigkeit der Normandie. Die Grenzfeste ist heute eine Ruine mit wundervollem Weitblick auf die begrünten Kreidefelsen und Schleifen und der Seine.

Blick auf Château Gaillard vom Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder
Blick auf das Château Gaillard vom Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder

Die Hauptstadt der Normandie

Folgt dem Ufer des Flusses auf der D 313, D 19 und D 18, bis ihr die Hauptstadt der Normandie erreichen: Rouen. Das heutige Etappenziel gehört neben Giverny zu den berühmtesten Sujets des Malers Monet.

Seine Comtesse-Tour. Rouen: Stadtblick vom Pont Flaubert. Foto: Hilke Maunder
Rouen: Stadtblick vom Pont Flaubert. Foto: Hilke Maunder

1892/93 hatte er sich im Herzen der Altstadt ein Zimmer gemietet und gemalt, was er gegenüber sah: die Fassade der Kathedrale im wechselnden Licht der Tageszeiten – 30 Meisterwerke, deren Licht aus der Leinwand tritt, die Fassade zum Glühen bringt. Die Hitze der Sonne ist förmlich zu spüren…

Rouen: die Église Maclou und das Fachwerk der Rue Eugène Dutuit. Foto: Hilke Maunder
Die Église Maclou und das Fachwerk der Rue Eugène Dutuit. Foto: Hilke Maunder

Dass Monet auch ein begnadeter Koch war, beweisen seine Kochhefte voller Rezepte, die es mittlerweile auch in deutscher Übersetzung gibt.

Seine-Comtesse-Kreuzfahrt. Rouen: Lichtershow auf der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Die sommerabendliche Lichtershow auf der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Und auch bei der abendlichen Illumination der Kathedrale, die mit farbenfrohem Videomapping die Fassade zum Leuchten bringt, stand Monet Pate.

Zu den schönsten und ruhigsten Unterkünften mitten in der Altstadt gehört aus im 17. Jahrhundert naus Fachwerk errichtete Le Vieux Carré, dessen 14 Zimmer sich rund um einen Baum bestandenen Innenhof gruppieren.

Seine Comtesse-Kreuzfahrt. Typisch normannisch: die Häuser am Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder
Typisch normannisch: die Häuser am Seine-Ufer. Foto: Hilke Maunder

Die Abteien der Normandie

Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen folgt ihr auf der D 6015 zunächst dem rechten Seineufer und biegt dann auf die D 982 ein, die lichten Nadelwald durchquert.

Unter seinen Kiefern und Tannen verstecken sich Megalithen. Dann weicht der Wald weiten Feldern, und die Abbaye Saint-Georges de Boscherville erhebt sich hell am Horizont.

Abteien der Normandie: St-Martin-de-Boscherville: Klostergarten. Foto: Hilke Maunder
Die Abtei Saint-Georges in Saint-Martin-de-Boscherville. Foto: Hilke Maunder

Die ausgedehnten Gärten, die die spätromanischen Abteikirche umgeben, wurden von den Mönchen erst 1685 angelegt. Die wohl schönste Perle normannischer Sakralkunst an der Seine ist die Ruine der Abbaye de Jumièges mit ihren 46 m hohen Zwillingstürmen. Hungrig?

Jumièges: Was für eine Ruine! Foto: Hilke Maunder
Was für eine Ruine! Die Abteikirche von Jumièges. Foto: Hilke Maunder

Dann picknickt doch im Schatten der 500 Jahre Eibe, die sich im Inneren des Klosters erhebt. Was in den Picknickkurs gehört? Auf jeden Fall normannische Käsespezialitäten wie Livarot, Pont Évêque und Camembert und köstlichem Cidre. Mehr zu den Abteien der Seine erfahrt ihr hier.

Jumièges: die Ruine der Anbteikirche. Foto: Hilke Maunder
Jumièges: die Ruine der Abteikirche. Foto: Hilke Maunder

Brücke oder Fähre?

Setzt danach mit den kostenlosen Bacs de la Seine, kleinen Autofähren,  ans andere Ufer über. Folgt der D 913 durch den königlichen Jagdwald Forêt de Brotonne nach La Mailleraye-sur-Seine und danach der D 490 nach Caudebec-en-Caux.

Pont de Brotonne: MS Seine Comtesse passt lässig hindurch - nicht so bei den Pariser Brücken. Foto: Hilke Maunder
Der Pont de Brotonne bei Caudebec-en-Caux. Foto: Hilke Maunder

Das Städtchen dominiert die spätgotische Église Notre-Dame. Für Heinrich IV. war sie die „schönste Kapelle meines Königreiches“. Gemeinsam mit Saint-Wandrille Rançon und Villequier bildet Caudebec heute die Großgemeinde Rives-en-Seine.

Caudebec-en-Caux: das Seine-Museum liegt direkt am Kai. Foto: Hilke Maunder
Von tödlichen mascarets und anderen Besonderheiten der Seine berichtet in Caudebec-en-Caux das Seine-Museum. Foto: Hilke Maunder

Cidre fürs Rind!

In Villequier 5 Kilometer westlich an der D 81 erinnert das Musée Victor Hugo an den Dichter von Les Misérables und an dessen Tochter Léopoldine, die 1843 frisch vermählt in der Seine ertrank. Ganz in der Nähe könnt ihr ungewöhnliches Fleisch kosten: bœuf cidré.

Boeuf Cidré: Monsieur Craqulin senior mit Rind. Foto: Hilke Maunder
„Am liebsten mögen es die Rinder, wenn man sie zwischen den Ohren oben am Kopf krault“, sagt  Monsieur Craquelin senior. Foto: Hilke Maunder

Die letzte Schleife der Seine schmückt das Château d’Ételan, das als Burg um 1050 erbaut und im 15. Jahrhundert in eine Residenz im Stil der Flammengotik umgebaut wurde.

St-Martin-de-Boscherville: First einer Chaumière. Foto: Hilke Maunder
Traditionell wird das Reetdach im Marais mit einem Iris-First abgeschlossen. Foto: Hilke Maunder

Wechselt mit der Autofähre in Port-Jérôme ans linke Flussufer nach Quillebeuf-sur-Seine und durchquert auf der D 103, der Route du Marais, das Schwemmland im Mündungsgebiet.

Biegt in La Foulbec auf die D 312 ein und folgt der Kreisstraße vorbei an alten Gehöften, Weizenfeldern und Kuhweiden bis nach La Rivière Saint-Sauveur.

Die Seine bei Les Andelys. Foto: Hilke Maunder
Immer wieder leuchten die Kalkklippen der Seine aus dem Grün, wie hier bei Les Andelys. Foto: Hilke Maunder

Dort überbrückt der Pont de Normandie als größte Schrägseilbrücke Europas seit 1994 die fast einen Kilometer breite Mündung der Seine.

Für die Maut entschädigt eine atemberaubende Aussicht über das Seinetal und die ausgedehnten Hafenlagen von Le Havre aus mehr als 50 Metern Höhe.

Le Havre: der Kiesstrand mit der Skyline. Foto: Hilke Maunder
Le Havre: der Kiesstrand mit der Skyline. Foto: Hilke Maunder

Das Tor zum Ozean

Wer sich für die Brücke und das Biotop der Seinemündung interessiert, sollte nach der Überquerung die Autobahn A29 bei der Abfahrt Port 1000-3000 verlassen und La Maison de l’Estuaire. Am Besucherzentrum beginnen auch sechs Rundwege durch das Schutzgebiet.

Le Havre: Die Place Général de Gaulle. Foto: Hilke Maunder
Die Place Général de Gaulle von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Auf der Route de l’Estuaire erreicht ihr die Le Havre. Bei den Bombardements der Briten versank das alte Le Havre am 5./6 September 1944 in Schutt und Asche.

Vincent Ganivet schuf für Le Havre eine "Catene de Containers", ein Bogen aus Containern. Foto: Hilke Maunder
Vincent Ganivet schuf zum Stadtfest 2017 für Le Havre eine Catene de Containeurs, einen Bogen aus Containern. Foto: Hilke Maunder

Auferstanden ist es als Vision eines Mannes, dessen architektonische Zeugnisse der Hafenstadt heute UNESCO-Welterbe-Status verleihen: August Perret. Mitten im Welterbe-Viertel lädt das Hôtel & Spa Le Vent d’Ouest zur komfortablen Nacht im maritimen Ambiente.

Le Havre: das Bassin de Commerce. Im Sommer lernt hier der Nachwuchs in Optimisten-Booten das Segeln. Foto: Hilke Maunder
Le Havre: das Bassin de Commerce. Im Sommer lernt hier der Nachwuchs in Optimisten-Booten das Segeln. Foto: Hilke Maunder

Zweite Architekturperle der normannischen Porte de l’Océane ist das revitalisierte Hafengebiet mit dem Shopping- und Entertainmentkomplex Docks Vauban (1846) und Les Bains des Docks, dem stylischen Hafenbad in Weiß und Grau von Jean Nouvel.

Le Havre: Hôtel de ville. Foto: Hilke Maunder
Vor dem Rathaus von Le Havre erstreckt sich ein kleiner Park mit Wasserspielen und Blumenbeeten. Foto: Hilke Maunder

Eine Institution der Hafenarbeiter war das Bistro des Grands Bassins, das sein Ambiente aus warmem Holz und rotem Leder bewahrt, Küche und Service indes an das neue, betuchtere Publikum angepasst hat.

Noch nicht müde? Dann lasst eure Reise mit Jazz und Blues im benachbarten Club Hercule Poirot ausklingen – seine Wein-, Whiskey- und Champagnerkarte ist hervorragend!

Der Blick auf Le Havre vom Kirchturm der Église Saint-Joseph. Foto: Hilke Maunder
Der Blick auf Le Havre vom Kirchturm der Église Saint-Joseph. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Zu einer etwas anderen Landpartie lädt dieses Flussportrait der Seine.

Frankreichs Flüsse: Jedem die Seine

 

Im Buch

Glücksorte in der Normandie*

Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Barbara Kettl-Römer stelle ich sie euch in diesem Taschenbuch vor. Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird.

Unser Gemeinschaftswerk stellt euch insgesamt 80 einzigartige Orte vor, die oftmals abseits der eingetretenen Pfade liegen. Wer mag, kann es hier* bestellen.

Hilke Maunder_Normandie_Abseits

Normandie: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Die Netflix-Serie „Lupin“ hat die Normandie zu einem touristischen Hotspot gemacht. Garantiert keine Massen triffst Du bei meinen 50 Tipps. Sie sind allesamt insolite, wie die Franzosen sagen – ursprünglich, authentisch und wunderschön.

Die Landpartie durch die andere Normandie beginnt im steten Auf und Ab der Vélomaritime, führt zu den Leinenfeldern der Vallée du Dun, zu zottigen Bisons und tief hinein ins Bauernland des Pays de Bray, Heimat des ältesten Käses der Normandie.

Im Tal der Seine schmücken Irisblüten auf hellem Reet die Giebel alter chaumières, und Störche brüten im Marais Vernier. Von den Höhen vom Perche geht es hin zur Normannischen Schweiz und bis zur Mündung des Couesnan an der Grenze zur Bretagne. Hier* kannst Du den handlichen Führer bestellen.

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