Historische Aufnahme der Produktion im Jahr 1930. Foto: Anis de Flavigny
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Anis de Flavigny: Frankreichs älteste Bonbons

Sie sind die ältesten Bonbons Frankreichs, waren die Lieblingsdrops des Sonnenkönigs Ludwig XIV. und in den 1930er-Jahren als erste Süßigkeit in den Automaten der Métro zu finden: die Anis de Flavigny.

Seit dem Jahr 719 werden sie im kleinen Örtchen Flavigny-sur-Ozerain in Burgund handgefertigt. Erst von den Mönchen der ehemaligen Benediktinerabtei Saint-Pierre, ab 1591 von Ursulinerinnen, nach der Französischen Revolution von acht Bonbonkochereien. Heute hält nur noch die Familie Troubat die Tradition aufrecht.

Für ihre Anis de Flavigny verwendet sie ein Rezept, das, nachdem es im Laufe der Jahrhunderte verfeinert wurde, seit 1591 unverändert geblieben ist und dem Unternehmen das Label Entreprise du Patrimoine Vivant (Unternehmen des lebendigen Erbes) einbrachte.

Historische Aufnahme der Produktion im Jahr 1930. Foto: Anis de Flavigny
Historische Aufnahme der Produktion im Jahr 1930. Foto: Anis de Flavigny

Berühmte Dosen

Mitten in der Abtei fertigt sie handwerklich die kleinen Pastillen, deren Verpackung genauso legendär ist wie der Geschmack der Bonbons: Sie ruhen bis heute in Dosen.

Von 1970 bis 2005 waren sie komplett aus Metall. Heute ist es leider nur noch der dekorative Schmuckdeckel mit seinen nostalgischen Motiven. Und für den großen Bonbonhunger gibt es inzwischen auch 500 g schwere Papiertüten.

Anis im Herzen

Jeder der kugelrunden Minibonbons birgt bis heute ein Herz aus grünem Anis. Es ist eine Frucht der Pimpinelle anisum, die in kleinen weißen Blüten in Dolden heranwächst. Im Süden Frankreichs findet ihr sie, 50 – 80 Zentimeter hoch und recht spiddelig, auf Wiesen und am Straßenrand.

Catherine Troubat. Foto: Anis de Flavigny
Catherine Troubat. Foto: Anis de Flavigny

Für die Bonbonherstellung kauft Troubat die Früchte in Spanien, Syrien, Tunesien und in der Türkei. Für die süße Hülle werden zwei Zuckerpflanzen verwendet: Weiße Bete für die schneeweißen Sorten, Rohrzucker aus Brasilien für das Biosortiment mit inzwischen sieben Sorten.

Anis. Foto: Anis de Flavigny
Anis. Foto: Anis de Flavigny

Weiße Schneeflocken

Wie Anis und Zucker sich verbinden, ist bis heute ungeheuer aufwendig. 15 Tage dauert es, bis die zwei Milligramm schwere Frucht zum 1 g großen Bonbon wird.

Ein Drageiste. Foto: Anis de Flavigny
Ein dragéiste. Foto: Anis de Flavigny

15 Tage lang tanzt er im Luftstrom einer Trommel, in die die Bonbonmasse langsam eingeführt wird. Als weiße Schneeflocken wirbelt sie um den grünen Kern.

Seht euch das einmal vormittags kostenlos an – das ganze Jahr hindurch Montag bis Freitag von 9 bis 11 Uhr. Die gläserne Fabrikation des Site Remarquable du Goût ergänzen ein kleines Museum und ein Café.

Und werft auch einmal einen Blick in die Krypta der Abtei, der Karl der Große Zollfreiheit verlieh – auch ihm gefiel das Naschwerk der Mönche.

Hier werden die Bonbons verpackt. Foto: Pressebild Anis de Flavigny / Claire Jachymiak
Hier werden die Bonbons verpackt. Foto: Pressebild Anis de Flavigny / Claire Jachymiak

Anis und Schokolade

Doch nicht nur der Duft von Schokolade liegt über dem Dorf. Im Jahr 2000 kam Lasse Hallström und nahm die Chocolaterie des Dorfes in Beschlag. MitJuliette Binoche und Johnny Depp in den Hauptrollen drehte er dort Szenen für seinen US-amerikanischen Kinohit Chocolat*.

Acht Wochen dauerte der Dreh, 150 bis 300 Schauspieler waren am Set, unzählige Statisten und Techniker im ganzen Dorf unterwegs. Chocolat ist bis heute der teuerste Dreh Burgunds – und war fünfmal für den Oscar nominiert.

Der Welterfolg rückte das Dorf und seine 340 Einwohner weltweit ins Rampenlicht. Heute ist der Rummel etwas verflogen, Flavigny zur Saison aber immer noch gut besucht. Bereits vor 2000 Jahren hatte Flavigny-sur-Ozerain bereits Geschichte geschrieben.

Im Jahr  52 v. Chr. hatte Julius Cäsar auf dem Hügel von Flavigny zwei Lager und sein Hauptquartier errichtet. Von dort aus belagerte er Vercingetorix, der seine Truppen bei Alésia neu gruppierte. Die Niederlage der Gallier besiegelte den Untergang ihres Reiches. Davon erzählt der nahe MuséoPark von Alésia.

Ein gewisser Flavinius stand damals an der Spitze eines der beiden römischen Lager von Julius Cäser. Er nannte es Flaviniacum. Später wurde daraus Flavigny-sur-Ozerain. Der Volksmund erzählt, dass die römischen Eroberer in der Antike bei Magenproblemen Anissamen gekaut hätten. Dies übernahmen die Einheimischen.

Rund um die galloromanische Villa Flavien siedelten sich später Handwerker, Händler und eine ganze Welt der Landwirtschaft an. Im Jahr 719 gründete Widerard, der große burgundische Herrscher, dem Flavigny und seine Umgebung gehörten, die Benediktinerabtei, in der das Familienunternehmen Troubat seit drei Generationen Anis herstellt.

Charmantes Bilderbuchdorf

Die Bonbonmanufaktur befindet sich mitten im Herzen des alten Dorfes mit seinen Stadtmauern und seinen Handwerkshäusern, die einst Gerber, Glasmacher und Zinntöpfer, Werber und Winzer belebten. Wer nach ihrem Besuch noch einen wenig durch die alten Gassen bummeln möchte, in denen Kletterrosen die Fassaden schmücken, sollte als erstes die ehemalige Karolinger-Krypta besuchen. Als Überbleibsel der alten Abteikirche entführt sie euch direkt ins Mittelalter und überrascht mit den wunderschönen Kapitellen ihrer Säulen.

Das nächste Ziel könnte die gotische Pfarrkirche Saint-Genest mit ihrem fein geschnitzten Gestühl aus dem 16. Jahrhundert sein. Das Gotteshaus birgt die Reliquien der Heiligen Regina, die 1000 Jahre lang in der Abtei aufbewahrt worden waren, ehe sie dort vor den Schergen der Revolution im Jahr 1793 in Sicherheit gebracht wurden.

Vorbei am Ursulinenkloster aus dem Jahr 1632, blühenden Stockrosen und dem von Pater Lacordaire (1848) in der ehemaligen Residenz des Großvogts von Auxois eingerichteten dominikanischen Noviziat kommt ihr zum Hôtel du Marquis de Souhey. Wo einst der Gouverneur von Flavigny residierte, hat heute die Benediktinerabtei Saint-Joseph-de-Clairval ihren Sitz.

Lebendig & ländlich

Bis heute ist Flavigny-sur-Ozeeran ein typisches ländliches Dorf und keine Schlafstadt der Pendler nach Dijon. Perrine Doudin züchtet auf ihrem Hof Hélixine rund 200.000 Schnecken ganz bio. Garantiert von Bio-Schafen der Rassen Merino, Île-de-France, Solognot und South Downs stammt auch die Wolle, die handwerklich oder handgesponnen bei Aux P’tiotes Pelotes in Strängen oder Kegeln verkauft oder zu Kleidung verarbeitet wird zu tragbarer Mode, pflanzlich gefärbt und lokal hergestellt. Die braune Wolle der Burel-Schafe wurde einst zur Herstellung der braunen Gewänder der Mönche verwendet.

Nur wenige Kilometer außerhalb von Flavigny-sur-Ozerain waren die Flanken der Coteaux de l’Auxois im 13. Jahrhundert eine Hochburg des französischen Weinbaus. Und genau dort pflanzte Gérard Vermeere auf 13,5 Hektar neue Weinstöcke. Im Keller vinifiziert daraus der Önologe Cyril Raveau aus ihrem Most ehrliche wie bodenständige Landweine, die als IGP Coteaux de l’Auxois ausgezeichnet sind. 

Flavigny-sur-Ozerain: meine Reise-Infos

Anis de Flavigny

Kostenlose Betriebsbesichtigung und Boutique.
• 4, rue de l’Abbaye, 21150 Flavigny-sur-Ozerain, Tel. 03 80 96 20 88, www.anis-flavigny.com

Interaktiver Stadtplan mit Spaziergängen und Infos

https://visite.flavigny21.fr

De l’Anis au Vignoble

Der einfache Wanderweg auf den Spuren vom Anis zum Wein führt als eine 7,8 Kilometer lange Schleife rund um das Dorf und hin zu herrlichen Aussichtspunkten (2,5 Std.)

Nicht verpassen

Musée Algranate / La Maison des Arts Textiles & du Design

Das sehr sehenswerte Museum zeichnet die Geschichte des Textildesigns nach. Neben einer Bibliothek mit 1300 Büchern gehört auch ein botanischer Garten mit Pflanzen für die textile Verwendung dazu.
• 3, Rue Lacordaire, 21150 Flavigny-sur-Ozerain, Tel. 06 08 89 93 82, www.facebook.com/Flavigny.Algranate

Veranstaltungen

Hors Saison Musicale

1991 gründete der Verein Pour que l’Esprit Vive auf Anregung seines Vorsitzenden Michel Christolhomme die Künstlerresidenz La Prée in einer ehemaligen Zisterzienserabtei im Berry, heute ein Altersheim der Petits Frères des Pauvres.  Inspiriert vom Austausch der Künstler mit den Senioren riefen Dominique de Williencourt, Nicolas Bacri und Hélène Thiébault die Rencontres Musicales autour de La Prée mit Konzerten und Festival an Christi Himmelfahrt ins Leben. 20 Jahre erweiterte Agnès Desjobert als damalige Leiterin von La Prée die Rencontres als echte „kulturelle Nachbarschaftshilfe“. Bereits im Januar 2012 wurde Hors Saison Musicale in Flavigny-sur-Ozerain  ins Leben gerufen – und unterhält seitdem mit klassischen Konzerten im Winter.
https://horssaisonmusicale.fr

La Nuit Romantique de Flavigny

Entdeckt Ende Juni einen ganzen Abend lang die mittelalterlichen Straßen von Flavigny bei Kerzenschein!

Le Marche de la Saint-Simon

Im Oktober lädt Flavigny von 9 Uhr früh bis zum Einbruch der Dunkelheit zum Marché de la Saint-Simon. Sein Motto: Flohmarkt, Kunsthandwerk, Gastronomie und regionale Produkte. Zwischen dem Parkplatz und dem Dorf verkehren kostenlose Shuttle-Busse.

Circuit des crèches

Ausstellung von Weihnachtskrippen im ganzen Dorf zur Adventszeit.

Schlemmen und genießen

La Grange

„Die Scheune“ haben rund 20 lokale Bauern ihre Genossenschaft genannt, die in einem rustikal-gemütlichen Laden-Lokal direkt am Kirchplatz von Flavigny nicht nur ihre Erzeugnisse verkauft, sondern sie auch sehr kreativ zubereitet. Ihr terroir auf dem Teller: köstlich!
• Place de l’Eglise, 21150 Flavigny-sur-Ozerain, Tel. 03 80 96 20 62, https://fermeauberge-flavigny21.fr

In der Nähe

Das Château de Bussy-Rabutin

Die Quellen der Seine

Hier könnt ihr schlafen*

 

Weiterlesen

Im Blog

Alle Beiträge aus dem burgundischen Département Côte-d’Or vereint diese Kategorie.

Im Buch

Hilke Maunder, Burgund*

Hilke Maunder, BurgundNach Le Midi habe ich auch Burgund intensiv erkundet. Viele Wochen lang habe ich zusammen mit dem Fotografen Thomas Müller Schneckenzüchtern, Käsemachern, Viehzüchtern, Winzerinnen und anderen lokalen Produzenten über die Schulter gesehen. Wir haben Märkte und Manufakturen besucht und vielen Köchen in die Töpfe geguckt.

Vom einzige Dreisternekoch Burgunds, Éric Pras von der Maison Lameloise, über Alain Renaud, Küchenchef der Auberge Les Tilleuls in Vincerolles bis zu Julien Fuchey von der Auberge La Morvandelle in Tintry haben sie mir typisch burgundische Rezepte verraten.

Neben berühmten Klassikern wie Bœuf Bourguignon findet ihr unter den 80 authentischen Rezepten auch viele Gerichte, die seit Generationen in den Familien Burgunds tradiert wurden – und doch noch Geheimtipps sind. Wer die Speisen nachkochen möchte oder neugierig auf die Küche Burgunds ist, kann mein Reise-Koch-Erlebnisbuch hier* bestellen.

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