Mein Frankreich: Anja Flammersberger

Mein Frankreich ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Celia Šašić hatte den Auftakt gemacht – seitdem haben viele an meiner ersten Blogpararade mitgemacht. Diesmal stellt Anja Flammersberger, freiberufliche Übersetzerin für Englisch und Französisch in Franken, ihr Frankreich vor.

Frankreich – wo anfangen, die Liebe ist zu groß!

Frankreich, das sind vor allem viele Erinnerungen, alles in allem ein großes geografisches Puzzle mit vielen Lücken, vielleicht kann ich noch ein paar davon füllen…

Meine allererste Begegnung mit Frankreich war der Besuch der Brieffreundin meiner Mutter, Dédé, mit Familie, d.h. deren Ehemann und zwei Töchter, beide etwas älter als ich. Ich war vier auf dem Weg zu fünf. Wo genau Dédé in Frankreich zu Hause war, weiß ich nicht, irgendwo in der Mitte auf dem Land.

Mit einem kratzenden Woll-Pulli begann alles

Als schüchternem Mädchen fühlte es sich für mich seltsam an, fremder Besuch und noch dazu mit anderer Sprache. Aber anscheinend war ich dann ganz nett, denn zum fünften Geburtstag strickte mir Dédé einen Pullover – helle Wolle mit schönem rotem Einstrickmuster an den Bündchen. Er kratzte, so wie Wollpullover in den sechziger Jahren dies meist halt so machten, und war daher nicht allzu beliebt.

Nachdem Dédé – ein aufgrund der Doppelsilbe bzw. des übereinstimmenden Endvokals typisch französischer Kosename, denn eigentlich hieß sie, wenn ich mich richtig erinnere, Françoise – bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, verlor sich dann leider der Kontakt zur Familie.

Freundschaft durch Briefe

Auch die nächsten Begegnungen mit Frankreich verdanke ich meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, die während der Kriegsjahre geboren wurde, jedoch in ihrer frühen Jugend bereits den Kontakt nach Frankreich suchte, auch bedingt durch die Familiengeschichte und die Nähe zum Elsass, denn zu Hause sind wir in der Pfalz.

Sie pflegte eine weitere Brieffreundschaft: mit Dany aus Boussy-Saint-Antoine nicht weit von Paris. Es fanden zahlreiche Besuche und Gegenbesuche statt, mit wechselnder Besetzung, von französischer Seite auch gerne mit dem erweiterten Freundeskreis.

Iiih, Austern!

So kam es, dass sich im kleinen Esszimmer unserer Wohnung einmal achtzehn „Convives“ stapelten und die mitgebrachten Austern verzehrten, bei deren Öffnen mehrere dicke Badehandtücher den Unterarm vor dem abrutschenden Austernmesser schützen mussten.

Mir ist die Fülle noch bewusst und dass ich keine davon essen wollte. Danys Mann wurde übrigens Doudou gerufen – er trug einen rotblonden, offensichtlich sehr zarten Schnauzbart.

Legendär: das Mischdkrätzerle

Absolute Höhepunkte für meine Geschwister und mich waren auch diverse Sonntagsausflüge nach Ottrott im Elsass zum Restaurant Le Beau Site, wo wir ein Mischdkrätzerle verzehrten, Ende der sechziger, Anfang siebziger Jahre das absolute Highlight auf dem Sonntagstisch: schön knusprig braun und dazu sogar noch Pommes frites! Legendär…

Skiwochenenden mit Freunden auf der Hütte eines elsässischen Skiclubs auf dem „Champs du feu“ in den Vogesen waren weitere Höhepunkte meiner Kindheit. Es ging dort einfach zu: Im Keller zwei Waschräume mit Trogwaschbecken und kaltem Wasser. Auf dem Flur das Plumpsklo.

Hüttenferien auf dem Feuerfeld

Im Erdgeschoß ein großer Aufenthaltsraum, in dem jede Familie im Wandschrank ein verschließbares Fach für die Lebensmittel hatte, lange Tische und ein Ofenrohr aus der Wand – denn daneben befand sich die geräumige Küche mit einem riesigen Kohleherd in der Mitte, der alles heizte.

Das war das Reich von Luzie, der Hüttenwirtin, die zusammen mit ihrem Mann Paul den Luxus eines kleinen separaten Schlafraums direkt neben der Küche genoss. Alle anderen, Männlein, Weiblein und Kinder schliefen unterm Dach in zwei großen Schlafsälen, die durch eine Bretterwand voneinander getrennt waren, aber mit einem gemeinsamen Ölofen „beheizt“ wurden.

Zwei und zwei standen die Betten in drei oder sogar vier Reihen dicht an dicht – anfangs dachte man immer, unter den schweren dunklen Wolldecken zu ersticken, selbst wenn man es geschafft hatte, durch kräftiges Strampeln mit den Beinen der Enge zu entkommen: die großen Decken waren ringsherum ganz fest unter die Matratze gestopft, damit sich auch niemand über Nacht bloßliegt.

Ein kleiner Luxus: die Zehnerkarte

Morgens hieß es dann, mit den Skiern an den Beinen einen Waldweg entlang zu stapfen bis zur „Piste“, einer großen Wiese mit zwei kleinen Teller-Schleppliften. Eine Zehnerkarte war schon Luxus. Zum Mittagessen wieder zur Hütte und nachmittags wieder den Weg lang zum Lift – wir waren jedenfalls so müde, dass das vereinte Schnarchen und geräuschvolle Zubettgehen der anderen ringsum uns nie aus dem Schlaf zu holen vermochten…

Einmal feierten wir dort auch Silvester, ich muss wohl so ungefähr dreizehn gewesen sein, denn ich erinnere mich, dass ich einen Kurzhaarschnitt hatte und mich alle für einen Buben hielten – was mir natürlich gar nicht gefiel! Zum Festessen am Abend gab es ein Gericht, das mir auf ewig auf der Zunge blieb – niemals zuvor und auch nie wieder danach: „Rognons“.

Gerüche der Kindheit

Kindheitserinnerungen verbinden sich ja häufig mit Geschmäckern und Gerüchen. Neben den Nierchen in Rotwein habe ich auch sehr präsente Erinnerungen an das, was einem damals in Frankreich beim Betreten eines Hauses oft begegnete: der intensive Geruch von Eau de Javel, Javellenwasser, mit dem die Hausfrau dokumentierte, dass bei ihr auch wirklich alles sauber ist!

Es schließen sich an: Skifreizeit in der sechsten Klasse des Gymnasiums in Les-Contamines-Montjoie mit zwanzig Grad unter Null und ersten Versuchen auf Langlaufskiern. Das erlangte Schneeflöckchen mit zwei Sternen des französischen Skiverbands habe ich heute noch!

Zum Frühstück dicke Haut auf dem Kakao und einmal Hackfleischauflauf „Parmentier“ (brrr…), abends im Schlafraum (zu acht – vier Deutsche, vier Französinnen) tauschten wir mit großem Gekicher Vokabeln aus, die man als Zwölfjährige unbedingt braucht, die aber in keinem Französischbuch zu finden sind…

Begegnungsfreizeit mit sechzehn – drei Wochen in Sanary-sur-Mer mit Sonnenaufgangswanderung im Gebiet der Calanques von Cassis und Übernachtung im Freien unterm Sternenhimmel – unvergesslich! Wir gründeten dann einen „Slow-Food-Tisch“, da uns das Geschlinge im Speisesaal einfach zu hektisch war.

Die Jungs beider Nationen hatten das Gefühl, sie müssten sich beeilen, um nur ja genug zu bekommen… Sehr einprägsam auch die Crème de Marrons – zuerst ein wenig gewöhnungsbedürftig, im Lauf der drei Wochen aber mit absolutem Suchtfaktor! Dicke gute französische Butter aufs Baguette und dann zentimeterdick die Crème – göttlich!

Mit der Roulotte über Land

Oberstufe, Leistungskurs Französisch: Jahrgangsstufenfahrt in die Bretagne – mit den „Roulottes“ über Land. Wir bedauerten unser Ross, Yvette, denn es war schon gegen Ende September und die Pferdchen erschöpft vom langen Sommer, und halfen ihr bei jedem Aufstieg in den Hügeln im Hinterland von Morlaix durch Schieben mit besten Kräften.

Selten war ich weiter weg von allem. Das langsame Dahinziehen über Land, die Tagesetappen von wenigen Kilometern erschienen wie wahre Weltreisen. Die etwas schwierige Versorgungslage – kaum Einkaufsmöglichkeiten – konnten wir durch Apfelmus von Fallobst mildern und so unseren Lehrer vor dem Darben bewahren.

Aber auf diese Weise lernten wir das Organisieren und Vorausplanen. Die Rastplätze bestanden meist in einfachen Wiesen, ohne alles – dies bedeutete: Zähneputzen auf dem Friedhof oder Katzenwäsche in der öffentlichen Toilette, sofern vorhanden. Duschen am Ende der Tour. Das ist heute sicher anders.

Meine Monate im Südwesten

Au-Pair mit achtzehn in Agen, Departement Lot-et-Garonne. Sechs Monate im Südwesten, den ich damals aufsaugte wie ein Schwamm. Agen mit seinen schönen mittelalterlichen Arkaden und die Gegend ringsum, die Lage an der Garonne mit dem Pont-Canal, auf dem einem immer schwindelig wurde…

…der morgendliche Blick von der Ermitage auf die verschneiten Pyrenäengipfel im Winter, der Bauernhof von Tantine und Tonton in Cuq, das ehemalige Schlosshotel der Großeltern in Saint-Nicolas de la Balerme, die Keksfabrik in Astaffort, dann im Sommer nach Carnac, Bretagne… – Wahnsinn!

Jetzt sind „meine“ Kinder groß, erfolgreich im Leben und in der Welt unterwegs… Eine glückliche Zeit mit vielen Besuchen noch in der Folge, wenn auch weniger in den letzten Jahren.

Schließlich mit dreiundzwanzig Auslandssemester in Paris, Zimmer unterm Dach im siebten Stock zu Fuß in Passy, 16. Arrondissement – staunend sehe ich den Wandel in der Stadt seither und kann doch leider nicht damit Schritt halten…

Damals träumte ich auf Französisch, heute träume ich von Frankreich… – und versuche, den Traum fortzuspinnen.

 

Der Beitrag von Anja Flammersberger ist der elfte Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci für's Teilen!

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