Das Kellergold des Gers: Armagnac

Jakobswege: Francis Dêche vom Château Millet. Foto: Hilke Maunder
Hat der Armagnac ausreichend gereift? Francis Dèche vom Château Millet. Foto: Hilke Maunder

Francis hat es mir nicht leicht gemacht: Google Maps, Waze und Tom Tom streiten sich über den richtigen Weg. Seit halben Stunde fahre ich bei Eauze im Zickzack über Sandwege und Schotterstraßen, Asphalt und Kopfstein, stets begleitet von Weinreben, die so hoch festgebunden sind, dass ich vom Fahrersitz kaum über die Rebenreihen blicken kann.

Im Herzen des Armagnac: Cassaigne mit seinen Weinstöcken, an denen die Trauben für den berühmte Brand im Sommer reifen. Foto: Hilke Maunder

Im Herzen der Gascogne

Doch jetzt, an einer einsamen Kreuzung im Gers, entdecke ich ein verwittertes Schild: „Château de Millet. Bas Armagnac“ steht darauf geschrieben. Und tatsächlich: Fünf Minuten später tauche ich ein in ein kleines Gehölz, und dahinter erhebt sich ein typischer Gutshof der Gascogne.

In diesem Gebäudetrakt des Château Millet befinden sich die Boutique und der Verkostungsraum des Armagnac-Weingutes. Foto: Hilke Maunder

Château de Millet:  erbaut aus hellem Stein der Region, mit leuchtend roten Fensterläden und Toren. Und dem obligatorischen Taubenturm, der heute als Gîte für sechs bis acht Personen fungiert.

Château de Millet. Der einstige Taubenturm dient heute als Gîte. Foto: Hilke Maunder

„Bienvenue bei uns auf Château de Millet. Schön, dass Sie uns doch noch gefunden haben“, begrüßt mich Laurence Dèche, die das Weingut in fünfter Generation leitet, und drückt mir Sekunden später einen Kaffee im Pappbecher in die Hand. „Zur Stärkung. Um’s Aufwärmen kümmert sich mein Vater.“

2020 sind sie seit 50 Jahren verheiratet: Francis und Lydia Dèche. Foto: Hilke Maunder

Charmante Familien-Winzer

Etwas irritiert sehe ich sie an, doch da kommt er auch schon: Francis Dèche, einer der 70 Winzer, die im Südwesten des Gers Armagnac herstellen. Seit 50 Jahren ist er mit Lydia verheiratet, die ebenfalls ihr ganzes Leben lang auf dem Hof mit angepackt hat, nebenbei vier Kinder groß gezogen hat, und jetzt ihren Mann mit einem Lächeln beobachtet.

Château de Millet: die Boutique des Weingutes. Foto: Hilke Maunder
Château de Millet: eine Auswahl alter Armagnacs. Foto: Hilke Maunder

Francis bemerkt es, küsst sie vor den Kunden, die in der Boutique die ausgestellten Weine betrachten und kosten, und sagt: „Los jetzt, ich will Sie aufwärmen.“ Grinst Lydia jetzt noch mehr?

Hinter diesem Tor reift der Armagnac in Eichenfässern zur Vollendung. Foto: Hilke Maunder

Samtig weich und fein

Francis überquert mit mir den weiten Hof und öffnet, umrankt von Reben, ein altes Tor: „voilà ma cave!“ Dicht an dicht sind die Fässer, in denen der Armagnac zur Vollendung reift, in dem länglichen Raum aufgereiht:  VS – zwei Jahre, VSOP – 5 Jahre, XO – Hors Age. In jedem der 211-213 Liter fassenden Barriquefässer ruht seit 1973 ein Millésime. 51°, 52,3°, 54,7° Alkohol verraten die Aufschriften in Kreide.

Der Armagnac-Keller des Château de Millet. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Am oberen Loch sind die Fässer nicht so  so hermetisch versiegelt wie beim Wein. „Bei Armagnac genügen ein Tuch und Stopfen – das junge Lebenswasser soll während der Reife mit dem Sauerstoff der Luft ganz bewusst oxidieren. Die Tannine des Holzes sorgen nicht nur für den goldbraunen Farbton, sondern auch für eine feine Vanillenote.“

Armagnac-Fässer werden nicht fest verschlossen, sondern nur mit Stoff und Kork abgedichtet.

Francis entfernt den Korken, hält eine lange Glaspipette hinein, entnimmt etwas Flüssigkeit. „Erst riechen, dann kosten! Und gut in der Mundhöhle bewegen.“ Vorsichtig nähere ich meine Nase dem Glas.

In den bauchigen Flaschen ruht alte Armagnac. Foto: Hilke Maunder

Doch statt des erwarteten scharfen Geruch des Destillats, dass bei Schnaps oder Grappa so oft schon in der Nase gebissen hat, rieche ich nur feine Düfte, einen Hauch Vanille, alte Eiche. Und auch im Gaumen entwickelt der Armagnac keine Aggressivität, sondern zeigt sich samtig und weich, fein und edel. Und wärmt sofort durch.

Das älteste Lebenswasser Frankreichs

Armagnac ist das älteste weinbasierte Eau-de-vie Frankreichs. Hergestellt wird es stets aus Weißwein im geschützten (AOC) Anbaugebiet Gascogne. Nach zwei Jahren wird der Fass gewechselt; 20-25 Jahre lang ruht so der Armagnac hier, spätestens nach 30 Jahren kommt er in die Flasche.

Die Weingärten des Château Millet beginnen gleich am Armagnac-Keller. Foto: Hilke Maunder

Je länger es im Eichenfass reift, desto aromatischer – und teurer – wird der Armagnac, den es bei Francis Dèche verschnitten aus mehreren Ernten (Cuvée) oder einer Ernte (Vintage) gibt.

Auch im Winter gibt es im Weinberg immer viel zu tun. Foto: Hilke Maunder

15.000 Hektar umfasst die Armagnac-Anbaufläche im Gers; nur zehn Hektar hat Francis Dèche von seinem 85 ha großen Rebenland für die weltberühmte regionale Spirituose reserviert. Das hat seinen Preis. 1974: 135 Euro, 1976: 106 Euro, 1981: 78 Euro, lese ich auf den Preisschildern im Hofladen.

Gebrannter Weißwein

Zehn Weißweine sind in der Appellation für die Herstellung von Armagnac zugelassen, Hauptsorte und Star auch bei Francis ist der Ugni Blanc, gefolgt von Baco, Folie Blanche und Colombard. Ältere, noch zugelassene Sorten sind Plant de Graisse, Clairette de Gascogne, Jurançon Blanc, Mauzac Blanc, Mauzac Rosé und Meslier Saint-François – wahre Raritäten!

Im Winter wird der Armagnac gebrannt. Foto: Hilke Maunder

Vinifiziert werden darf nur ohne Schwefel. Und die Armagnac-Destillation muss – auch das Auflage der AOC – vor dem 31. März nach der Ernte erfolgen. Francis Dèche lädt im Dezember zum Schaubrennen.

Dann holt der seinen Winzerfreund Marc Saint-Martin mit seinem mobilen Alambic in die große Scheune, stellt lange Reihen mit Tischen und Stühlen auf – und inszeniert das Brennen als Fest für alle, die es schon einmal live erleben wollten.

Der mobile Alambic. Foto: Hilke Maunder

Und während der Wein in den nostalgischen Brennkesseln Feuer gewinnt, wird geschlemmt, gelacht, erzählt und getrunken, einen ganzen langen Sonnabend-Mittag lang. Danach wird in zwei Schichten weiter gebrannt: von 2.30 Uhr nachts bis mittags (12 Uhr), von mittags bis Mitternacht. Und immer wieder mit dem kleinen Finger unter dem laufenden Strahl das junge Lebenswasser probiert. Mal auf einem Zuckerwürfel. Mal pur.

Beim Schaubrennen wird die Scheune zur Gaststube und ein mobiler Alambic aufgestellt. Foto: Hilke Maunder

Armagnac: meine Tipps

Schaubrennen

Château de Millet

3356, route de Parleboscq, 32800 Eauze, Tel. 05 62 09 87 91, www.chateaudemillet.com

Brûlot d’Armagac. Foto: Hilke Maunder

Das Rezept: Brulot d’Armagac

Zutaten (für 10 Personen)

1,4 l zwei Jahre alter Armagnac, 42%
1 l Wasser
500 g Zucker
1/2 Orange, in Würfel geschnitten
1/2 Zitrone, in Würfel geschnitten
1 Prise Zimt
2 Nelkenblüten

Zubereitung

• Alle Zutaten vermengen und in einem Kupfer- oder Edelstahltopf langsam erhitzen (kein Aluminium!)
• vom Feuer nehmen und im Dunkel vor euren Zuschauern anzünden. Solange flambieren, bis die Flamme von selbst erlöscht
• in Schalen oder Tassen heiß servieren.

Francis Dèche mit seiner Tochter Laurence. Foto: Hilke Maunder

Informieren

Bureau National Interprofessionel de l’Armagnac

11, place de la Liberté, 32800 Eauze, Tel. 05 62 08 11 00, www.armagnac.fr

Miiamm! Francis Dèche schmeckt der hauseigene Armagnac. Foto: Hilke Maunder

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Annette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren und bietet erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

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Francis erklärt mir die Geheimnisse der Armagnac-Herstellung.
Merci für's Teilen!

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