Le Cotentin: Europas Kap Hoorn

Picknick an der Pointe du Roc. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yannick Le Gal
Picknick an der Pointe du Roc. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yannick Le Gal
Picknick an der Pointe du Roc. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yannick Le Gal

Mehr als 300 km Küste säumen die Halbinsel des Cotentin, deren Name an Kaiser Konstantin erinnert, der von Trier aus zu Beginn des 4. Jh. über Gallien herrschte. Weitaus mehr über den Charakter der weit in den Ärmelkanal ragende Spitze verrät ihr Beiname: ›normannisches Finis Terrae‹. Zerklüftete Felskaps fallen steil ins Meer. Mehr als 14 m erreicht der Tidenhub der Gezeiten. An der äußersten Nordspitze des westlichsten Départements der Normandie verwandelt die Meeresströmung Raz Blanchard selbst bei Windstille das Meer in eine solch tosende See, dass das Cap de la Hague unter Seefahrern auch ›Europas Kap Hoorn‹ genannt wird.

Fruits de Mer und frische Brise

Der Fischerort Saint-Vaast-la-Hougue zieht nicht nur Wassersport- und Jachtfreunde an, sondern auch Gourmets. Direkt an der Marktstraße gleicht der Tante-Emma-Laden der Épicerie Gosselin einem Schlaraffenland: Suppen, Soßen, Pasteten, Marmeladen, Weine, Spirituosen und selten Spezialitäten, seit 1889 aus aller Welt importiert.

Heute stehen Hédiard und Françoise in vierter Generation im Geschäft und verwöhnen mit Köstlichkeiten für Leib und Seele. Ein Muss ist auch eine Fruits de Mer-Platte mit Miesmuscheln (moules), Wellhornschnecken (bulots), Bigorneaux (Strandschnecken), Jakobsmuscheln (Coquilles Saint-Jacques), Venusmuscheln (palourdes), Garnelen und einem Krebs oder Hummer als Krönung.

Und natürlich Austern (huîtres). Sie werden hier in riesigen Austernparks gezüchtet. In diesen durch Gitter geschützten Parzellen in der Gezeitenzone legen die ›Ostréiculteurs‹ ihre Austernlarven in Drahtkästen oder Plastiknetzen rund 50 cm über dem Meeresboden aus, wo sie heranwachsen, immer wieder umgesetzt werden und schließlich zur Schlussmast in ein weniger salzhaltiges, dafür aber planktonreiches Klärbecken wandern, bis sie die gewünschte Größe und Reife erreicht haben.

Nach der Ernte werden die Austern in ›Bourriches‹, länglichen Holzkisten, verpackt. Wie sie geerntet werden, könnt ihr vom Amphibienfahrzeug sehen, das bei Ebbe zur Insel Tatihou fährt. Das kleine Eiland ist seit 1992 ein Ökomuseum, in dem Schüler während der Ferien Naturwochen verbringen und im Insellabor untersuchen, was sie bei Ebbe gesammelt haben. Auf der Insel versteckt sich auch der Jardin Maritime – hin zum Meeresgarten geht es stilecht in einem Amphibienfahrzeug.

Im malerischen Barfleur an der Nordostspitze des Cotentin, das stolz seine Auszeichnung als eines der schönsten Dörfer Frankreichs auf dem Ortsschild präsentiert, werden nicht Austern, sonder säckeweise Miesmuscheln vom Kutter geladen und in den Lokalen am Hafen fangfrisch serviert. Und besonders stolz ist Barfleur bis heute darauf, einst Lieblingshafen der anglo-normannischen Könige gewesen zu sein…

Renaissance der Bocage

Im Hinterland der normannischen Küste schützen auf Wällen angelegte Hecken, ähnlich den norddeutschen Knicks, die Felder, Wiesen und Weiden vor den Widrigkeiten von Wind und Wetter. Diese „Bocage“, jahrhundertelang typisch für die normannische Landschaft, wurden im 20. Jahrhundert im Zuge der Flurbereinigung vielerorts abgeholzt, um große, durchgehend zu bearbeitende Flächen für die Landwirtschaft zu schaffen.

Seit einigen Jahren jedoch hat ein Umdenken und eine Abkehr von diesem Irrweg eingesetzt. Staatliche Programme unterstützen heute die Renaturierung und Erweiterung der Heckenlandschaft, denn längst hat sie auch ihren ökonomischenNutzen bewiesen: Sie schützt dieBöden vor Erosion und bietet vielenTieren Schutz. Wer mehr wissen will: In Saint-Lô eröffnete 2004 das Musée du Bocage Normand!

Ganz besondere Gärten

Hoch über der Steilküste von Granville thront der Garten der Familie Dior. Der Dichter Jacques Prévert schuf sich sein grünes Idyll in Saint-Germain-des-Vaux bei Cherbourg. Der Jardin d’Elle nördlich von St-Lô vereint mehrere Einzelgärten in einem Labyrinth. Ganz exotisch gibt sich der nördlichste Zipfel der Halbinsel Cotentin.

Dort gedeihen Pflanzen, die ihre Wurzeln sonst eher in warmer afrikanischer oder australischer Erde ausbreiten, Palmenhaine vermitteln ein Karibik-Feeling. Der Park um das Château de Vauville ist das beste Beispiel dafür. Vor fast 60 Jahren wurde sein Tropengarten angelegt, der sich mittlerweile auf über 40.000 qm ausbreitet. Mehr als 700 exotische Spezies, wie Eukalyptus, Bambus und Aloe Vera, gedeihen dort im warmen Klima des Golfstroms. 

Let’s swing unter Sternen

Größte Stadt des Cotentin ist Cherbourg, wo sich alles um den Hafen und die Schifffahrt dreht. Eine Alternative für Kunstfreunde liegt 16 km westwärts: das Geburtshaus des Malers Jean-François Millet (1814 – 1875) in Gréville-Hague. Laut und lebhaft geht es im Frühsommer in Coutances zu, der heimlichen Hauptstadt des Cotentin.

Alljährlich im Mai feiert das 15.000-Einwohner-Städtchen das einwöchige Festival Jazz sous les pommiers, das sich in den 20 Jahren seit Bestehen zu einem der bedeutendsten Jazz-Events in Frankreich entwickelt hat. Zu den schillerndsten Figuren des Cotentin gehört der Schriftsteller Jules Amédée Barbey d’Aurevilly (1808 – 1889). Der aristokratische Dandy hegte eine besondere Schwäche für Valognes, das früher wegen seiner prunkvollen Stadtpalais etwas spöttisch auch das ›Versailles der Normandie‹ genannt wurde.

Die Stadt der Pferde

Hauptstadt des Départements Manche, das den gesamte Cotentin umfasst, ist Saint-Lô am Ufer der Vire. Die Stadt wurde als „Schlüsselstellung der Deutschen“ im Juni 1944 durch Bombenangriffe zu 95 Prozent zerstört. „Capital of Ruins“ nannte sie Samuel Beckett in einer Reportage für die BBC damals. Kriegsgefangene halfen beim Wiederaufbau. Durch die Bombardierung zerstört wurde damals auch ein mehr als 200 Jahre altes Gestüt.

Auf Basis der alten Baupläne erfolgte Rekonstruktion so originalgetreu wie möglich. Heute gilt der Haras de Saint-Lô als bedeutendstes Nationalgestüt Frankreichs. Seit 1806 wird hier das französische Reitpferd ›Selle Français‹ gezüchtet. Anglo-Arabische Vollblüter, stämmigen Percheron-Kaltblüter und Cob Normand, französische Kutschpferde, werden hingegen im Haras du Pin bei Argentan gezüchtet, dem zweiten normannischen insgesamt 23 staatlichen Gestüte Frankreichs.

Die Schluchten der Vire

Südlich von St-Lô durchfließt die Vire ausgedehnte Wälder und imposante Schluchten. Entlang der 30 km lange Route Gorges de la Vire treten die Granit- und Schieferplatten des Amorikanischen Massivs an den Hängen der erodierten Täler offen zutage. Herrliche Aussichten auf die Flusslandschaft bieten sich bei Pont-Bellanger mit dem Aussichtspunkt Planches d’Avenel und vom 203 m hohen Croix Julien. Wenig weiter säumen Weiden den Flusslauf: Vire ist nicht nur Heimat der Andouille de Vire, einer deftigen Räucherwurst  aus Innereien vom Schwein, sondern als Zentrum der französischen Milchwirtschaft seit 1950 offiziell auch die ›Französische Hauptstadt der Butter‹. Unter dem Markennamen Elle et Vire werden die Molkereiprodukte der Genossenschaft weltweit verkauft.

Ganz besondere Lämmer

Zur Heimat der berühmten Grevin-Lämmer führt von Vire aus eine ›Voie Verte‹, eine 90 km lange grüne Route für Wanderer, Reiter und Radfahrer, die auf einem einstigen Gleisbett mitten durch die Natur zur weiten Bucht des Mont St-Michel leitet. 77 Pflanzenarten wachsen dort auf den salzigen, sandigen Böden und verleihen dem berühmten Agneau presalé seinen einzigartigen Geschmack.

Die Mutterschafe weiden mindestens 230 Tage in einem geografisch begrenzten Bereich, die Lämmer werden exakt nach 90 Tagen der Aufzucht geschlachtet. Ihr zartes Fleisch lässt Feinschmecker im Manoir de la Roche Torin von Courtils schwärmen. Für daheim verkauft die Schlachterei Simon in Caen das delikate Salzwiesenlamm.

Der Hafen von Granville. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yannick Le Gal

Cotentin: Meine Reisetipps

Erleben & entdecken

Cité de la Mer

Wo einst die Passagiere der „Queen Elizabeth“ und anderer Atlantikliner abgefertigt wurden, präsentiert die Cité de la Mer das Atom-UBoot, „Le Redoutable“, das Aquarium Abyssal und einen Spaziergang auf dem Meeresboden.
• Gare Maritime Transatlantique, Cherbourg, www.citedelamer.com

Musée Dior

In der Villa Les Rhumbs (19. Jh.) verbrachte Christian Dior (1905–1957) seine Jugend – heute erinnert ein Museum an den Modeschöpfer.
• Rue d’Estouteville, Granville, www.musee-dior-granville.com

Haras National

1806 ließ Napoleon im Osten von Saint-Lô den Haras National anlegen. Seine Vollbluthengste stellen Pfleger in historischen Uniformen vor.
• Avenue du Maréchal Juin, Saint-Lô, www.haras-nationaux.fr

Sentiers des Douaniers

Von der Baie des Veys bei Isigny-sur-Mer bis zum Mont Saint-Michel umrundet der Fernwanderweg Grande Randonnée (GR) 223 den Cotentin. Die Strecke folgt den alten Saumpfaden der Zöllner, die auf ihnen die Küste entlang patrouillierten, immer auf der Suche nach Schmugglernund anderen dunklen Gestalten

Schlummern

Hôtel Chimène

Sympathisches Stadthotel mit zehn frisch renovierten Zimmern – zwei davon sind Familienzimmer –, zentraler Lage, aufmerksamen Mitarbeitern,  leckerem Frühstück und vernünftigen Preisen.
• 131, rue du Val de Saire, 50100 Cherbourg, Tel. 02 33 43 12 23, www.hotel-chimene.com

La Ferme des Mares

An der Westküste versteckt sich in einem ausgedehnten Park dieses ländliche Oase mit großen, komfortablen Zimmern, bester Regionalküche und Ruhe ringsum. Perfekt zum Ausspannen, Auftanken, Lesen, für Ausritte und lange Spaziergänge!
• 26 Rue des Mares, 50430 Saint-Germain-sur-Ay, Tel. 02 33 17 01 02, www.la-ferme-des-mares.com

Schlemmen

Le Panoramique

In 123 m kreiert  Meisterkoch Arnaud Feron aus  den besten Erzeugnisse von Land und Meer aussichtsreiche Hochgenüsse.
• 1, village de l’église, La Pernelle, Tel. 02 33 54 13 79, www.le-panoramique.fr

Shopping

Schirme aus Cherbourg

1963 begeisterte Cathérine Deneuve als verliebte Geneviève Emery in „Les parapluies de Cherbourg“ die Kinogänger. Die Musikromanze von Jacques Demy verschaffte der französischen Diva den Durchbruch und machte Cherbourg in aller Welt bekannt.

Unter den Zuschauern war Jean-Pierre Yvon, der beschloss: Cher bourg, eine der regenreichsten Städte Frankreichs, sollte zum Markenzeichen für sturmsichere, erstklassige Regenschirme werden. Noch heute wird „Le Véritable Cherbourg“ vor Ort hergestellt – von den handgeformten Stöcken aus Ahornholz über das eingenähte Wappen bis hin zu den Verstrebungen aus Stahl.
• Le Véritable Cherbourg, 22, quai Alexandre III, Tel. 02 33 93 66 60, www.parapluiedecherbourg.com

Weiterlesen

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Normandie

Sechs Kapitel, gegliedert nach regionalen Gesichtspunkten, geben einen Überblick über die raue Provinz mit Charme. Zu jedem Kapitel gehören Hintergrundreportagen und Specials. Sie erklären, warum der Golfstrom die Normandie zum Garten am Meer macht, betrachten die Poesie in Beton von Le Havre und die Renaturierung des Mont St-Michel. Jedes Kapitel endet mit Infoseiten zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten, die auf der Reisekarte lokalisiert sind. Dazu: Empfehlungen zu Hotels und Restaurants, Anregungen zum Aktivsein – und meine ganz persönlichen Tipps. Wer mag, kann den Band hier * bestellen – es gibt ihn auch als eBook!

Hilke Maunder, Normandie – ein Garten am Meer. DuMont Reiseverlag, Ostfildern. 121 S.
ISBN: 978-3770-1942-85

* Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und den Blog werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Der Hafen von Granville bei Sonnenuntergang. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yannick Le Gal

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.